Ist die empirische Bildungsforschung eine Königsdisziplin?

Der Wiener Erziehungswissenschaftler Henning Schluß singt das Hohelied der empirischen Bildungsforschung. Er lässt nicht gelten, dass PISA ökonomischen Interessen gehorche und Wissen gegenüber Kompetenzen vernachlässige.

Die empirische Bildungsforschung hätte die Allgemeine Pädagogik und Erziehungswissenschaft „vom Thron verstoßen“. Zehn Jahre PISA-Messungen hätten zu tiefgreifenden Bildungsreformen in Deutschland geführt. Kritik am Bildungssystem sei zentral für die empirische Bildungsforschung und nicht mehr für die Allgemeine Pädagogik.

Was mich wundert:

Bis vor 10 Jahren hielt die deutsche empirische Bildungsforschung anscheinend einen Dornröschenschlaf, dann wurde sie von der OECD wach geküsst. Die Empiriker betonen ständig, dass sie nur messen würden. Sie könnten nicht sagen, was richtig oder falsch wäre. In Deutschland wurden schon vor PISA und werden seitdem immer mehr Millionen für Schul- und Unterrichtsprojekte ausgegeben, ohne dass die Bildungsforschung sagen könnte, was nützt und was nicht.

„Tiefgreifende Bildungsreformen“ in der Schule vermag ich nicht zu erkennen. Vielleicht meint er den Umbau der Lehrpläne von Wissens- zu Komptenzorientierung? Oder das Turbogymnasium? Politik und empirische Bildungsforschung stimmen ja überein, dass die Schulstrukturen nicht ausschlaggebend sind. (Wenn man von PISA-Koordinator Schleicher absieht.)

Originell ist es, Heinz Joachim Heydorn als Kronzeugen für die Richtigkeit des von der PISA-Industrie definierten Bildungskonzepts zu benennen. Heydorn betonte das Subversive an Bildung: Die Fürsten, die ihren Untertanen lesen und schreiben beibrachten, damit sie die Gebrauchsanweisungen für Düngemittel lesen konnten, sorgten dadurch auch dafür, dass die Untertanen Flugblätter lesen konnten, die zum Aufstand gegen die Fürsten aufriefen.

Zum krönenden Abschluss wirft Prof. Schluß den Bildungstheoretikern vor, den Zusammenhang von Herkunft und Bildungserfolg als naturgegeben anzusehen. Sicher gibt es Bildungsphilosophen, die Sarrazin Recht geben. Aber was tut die neue pädagogische Königsdiziplin dagegen?

In Australien haben Wissenschaftler einmal eine Sekundäranalyse an ca. 1000 Studien der empirischen Bildungsforschung vorgenommen. Ergebnis: Der Einfluss des Elternhauses ist der wesentlichste, größte und eindeutig messbare Faktor, der sich auf den Schulerfolg auswirkt. Bei keinem anderen Faktor kann schlüssig ein überzeugender Zusammenhang nachgewiesen werden. Ist die empirische Bildungsforschung da einen Schritt weiter als die vom Verfasser kritisierten Erziehungswissenschaftler, die angeblich alle Milieutheorien oder Vererbungslehren anhingen?

Das US-amerikanische „Headstart“-Programm der Frühförderung benachteiligter Kinder wird von empirischen Bildungsforschern begleitet. Ihre Befunde widersprechen sich teilweise. Es ist sehr schwer herauszukriegen, was nützt und was nicht.

Vielleicht sollten sich die neuen Königinnen und Könige der Erziehungswissenschaft mehr um die Eltern als um die Schule kümmern.

2 Gedanken zu „Ist die empirische Bildungsforschung eine Königsdisziplin?

  1. Pingback: Eine neue Studie kommt zu dem Ergebnis dass, … | Basedow1764's Weblog

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