McKinsey scannt gute Schulsysteme

Eine Woche vor Bekanntgabe des neuen PISA-Rankings veröffentlicht die Unternehmensberatungsfirma McKinsey & Co eine Studie über die weltbesten Schulsysteme. 20 Schulsysteme, darunter eine Privatschulfirma, wurden analysiert, die sich in den vergangenen Jahren oder Jahrzehnten bei Leistungsvergleichen wie PISA deutlich verbessert haben. Aus Deutschland war Sachsen dabei.

Was haben die herausgefunden?

  • Stabile Rahmenbedingungen befördern den Erfolg. Also nicht ständig etwas verändern.
  • Erfolge sind schon nach sechs Jahren messbar.
  • Geld („Ressourcen“) und Schulstruktur sind weniger wichtig. 80% der Verbesserungen in fortgeschrittenen Schulsystemen sind auf die drei nächsten Punkte zurückzuführen:
  • Wichtig ist Unterricht, Unterricht, Unterricht („schulische Prozesse“)
  • Die Ausbildung der Lehrer ist wichtig, die ständige Beobachtung von Unterricht, der Austausch über guten Unterricht, die ständige Zusammenarbeit der Lehrer in der Schule mit dem Ziel der Verbesserung von Unterricht.
  • Auf die Auswahl der Lehrer und Schulleiter soll mehr Wert gelegt werden.
  • Gute Lehrer haben ein hohes Ansehen (status of the profession)

Wer Basedow1764 häufiger liest, ahnt, was jetzt kommt:

Dass Unterricht, Ausbildung, Kooperation, Weiterbildung so ziemlich das wichtigste Element von Schulqualität sind, weiß ich seit Beginn des Studiums Ende der 60er Jahre. Das war nie ein Geheimnis.

Wenn PISA-Koordinator Schleicher fordert „Die besten Köpfe in die Schulen!“, fällt mir dazu ein: Es wurde so ziemlich alles beiseite geräumt, was es an Rückmeldungen über die Tauglichkeit zum Lehrberuf im  Studium und  Referendariat gab. Nach 7 bis 8 Jahren, im 2. Staatsexamen, gab es erstmals eine realistische Rückmeldung. Aber da war es dann manchmal zu spät:

“Der Mann hat eine Frau und zwei Kinder” gibt der Seminarleiter zu bedenken. Der Gewerkschaftsvertreter findet die Stunde außerordentlich gelungen. Der Schulleiter spricht von menschlichen Qualitäten, die mangelnde Unterrichtsbefähigung baue sich im Lauf der Zeit ab. (Er ahnt, dass er im Kollegium für eine Entscheidung geradestehen muss, die ihm die Ausbilder eingebrockt haben. Die verlassen seine Schule sofort nach der Prüfung, er bleibt.) Ich hatte wenigstens die Hoffnung, dass der frisch gebackene Lehrer nicht auf meine Kinder losgelassen werden würde.

Dass die in der Gewerkschaft organisierten Junglehrer forderten, sie sozusagen peer-to-peer sollten Prüfungen abnehmen, war den 68er Zeiten geschuldet und wurde nicht umgesetzt, aber lange in den Gremien und Medien der Gewerkschaft diskutiert.

Dass die hessische Landesregierung später einmal Förster, nach Auflösung von Forstämtern, im Schnellkurs zu Biologielehrern machte, trug auch wenig zur Professionalisierung bei, aber viel zum Frust von Lehrern die jahrelang Biologiedidaktik studiert hatten.

Die Lehrerfortbildung galt als zu teuer und zu Unterrichtsausfall führend. Sie wurde erheblich eingeschränkt, bei gleichzeitiger Fortbildungsverpflichtung für die Lehrer. Dazu wurde ein Punktevergabesystem eingeführt und tonnenweise Evaluationsbögen zu Veranstaltungen ausgefüllt, die wahrscheinlich heute noch irgendwo herumliegen.

Dass ich alle fünf Jahre neue Lehrpläne umzusetzen hatte, sei nur am Rande erwähnt. Das passt zu McKinseys Warnung vor zu viel Strukturveränderungen.

Was haben die Unternehmensberater noch herausgefunden?

Wenn man dafür sorgt, dass Kinder regelmäßig die Schule besuchen und Schulbücher erhalten, macht man Fortschritte. Da verdoppelt sich die Lesekompetenz in kurzer Zeit. (Gilt nur für Systeme, die ganz am Anfang stehen.)

Was im erfolgreichen Schulsystem eines indischen Bundesstaates passiert, halte ich für nachahmenswert: Dort bekommen Lehrer, deren Schüler mindestens sechs Monate Fortschritte machen, ein zusätzliches Monatsgehalt als Belohnung.

Auf die Lehrerinnen und Lehrer meiner Alterskohorte, für die die allermeisten Befunde Binsenweisheiten sind, hat niemand gehört. Schön wäre es, wenn man jetzt wenigsten auf die Damen und Herren in den Boss-Anzügen und den Prada-Kostümen hörte.

Eine Online-Präsentation der Studie „How the world’s most improved school systems keep getting better“ steht hier, die pdf-Dokumentation hier.

Da fällt mir noch ein Witz ein:

Es war einmal ein Schäfer, der in einer einsamen Gegend seine Schafe hütete. Plötzlich taucht in einer großen Staubwolke ein nagelneuer, weißer Cayenne auf und hält direkt neben ihm.
Der Fahrer, ein junger Mann im Brioni-Anzug, mit Cerutti-Schuhen und einer YSL-Krawatte steigt aus und fragt ihn: „Wenn ich errate, wie viele Schafe Sie haben, bekomme ich dann eins?“

Der Schäfer schaut den jungen Mann an, dann seine friedlich grasenden Schafe, und sagt: „In Ordnung.“

Der junge Mann nimmt sein Smartphone, geht im Internet auf eine NASA-Seite, scannt die Gegend mit Hilfe seines GPS- Satellitennavigationssystems, öffnet eine Datenbank und 60 Excel Tabellen mit einer Unmenge Formeln. Schließlich druckt er einen 150seitigen Bericht auf seinem Hi-Tech Minidrucker, dreht sich zu dem Schäfer um und sagt: „Sie haben hier exakt 1586 Schafe.“

Der Schäfer sagt: „Richtig, suchen Sie sich ein Schaf aus.“
Der junge Mann nimmt ein Schaf und lädt es in den Wagen.
Der Schäfer schaut ihm zu und sagt: „Wenn ich Ihren Beruf errate, geben Sie mir das Schaf dann zurück?“
Der junge Mann antwortet: „Klar, warum nicht.“
Der Schäfer sagt: „Sie sind Unternehmensberater.“
„Das ist richtig, woher wissen Sie das?“ will der junge Mann wissen.

„Sehr einfach“ sagt der Schäfer, „erstens kommen sie hierher, obwohl Sie niemand gerufen hat. Zweitens wollen Sie ein Schaf als Bezahlung haben dafür, dass Sie mir etwas sagen, was ich ohnehin schon weiß, und drittens haben Sie keine Ahnung von dem, was ich mache. Und jetzt geben Sie mir meinen Hund wieder!“

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Ein Gedanke zu „McKinsey scannt gute Schulsysteme

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