Deutscher Jugendliteraturpreis 2010: Verpasste Chance

Auf dem Weg zur Verleihung des Preises gerate ich in Messehalle 4.1 in einen Gang mit diesen Ständen: “Frauen und Bücher”, “Was Frauen lesen”, “Die Frau und ihre Bibliothek”. Die Preisverleihung im Saal Harmonie des Kongress-Centers an der Frankfurter Messe ist eine Fortsetzung: Kinder- und Jugendliteratur ist Frauensache. Von den 1000 Anwesenden sind ca. 900 Frauen.

Als bestes Jugendsachbuch wurde von der (erwachsenen) Kritikerjury gekürt: “Mutige Menschen. Widerstand im Dritten Reich”. Unter den von der Jugendjury nominierten war ein weiteres Buch, das vom Dritten Reich handelt. (In Nadia Buddes Kindheitsbuch – “Such dir was aus, aber beeil dich!” geht es ums Kindsein, nicht um DDR, auch wenn die Kindheit sich dort ereignet hat. Oder lautet die Botschaft: “DDR war auch nicht anders?)

Die Lektorin des Gabriel-Verlages bat im Jahre 64 nach 1945 ihren Autor Christian Nürnberger, dieses Buch zu schreiben.

Es war ein Schwerpunkt meines Lehrerlebens, Schülerinnen und Schüler über den Nationalsozialismus aufzuklären. Daher bin ich auch heute noch dankbar, wenn es dazu Literatur für die Hand der Schüler gibt.

Ich mache mir keine Illusionen: Zu diesem preisgekrönten Buch werden in den Schulbibliotheken nur wenige Schüler/innen freiwillig greifen. Aber: Im Jahr 20 nach der “Wende”, im Angesicht der Klagen über mangelhaftes Schülerwissen über die zweite deutsche Diktatur hätte ich mir gewünscht, dass eine Lektorin gesagt hätte: Schreib´ doch mal ein Buch über mutige Menschen in der DDR!

Wahrscheinlich müssen wir auf das Jahr 64 nach der friedlichen Revolution warten.

Auf der Nominierungsliste gab es ein Buch zur DDR-Zeit: “Drüben“, von Simon Schwartz. Ich hätte ihm den Preis gewünscht.

Herzlichen Dank jedenfalls an Frau Regina Pantos, die AKJ-Vorsitzende, die in ihrer Rede auf die fehlenden Schulbibliotheken aufmerksam gemacht hat.

Über Basedow1764

Die älteste Forderung nach Schulbibliotheken ist bei dem Schulreformer Johann Bernhard Basedow (1724 - 1790) zu finden. Daher der Name dieses Weblogs.
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8 Antworten zu Deutscher Jugendliteraturpreis 2010: Verpasste Chance

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  3. Maggie schreibt:

    Vielleicht sollte man der Erwachsenen Jury nahelegen, eine neue Kategorie für Graphic Novels aufzumachen, damit sie nächstes Jahr wieder Jugend- und Kinderliteratur mit Preisen krönen können.
    Davon unabhängig, ist die Frage, ob der Literaturpreis damit übereinstimmen sollte, was viel und gerne von Kindern und Jugendlichen gelesen wird _und_ gleichzeitig literarisch wertvoll ist.
    Dank Mirjam Pressler wissen wir ja nun, dass die meisten Bücher in den Geschäften offenbar dieses zweite Kriterium nicht erfüllen, wenn ich Ihre Ansprache richtig verstanden habe.
    Da wäre es natürlich schön, wenn die Preisgekrönten uns Durchschnittsmenschen die Richtung gewiesen hätten, so wie es die Newbery Medal in den USA immer wieder schafft.

  4. Mara und Timo schreibt:

    Auf der einen Seite fehlen Schulbüchereien, auf der anderen Seite gibt es Grundschulen, die eine eigene Bücherei aufbauen, obwohl 200 Meter von dieser Schule es eine gut sortierte Familienbücherei mit 8000 Medien gibt, die zur Hälfte aus Büchern für Kinder von 6-10 Jahren, 1/3 aus Kinder/Sachbüchern und 1000 Bilderbüchern besteht.
    Auch hat sie einmal wöchentlich am Vormittag geöffnet. An diesem Vormittag kommen Kindergarteneltern und Kindergartenkinder, da der Kindergarten genau daneben steht. Auch die Grundschule hat man mehrfach eingeladen.
    Hätte man da nicht mit der bestehenden Bücherei zusammenarbeiten können, anstelle eine neue Schulbücherei zu eröffnen?

  5. Peter Jobmann schreibt:

    Lieber Herr Schlamp,

    ich kann den Wunsch nach einem solchen Buch ja nachvollziehen, abgesehen davon, dass es ebensolche Bücher ja durchaus gibt. Ich empfehle da zum Suchen mal die Datenbank der AJuM.
    Ich persönlich denke, dass ein Mensch welchen Alters auch immer, der nach der Lektüre eines Buches über den Nationalsozialismus verstanden hat was hinter all dem Leid steht, für jede andere Ungerechtigkeit einen Blick hat. Insofern ist “Schade” vielleicht nicht ganz richtig ;)

    • Basedow1764 schreibt:

      Falls jemand jetzt Lust bekommen hat zu suchen: Auch hier wird man fündig: http://ddrwebquest.wordpress.com/about/

    • Maggie schreibt:

      Schade – gilt das auch für die anderen preisgekrönten Bücher? zB. das Jugendbuch? Wo findet man im Internet eigentlich kritische Anmerkungen zu der Preisverleihung – alle scheinen nur begeistert zu sein – wo bleibt die Kritik? Oder würde das von zu viel literarischem Unverständnis zeugen!
      Wie steht es darum, dass die Jugendjury nur auf der Treppe saß, und zuhören durfte, statt ebenso auf dem Sofa oder im Pressepaket (habe ich etwas übersehen?) vertreten zu sein?
      Ich muss sagen, ich war schon ziemlich enttäuscht.
      Vielleicht können Sie mich vom Gegenteil überzeugen oder mir die Situation erklären.

    • Basedow1764 schreibt:

      Ich habe es 2008 einmal mit etwas Kritik versucht: https://basedow1764.wordpress.com/2008/10/20/deutscher-jugendliteraturpreis-2008/
      Das führte immerhin zu einem Anruf der damaligen Geschäftsführerin und dazu, dass ich nächstes Mal ohne Weiteres eine Eintrittskarte bekam.

      Was mir besonders gut gefällt sind die Inszenierungen der Jugendbuchjury. Dass man die Jugendlichen hätte vorstellen könne, da gebe ich Ihnen recht. Allein die Existenz einer Jury aus Jugendlichen ist aber schon ein Fortschritt.

      Der Moderator Langebeck schien mir letztes Jahr die Veranstaltung mit einer KiKa- oder Viva-Sendung zu verwechseln. Dieses Jahr hatte er sich ins Thema eingearbeitet und glänzte mit Fachwissen, wie etwa einem Preisträgerbuch aus dem Geburtsjahr der Familienministerin.

      Mirjam Pressler ist eine hoch verdiente Autorin und Übersetzerin. Aber dass sie gleich zweimal einen Sonderpreis erhält (1994 und 2010) hätte nicht sein müssen.

      Was hinter den Kulissen läuft, ist mir kaum bekannt. Es soll Unmut bei deutschsprachigen Verlegern geben, wenn zu viele Übersetzungen gekürt werden oder wenn zwei Bücher desselben Verlages ausgewählt werden. Aber man kann es wohl nicht jedem recht machen.
      Da der Kinder- und Jugendliteraturmarkt zu einem der wichtigsten Märkte der Buchbranche geworden ist, wird sich der Preis wachsender Aufmerksamkeit erfreuen.
      Ein Problem der Schulbibliotheksmenschen ist nach wie vor, dass dass die ausgewählten Bücher überwiegend zu den Ladenhütern der Schulbibliothek zählen. Aber da gibt es auch immer wieder Ausnahmen.

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