Warum kämpfen so wenig Lehrer für Schulbibliotheken?

Gestern gab es eine harte Diskussion auf unserem sonnigen Balkon:

Meine These war, dass das Schulbibliothekswesen in Deutschland auch in Zukunft ein Stiefkind bleibe, dass es  – bei allem Respekt vor den zahlreichen lokalen Initiativen – sogar schwieriger werden würde. Mit jedem Kooperationsvertrag und jedem Bibliotheksgesetz würden sich Bildungspolitik und Schulverwaltung noch mehr aus der Verantwortung stehlen und statt dessen auf das Kooperationsinteresse der öffentlichen Bibliotheken verweisen.

Konkreter Anlass sind meine Potsdamer und Brandenburger Erfahrungen: Was passiert, wenn es wirklich zu dem Schulbibliothekszuschuss für Potsdamer Schulen kommt und das Geld gar nicht abgerufen wird? Im hessischen Main-Taunus-Kreis ist mir das passiert. (Natürlich kann man drei, vier Schulen motivieren, einen Antrag zu stellen.) Die Ursache ist keineswegs ein Informations- oder Kommunikationsdefizit.

Mir wurde entgegengehalten: Solange sich nicht mehr Lehrerinnen, Lehrer, Schulleiterinnen und Schulleiter für Schulbibliotheken stark machten, sondern das Thema den Bibliotheksverbänden überließen, bräuchte ich mich nicht zu wundern.

Wir würden doch sogar unsere 300 hessischen LAG-Mitglieder nicht mobilisieren können. Dies lässt sich bei allen bescheidenen Erfolgen nicht leugnen. Die hessische GEW dauer- und ernsthaft für Schulbibliotheken zu interessieren, ist uns bis heute nicht gelungen. Da gibt es die Gewerkschafter, die Verdi (öffentliche Bibliotheken!) nicht in die Quere kommen wollen. Dann die Pädagogen, die das Leben für die wahre Schule halten und ihre Kinder hinausschicken, eben auch in die öB., wie die berühmte Wiesbadener Schulleiterin Enja Riegel u. a. Dann gibt es die Anhänger von Lernwerkstätten und Klassenbüchereien. Nicht zu vergessen die Unterrichtsbeamten, die im Lehrbuch da weitermachen, wo sie gestern aufgehört haben. Und ist es nicht ein Merkmal des Lehrerberufs, dass man Einzelkämpfer ist und die Zusammenarbeit mit Kollegen, gar mit einer Schulbibliothekarin, erst mühsam gelernt werden muss?

Setze ich mich womöglich für etwas ein, was Lehrerinnen und Lehrer in der Mehrzahl gar nicht vermissen?

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3 Gedanken zu „Warum kämpfen so wenig Lehrer für Schulbibliotheken?

  1. Christoph Müller

    Eigentlich ein trauriger Sachverhalt. Aber Sie schaffen es dennoch immer wieder, mich mit Ihren Kommentaren zum Schmunzeln oder gar zum herzhaften Lachen zu bringen!

    Zum „unkontrollierten Nebeneinander von Schul- und öffentlichen Bibliotheken“:
    Kennen Sie diesen Spruch?: „Wenn, dann machen wir es richtig!“ Konsequenz? Richtig: Es wird gar nichts gemacht.

    Zum Glück gibt es aber doch viele anpackende Lehrer. Die reden halt nicht so viel darüber. Mit der Schulbibliotheksarbeit ist es auch nicht anders als mit den Tieren im Wald: Die Rehe sind augenfällig, aber nicht wirklich nötig. Ameisen und Bakterien dagegen bringen viel mehr Gewicht auf und sind wichtig für den Wald.

    Antwort
  2. Susanne Drauz

    Huch, ich war doch garnicht in Potsdam… 🙂 Als ich mich einmal gen Potsdam beschwerte, dass Lehrer die bestehende Schulbibliothek nicht zur Kenntnis nehmen würden, kamen tröstende Worte über den Äther, dass das ganz normal sei. Das wiederhole ich wie ein Mantra, wenn ich mal wieder entsprechenden Frust bekämpfen muss. Da wundere ich mich doch, was jetzt an dem Vorhalt aus der Balkondiskussion verwunderlich ist.

    Antwort
    1. basedow1764 Autor

      Die Sinnfrage habe ich mir nie gestellt, weil die Antwort schon früher so hätte ausfallen müssen, wie sie mich jetzt, zu guter letzt, auf dem Balkon überfällt.

      Der Einsatz für Schulbibliotheken ist stets ein mühsames Geschäft gewesen. Es hat an meiner ersten Schule 15 Jahre gedauert, bis etwa die Hälfte des Kollegiums die Bibliothek zur Kenntnis genommen(!), genutzt oder gar unterstützt hat.
      Wir haben immer mit Bedauern festgestellt, dass der Direktor des Lehrerfortbildungsinstituts oder der Minister die LAG Darstellendes Spiel, den Deutschen Sportbund oder die Beratungslehrer im Kopf hatte, aber nicht die Schulbibliotheken.

      Es gab eine Handvoll Schulbibliotheken, in denen die Lehrer merkten, dass ihr Unterricht, ihre Unterrichtsvorbereitung, ihre Schüler davon profitierten. Es gab Schulen, deren anfänglicher Widerstand gegen die Schulbibliothek – Sie beanspruchte ja Ressourcen der Schule, die Fachbereichen fehlte – sich in Zustimmung verwandelte.

      Das war ein mühevoller Prozess, bei dem um jede einzelne „Lehrerseele“ gerungen werden musste.
      Durchaus sehe ich ein halbvolles Glas: Die hessische LAG war Geburtshelfer bei Dutzenden von kleinen Schulbibliotheken und hat die großen zu Leuchttürmen gemacht. Die Graswurzelbewegung „Hessische Schulbibliotheken“, über man sich im ehemaligen dbi-Schulbibliotheksbüro wechselweise lustig machte oder ihr baldiges Ableben vorhersagte, wird, wenn man die Entwicklung von gestern hochrechnet, in 50 Jahren alle Schulen beraten, noch mehr Kollegen fortgebildet und weiteren 100 „Barfußbibliotheken“ zur Geburt verholfen haben.

      Ob es mit Kooperationsverträgen, zu bibliothekarischen Fachstellen abgeordneten Lehrern und preisgekrönten Medienzentren mit Serverfarmen und Internetführerscheinen besser und schneller geht, bezweifle ich. Das spreche ich in diesem Blog ja gelegentlich an.

      Ich habe immer mit der Idee gespielt, an einem bestimmten Tag alle hessischen Schulbibliotheken einmal nicht zu öffnen. Was wäre passiert? Nichts! Hätte das jemand überhaupt gemerkt und wäre den Lehrern klar geworden, was ihnen da fehlt?
      Natürlich kam es nie dazu. Die LAG organisiert nicht Hausärzte oder Fluglotsen.

      Es fehlt der politische Wille zu Schulbibliotheken. Der ist in Österreich, in Portugal und vielen anderen Staaten vorhanden. Es fehlt der Druck von Eltern und Lehrerschaft. Ob ein Bürgerbegehren und ein Volksentscheid helfen würden?
      (Ich hatte einmal auf einer Werbewebsite vom Ministerpräsidenten Platzeck erstaunlich viele Gegenstimmen und nur einen knappen Vorsprung bei meinem Plädoyer für Schulbibliotheken.

      Wo wir stehen, zeigt eine andere Begebenheit aus Brandenburg: Der kommende Preis „Brandenburgische Schulbibliothek des Jahres“ der AG Berlin-Brandenburg wäre um ein Haar nicht zustande gekommen.
      Das Bildungsministerium hatte sich der Sache angenommen! Zum Glück hat der Staatssekretär positiv entschieden. Auf der Arbeitsebene wurden Bedenken geäußert: Es wurde vor einem unkontrollierten Nebeneinander von Schul- und öffentlichen Bibliotheken gewarnt.

      Gehe zurück auf Los!

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