Schulbibliotheken im Libanon

Das Goethe-Institut (GI) hat in seiner kulturpolitischen Arbeit einen bibliothekarischen Schwerpunkt. Es wird dabei nicht nur auf die eigenen Bibliotheken und Dokumentationszentren geachtet. Man gibt auch gerne Erfahrungen mit Bibliotheken und Schulbibliotheken in Deutschland vor Ort weiter.

Leider erfreuten sich die Institute nur in der Zeit unter Außenminister Steinmeier eines Zwischenhochs. Nach Jahren der Vernachlässigung unter Joschka Fischer ist jetzt unter Minister Westerwelle und Staatssekretärin Pieper wieder Schmalhans Küchenmeister. Das kann man am Beispiel des Libanon gut verfolgen:

Das Institut saß in einem eigens vor ca. 50 Jahren gebauten Haus und bot  Klassenräume für Sprachunterricht, große Bibliothek (über 500 m²) mit viel Ausstellungsfläche, Dachterrasse für Veranstaltungen, Kinosaal und Parkmöglichkeiten für Kunden im Innenhof (wichtiger Standortvorteil in Beirut).

Dank der aktiven Kulturarbeit des Instituts in über 50 Jahren, auch während der 15 Jahre Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1990, war dieser Standort bekannt und beliebt.

Ein negatives Gutachten zur Erdbebensicherheit war der Grund für den plötzlichen Umzugs des Instituts in den 7. Stock eines Bürogebäudes. Dort ist man seit zwei Jahren provisorisch untergebracht. Von einer Bibliothek kann man nicht mehr sprechen, wenn man den Raum sieht. Die Sprachkurse wurden an einen anderen Standort ausgelagert, weil dieses Gebäude nicht genügend räumliche Kapazitäten für den vollwertigen Sprachkursbetrieb bieten kann.

(Libanon hat ca. 4  Millionen Einwohner. Es gibt dann noch ca. 16 Millionen Libanesen, die im Ausland leben. Auch gibt es Rückkehrer aus Deutschland, die ein Interesse daran haben, ihre Deutschkenntnisse zu erhalten und zu verbessern.)

Irina Nehme, Leiterin der Abt. Bibliothek und Dokumentation, ehemals engagierte Schulbibliotheksleiterin Deutschland und mit Leib und Seele Bibliothekarin, versucht das Beste daraus zu machen. Und sie führt das Engagement des Instituts in Sachen Schulbibliotheken fort, das ihre Vorgängerin, Dr. Irene Bark, begonnen hatte.

Deswegen bekam ich ein weiteres Mal die Gelegenheit, an einer Fortbildungsveranstaltung teilzunehmen. Vor drei Jahren war ich auf einer Veranstaltung, die Dr. Bark zusammen mit UNESCO Beirut organisiert hatte. Am Schluss sprachen wir damals darüber, wie es weitergehen solle.

Libanon ist, historisch nachvollziehbar, kulturell ein frankophones Land. Frankreich ist unübersehbar präsent. (Natürlich vor dem Hintergrund der übermächtigen Islamisierung und Arabisierung nach dem Bürgerkrieg.) Daher gibt es auch von Frankreich geförderte Schulbibliotheken. Folgerichtig sprachen wir darüber, dass das GI in einer Schule selbst eine Modellbibliothek einrichte. Mit Unterstützung deutscher Bibliotheksausstatter sollte das gelingen. Die Bibliothekarin wurde von deutschen Schulbibliotheksexpertinnen trainiert.

In diesem Jahr war es soweit. In der Al-Ahmasani-Schule in Beirut wurde das deutsche centre de documentation et d´instruction (CDI) eröffnet.

Die Schule umfasst die neunjährige allgemein bildende Schule und eine dreijährige gymnasiale Oberstufe. 3000 Schüler/innen besuchen sie. Sie soll mit dieser Größe eine Ausnahme sein. Auf dem mit einer Mauer und Toren umgebenen Campus befinden sich drei lang gestreckte dreistöckige Klassentrakte, ein Sportplatz und das Verwaltungsgebäude, in dem sich das CDI befindet.

Etwa ein Drittel der libanesischen Schülerinnen und Schüler besucht Privatschulen, die zum Teil ziemlich teuer sind. In den öffentlichen Schulen wird die mangelnde Instandhaltung beklagt. Es gibt kein verpflichtendes Lehrerstudium. Das Ministerium schickt deswegen Fachberater an die Schulen. Die Lehrer erzählen, dass das Ministerium in einem beeindruckenden Gebäude säße, mehr fällt ihnen nicht ein.
Schulbibliotheken sind in den Staatsschulen nicht die Regel, sie sind dennoch zahlreich verbreitet. Aktive Beiträge zu Leseerziehung und Leseförderung (Autorenlesungen, Lesemarathon, Aktivitäten in der internationalen Buchwoche) sind aber längst nicht überall gängige Praxis. Eine Aus- oder Weiterbildung gibt es nicht. Deswegen werden die GI-Angebote gerne wahrgenommen.

In der neuen Al-Ahmasani-Schulbibliothek initiierte Frau Nehme nun eine  Fortbildungstagung.Alle 40 Teilnehmer/innen (etwa hälftig Schulleiter/innen und Bibliothekslehrerinnen) bekamen ein vom GI finanziertes Handbuch über Schulbibliotheken. Verfasst wurde es von Dr. Julanda Abu Nasr, der libanesischen IBBY-Repräsentantin. (Ich habe die deutsche Übersetzung gelesen. Es enthält alles Wesentliche, auf den Libanon abgestimmt, was man wissen muss, wenn man eine Schulbibliothek plant.) Ein arabisches Exemplar habe ich mir deswegen mitgenommen, weil das Buch ein schönes Layout hat und mit hellgrau, blaulila und türkis auch farblich sehr ansprechend ist. Dr. Abu Nasr übersetzte während meines Vortrages und des Workshops aus dem Englischen ins Arabische.

Am ersten Tag ging es darum, den ca. 20 anwesenden Schulleiterinnen und Schulleitern ihre entscheidende Rolle in Sachen Schulbibliothek  zu verdeutlichen. Auch im Libanon gibt es Bibliothekslehrerinnen, die ihren Schulleiter noch nie in der Bibliothek gesehen haben.

Meine Thesen waren, dass es das Ziel schulbibliothekarischer Arbeit sein müsse, Schülerinnen und Schüler zu Leserinnen und Lesern zu machen, die Schule zu einer lesenden Schule. Die Bibliothek sei das Rückgrat aller Bemühungen um eine lesende Schule (Ich wollte einmal wegkommen von der Metapher „Herz“. Aber eine Teilnehmerin fand die doch schöner.)

Für die Bibliothekslehrerinnen am nächsten Tag gab es dann folgerichtig die Devise „Wenn die Schülerinnen und Schüler nicht zu euch in die Bibliothek kommen, müsst  ihr in die Klassen gehen. Ihr müsst die Schüler befähigen, gut und gerne zu lesen!“ Denn nur Leser kämen in die Schulbibliothek.

Da man Nichtlesern nicht mit Leseförderung „kommen kann“, ging es erst einmal um Ideen, das Lesen einzuüben und zur Gewohnheit zu machen, also um Übungen wie sustained silent reading oder paired reading.

Aber auch die Leseförderung kam nicht zu kurz. Ich hatte die Teilnehmer/innen gebeten, Beispiele mitzubringen. Sie zeigten Fotos und Präsentationen auf Laptops und  USB-Sticks und Produkte von Schreib- und Leseaktivitäten. Caroline Ghostine, die Bibliothekarin der Schule, macht den noch bescheidenen Medienbestand mit medienpädogischen Aktivitäten mehr als wett. Sie präsentierte eine aufregende Videoproduktion aus dem Jahrgang 11. Die Schülerinnen und Schüler schrieben Texte, in denen sie von Freundschaft und Liebe sprachen, von ihren Wünschen, ihr Leben frei und selbstbestimmt führen zu können. Die Texte erschienen filigran auf schwarzem und rotem Hintergrund, dazwischen Fotos von Jungen und Mädchen, von erster Liebe und Liebeskummer.

Auf der Basis der gezeigten Beispiele ließ sich dann auch mühelos ein Lesefestival für die ganze Schule planen.

Das deutsche CDI beginnt, Früchte zu tragen. Es gab lebhafte Diskussionen. Die Ergebnisse der Gruppenarbeit werden vom GI vervielfältigt werden. Die Teilnehmer/innen gaben positive Rückmeldungen und werden mit neuen Ideen in ihre Schulen zurückkehren.

Update 12.1.12: Schön, dass die Kontakte weiter bestehen. Auf der letztjährigen Leipziger Buchmesse war eine libanesische Schulbibliotheksdelegation und hat auf dem Schulbibliotheksstand referiert. 2012 werden Schulbibliothekarinnen in Berliner Schulbibliotheken hospitieren.

Update September 2012: Über den „Gegenbesuch“ in Berlin siehe hier!


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