Grundlagen der Lesedidaktik: Schulbibliothek überflüssig?

Wer sich mit Leseförderung beschäftigt, kommt an dem Buch „Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen Leseförderung“ von Cornelia Rosebrock und Daniel Nix nicht vorbei. Es liegt jetzt in der 3. unveränderten Auflage vor.

Es schlägt den Bogen von den theoretischen Grundlagen der Lesekompetenz zu schulischen Lesestrategien. Lesemotivation und Chancen schulischer Leseförderung werden diskutiert und – nicht schlecht für  Hochschulangehörige – eine Fülle von Leseförderungstipps gegeben.

Jede/r der sich um Leseförderung bemüht, sollte das Buch gelesen haben.

Prof. Rosebrock macht deutlich, dass Lesemotivation langfristig entsteht, dass die Wurzeln im häuslichen Umfeld liegen, im Vorbild lesender Eltern (Was bei einem meiner Kinder nicht half), der Lesekultur der Schule, den Lese- und Vorleseerfahrungen. Dies alles formt das Selbstbild vom guten oder schlechten Leser.

Prof. Rosebrock über ihre Lesedidaktik hier!

Das Leseförder-Tivoli – Die Kanzlergattin Schröder-Köpf liest vor, Fußballprofis und Bundespräsidenten als Leser in der Plakatwerbung der Stiftung Lesen, Vorlesewettbewerbe, auch Lesenächte und Autorenlesungen in Schulen – verstärkt eher die Lesemotivation sowieso schon lesender Schüler/innen.

Erfolgreiche Leseanimation geschieht langfristiger und und muss den einzelnen Schüler und seine Lesebiographie berücksichtigen.

Die Schwächen des schulischen Lese- und Literaturunterrichts werden benannt: Problemorientierte KJL aus den 70ern dominiere immer noch die Klassensätze und Lehrer hätten wenig Ahnung von KJL.

Rosebrock/Nix bleiben aber dabei, der Schule eine wesentliche Rolle bei der Leseanimation zuzuweisen. (3/4 des Buches handeln allerdings von Lesekompetenz und unterrichtlichen Lesestrategien.) Bei all ihren konkreten Vorschlägen – aktuelle KJL im Unterricht, Lesecafé, Leseecke, Klassenbücherei, Bücherkiste in der Klasse, Lesetagebuch usw. sehe ich die Schulbibliothek und die Schulbibliothekarin als logistische Basis oder sogar als Motor. Immerhin wird die Schulbibliothek als eine von vielen Ideen genannt (S. 109). Wichtiger für Rosebrock/Nix ist die Zusammenarbeit mit der öB (S. 111/112).

Keine deutschsprachige Leseforscherin (Ich denke an Bertschi-Kaufmann, Hurrelmann und Rosebrock) misst der Schulbibliothek eine besondere Bedeutung bei. (Bertschi-Kaufmann bevorzugt Klassenbüchereien.)

Das ist zwar verständlich, aber auch enttäuschend. Schulbibliotheken, die Rückgrat für die Lesekonzepte Rosebrocks sein könnten, gibt es kaum. Zumindest gehören sie nicht zum „amtlichen“ , verlässlichen Inventar der Schule und können als volatile Einrichtung kein Forschungsgegenstand für Leseforscherinnen sein.

Frau Prof. Rosebrock war als Rednerin auf einem Schulbibliothekstag und auch bei anderer Gelegenheit wurde sie auf die Leistung von Schulbibliotheken angesprochen. Das hat wohl keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

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2 Gedanken zu „Grundlagen der Lesedidaktik: Schulbibliothek überflüssig?

  1. Prof. Dr. C. Rosebrock

    Sie haben völlig recht … die Schulbibliotheken sind faktisch oft in einem beklagenswerten Zustand, und wir „Theoretikerinnen“ vernachlässigen sie, weil sie sich uns nicht in den Blick rücken. Aber der Kern des Vorwurfs müsste eigentlich sein, dass die LehrerInnen sie vernachlässigen – dass sie nur in Ausnahmefällen Basis und Ressource von alltäglichem Unterricht sind. Grüße
    cr

    Antwort
    1. Basedow1764 Autor

      Sehr geehrte Frau Prof. Rosebrock,
      für mich ist die Schulbibliothek wesentlicher Bestandteil von Schule und Unterricht. Möglicherweise lassen mich die vielen engagierten Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich vor allem in Hessen und Berlin/Brandenburg zusammenarbeite, vergessen, dass die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer das noch nicht so sieht.
      Erfreulich finde ich, dass jetzt gerade in Berlin und Leipzig Schulleiter/-innen gegenüber ihrer Schulverwaltung deutlich gemacht haben, wie wichtig ihnen Schulbibliotheken sind. Sie haben damit lokal auch etwas bewirkt.
      Die Lobby des öffentlichen Bibliothekswesens ist sich leider nicht einig, ob man Schulbibliotheken überhaupt braucht und sieht bei der Lehrerschaft Defizite (mangelnde Internetkompetenz, Vernachlässigung der Leseförderung), die sie durch Besuche mit Schulklassen in der Stadtbibliothek abbauen soll.
      Auch wenn die Schulbibliotheksnutzung in Deutschland quantitativ noch nicht auffällt, wäre es schön, wenn die Erziehungswissenschaft auf das Potential von Schulbibliotheken/Mediatheken aufmerksam machen würde.

      Mit freundlichen Grüßen
      Günter Schlamp

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