Hessischen Bibliotheksgesetzentwurf schreddern?

Das fordert zumindest der Sachverständige der hessischen Linken, der ihn aus kapitalismuskritischer Sicht beleuchtet.

Die LAG hat als einzige Sachverständige konkret zum Thema Schulbibliothek im Gesetz Stellung genommen und Verbesserungsvorschläge gemacht.

Der oberste Schulbibliotheksexperte Hessens, der Leiter der Schulbibliotheksberatung in der Landesfachstelle für öffentliche Bibliotheken hatte angekündigt, er werde bei der Anhörung zum Gesetzentwurf ein gutes Wort für Schulbibliotheken einlegen.

Zumindest schriftlich beschränkt er sich darauf, mitzuteilen, dass es seit dem Kooperationsvertrag des dbv mit der Landesregierung im Jahre 2005 Fortbildungsangebote zum Thema Schulbibliotheken gäbe. (Die gibt es seit 1988.) Er legt das Fortbildungsprogramm seiner Stellungnahme für die Parlamentarier gleich bei.

Durch die neue Zuständigkeit für Schulbibliotheken bei ihm in der Fachstelle würden „die Aktivitäten zur Verbesserung der Situation der Schulbibliotheken … erfasst und koordiniert und führ[t]en zu einer höheren Effizienz der Angebote.“ (S. 27)

Außerdem erwähnt er mindestens zweimal IMeNS, eine Art schulbibliothekarische Arbeitsstelle im Lahn-Dill-Kreis.

Der Bundesverband Information Bibliothek e. V., BIB, Landesgruppe Hessen, hat weitergehende Vorstellungen.

  • Er will den Kooperationsvertrag „Zusammenarbeit Bibliothek und Schule“ im Gesetz verankert wissen.
  • Für einen „Bildungsort Bibliothek“ müsse die Landesregierung pädagogische Konzepte vorgeben und in die Lehrpläne der Schulen hineinschreiben. (Wie gut, dass es die nicht mehr gibt. Da standen Bibliotheken und Schulbibliotheken übrigens drin.) Dazu müsse die Landesfachstelle Beratungsaufgaben zugewiesen bekommen.
  • Wer es bei „Bildungsort Bibliothek“ schon ahnte, findet jetzt Gewissheit: Da Schulbibliotheken in Deutschland keine Tradition hätten und auch meist nicht vorhanden seien, sei die Zusammenarbeit von (auf einmal in dieser Reihenfolge!!!) Schule und örtlicher Bibliothek vorzuziehen.
  • Damit noch nicht genug: Die schulbibliothekarischen Arbeitsstellen unterstützten und begleiteten in anderen Bundesländern diese Zusammenarbeit(?). Sie seien daher von der Landesregierung zu finanzieren.

Weil es mir keiner glauben wird, dass der BIB von der Förderung der Schulbibliotheken abrät, hier das Original:

(2) … Es wäre sinnvoll, im Gesetz explizit auf die Möglichkeit von Vereinbarungen des Landes mit den Trägern der kommunalen Bibliotheken hinzuweisen, die für beide Partner vor Ort eine bindende Wirkung entfalten und damit das eingangs beschriebene Defizit fehlender Standards und verbindlicher Rahmenbedingungen lösen oder zumindest kompensieren. Außerdem besteht seit dem 17. November 2005 eine Kooperationsvereinbarung zwischen dem Land Hessen und dem Landesverband Hessen im Deutschen Bibliotheksverband e.V. über die „Förderung der Zusammenarbeit von Schulen, Schulbibliotheken und Öffentlichen Bibliotheken“

Dieses Modell darf im Gesetz in den §§ 5 und 6 nicht unerwähnt bleiben.

3) Vor dem Hintergrund der bestehenden Kooperationsvereinbarung wird nicht ersichtlich, wie das Land Hessen jeweils vor Ort die Kooperation unterstützen und eigene Zielvorstellungen verwirklichen will. Hier fehlen Zielvorgaben für pädagogische Konzepte und Standards für den „Bildungsort Bibliothek“, die sich dann auch in den Lehrplänen der allgemeinbildenden sowie der beruflichen Schulen wiederfinden müssen.

Dies schließt die Zuweisung entsprechender Beratungsaufgaben an die Landesfachstelle (§ 6 Abs. 3) mit ein.

4) Im Gesetzentwurf werden Schulbibliotheken explizit erwähnt (§ 5). Hier ist darauf hinzuweisen, dass in Deutschland im Vergleich zum europäischen Ausland (dort insbesondere zu skandinavischen Ländern) die Schulbibliothek oder Schulmediothek als obligatorische schulische Einrichtung keine lange „Tradition“ hat. Weder verfügen die meisten Schulen über eine gut ausgestattete Bibliothek bzw. Mediothek mit qualifiziertem Fachpersonal gemäß international üblichen Standards noch ist das Konzept des „Bildungsorts Bibliothek“ in der deutschen Lehrerausbildung und damit auch in den Lehrplänen konzeptionell verankert.

Daher ist die Kooperation von Schulen und örtlichen Bibliotheken in kommunaler Trägerschaft eindeutig zu bevorzugen, wenn die zur Verfügung stehenden Ressourcen an Medien und qualifiziertem (bibliothekarischem!) Personal optimal eingesetzt werden sollen. Dies zeigen auch die Erfahrungen in anderen Bundesländern, wo die Kooperation von Schulen und Bibliotheken durch sogenannte Schulbibliothekarische Arbeitsstellen unterstützt und begleitet wird. Die finanzielle Förderung Schulbibliothekarischer Arbeitsstellen, ggf. durch die Landesfachstelle (§ 6 Abs. 3), wäre eine originäre Aufgabe des Landes. (S. 76)

Ausschussvorlage WKA/18/8 – öffentlich – Teil 1, pdf 5mb

Über die Hessische Landtagsdokumentation unter Drucksachennr. 18/1728 erhältlich.

Ein Schmankerl am Schluss…

Sarah Sorge (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):

1. Lesung Bibliotheksgesetzentwurf, 26.1.10

…..

(Michael Siebel (SPD):Wer ist der Vorsitzende dieses Verbandes?) – Dazu komme ich gleich. – Meine Damen und Herren, das genau ist der Grund, warum ich finde, dass wir bei diesem Bibliotheksgesetz leider auch weinen können, weil nämlich genau das, was Sinn macht, warum wir ein Bibliotheksgesetz brauchen, in diesem Gesetzentwurf nicht steht.

(Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)

Meine Damen und Herren, Herr Kollege Michael Siebel hat es gerade dankenswerterweise angesprochen. Bei den Bibliotheksverbänden gibt es den sie eigentlich selbst stärkenden Spruch: Wir haben die Enquetekommission des Deutschen Bundestages und den Bundespräsidenten – der nämlich auch eine sehr denkwürdige Rede zur positiven Rolle der Bibliotheken gehalten hat – als starke Kämpfer an unserer Seite. – Das ist gut so. Aber ich frage mich doch, warum der Hessische Bibliotheksverband einen nicht so starken Kämpfer an seiner Spitze hat. Ich finde durchaus, dass das etwas ist, was hier thematisiert gehört. Es ist nicht immer sinnvoll, Lobbyismus und ein Landtagsmandat gleichzeitig auszuüben. Das kann ich Ihnen hier ganz deutlich sagen.

(Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei Abgeordneten der SPD)

Denn normalerweise führen Lobbyverbände, alle Verbände im Kulturbereich Gespräche mit allen Fraktionen, mit allen kulturpolitischen Sprecherinnen und Sprechern der Fraktionen. Herr Lenz als Vorsitzender des Bibliotheksverbandes hat mich noch nie zu einem solchen Gespräch eingeladen.

(Zurufe von dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der SPD: Ach! – Aloys Lenz (CDU): Das ist sachlich falsch!)

Damit komme ich zu Ihrem Interview in der „Frankfurter Rundschau“. Da haben Sie selbst gesagt: „Da kann man schon verzweifeln.“ Genau so ist es. Sie bemängeln, dass Sie hier der einzige Kämpfer für die Bibliotheken sind. Herr Lenz, ich lade Sie dazu ein, Seite an Seite mit mir zu kämpfen, aber für ein richtiges Bibliotheksgesetz und nicht für das hier vorliegende Bibliotheksgesetzchen. – Herzlichen Dank.

(Beifall bei dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der SPD)

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7 Gedanken zu „Hessischen Bibliotheksgesetzentwurf schreddern?

  1. basedow1764 Autor

    Nun fand auch die mündliche Anhörung statt. Große Hoffnung, dass die LAG mit ihren Monita erhört wird, besteht wohl nicht. Immerhin gab es Verständnis für die Auffassung, die Schulbibliothek gehöre ins Schulgesetz.

    Anschauungsunterricht in Sachen Parlamentarimus gab es, als der Cheflobbyist des hessischen dbv, der gleichzeitig Landtagsabgeordneter ist, also eigentlich auf beiden Seiten im Saal hätte sitzen müssen, seinen Leuten mit Fragen die Stichwörter lieferte. So macht Gesetzgebung Spaß!

    Antwort
  2. jplie

    Stimmt, jetzt habe ich die Stelle auch gesehen, mit Briefkopf, Logo und allem drum und dran. Und nur wir Bibliothekarinnen/Bibliothekare sind kompetent. Na ja, fällt mir nur zur Entschuldigung ein, dass ich das auch mal behauptet habe.
    Wahrscheinlich habe ich zuviel Basedow1764 gelesen und bin kontaminiert … 😉

    Antwort
  3. Christian Spließ

    Obs nun der BIB oder DBV ist sei dahingestellt – aber diese Argumentationskette ist schon bemerkenswert für bibliothekarische Dienstleistungsarbeit in Deutschland. Weil es hier keine „Tradition“ gäbe sind Schulbibliotheken in Hessen generell unter ferne liefen zu buchen? Wie soll denn eine Tradition entstehen, wenn man so argumentiert? Und dass die örtliche Bibliothek nicht unbedingt die Erfordernisse der Schule vor Ort kennt ist ja auch öfters mal der Fall. Insofern: Egal ob BIB oder DBV, die Argumentation ist unter aller Kanone – aber irgendwie so richtig typisch deutsch. „Haben wir halt noch nie gehabt/gemacht, muss auch nicht neu eingeführt werden“… SEUFZ…
    Ad Astra

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  4. basedow1764 Autor

    Dass der dbv aus nachvollziehbaren Gründen mit der Aktion „Kooperationsvertrag“ die Schule in die Bibliothek holen will, nicht in die Schulbibliothek, ist bekannt.

    Dass der Berufsverband Information Bibliothek, BIB, zumindest der LV Hessen, unverblümt dazu auffordert, die „Kooperation“ gegenüber den Schulbibliotheken „eindeutig“ zu bevorzugen, hat mich erst einmal irritiert. Ich habe es dann mehrfach gelesen und lesen lassen. (s. o. Abschnitt 4 der Stellungnahme des BIB zum hess. Bibliotheksgesetzentwurf.)

    Ich lese ich es so, dass der BIB aus diesem Grunde auf die Erwähnung der Schulbibliotheken im Gesetz ganz verzichten könnte.

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  5. jplie

    Hm. Handelt es sich nicht um eine Verwechslung: Die Kooperationsvereinbarung ist doch mit dem hessischen Zweig des DBV, des Deutschen Bibliotheksverbandes geschlossen. Der DBV ist ein Verband, in dem Träger (Politiker) und meist leitende Bibliothekarinnen/Bibliothekare aktiv sind. – Hingegen der BIB ist einer der beiden Berufsverbände der Bibliothekarinnen und Bibliothekare. Diesem könnte man ja aus Standesinteresse nachsehen, wenn er als „Fachkräfte“ nur die Bibliothekarinnen/Bibliothekarinnen im Sinn hat, wenn es um Schulbibliotheken geht. Ich denke aber, dass es sich hier allein um den DBV handelt, der in der Tat diese Art Politik pflegt – wie ja schließlich in Baedow 1764 schon mehrfach herausgearbeitet wurde.

    Antwort

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