Ein Lob auf Horch und Guck. Zeitschrift zur kritischen Aufarbeitung der DDR-Diktatur

Die Beiträge zur DDR-Aufarbeitung im Weblog erfreuen sich einiger Beliebtheit. Schmähkommentrare von Ostalgikern haben abgenommen. Und in Brandenburg und Potsdam gibt es täglich Anlass zu berichten.

Zu loben ist endlich einmal die Zeitschrift „Horch und Guck“, vom „Bürgerkomitee 15. Januar“ herausgegeben (Datum der Besetzung des MfS in der Berliner Normannenstraße). Ich finde in nahezu jeder Ausgabe Lesenswertes. Die neueste Ausgabe hat den Schwerpunkt „Der Osten im Westen“  (19. Jg., Heft 67, 1/2010).

Unter der Überschrift „Demokratische Unschärfen“ schreibt Benn Rolf über das Epplersche SPD-SED-Papier von 1987 und schwankt in der Bewertung zwischen „Wandel durch Annäherung“ und „Wandel durch Anbiederung“. Die SPD habe Grundwerte, Menschenrechte, Demokratieverständnis zur Disposition gestellt, die SED habe so gut wie nichts preisgegeben, aber die Auflösung der Erfassungsstelle in Salzgitter und die volle Anerkennung ihres Staates verlangt.

Karsten Voigt, Björn Engholm, Oskar Lafontaine pflegten freundschaftliche Beziehungen zu SED-Politikern. Egon Bahr gab Honecker Ratschläge, wie er Bärbel Bohley unauffällig, ohne Presserummel, ergreifen und ausweisen könne.

Dem Journalisten Christian von Ditfurth verweigerte die SPD den Zugang zum Parteiarchiv, als er nach der „Wende“ zu den Beziehungen zwischen SED und SPD recherchieren wollte.

Kartlheinz Baum, Journalist der Frankfurter Rundschau, erzählt, wie es den  westdeutschen DDR-Korrespondenten in ihren Heimatredaktionen erging. Der Titel sagt es schon: „Berichtet doch mal was anderes!“ Manche wurden ohne Begründung abgelöst, erhielten keine Vertragsverlängerung, ihnen wurde vorgeworfen, zu viel über die Bürgerrechtler zu berichten, ihnen wurde verboten in den letzten Monaten der SED-Herrschaft zu Demonstrationen zu fahren. Alles, um die Ausweisung durch die SED zu verhindern, um die Bonner Entspannungs- und Annäherungspolitik nicht zu gefährden.

Nicht zum Heftschwerpunkt, aber kaum weniger lesenwert: „Zusammenbruch der Provinz“ von Sebastian Stude. Er trägt aus den Akten der Kreisleitung Pritzwalk im Nordwesten Brandenburgs die dortigen Zustände in der zweiten Hälfte der 80er Jahre zusammen: In manchen Neubauwohnungen hatte nur die Küche Heizkörper. Sie reichten nicht für alle Zimmer. Die Kreisleitung beklagt die Probleme der Ersatzteilversorgung in den Pkw-Reparaturwerkstätten. Ein Schulleiter freut sich, dass das Geld für die Renovierung des Gebäudes bewilligt wird. Allein es passiert nichts, weil es keine Baumaterialien gibt.

In den LPGen fehlt es an Ersatzteilen für die Technik und an Treibstoff. Jauchegruben werden nicht geleert, die Jauche sickert ins Grundwasser. Dass die Potsdamer Bezirksbehörden im Sommer ´89 die Speiseeisversorgung für den Kreis Pritzwalk auf ein Zehntel herunterfahren und die Auslieferung der SED-Zeitung wegen Papiermangels unterbleibt, ist da schon eher nebensächlich.

Wer neugierig geworden ist: www.horch-und-guck.info

Lesenswert: Heft 64, Die traurige Bilanz der DDR-Ökonomie

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Ein Gedanke zu „Ein Lob auf Horch und Guck. Zeitschrift zur kritischen Aufarbeitung der DDR-Diktatur

  1. Basedow1764 Autor

    Es gibt jetzt ein Kooperationsangebot von „Horch und Guck“ für die Schulbibliotheken der LAG (Hessen) und der AG Schulbibliotheken (Berlin/Brandenburg): Ein kostenloses Abonnement!
    Näheres siehe hier!

    Antwort

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