Ist die Schulbibliothek anachronistisch?

So möchten digital natives ihre Schulbibliothek nutzen:

aus: Education Week, Foto: Erich Schlegel

Bei aller Freude über das wieder erwachte Interesse an Schulbibliotheken bei Bibliotheksverbänden, Schulträgern und Sonntagsrednern, die Zukunft ist alles andere als rosig.

Das Sprachlabor ist ausgestorben, die zentrale Videoübertragungsanlage ebenso, die Computerräume gehen gerade den Weg der Dinosaurier.  Erweist sich die multimediale Schulbibliothek demnächst auch als überflüssig?

Das mobile Internet macht´s möglich: Die Fachlehrer müssen sich nicht mehr in die Benutzerliste des Computerraums eintragen. Sie müssen nicht mehr befürchten, versehentlich Alarm auszulösen, sie müssen nicht mehr mitten in der Stunde den Informatiklehrer holen, weil sie das Monitorbild von Rechner 13 nicht auf den Beamer kriegen.

Sie haben ihre Unterrichtsvorbereitung und die Arbeitsblätter auf dem Stick. In der Klasse steht das smartboard, die Schülerinnen und Schüler haben die Lehrbücher, Trainingsprogramme, Wörterbücher, Textbücher und Lektüren auf dem eBook oder iPad.

Zwar beschäftigen sich wissenschaftliche Untersuchungen und die Volksmeinung gerne mit der digitalen Ahnungslosigkeit des Lehrkörpers.  In den Fachdidaktiken aber gibt es immer mehr passgenaue Angebote: Handyeinsatz in den Fremdsprachen, Google Earth im Geographieunterricht, digitalisierte Bild- und Tondokumente im Geschichtsunterricht, Webquests für den Lateinunterricht. Ganz zu schweigen von den Kreismedienzentren, die download von Medien anbieten, deren manuelle Ausleihe vor ein paar Jahren noch bürokratischen und logistischen Aufwand verlangte.

Auch wenn es immer etwas in der Lehrerausbildung zu verbessern gibt, die Fragen, was und wie Schüler lernen, welche Medien und Methoden angewandt werden können oder müssen, sind pädagogisches Kerngeschäft. Dass es Ausbildungsdefizite gibt und Ausstattungsmängel, ist unbestritten.

Je mehr also digitale Kompetenzen der Lehrkräfte zunehmen, Technologie und maßgeschneiderte fachdidaktische Angebote im alltäglichen Unterricht im Klassenzimmer selbstverständlich werden, desto fragwürdiger wird für die finanziell gebeutelten Schulträger die Investition in Schulbibliotheken. (Sie hören dann auch gerne, dass ihnen Dr. Ronald Schneider, Schulbibliotheksexperte des Deutschen Bibliotheksverbandes, nahelegt, nicht länger in Schulbibliotheken zu investieren, sondern die Klassen in die Stadtbibliothek zu schicken. Im hier diskutierten Zusammenhang ist das aber allenfalls ein Zwischenspiel.)

In USA klagen die Bibliothekslehrer/innen, die school library media specialists, in den Leserbriefspalten der Tageszeitungen und den Kommentarseiten der Internetmedien, dass sie es bisher waren, die den Schülerinnen und Schülern bei der Online-Recherche, bei der Bewertung von Internetseiten, kompetent halfen und dass ausgerechnet sie jetzt weggespart würden.

Es wäre schön gewesen, wenn wir in Deutschland den Zustand je erreicht hätten, den die digitale Revolution in USA gerade entbehrlich werden lässt.

Hierzulande wird die Schulbibliothek vor allem als „Bücherhort“ (so ein Journalist der „Frankfurter Rundschau“ über eine multimediale Schulbibliothek) verstanden, in dem Bücher ausgeliehen werden. Oder als Zweigstelle der Stadtbibliothek, in der man auf eine noch stärkere Nutzung durch die Lehrkräfte wartet.

Eine Zusammenarbeit zwischen Fachlehrer und Bibliothekslehrer bei Unterrichtsplanung und -durchführung, wie es im angelsächsischen Schulbibliotheksverständnis angelegt ist und vielfach schon praktiziert wird, wo in „guided inquiry“ ausgebildete Recherchespezialisten mit Lehrern und Schüler zusammenarbeiten, ist hierzulande eher die Ausnahme.

In den USA dürfte es interessant werden, ob sie ihre Funktion als Informationsspezialisten behaupten können, auch wenn ihre Basis, die Schulbibliothek, wegzufallen droht.

Mit der von David Loertscher und Ross Todd begonnenen Diskussion über „learning commons„, Lernräume, die mehr als eine Bibliothek sind, ist eine interessante Perspektive eröffnet worden.

Ein Gedanke zu „Ist die Schulbibliothek anachronistisch?

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