Lesetipp: Jörg Schönbohm, Wilde Schwermut

Wenn mir jemand vorausgesagt hätte, dass ich einmal einen CDU-Landesvorsitzenden sympathisch finden würde, den hätte ich wohl ausgelacht. Nun muss ich präzisieren, dass ich bis vor kurzem in Hessen gelebt habe, wo die CDU ihre besondere Färbung hat.

Imponiert hat mir der frühere CDU-Innenminister und Brandenburger Landesvorsitzende Jörg Schönbohm schon öfters, auch wenn ich seiner politischen Arbeit selten  zustimmen konnte. Immerhin hat er sich mit Stolpe angelegt. Der wollte so viel DDR behalten wie möglich, Schönbohm war glücklich, dass das System überwunden war.

Seine pointierten Aussagen über Brandenburger oder ostdeutsche Befindlichkeiten fand ich immer treffend. Erst recht dann, wenn man sich darüber informiert, was er wirklich gesagt hatte. So war das auch bei der angeblich nachlässigen Kleidung von „Ossis“. Geäußert hatte er sich über einen Parlamentarier, der im Hawaiihemd zur Konstitutierung des Parlaments gekommen war. Wenn man weiß, dass der Gemeinte einer Ideologie verpflichtet ist, die schon immer den bürgerlichen Parlamentarismus verachtet und bekämpft hat, kann man die Entrüstung verstehen. (Joschka Fischers Turnschuhe würde ich da anders einordnen: Als kalkulierte Regelverletzung, die die Regel aber letztlich anerkennt.)

Die polternde Art Schönbohms kann ich gut verstehen. Er hat in Brandenburg, woher er übrigens stammt, gelernt, dass man schnell beleidigt ist, wenn man kritisiert wird, aber selbst kräftig austeilt.

Als er kürzlich in einer Talkshow des rbb zu Gast war, platzte er richtiggehend. (Ich wäre schon Minuten früher geplatzt.) In diesen Sendungen bekommt man schnell Beifall, wenn man auf „die da oben“ schimpft, auf die Reichen, auf die Neoliberalen (alle Parteien rechts von der Linkspartei), auf die Wessis.

Ein früherer, beliebter Sportreporter der DDR, der, wie kann es anders sein, gerade ein kritisches Buch über die Nachwendezeit auf den Markt gebracht hatte, versuchte es auf eben diese populistische Masche. Dieser ehemalige Sportreporter, als solcher Teil der besser verdienenden, privilegierten DDR-Oberschicht, bezeichnete sich als Proletarier und steckte Schönbohm in die Reichen-, Neoliberalen- und Wessiecke.

Endlich polterte der los und erzählte, unter welchen Bedingungen er als eines von fünf Kindern in einer Flüchtlingsfamilie in der frühen Bundesrepublik aufgewachsen war. Da war der Sportreporter sichtlich entrüstet, dass er so missverstanden worden war, und bestritt auch noch gleich, sich Proletarier genannt zu haben.

Schönböhm erzählte übrigens, dass sein ehemaliger Verteidigungsminister Rühe ihm geraten habe, die Finger von der Politik zu lassen: „Schönbohm, Sie sind zu offen, zu direkt, zu ehrlich“. Der Untertitel seiner Erinnerungen heißt denn auch nach Thomas Mann: „Erinnerungen eines Unpolitischen“

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