Wenig Interesse für Schulbibliotheken in Potsdam

Der Bloggerkollege „NurmeinStandpunkt“ war kürzlich überrascht, wie ignorant die Münchner Stadtbibliothek den Schulbibliotheken gegenübersteht.

Potsdam, das laut „Der Spiegel“ München als heimliche Hauptstadt abgelöst haben soll, hat auch seine Probleme im Umgang mit ihnen. Hier sind der Schulträger, die Stadtverwaltung, und die Stadt- und Landesbibliothek das Problem.

Basedow1764 hatte zweimal versucht, über den Bürgerhaushalt Vorschläge zu Schulbibliotheken zu machen. Einmal schlug er vor, dass die Stadtbibliothek einen Finanztopf erhält, mit dem sie Projekte von Schulen und Schulbibliotheken unterstützen kann. Dieser Vorschlag verschwand sang- und klanglos.

Zwei Jahre später schlug er eine noch „schlankere“ Lösung vor: Die Schulen mit Bibliothek, immerhin fast die Hälfte der öffentlichen Schulen (13 + 2 im Entstehen von 33), sollten eine kleine Schulbibliothekspauschale zusätzlich zu den sonstigen Schulträgermitteln abrufen können. Das ist bei zahlreichen Schulträgern in Deutschland Usus. Immerhin ist auch im brandenburgischen Schulgesetz festgeschrieben, dass der Schulträger für die Schulbücherei Sorge zu tragen hat.

Beim Bürgerhaushalt dürfen Bürgerinnen und Bürger Vorschläge zur Verwendung städtischer Haushaltsmittel machen. Als ehemaliger Politiklehrer und Anhänger des parlamentarischen Systems habe ich zwar Bauchschmerzen bei der tendenziellen Aushebelung des Parlamentarismus durch Bürgerbegehren, Volksentscheide und eben den Bürgerhaushalt. Zumal in Ostdeutschland, wo die Ablehnung des parlamentarischen Systems („Scheißdemokratie“ sagt Kabarettist und Schauspieler Peter Sodann und sein Tatortkollege redet auch nicht anders) unübersehbar ist.

Bei Bürgerbegehren dämmert den Befürwortern inzwischen, dass  Gutbetuchte  mit Hilfe einer PR-Agentur ihr Anliegen kompromisslos durchzusetzen versuchen, beim Potsdamer Bürgerhaushalt ist es die Radfahrerlobby, die das Instrument erfolgreich für Radwegebau nutzt. Der Baudezernent schließt ironisch schon beheizte Radwege nicht mehr aus.

Zurück zu den Schulbibliotheken: Auch der schlanke Vorschlag einer kleinen Schulbibliothekspauschale, um wenigstens die Schulen zu unterstützen, die in Sachen Schulbibliothek initiativ werden, passte nicht in den Bürgerhaushalt und fand unter den Bürgerhaushaltsaktivisten keine Mehrheit. Immerhin ist eine Verbesserung festzustellen: Ich erhielt einen Absagebrief des Kulturamtes! Da war von lobenswerten Initiativen einzelner Schulen die Rede und der Befürchtung, dass die Qualität einer Stadtbücherei doch nie erreicht würde.

Die Potsdamer Stadt- und Landesbibliothek (SLB) befürchtet, dass jeder Euro, der in Schulbibliotheken fließen könnte, bei ihr abgezwackt wird. Auch Politiker/innen und Kämmerer/innen bedienen sich gerne des Klischees: Wozu braucht der Mensch Schulbibliotheken, wenn es eine Stadtbibliothek gibt? Dieses Unverständnis vom Sinn und Zweck von Schulbibliotheken ist auch in Potsdam verbreitet und wird gebetsmühlenhaft wiederholt.

Die neue Schuldezernentin muss sich mit einer schwierigen Schulsituation auseinandersetzen: Hoher Sanierungsbedarf, schrumpfende Schulen, ständige Organisationsänderungen, fehlende Schulen in Neubaugebieten, starke Trends zu Gymnasien und Privatschulen. Da haben Schulbibliotheken keine Konjunktur.

Außerdem bereitet die Renovierung der Stadtbibliothek Probleme. Letzteres erklärt, neben der grundsätzlichen Skepsis gegenüber Schulbibliotheken, die Zurückhaltung der SLB gegenüber einer Initiative für Schulbibliotheken.

Die problemgeplagte Dezernentin denkt in ihrer Not an eine Zusammenarbeit der Stadt mit privaten Schulträgern. Das ist noch sehr vage und wird zu heftigen ideologischen Debatten führen, falls es ernsthaft verfolgt würde. Für Schulbibliotheken wäre es akzeptabel. Die Privatschulen haben in Potsdam ein erkennbar größeres Interesse an der Schaffung von Schulbibliotheken als die öffentlichen Schulen. Auch meine Beratung wird häufiger von privaten Schulen nachgefragt.

Vielleicht sollte sich Potsdam einmal in Freiburg im Breisgau erkundigen, wie man es richtig macht. Aber bitte nicht an Wuppertal orientieren! Da kündigt sich eine Schließungswelle von bibliothekarischen Einrichtungen an.

Update 16.3.10:

Ich war gerade wieder in einer Potsdamer Schule. Die Bibliothekslehrerin erzählt von ihren Alltagssorgen, den Kolleginnen, die den Raum nutzen und ihn unaufgeräumt hinterlassen, den Schülern, die die ausgeliehenen Bücher nicht zurückbringen. Und dann sagt sie, eigentlich hätte sie den Auftrag, die Bibliothek aufzulösen. Die Schulen sollten keine Bibliothek haben. Aber sie habe sich nicht daran gehalten. (Die Landesfachstelle für öffentliche Bibliotheken hat eine entsprechende Vereinbarung mit dem Schulministerium.)

Ich habe von der Stadtverwaltung die Zusicherung, dass in einem Grundschulneubau ein Bibliotheksraum eingeplant werde. Also hat wohl ein Umdenken eingesetzt.

Update 13.12.10:

Die Stadtverordnetenversammlung hat nach meinem Vorschlag ein Budget für Schulbibliotheken beschlossen!

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2 Gedanken zu „Wenig Interesse für Schulbibliotheken in Potsdam

  1. Pingback: Potsdam biete schulbibliotheakarischen Lieferdienst für Schulen | Basedow1764's Weblog

  2. Pingback: Dürfen Schulbibliotheken multimedial sein? « Basedow1764's Weblog

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