Sorry, aber in Brandenburg gibt es derzeit spannendere Themen als Schulbibliotheken. Für die ist das Interesse hier eh schwach ausgeprägt.
MP Platzeck wurde kürzlich von der Opposition zu einer Regierungserklärung genötigt, in der er eine Art brutalstmögliche Aufklärung verprach. Die haben er und seine Partei 20 Jahre verhindert.
Gleich im ersten Satz sprach er von den SED-Opfern, um die es vor allem ginge. In allen anderen Sätzen der halbstündigen Rede kamen sie nicht mehr vor. Da ging es nur noch um eine differenzierte Sicht auf Stasi-Mitarbeiter. Als Wadenbeißer ließ der MP seine Leute los, u. a. den Fraktionsvorsitzenden, der nach dem Motto „Die andern habens doch auch getan“ der CDU vorwarf, sie hätte als Blockpartei auch ihre Leichen im Keller. Erst dachte ich, Karl Marx läge vielleicht im Keller der CDU. Die DDR war ja scheinbar ein Vielparteienstaat und die SED hat nicht alleine regiert, also ist die CDU auch an der Diktatur schuld. Vielleicht sogar noch schuldiger, weil sie die SED nicht vom Unrechttun abgehalten hat.
Die Leichen im Keller der CDU sind der Potsdamer Nachkriegsbürgermeister Erwin Köhler und seine Frau, die die „Freunde“ für die SED beiseite schafften, in Moskau verurteilten und erschossen. Der Brandenburger Nachkriegsvorsitzende der CDU, Wolf, kam bei einem ungeklärten Verkehrsunfall ums Leben. Der erste Außenminister der DDR, das Ost-CDU-Mitglied Dertinger, saß elf Jahre im Zuchthaus Bautzen. So hat die SED die Nachkriegs-CDU auf Kurs gebracht. Jetzt werfen die Sozialdemokraten Brandenburgs der CDU Kumpanei mit der SED vor.
Wie Vergangenheit bewältigt wird, sieht man in Potsdam. Fünf Jahre nach dem Antrag, 17 Jahre nach der Rehabilitierung, wird der Köhlers gedacht. Ein Eckchen Rasen, gerne genutzt zum Gassigehen, wird „Köhlerplatz“ genannt. Dem verstorbenen Bürgerechtler Rudolf Tschäpe wird in ähnlicher Weise gedacht.
Die Luxemburg-, Marx-, Engels-, Zetkin- oder Thälmannstraßen umzubenennen, traut man sich nicht in einer Stadt, in der seit Jahren ein ehemaliger IM und linkes MdL immre nur gerade so als OB verhindert werden kann.
Im „Tagesspiegel“ schreibt heute Moritz Schuller („Links bleibt links“), dass der SPD die Maßstäbe verloren gegangen seien: Walter Momper habe seinerzeit mit den Grünen in Berlin erst dann eine Koalition eingehen wollen, wenn die bereit wären, die notwendige repressive Seite von Sicherheit und Ordnung mitzutragen. Der SPD-Innensenator bittet heute die Linkspartei vergeblich, die mit ihm in der Regierung sitze, sich von militanten Autonomen zu distanzieren, die in Berlin Gewalt ausübten.
Ein Beispiel für den Verlust der Maßstäbe liefert auch Platzeck. Er vergleicht die beiden zuletzt aufgeflogenen IMs mit Filbinger und Kiesinger. Was denn nun? In Westdeutschland hätte man sich doch mit den Nazis versöhnt? Oder hat man in Westdeutschland , nach der Ausgrenzung der beiden westdeutschen Nazi-Pgs mit den den anderen Alt- und Neonazis koaliert, wie das Platzeck analog ja mit den Kommunisten macht?
Die strikte Linie gegenüber sich nicht bekennenden IMs und die erneute Überprüfung beschränkt sich im wesentlichen auf den brandenburgischen Landtag. In den Kommunen ist eher die Regel, dass Rot-Rot gemeinsam gegen eine erneute Stasiüberprüfung stimmt. In der Landesverwaltung hat die SPD dafür gesorgt, dass nur bei Spitzenpositionen überprüft wird.
Nachtrag 12.6.2010:
Bekannt war es schon seit Jahren, als Insiderwissen noch viel länger: Der Stasioberst, Schalck-Golodkowski-Kollege, Antiquitäten- und Immobilienhändler Axel Hilpert hat sich durch falsche Angaben Millionen Fördergelder für sein Hotel-Resort am Schwielowsee erschlichen und teilweise aufs eigene Konto gelenkt. Hilpert verkörpert Filz und Kontinuitäten nach der „Wende“ in Brandenburg wie kein zweiter. Er durfte Schilfgürtel abmähen und Pfahlbauten ins Ufer setzen, während die Verwaltung anderswo Bootsstege verhinderte und Schrebergartenhütten abreißen ließ. Seine Freunde, darunter ein ehemaliger Potsdamer CDU-Wirtschaftsminister, der SPD-Landrat und der Wirtschaftsfachmann Friedrich Merz schwärmten von dem auch architektonisch nicht in die Mark passenden Stückchen Florida.
Jetzt wurden seine Geschäftsräume durchsucht und er kam in U-haft.
Ergänzung 6.8.10: Wolf Biermann nannte Brandenburg in seiner oft drastischen Formulierungskunst einmal „Stasi-Nest“.
Nachtrag 18.2.11: Siehe auch zum Brandenburger Umgang mit SED-Opfern hier!
Eigentlich sollte man aus der Geschichte lernen und sie nicht verfälschen:
In diesen Tagen wurde in Brandenburg eine Gemeinde gefunden – Kyritz -, die es erlaubt(!) einen Gedenkstein für die Opfer der Zwangskollektivierung der SED aufzustellen. Unweit davon tagten die Postkommunisten, zusammen mit Gästen der SPD, und feierten die Zwangskollekivierung. Immerhin fanden sie worte für die Selbstmorde, die Flüchtlinge, die Brandstiftungen, den Psychoterror der 50er und 60er Jahre. In der Übersetzung lauten sie: „Wo gehobelt wird, fallen Späne“.
Anfang April hätte man auch den Jahrestag der Zwangsvereinigung der SPD mit den Kommunisten 1947 feiern können. Sicher waren einige Sozialdemokraten dafür, sich von den Kommunisten schlucken zu lassen, andere gingen anschließend ins Gefängnis oder in den faschistisch-kapitalistischen Westen.
Soweit geht die gründliche Aufklärung nun doch nicht, da sei Versöhnung vor:
Die Akten der Stasi-Überprüfung von 1991, die von drei sicherlich überforderten Bischöfen durchgeführt wurde und bei der es Unklarheiten gab, weil Namen, die von der Gauck-Behörde übermittelt worden waren, gar nicht mehr auftauchten, bleiben weiterhin unter Verschluss! So hat es das Landtagspräsidium bei vier Enthaltungen beschlossen. Datenschutz hätte Vorrang. Was ich nicht vom SPD-Landtagspräsidenten gehört habe: Das brandenburgische Archivgesetz ermöglicht den Zugang zu verschlossenen Akten, wenn ein starkes öffentliches Interesse vorhanden ist. Das allerdings ist in Brandenburg m. E. nicht gegeben.
Die gründliche Aufklärung und Fortsetzung der Aufarbeitung, die Platzeck in seiner Regierungserklärung noch versprochen hatte, sind vergessen, sobald die Kamera ausgeschaltet ist.
Die Unklarheiten, die nicht transparenten Empfehlungen der beiden ehrenwerten, aber damit überforderten Kirchenleute, das Fehlen von 5 Namen, die von der Gauck-Behörde auch genannt worden waren, das angebliche Verschwinden von Unterlagen, das alles soll nach dem Willen der Linken und der SPD nicht mehr aufgeklärt werden.