Bildungschancen von Migrantenkindern

Was die Benachteiligung von Migrantenkindern im deutschen Schulsystem angeht, so zeichnet sich eine Revision bisher für wahr gehaltener Argumente ab. Die landläufige Formel vom Versagen des deutschen Schulsystems bei Migranten scheint nicht zuzutreffen. Man muss wohl genauer hinsehen.

Das hat Hartmut Esser, Soziologieprofessor em. aus Mannheim, kürzlich getan.

Er sagt: Das Bildungssystem der Aufnahmeländer hat die Effekte für die Integration der Migrantenkinder, die man ihm zuschreibt, allem Anschein nach nicht. (…) Es kommt vor allem auf die Verhältnisse in den Familien und ihre jeweilige Migrationsbiographie an.“

Er meint: Auch bei Migrantenkindern sind der Sozialstatus der Familie und die familiäre Sozialisation von erheblichem Einfluss. Hinzu komme, dass die Prägung der Migranten durch das Schulsystem der Herkunftsländer deutliche Spuren hinterlasse.

Das deutsche Schulwesen, trotz aller Vorwürfe  wegen mangelnder Förderung und Integration, träfe viel weniger Schuld als behauptet. Die Nachteile des  Bildungswesens, sofern es sie gäbe, beträfen alle, nicht nur die Migranten.

Ich habe es schon bei meiner Kritik am Selbstlob mancher deutscher Schulpolitiker aus Anlass der PISA-Ergebnisse in einzelnen Bundesländern geschrieben: Dass Brandenburg die höchste Abiturquote bei Schülern mit Migrationshintergrund hat, liegt nicht etwa an der Exzellenz des brandenburgischen Schulwesens, sondern daran, dass die Mehrzahl der (wenigen) Migranten katholische Vietnamesen und russische Juden sind. Sie bringen eine positive Einstellung zu Schule und Bildung mit, die entscheidend für den Schulerfolg ihrer Kinder ist.

Esser weist auch auf Befunde in den klassischen Einwandererländern Australien, Neuseeland und Kanada hin, die als Vorbild für  schulische Integration und Förderung von Einwandererkindern gelten. Auch dort profitieren die Kinder aus Familien höherer Sozialschichten eher von der Schule. Die Einwandererstruktur dort unterscheidet sich sehr stark von der deutschen. In Deutschland gibt es eher schlecht ausgebildete Immigranten mit niedrigem Sozialstatus.

Esser geht noch auf viel mehr ein, auf unbewiesene Thesen zum Nutzen der Zweisprachigkeit etwa und auf die Frage, ob nicht gerade das gegliederte Schulwesen (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) den Migranten mehr nutze als ein integriertes (Denen mit gutem Bildungshintergrund nutze es. Die generellen negativen Effekte der deutschen Schulstruktur seien aber unbestreitbar.)

Mein Punkt, aus dem ich ein Argument für Schulbibliotheken entwickeln will, ist ein anderer: Esser vermutet, dass die Maßnahmen zur Förderung der Sprachkompetenz und überhaupt der Bildungschancen von Migrantenkindern nicht viel bringen. Die vielen speziellen Maßnahmen, die die BLK und die Bundesländer  seit Jahren ausprobieren, hätten nämlich einen Mangel: Den Modellversuchen fehlten die Vergleichsguppen. Es fehle die Evaluation. Zuletzt etwa dem BLK-Modellversuch FörMig (Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund). Auch wenn sich kein Zugewinn an Sprachkompetenz bei den einzelnen Maßnahmen durch Vorher-Nachher-Vergleich messen lasse, sei zu vermuten, dass dieser Effekt bei jeder Intervention einträte.

Eine vergleichende Untersuchung in Baden-Württemberg habe es aber gegeben. Dort sei untersucht worden, ob drei  spezielle  Sprachförderprogramme für Kindergartenkinder mit Förderbedarf der Förderung im normalen Rahmen des Kindergartenalltags überlegen waren. Das klare Ergebnis laute: Nein!

Esser vermutet, dass man gar nicht viel an speziellen Maßnahmen veranstalten müsse, um Migrantenkinder zu fördern. Es sei fast egal, was man (in einem frühen Alter) im Einzelnen mache. Es komme vielmehr darauf an, den Kindern eine anregende und strukturierte Umgebung zu bieten, in der sie erlebten, was im Alltag möglich sei, in der sie sich zwanglos und spielerisch mit einer neuen Kultur und Sprache auseinandersetzen könnten.

Auch das sei empirisch nicht untersucht, aber man könne es ja ebenfalls versuchen.

Als Nicht-Wissenschaftler, als Lehrer mit so genannter Erfahrung, erscheint mir vieles plausibel von dem, was Esser vermutet. Wir erleben es auch im Schulalltag immer wieder, dass bei den Kindern bei ganz unterschiedlichen Themen und in ganz unterschiedlichen Situationen „der Groschen fällt“. Manchmal ohne unser Zutun, manchmal, nachdem man sich auf ihre spezifische, ganz individuelle  Situation eingestellt hat.

Ist das jetzt zu weit hergeholt, wenn ich an diesem Punkt für die Schulbibliothek plädiere?

Die moderne, multimediale Schulbibliothek ermöglicht sehr individuelle Entdeckungen, Anregungen und Erfahrungen.

Hier kann man alleine auf Entdeckungstour gehen, hier kann gezielte sprachliche Förderung für einzelne und Gruppen stattfinden, hier ist ein Ort kultureller Praxis in der Schule.

Immer vorausgesetzt, die Schulbibliothek hat die entsprechende mediale und räumliche Ausstattung und Menschen, die damit erfolgreich umgehen können, auch und nicht zuletzt wegen der Förderung von Migrantenkindern.

Nachtrag: Das Beispiel London


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2 Gedanken zu „Bildungschancen von Migrantenkindern

  1. Pingback: Preis für „Lesekultur“ und andere Innovitäten « Basedow1764's Weblog

  2. basedow1764 Autor

    Gestern sah ich einen Film über die Lesekultur in der Berliner Lenau-Grundschule: „Es war einmal ein Zebra“. Die Schule ist eine der immer mehr werdenden Schulen, in denen Deutsch als Muttersprache zur Randerscheinung wird.
    Die Lehrerinnen der Lenau-Schule, namentlich Sabine Recke, machen eine tolle Arbeit: Für die Familien gibt es Lesekoffer, die Schulbibliothek macht eine spezielle Ferienausleihe, Lesepatinnen lesen vor, manchmal auch deutsch-türkisch. Ab dem 1. Schuljahr werden Lesetagebücher geschrieben, die Texte werden zu“Klassenbüchern“ gebunden. Aus gelesenen Geschichten entstehen Schüleraufführungen und noch viel mehr passiert.

    Finanziert werden diese Arbeit und der Film mit Mitteln von FörMig.
    Jetzt bin ich hin und her gerissen: Wenn Schulbibliothek und Lesekultur bei FörMig vorkommen, scheint das Projekt so problematisch doch nicht zu sein.
    Wenn es einer Projektfinanzierung und einer Modellschule bedarf, damit an Ideen erinnert wird, die

      seit Jahrzehnten

    in der Literatur, in der Lehrerausbildung, im Schulalltag anzutreffen sind, ist das aber auch beschämend für unser Schulsystem.

    Antwort

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