Ideen für Leseförderung in der Schule

Die Stiftung Lesen hatte mich einmal auf der didacta auf einem Podium sitzen lassen. Dort sagte ich, die Schule würde den Kindern das Lesen beibringen und später würde Literaturunterricht stattfinden. Leseförderung aber fände in der Schule nicht statt. Vielleicht hat mich der Geschäftsführer der Stiftung missverstanden und hielt das nicht für eine Zustandsbeschreibung, sondern für mein Verständnis von Schule. Auf jeden Fall wurde ich nie wieder von der Stiftung eingeladen.

Wenn der Geschäftsführer der Auffassung ist, Aufgabe der Schule wäre schon immer Leförderung gewesen, so wundert mich, dass die Stiftung den Schulbibliotheken so wenig Aufmerksamkeit schenkt. Sie fördert zwar Leseclubs an den Schulen und verteilt Arbeitsblätter zu Spielfilmen, das aber lässt sich gänzlich ohne Schulbibliothek machen. Die Rede ist bei der Stiftung stets von Klassenbücherei oder allenfalls von Schülerbücherei und vor allem von Stadtbibliothek. (Der dbv sitzt im Stifterrat!)

Nach jahrelangen, vergeblichen Bitten, doch von Schulbibliothek zu sprechen, glauben wir, das Wort jetzt doch schon einmal in einer ihrer Publikationen gelesen zu haben. Und in Interviews beklagen ihre Spitzenleute, ähnlich wie der Bundespräsident, das Fehlen solcher Einrichtungen. Das haben sie uns fest versprochen und auch eingehalten.

Wie gut man Leseförderung in der Schule machen kann, wenn es eine Schulbibliothek gibt, zeigt ein Kurzfilm von TeachersTV, einer Einrichtung des britischen Familien- und Schulministeriums, die mit Kurzfilmen und anderen Materialien die Qualität der Schule und der Lehrerbildung verbessern will.

Es sind fünf Lese-Ideen, die vorgestellt werden:

„Drop everything and read!“: Alle lesen zum selben Zeitpunkt, egal wo sie sind und was sie gerade machen, egal ob Hausmeister oder Schulleiterin, 20 Minuten lang.

Ich hätte das gerne mal gemacht. Aber mein Personalratsvorsitzender hätte das Schulamt angerufen, und gefragt, ob die Gesamtkonferenz beschließen dürfe, dass er im Matheunterricht lesen muss. Nötigenfalls hätte er sich an dem Tag krank gemeldet oder einen Wandertag machen wollen. Der Schuldezernent hätte mich sicher gerügt, weil ich meine Weisungsbefugnis gegenüber Sekretärin und Hausmeister missbraucht hätte. Und die Juristin des Schulamtes hätte mich aufgefordert den Schulfrieden zu wahren.

Hier eine Anleitung in Englisch

„Reading for pleasure“: Eine regelmäßige Lesestunde in der Bibliothek. Erlaubt sind auch Zeitungen und Comics.

„Paired Reading“: Zwei lesen dasselbe und können darüber reden, sich gegenseitig helfen, wenn es um den Inhalt oder schwierige Wörter geht.

Themenbezogene Leseaufgaben (hier: „Tour de France“)

„Book Club“: Leseclub, in dem Lehrer und Schüler über Bücher reden.

Relativ einfache Sachen, wenn man von den juristischen Implikationen der ersten Idee absieht.

Die Schulleiterin stellt fest, dass sich durch diese Aktivitäten die Schülerleistungen messbar verbessert haben. (Englische Schulleiter dokumentieren die Leistungsentwicklung ihrer Schüler.)

Die Bibliothekarin beobachtet, dass Lesen allmählich akzeptiert wird und es auch für Jungen keine Schande mehr ist, mit einem Buch „erwischt“ zu werden.

Auch die Schülerinnen und Schüler selbst geben sehr ernsthaft Auskunft über das Wachsen ihrer Lesekompetenz.

Hier der Clip! Neue Adresse

Außer der Schulleiterin habe ich die wenigsten verstanden. Man sieht aber immerhin, wie es abläuft. Schicke Schul-Pullis haben die an!

Mir kommt es in Gesprächen oft so vor, dass ich ein Bild von Schulbibliothek im Kopf habe, das der Gesprächspartner noch nie gesehen hat. Daher finde ich Visualisierungen äußerst wichtig. Bei diesem Film geht es um Leseanimation in der Schule. Die Schulbibliothek taucht nur einmal auf, als das Bibliotheksteam der Schüler/innen erwähnt wird (und im Abspann). Wenn man genauer hinschaut ist sie dennoch in jeder Szene dabei, nicht zuletzt in der Person der umtriebigen Schulbibliothekarin. Die Schulbibliothek ist das Rückgrat aller Leseförderideen.

Ich finde solche Clips immer nur anderswo. (In Österreich hatte das Unterrichtsministerium in den 90ern einen oder zwei Filme dieser Art produziert.)

Wir hatten (FES Schwalbach a. Ts.) einen – inzwischen uralten, nicht-digitalen –  Bibliotheksfilm in den ersten Jahren auf Elternabenden, im Förderverein, im Studienseminar und am Tag der offenen Tür gezeigt.

Mit der Stiftung zusammen wollte die LAG einen Clip machen, hatte schon ein Storyboard. Das Problem war nur: Wir glaubten, die Stiftung würde das finanzieren. Die Stiftung aber ging davon aus, dass wir die Finanzierung besorgten und sie ihr Logo im Abspann zeigen.

In einem Schulbibliothekslehrgang der hessischen Lehrerfortbildung haben Günther Brée und Jochen Hooß Lehrgangsteilnehmern dann gezeigt, wie man Clips zur Leseförderung dreht.

Gleich noch ein Clip dieser Art von TeachersTV: „Wie man Schulbibliotheken in die Sekundarstufe integriert.

Schon lange will ich auf das Lesejahrprojekt (National Year of Reading) des britischen Schulbibliotheksverbandes SLA hinweisen. Hier passt es jetzt dazu. Von April bis Dezember werden jeden Monat mit jeweils unterschiedlichem thematischen oder literarischen Schwerpunkt Anregungen zum kreativen Umgang mit Literatur gegeben. Darunter zahlreiche hübsche Ideen, mit denen die Schulbibliothek auf sich aufmerksam machen kann.


Update 22.04.11: Die Website TeachersTV wird zwar geschlossen, aber die Clips können über andere Links gestreamt werden.

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4 Gedanken zu „Ideen für Leseförderung in der Schule

  1. worldwidelibrary

    Ich musste richtig schmunzeln: „Ich hätte das gerne mal gemacht. Aber mein Personalratsvorsitzender hätte das Schulamt angerufen, und gefragt, ob die Gesamtkonferenz beschließen dürfe, dass er im Matheunterricht lesen muss. Nötigenfalls hätte er sich an dem Tag krank gemeldet oder einen Wandertag machen wollen. Der Schuldezernent hätte mich gerügt, weil ich meine Weisungsbefugnis gegenüber Sekretärin und Hausmeister missbraucht hätte.“
    Hätte Loriot filmen können.

    Antwort
  2. wedernoch

    Mache ich mich jetzt unbeliebt, wenn ich sage, dass aus unserer Fortbildung fast alle weg waren, als nur noch die Stiftung Lesen im Programm war? Wir haben keinen Sinn gesehen zu bleiben. Aus Höflichkeit sahen sich einige gezwungen aus zu harren.

    Als wir damals mit der Leseförderung anfingen und speziell für unsere SchülerInnen Lesefutter suchten, da besuchten wir auch die Stiftung Lesen auf der Buchmesse. Total enttäuschend. Keiner hatte Interesse an uns und für uns gab es auch keine Hilfestellung. Ich habe bis jetzt nicht begriffen, für wen die Stiftung da ist.

    Antwort
    1. basedow1764 Autor

      Ich kann nachvollziehen, was Sie berichten.
      Es ist schade, denn die LAG verdankt der Stiftung in den Anfangsjahren wichtige Impulse.

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