Potsdam: Ein DDR-Alltagskulturmuseum in der Stadtbibliothek?

Ich nutze gerne die Gelegenheit, die beiden disparaten Schwerpunkte des Blogs – Schulbibliotheken und Aufarbeitung der SED-Diktatur – in einem Beitrag unterzubringen:

SLB-Gebäude

Gebäude der SLB Potsdam

Die Potsdamer Stadt- und Landesbibliothek (SLB), der ich mich als ehrenamtlicher Berater für Schulbibliotheken angeboten habe und dies auch wahrnehme, ist in einem Gebäude untergebracht, das manchen als Meisterleistung sozialistischer Stadtbaukunst gilt. (Update 2013: Lang ist´s her. Mein Angebot war nicht willkommen.)

Nun wird im Zuge eines Versuchs, die historische Stadtmitte am Alten Markt wiederzugewinnen, die Hälfte des Gebäudes abgerissen. Das riesige Gebäude wurde quer über Gässchen der verwinkelten Altstadt gebaut, in seinen Proportionen völlig unpassend, aber damit absichtlich die mächtige Nikolaikirche und die noch erhalten gebliebenen Gebäude des Alten Marktes an den Rand drängend. Der Teil, in dem sich die SLB befindet, wird renoviert. Die SLB wird, unter Erhalt der – zu renovierenden – Fassade, zu einer modernen, attraktiven Publikumsbibliothek umgebaut.

Entwurf neue SLB

Entwurf Innenansicht

Jetzt stellt sich heraus, dass der Umbau sehr teuer wird. Die Bibliothek soll daher abspecken und Räume zur Vermietung schaffen. Ladenhüter und veraltete Bücher sollen kräftig ausgesondert werden. Auch darüber wird, wie über alles in Potsdam,  heftig gestritten.

Es grenze an Kulturbarbarei, wenn z. B. ein Fachbuch aus den 80er Jahren über DDR-Medizintechnik nicht mehr verfügbar wäre. So der Journalist einer hiesigen Tageszeitung. Da könne ja einmal jemand forschen wollen. Auch die Idee, ein Ladengeschäft in der Bibliothek unterzubringen, stößt auf wenig Gegenliebe. Um Gottes willen, ein Fitnesscenter in der Stadtbibliothek! Dabei wird nicht erwähnt, dass die SLB ein ungewöhnlich umfangreiches Magazin besitzt (320.000 Einheiten; was mit ihrer Funktion als Landesbibliothek zu tun hat. Aber das hätte man auch vorher wissen können).

Im Grunde finde ich beide Vorschläge erst einmal diskussionswürdig, auch wenn mir Zahlen zum exakten Raumbedarf fehlen.

Der Gedanke an eine Stadtbibliothek in einem Einkaufszentrum oder in einer Geschäftsstraße ist doch nicht abwegig. Um diese Dimension  geht es leider überhaupt nicht. In Berlin geschieht gerade das Gegenteil: Die  Zentral- und Landesbibliothek, die Stadtbibliothek, soll auf dem ehemaligen Flugplatz Tempelhof neu gebaut werden.

Allerdings scheint die Untervermietung von Räumen in Potsdam unabwendbar. Die Stadt hat sowieso kein Geld, außerdem muss sie sich an der Milliarden teuren Sanierung wilder Müllkippen in Brandenburg beteiligen, auf denen sie ihren Müll entsorgen ließ. (Neapel lässt grüßen!)

Jetzt kommt die DDR ins Spiel: Kein Kommerz in die Bibliothek, sondern  eine Zweigstelle des Eisenhüttenstädter DDR-Alltagsmuseums, schlägt eine Kommunalpolitikerin vor.  So etwas fehle in Potsdam. Das wäre eine willkommene Ergänzung(!) zu den Gedenkstätten Stasi- und KGB-Gefängnis.

Nun gibt es  auf dem Territorium der ehemaligen DDR unzählige Alltagsmuseen. Ein weiteres ist schlicht überflüssig. In 30 km Entfernung, in Berlin, gibt es ein sehr gutes. Aber Potsdam braucht natürlich sein eigenes. Die Landesregierung wird dann Potsdam und Eisenhüttenstadt bezuschussen. Dem ist hinzuzufügen, dass die Regierung dem Eisenhüttenstädter Museum die Förderung versagen will, wenn es nicht zukünftig in seiner Ausstellung die Diktatur mit ihren alltäglichen Erscheinungsformen berücksichtigt. Damit ist alles gesagt über Sinn und Zweck der Alltagskulturmuseen. Sie werden nicht eingerichtet, um kritische Fragen an angepasste SED-Untertanen zu stellen. Deshalb auch mein Ausrufezeichung. (Nebenbei: Wo gibt es eigentlich Museen der Alltagskultur im nationalsozialistischen Deutschland?)

Allerdings verbirgt sich hinter der Forderung, den Diktaturalltag in den Vordergrund zu stellen und nicht ständig die Opferperspektive,  Geschichtspolitik.  Museen wie das ehemalige KGB-Gefängnis oder das Stasi-Untersuchungsgefängnis werden die „Bad Banks“ . Dorthin verirrt sich dann der Wessi, um sein Zerrbild von der DDR zu pflegen. Die Light-Version der DDR wird im Alltagskulturmuseum ausgestellt: Brühwürfel, Trabis und Pionierhalstücher.

Wenn es denn schon ein Museum sein muss:

Potsdam, eine ehemalige SED-Hochburg mit mehreren Hochschulen, einem Bezirksrechenzentrum,  hoher Militär- und MfS-Dichte (fast 1.000 konspirative Wohnungen bei ca. 50.000 Haushalten) und ein Hauptquartier des KGB, sollte die DDR-Aufarbeitung etwas gründlicher angehen. Ich habe noch kein Museum gefunden, in dem z. B. die chaotische Planwirtschaft ausgestellt wird.

Darüber erfährt man bisher Erhellendes vor allem aus DDR-Witzen. Oder in den entlegenen Berichten der Enquetekommission der 90er Jahre, die es in Schulen und Buchhandlungen nicht, aber immerhin in der SLB gibt. Und die sie bitte nicht aussondert!

In einigen Jahren werden sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur SLB Landtagsabgeordnete in eine Art wieder aufgebautes, in seinen Proportionen verändertes Stadtschloss zwängen.

(Wenn die SED die die Ruine nicht gesprengt hätte, wär´s einfacher und billiger geworden.)

Die SED hat in Schlössern, sofern sie sie nicht sprengen ließ,  gerne Altenheime, Kindergärten oder Krankenhäuser untergebracht, neben und in Schlossparks Trabi-Garagen, Schrebergärten und Bolzplätze. Meine Vorstellung von Überwindung des Feudalismus war immer anders: Die Stadtbibliothek müsste ins Schloss. (Bautechnisch sicher nicht ganz einfach. Ich hätte sogar über einen schicken Neubau mit mir reden lassen. Abgesehen von wenigen Ausnahmen wie dem Düsseldorfer Landtag ist ein schicker Bibliotheksbau machbarer als ein hinreißendes  Politikverwaltungsgebäude. ) Statt Champagner schlürfender Adeliger drängte sich im Schloss Lesepublikum um die Regale. Diese Idee wurde in Potsdam schon vor Jahren verworfen. Leseförderung durch Schlossneubau! Wär´doch ein schönes Motto gewesen.

Bei der ersten repräsentativen Umfrage 1997, ob die Potsdamer das Stadtschloss wieder haben wollten, waren es übrigens die 14-19jährigen, die mit 55% dafür stimmten, die 60+ Generation schaffte keine 30%.

Nachtrag zu Alltagskulturmuseen, 11.11.2009: Bei der Beschäftigung mit dem Thema fällt mir noch etwas auf. Es ist legitim, sich an den Alltag in der DDR zu erinnern. Gerade auch weil  nach der „Wende“ die 1.000 Dinge des Alltags, von der Zahnpastatube bis zum Pkw anders hießen und anders aussahen. (Es gibt bei Stanislaw Lem eine Szene, in der die Raumfahrer auf einem Planeten landen und erst einmal blind durch die Gegend tapsen, weil es keinen von der Erde vertrauten Umriss – z. B. eines Baumes, eines Hauses – gibt. Sie erkennen nichts.)

Aber bei der musealen Erinnerung durch Alltagskulturmuseen siegt noch einmal der Kollektivismus. Es geht nicht um die Dokumentation von individuellen Schicksalen, sondern um das Werk, die LPG, die Feiern, die Aufmärsche. Wenn ich Bücher wie das von Geipel, Petersen, Black Box DDR, über die Schicksale einzelner Menschen lese, finde ich eine Alltagskultur, die nicht ausgestellt wird. (Nachtrag 26.6.10)

Es geht auch nicht um Heimatmuseen, wie es sie zaghaft in Westpolen oder im russischen Ostpreußen gibt, wo man sich der vergessenen oder verdrängten Geschichte erinnert, oder um die in Westdeutschland zahlreich entstandenen Heimatmuseen, die die Geschichte der Stadt oder der Region bis in die Steinzeit dokumentieren. Man vergewissert sich gerade in den mit einförmigen Einkaufszentren, Wohnsiedlungen und Gewerbegebieten überwucherten Dörfern und Kleinstädten der gesamten jeweiligen Dorf- und Stadtgeschichte.

DDR-Alltagsmuseen sind – das ist schon auffällig – selten Teil des Heimatmuseums, wie in Wittstock. Die Erinnerung an die Geschichte vor der DDR, die laut des SED-Geschichtsbuchs Klasse 10 die Erfüllung der geschichtlichen Entwicklung darstellte, interessiert die Verfechter der Alltagsmuseen wenig. Davor herrschten Feudalismus und Bourgeoisie, also Auszumerzendes, auch wenn es zumindest Marx nicht physisch gemeint hat. Deshalb sind die Alltagskulturmuseen überall gleich, wenn man davon absieht, dass das Traktorenwerk hier Puschkin, dort Gorki hieß. Die Verfechter der vermeintlich unpolitischen Alltagskulturdarstellung lügen sich in die Tasche: Gerade der Alltag war es doch, der von den Kommunisten geprägt wurde.

8 Gedanken zu „Potsdam: Ein DDR-Alltagskulturmuseum in der Stadtbibliothek?

  1. Pingback: Enquete-Kommission bleibt dem Brandenburger Weg treu | Ampelmännchen und Todesschüsse

  2. basedow1764 Autor

    Die Debatte um die Renovierung der Stadt- und Landesbibliothek lebte erst „5 nach 12″auf. Geplant war, die Renovierung ohne die in Potsdam bei der Rekonstruktion der historischen Innenstadt übliche Prozedur von Workshops und Ausschreibungen einzuhalten. Als dann die etwas einfallslose und ins Gesamtbild nicht passende Fassade des renovierten Gebäudes bekannt wurde und, dass die Entscheidung so und nicht anders zu bauen, längst gefallen sei, kam es zur unvermeidlichen Diskussion. Die sollte durch gesteuerte Wortmeldungen in einer öffentlichen Veranstaltung und durch einen Maulkorberlass des OB für den Baudezernenten entschärft werden.

    Die Stadtbibliothek ist in einem Gebäude untergebracht, das (N)ostalgiker als Denkmal der DDR-Stadtbaukunst erhalten wissen wollen. Pikanterweise erzählt der damalige Architekt heute, dass er davor gewarnt habe, einen Klotz mit der Anmutung eines Kaufhauses ins historische Ambiente zu stellen. Er sei aber so beschieden worden.

    Es gibt Gerüchte, die besagen, dass mit dem Versprechen, das Bibliotheksgebäude nicht abzureißen, sondern zu sanieren, die Zustimmung der Linkspartei zum Neubau eines schlossähnlichen Landtags an der Stelle des von der SED abgerissenen Hohenzollern´schen Stadtschlosses erkauft worden sei.
    Die Kritik des Baudezernenten ist trotz Maulkorberlass durchgesickert. Er monierte vor allem die mit einem Glasdach versehene Eingangshalle, die gewaltige Energiekosten verursachen würde. Siehe auch hier!

    Antwort
  3. basedow1764 Autor

    Der Potsdamer Zeitgeschichtler Professor Martin Sabrow ist Verfechter eines DDR-Alltagskulturmuseums in Potdam.

    Was darin zu sehen sein wird, kann man in seinem Buch „Erinnerungsorte der DDR“ schon vorbesichtigen: Sandmännchen, Blauhemd, Einkaufsbeutel und Jugendweihe.
    Gut, es steht auch etwas über Fluchttunnel und Bautzen drin.
    Ist halt alles gleich gültig.

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  4. Frank

    In welcher Welt leben Sie bedauernswertes Wesen eigentlich, dass Ihre Geschichte nur KGB udn MfS (der korrekte Name, soviel Zeit muss sein) kennt? Nein die DDR darf nichts positives haben, es war nur Stacheldraht, Mauer, Selbstschussmaschinen, tagtägliche Bespitzelung im dunklen, dunklen von täglichen Befehlen durchsetzten Kommunismus…. Ihr Blog ist so skurril, dass es schon wieder witzig ist und als Satire richtig gehend gut.
    Ihre Bilderstürmerei beweist nur eines: einen kranken Geist in einem kranken Hirn – oder eben richtig gute Satire!

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  5. basedow1764 Autor

    Wenn schon ein Alltagskulturmuseum, dann eines der Nachwendezeit.
    Das Skript dafür liefern Uwe Müller/Grit Hartmann mit „Vorwärts und nicht vergessen. Kader, Spitzel und Komplizen: Das gefährliche Erbe der SED-Diktatur“.

    Sie schreiben u.a., dass in der Stiftung Aufarbeitung die Linkspartei und ihre Sympathisanten dezent mitwirken und in der Gauck-/Birthler-Behörde Mitarbeiter aus der Leitungsebene des MfS stammen. (Über das MfS in der Stasi-Unterlagenbehörde schrieb Jürgen Fuchs schon 1997.)
    Während in Ostdeutschland Millionen in Aufarbeitung und politische Bildung gesteckt würden, liege die Zustimmung zum demokratischen Staat bei 30%. In Polen und Tschechien, wo viel weniger Aufwand getrieben wird und die Täter konsequenter aus ihren Funktionen entfernt wurden, liege die Zustimmung bei 60 und 80%. Wenn das alles stimmt, muss man sich zumindest an den Kopf fassen.

    Ich fand das Buch in einer Potsdamer Buchhandlung! Daher schränke ich meine Kritik, dass die vor allem Bücher von Edgar Most, Krenz, Gysi, Modrow und Sarah Wagenknecht sowie der Edition Ost auslegen, ein wenig ein.

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  6. bildungstadtschloss

    Das ganze SLB-Theater mutet schon sehr peinlich an… Besonders peinlich finde ich allerdings in dieser Sache die Direktorin der SLB. Unterstützt freimütig die Pläne der Stadtverwaltung – für mich völlig unverständlich. Wer Straßenbahngleise um 5 Meter verlegen kann, wer eine neue Straßenbahnbrücke baut, keine 10 Jahre nach der Sanierung der Straßenbahngleise, der hat auch 2,5 Mio € für die Sanierung der wichtigsten Bildungs- und Kultureinrichtung der Innenstadt – oder?

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  7. basedow1764 Autor

    In Los Angeles gibt es das „Wende-Museum„. Es ist die weltweit größte Sammlung von Materialien aus dem ehemaligen Ostblock -überwiegend DDR -. Es ist kein Publikumsmuseum, sondern „Hobby“ eines Historikers und dient wissenschaftlichen Zwecken.

    Antwort

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