Medienkiste DDR (7): Von der „Konsensdiktatur“ zum „Schuss Willkür“

Man könnte meinen, Erwin Sellering, der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, wäre Schüler einer 10. Klasse in Marzahn-Hellersdorf. Zumindest, was seine politische Bildung angeht. Fehlte nur noch, dass er Honeckers Autobahnbau lobt.

Update: „Sellering revisited“ (31.3.12)

Bei allem Verständnis für Angehörige der politischen Klasse, die um Aufmerksamkeit und Wählerstimmen buhlen müssen, es sollte Grenzen geben. Sogar Repräsentanten der Partei „Die Linke“ waren verblüfft.

Vielleicht haben aber Herr Sellering und seine PR-Berater/innen nur das Ohr näher am Volk. Laut einer Dimap-Umfrage der Friedrich-Naumann-Stiftung, würden 39% der befragten Ostdeutschen das Experiment Sozialismus noch einmal machen wollen. Und 50% behaupten, das „westliche System“ wäre ihnen aufgezwungen worden. Ein „Schuss Willkür“ klingt dann wie „Salz in der Suppe“, gäbe dem Sozialismus etwas Pepp.

Falls die Thalbachs, Sodanns und Dahns das Experiment noch einmal wiederholen möchten, müsste auch Berlin (West) wieder aufleben. Denn wenn in der Zentralverwaltungswirtschaft Engpässe auftraten, fuhr man schnell nach Westberlin, um das fehlende Fotokopierpapier u.a. zu besorgen. Ganz zu schweigen von den Regalen im Konsumladen von Wandlitz und der Ausstattung der Villen der Nomenklatura. (Man wird wohl beim nächsten Experiment über die Oder nach Polen fahren müssen.)

Gerade wurde das Buch „Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, von Sascha-Ilko Kowalczuk in Berlin vorgestellt.

Auf dieser Präsentation lobten es Gerhard A. Ritter und Gerd Poppe. Prof. Sabrow musste den Kritiker geben, damit die von  Stephan Detjen, Chefredakteur des Deutschlandfunks, hervorragend moderierte Podiumsdiskussion lebhaft wurde, aber er tat es verbindlich und ließ auch Lob erkennen. Ihm ist das Buch zu narrativ, wenn ich es richtig verstanden habe, die Darstellung zu wenig distanziert und nicht explizit von erkenntnistheoretischen Prämissen geleitet. Überraschend und ein Erkenntnisgewinn für Historiker sei die Darlegung, dass Mielke als einziger in der Endphase der DDR rational und konsequent – im Sinne des Regimes – gehandelt habe.

Kowalczuk ist Projektleiter in der Forschungsabteilung der Birthler-Behörde. Sein ehemaliger Chef, Joachim Gauck, und Marianne Birthler waren anwesend.

Ich habe bisher nur darin geblättert, will also noch keine generelle Leseempfehlung geben.

Update: Meine Meinung zum Buch hier.

Allein die Bemerkungen am Schluss des Buches, warum es sich bei der „Wende“ um eine Revolution handelte und warum man sich so schwer tut, diesen Begriff anzuwenden, haben mich aber schon überzeugt. Auch die feine Beobachtung, dass in der DDR die Menschen in Uniform prinzipiell unfreundlich und belehrend waren, die Bürger von oben herab, als Bittsteller oder potentielle Unruheherde behandelten. Erst nach der „Wende“ hätten DDR-Bürger gelernt, dass Eisenbahner oder Polizisten auch freundlich sein können. (Meines Erachtens hat Kowalczuk die Kellner vergessen.)

Prof. Sabrow  verteidigte Begriffe wie Konsensdiktatur (Konrad Jarausch) und partizipative Diktatur (Mary Fulbrook) zur Kennzeichnung der DDR. Er illustrierte die seiner Meinung nach brauchbare Kennzeichnung als Konsensdiktatur mit einem Beispiel dafür, wie wichtig den Kommunisten der Konsens war: Der NKWD-Chef Berija habe einen schon fast zu Tode gefolterten Häftling noch mit der Forderung gequält, endlich ein Geständnis zu unterschreiben. Erst als dieser sich weiterhin weigerte, ließ er ihn erschießen. Das Publikum murrte vernehmlich.
Wenn das mit Konsensdiktatur gemeint ist…. Es gab einmal eine Zeit, da wurde so etwas Terrorregime genannt. Kowalczuk hält Sabreow „wirre“ Begriffskonstruktionen entgegen. Allerdings ist Sabrow mit Kowalczuk einer Meinung. dass es sich um eine Revolution handelt, was 1989/90 passiert ist.
Wolf Biermann hält das von Jarausch und Sabrow gebrauchte „Konsensdiktatur“ für „verbrecherischen Unsinn“.

Götz Aly untersucht in seinem Buch „Hitlers Volksstaat“ inwieweit die Nationalsozialisten eine Gefälligkeits- und Wohlfahrtsdiktatur errichtet hatten.

Nachtrag: Meine Meinung zu Kowalczuks Buch hier.

Update 3.4.09: Erinnerungsstätte „Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde. Der Text steht jetzt hier.

Nachtrag 30.05.09: Auf dem Berliner Geschichtsforum 09 am Pfingstwochenende lernte ich von Herrn Sabrow eine weitere Koseform für die DDR kennen: „Wahrheitsdiktatur„. Er mokierte sich in der gleichen Veranstaltung auch über die Versuche, den von der SED eingeführten Begriff „Wende“ zu problematisieren.

Nachtrag 14.9.12: Die neueste Wortschöpfung: Mitmachdiktatur.

Advertisements

3 Gedanken zu „Medienkiste DDR (7): Von der „Konsensdiktatur“ zum „Schuss Willkür“

  1. Pingback: Erinnerungsstätte “Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde” | Ampelmännchen und Todesschüsse

  2. Frank

    Rosenberg wäre froh gewesen ein solches rhetorischen Vorbild gehabt zu haben….

    Wann liest man bei Ihnen mehr als pure Propaganda??

    Antwort
  3. basedow1764 Autor

    Könnte ich Prof. Sabrow bei seiner Verteidigung von Begriffen wie „Konsensdiktatur“ missverstanden haben?
    Geht es dabei gar nicht um Weißwaschung der DDR-Diktatur? Schon das Berija-Beispiel hätte mich stutzig machen sollen.

    Jetzt lese ich gerade das geniale Buch von Karl Schlögel, Terror und Traum, der ein Panorama, wenn man das in diesem Zusammenhang so sagen kann, von Moskau 1937/38 aufzeigt, den Jahren, in denen Stalins Terror seinen Höhepunkt hatte. 1,5 Millionen allein 1937/38, langjährige, vor allem jüdische Weggefährten, einfache Parteimitglieder, Nomenklaturaangehörige, Führungskräfte aus Armee und Wirtschaft, ausländische Genossen, wurden umgebracht. In Moskau wurden ganze Straßenzüge nach „Doppelzünglern“, Feinden des Bolschewismus in den eigenen Reihen, durchkämmt.

    Ziel der Schauprozesse, deren beobachtbarer, formaler Ablauf von seriösen westlichen Beobachtern als durchaus rechtstaatlich(!) bezeichnet wurde, war es, die Beschuldigten zu bessern, auf den Pfad kommunistischer Tugend zurückzuführen. Dazu mussten sie ihre – angeblichen – Fehler und Verbrechen eingestehen, sich selbst bezichtigen, widerrufen, um Vergebung bitten, die Todesstrafe für sich selbst fordern.
    Es war eine Übersteigerung der in kommunistischen Parteien üblichen Kritik und Selbstkritik, „offenen“ Aussprache, Disziplinierung und Selbstdisziplinierung, jetzt konsequent bis zur Hinrichtung.

    Konsensdiktatur wäre also die widerlichste, hinterhältigste Form von Diktatur. Der Feind wird nicht „nur“ getötet. Er wird erniedrigt, einer Gehirnwäsche unterzogen, psychisch gefoltert, indem man ihm scheinbar die Hand reicht, die Wiederaufnahme in die Vorhut der Arbeiterklasse suggeriert, und dann doch, praktischerweise gleich im Keller des Gerichts, erschießt oder im GULag verschwinden lässt.
    Das mag auch erklären, warum Stalin, Beria, auch – in mindestens einem Fall – Ulbricht, ihre einstigen Weggefährten im Gefängnis aufsuchen, mit ihnen diskutieren und sie erst dann hinrichten lassen.

    Nicht zu vergessen: Zehn Jahre nach diesem Terror errichten diejenigen deutschen Kommunisten, die diese Hölle der gegenseitigen Denunziation und des Verrats überlebt haben, die SED-Diktatur.

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s