Die Würde des Lehrers…

Der Pater Klaus Mertes ist Rektor des Berliner Canisius-Kollegs. Das ist ein Gymnasium mit einer Schulbibliothek und einer Schulbibliothekarin.

Der Artikel „Die Würde des Lehrers liegt nicht in der Erwartungserfüllung“ erschien am 19.3.09 in der FAZ und ist wie üblich gegen Gebühr (3,45 €) im Archiv zu bekommen.

Ein guter Lehrer, so schreibt er, muss Kompetenz und Begeisterung für sein Fach mitbringen. Schule bewahre ihn aber vor Fachidiotentum. Er muss sein Fachwissen nämlich didaktisch reduzieren, so dass die Jugendlichen die Antworten auf ihre Fragen verstehen. Didaktische Reduktion sei eine berufsspezifische Anstrengung. Sie setze Fachverständnis voraus, eine Bereitschaft zur ständigen Weiterbildung, die sich nicht zuletzt aus der Begegnung mit den Schülern ergebe. Didaktische Reduktion sei mehr als bloße Vereinfachung, sei ein schöpferischer Vorgang.

Vor allem diese Passage ist mir wichtig, weil ich die Kategorie „didaktische Reduzierung“ in dem Hype um Informationskompetenz vermisse. Es ist ja nicht so, dass schulisches Lernen mit Hilfe von Tafelanschrieb, Quellenheften und Lehrbüchern vor der Ausrufung der Wissensgesellschaft und der Erfindung digitaler Suchmaschinen grundsätzlich mangelhaft war und erst das Surfen auf dem Meer der Informationen, die Beherrschung Boole´scher Operatoren und die Kompetenzen der kritischen Evaluation von Webseiten wahre Bildung ermöglichte. Das globale Internet scheint mir die didaktische Reduktion, die in nichtdigitalen Unterrichtsmaterialien dank der Leistung von Fachdidaktikern, Lehrbuchautoren und Lehrern gewährleistet war, nicht zu kennen. Alles scheint gleich gültig, gleich wichtig zu sein.

Ich sah kürzlich in einem Museum zur DDR-Geschichte einen einführenden Text zu einem Ausstellungskapitel, den ich hervorragend gelungen fand in seiner Verknappung und Verständlichkeit. Mein erster Gedanke war: „Darf ich diesen Text überhaupt einsetzen oder müssen sich die Schüler das nicht selbst ergooglen?“ So weit ist es schon gekommen. (Es ging bei der Frage nicht um das Copyright Der Museumsleiter war einverstanden.)

Mertes spricht auch die erzieherische Dimension an. Man kann sich als Fachlehrer nicht  den Sorgen, den Beziehungsdramen und Lebenskrisen der Schüler entziehen, diese Dimension auch nicht nur an Sozialarbeiter und Schulpsychologen auslagern. So sehe ich  das auch: Man unterrichtet Schüler und nicht bloß das Fach Geschichte. Mertes macht einen Unterschied zwischen Abwimmeln und verantwortungsbewusstem Delegieren. Denn zum Lehrberuf gehöre auch das Erkennen der eigenen Überforderung. Grundsätzlich sei aber das Vertrauen von Eltern und Schülern in die Institution Schule und in den Beruf des Lehrers ein hohes Gut. Wer damit nicht umgehen könne, sei für den Lehrberuf nicht geeignet.

Auf der Schule laste wachsender Druck. Der Strudel an Reformen erzeuge Chaos. Das achtjährige Gymnasium führe dazu, dass immer mehr Stoff in die Hausaufgaben ausgelagert werde, die Zunahme der Prüfungen führe zu mehr Unterrichtsausfall. So ist es! Nicht mehr nur in Gymnasien wegen des Abiturs, auch in den Haupt-, Real- und Gesamtschulen fällt wegen der Mittleren Abschlüsse tagelang in fast allen Klassen Unterricht aus. (Und kein ministerieller oder bildungspolitischer Hahn kräht danach.) Ganztagsschulen würden gebaut, aber ohne Arbeitsplätze für Lehrer. Der „ökonomisierte Schulmanagerjargon“ („Leistungsvereinbarung“, „Schüler als Kunden“, Lehrer als °Lernprozess-Moderatoren“) verändere die Atmosphäre in den Kollegien. Eltern ängstigten sich, weil wegen der Erkrankung eines Biologielehrers im 5. Schuljahr die Chancen ihrer Kinder auf dem Arbeitsmarkt sinken würden.

Zum Ethos des Lehrberufes gehöre es, nicht (nur) ausführendes Organ gesellschaftlicher oder ökonomischer Interessen zu sein. Lehrer müssten Druck aushalten und Druck pädagogisch verantwortungsbewusst ausüben. Auch Jugendliche erlebten Anpassungs-, Konformitäts- und Erwartungsdruck von Eltern und Lehrern und übten selbst Druck auf Lehrer aus. Schule dürfe nicht der Ort sein, an dem Druck einfach nur weitergegeben werde. Der Sinn von Schule sei, eigenständiges Denken und Handeln zu fördern, nicht auf Druck und Interessen zu reagieren. Ziel von Bildung sei Freiheit. Um dies zu leisten, brauche der Lehrer innere Muße. Der Religions- und Lateinlehrer Mertes erinnert daran, dass „schola“ Muße heißt.

Update 12.4.09:

Volker Pispers trägt die volkstümlich-visuelle Version vor! Seine Homepage!

(Dank an Günther Brée für diesn Hinweis.)
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3 Gedanken zu „Die Würde des Lehrers…

  1. basedow1764 Autor

    Schulleiter Mertes ist zur Zeit nicht zu beneiden. Die Missbrauchsfälle der Vergangenheit sind jetzt öffentlich geworden.

    Zum Durchatmen geht er laut „Die Zeit“ in die Schulbibliothek.

    Antwort
  2. Günther Brée

    … da kann ich nur immer wieder nickend zustimmen. – Und übrigens heißt nicht nur „schola“ Muße, sondern das mhd. „arebeit“ auch Mühe!

    Antwort

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