Zur Entwicklung und Lage der Schulbibliotheken in Deutschland

So lautete der Titel eines Textes aus der ehemaligen dbi-Beratungsstelle für Schulbibliotheken. (Die Quelle finde ich weder im Internet noch in meinen Schubladen.) Er ist wohl ca. 20 Jahre alt, brauchte aber nur geringfügig aktualisiert zu werden. Im Nachgang zu den Begegnungen und Gesprächen auf dem 19. Hessischen Schulbibliothekstag am 21.3.09 fiel er mir wieder ein.

 

Meine Aktualisierung kursiv.

Die Entwicklung der Schulbibliotheken ist von vielen Schwankungen begleitet. Seit  den 60er Jahren sind sie dem kommunalen Büchereiwesen zugeordnet. In den 70er Jahren kam es zur Gründung einiger moderner Schulbibliotheken, oft im Organisationsverbund mit einer Stadt- oder Gemeindebibliothek. Später ergriffen mehr und mehr die Schulen selbst die Initiative und bauten in Eigenregie ihre Schulbibliotheken auf. Die Ursache für diesen Wandel liegt u. a. im Fehlen eines umfassenden Masterplans.

Von den etwa 37.000 allgemein bildenden Schulen haben nur wenige eine bibliotheksfachlichen Standards entsprechende und/oder als Lernort in den Unterricht integrierte Schulbibliothek.

Es gibt keine Gesetzgebung für Schulbibliotheken. In den Schulgesetzen wird lediglich auf die Zuständigkeit der Schulträger verwiesen. Es gibt keine gemeinsamen Standards, keine Finanzierungs­richtlinien. Während der Staat, die Bundesländer, für das Schulwesen zuständig ist, fällt das Büchereiwesen in die Zuständigkeit der kommunalen Gebietskörperschaften. Da es nicht zu den kommunalen Pflichtaufgaben gehört, bringen die Schulträger die für Schul­biblio­theken notwendigen finanziellen, räumlichen und personellen Ressourcen nur selten auf. In den wenigen föderalen Bibliotheksgesetzen und dem dbv-Musterentwurf  kommen Schulbibliotheken allenfalls deklamatorisch vor.

Im Zuge der Bundeszuschüsse für Ganztagsschulen (IZBB-Mittel) haben allerdings zahlreiche Schulträger 2007/8 Bibliotheksräume in Schulen und sogar Bibliotheksgebäude auf dem Schulgelände errichtet.

Am ehesten sind es noch die Gymnasien, in denen Schulbibliotheken eingerichtet werden, gelegentlich auch Gesamtschulen, inzwischen auch viele Grundschulen. In Rheinland-Pfalz haben z. B. alle Gymnasien eine Bibliothek. Planstellen für pädagogische Assistenten, die auch in der Bibliothek eingesetzt werden können, zahlte früher das Land. Auch in Bayern sind es vor allem die Gymnasien.

Eine positive Entwicklung gab es in den Städten, die schulbibliothekarische Arbeits­stel­len besitzen. Hier bildeten sich lokale Organisationsnetze der Schulbibliotheken unter Verantwortung der öffentlichen Bibliothek. Leider wurden manche Netze wieder ausge­dünnt und die Bibliotheken werden von Lehrkräften und Eltern weitergeführt oder geschlos­sen (Offenbach, Wiesbaden). In ländlichen Regionen sind Schulbibliotheken nur spärlich zu finden. In Hessen haben kleinere Gemeinden ihre Stadtbücherei der Schule übergeben, die sie im Rahmen der Schulbibliothek weiterführen.

Mehr als die Hälfte der deutschen Schulen hat dennoch mindestens eine Büchersammlung zur Unter­stützung des Lesens im Rahmen des Deutschunterrichts oder eine kleine Ausleih­bücherei, die von Eltern oder Lehrkräften betrieben wird. Die Preisverleihung „Schulbibliothek des Jahres 2009″ in Hessen hat gezeigt, dass insbesondere in Grundschulen „aktive“ Bibliotheken entstanden sind.

Leseförderung (Autorenlesungen, Schreibwerkstätten, Jugendbuchlektüre im Unterricht) und das Training von buchbezogenen Arbeitstechniken hatten in den deutschen Schulen in den 90er Jahren einen starken Aufschwung erlebt, ohne dass sich dies damals auf das Schulbibliothekswesen positiv ausgewirkt hätte. Jetzt schreitet die Digitalisierung der Schule (Computerräume, Medien­ecken, Internetzugänge, Verwendung neuer Medien im Unterricht) voran, ohne dass immer ein Zusammenhang mit Schulbibliotheken gesehen wird.

Derzeit werden verstärkt Fragen nach einer Bewertung der Qualität von Schule und Unterricht gestellt sowie nach den pädagogischen Konzepten (Schulprogramme) der einzelnen Schulen. In diesen Zusam­menhängen nimmt das Interesse am Aufbau leistungsfähiger, pädagogisch orientierter Medieneinrichtungen zu; denn ‚gute‘ Schulbibliotheken können mit ihren „Produkt-“ und Serviceangeboten für Unterricht und Schulkultur eine wichtige Rolle spielen.

Der Einzug moderner Technologien in die Schulen bietet Gelegenheit, dass sich Schul­bibliotheken zu wichtigen Schaltstellen der Information und Kommunikation entwickeln. EDV und Internet werden aber eher dem Informatikunterricht zugerechnet als dem Schulbiblio­theks­bereich.

 

Das Gesamtbild ist geprägt von lokalen, regionalen und länderspezifischen Entwicklungen. Schulbibliotheken sind in vielen Schulen lediglich ein Hilfsmittel für lesefördernde Maßnahmen und außerunterrichtliche Aktivitäten. Entgegen kommt dieser Sichtweise die Forderung der Bibliotheksverbände, die öffentliche Bibliothek als Bildungspartner und außerschulischen Lernort zu nutzen. Dies wiederum kommt den Schulministerien und Schulträgern entgegen. Forderungen nach einem Ausbau des Schulbibliothekswesens lehnen sie mit Verweis auf Kooperationsverträge mit dem Deutschen Bibliotheksverband ab.

Ohne eine gleichzeitige Schulbibliotheksinitiative bleiben die Kooperationsverträge des dbv ein weiterer deutscher Sonderweg. Diese Form von private-public-partnership ist verwaltungsrechtlich pikant. Landesregierungen, die keine Zuständigkeit für das öffentliche Bibliothekswesen haben, schließen Verträge mit einem eingetragenen Verein, der selbst nicht Träger öffentlicher Bibliotheken ist. Diese Verträge verpflichten Einrichtungen kommunaler Gebietskörperschaften, Aufgaben zu übernehmen, für der Staat zuständig wäre.

Manche Juristen in Stadtverwaltungen und einige Kommunalpolitiker haben das erkannt und verbieten ihren Bibliotheken (Unter-)Kooperationsverträge mit Schulen abzuschließen.

Die Unzuständigkeit der Kultusministerien, die für das gesamte restliche Schulwesen zuständig sind, hemmt die Entwicklung eines modernen Schulbibliothekswesens.

Noch zu selten werden Schulbibliotheken als organisatorisches und methodisches Instrument für Lernen und Arbeiten im Fachunterricht gesehen, als Informationszentrum, das innerschulisches Wissensmanagement betreibt, und als Lernort für Medien- und Informationskompetenz.

In Schulbibliotheken steht qualifiziertes Personal nur selten zur Verfügung. Im Regelfall ist eine Lehrkraft neben der Unterrichtstätigkeit auch noch für die Schulbibliothek verantwort­lich. Sie oder er wird oft durch ehrenamtliche Hilfskräfte (Schüler, Eltern) unterstützt.

Zu einem fortgeschrittenen Schulbibliothekssystem gehören aber Spezialisten, die dafür qualifiziert sind, zusammen mit Fachlehrer/innen Unterricht zu planen und durchzuführen, die Lesekultur an der Schule zu fördern, einzelne Schüler/innen und Gruppen bei Informationsrecherchen zu unterstützen und Kollegium und Schulleitung bei der Qualitätsentwicklung der Schule zu beraten.

Der Entwicklungsrückstand zu anderen europäischen Staaten, insbesondere zu skandinavischen und angelsächsischen Ländern in der ganzen Welt, ist beträchtlich.

Nur wenige Facheinrichtungen bieten auf lokaler oder regionaler Ebene Dienstleistungen für Schulbibliotheken wie Planung, Einrichtung, Bestandsaufbau,  EDV- und Internet-Nutzung an. Ganz anders etwa in Dänemark, wo amtscentralen in jedem Landkreis Supportfunktionen für die Schulen und Schulbibliotheken haben.

Schulbibliotheken sind kein Thema der Lehreraus- und -fortbildung, gehören nicht zu den Aufgaben der Schulleitungen, haben keinen gesicherten Anteil am Schulhaushalt.

Nicht zuletzt fehlt den Schulbibliotheken die Akzeptanz in der Lehrerschaft: Die geringe Verbreitung fächerübergreifenden, handlungs- und projektorientierten Unterrichts, die Do­minanz der Gymnasien im Schulsystem, in denen überwiegend eine akademische Lehr­tradition gepflegt wird, das Vorhandensein perfekter Lehrbücher, in denen der Lehrstoff schülergerecht (gilt für Mathematik nur bedingt) aufbereitet ist, lassen eine moderne Schul­bibliothek entbehrlich erscheinen.

Dennoch: Das unermüdliche Bohren dicker Bretter hat das Klima positiv verändert. Es gibt in ein paar Ländern Landeslizenzen für Katalogisierungssoftware, es gibt zunehmend Fortbildungsangebote für die Einrichtung und die Nutzung von Schulbibliotheken. Eine Website des Deutschen Bibliotheksverbandes bietet fachliche Hilfe für Organisation und Einrichtung.

Ein deutliches Zeichen für diesen Klimawandel ist, dass Anfang der 90er Jahre in Altavista noch keine 1.000 Treffermeldungen angezeigt wurden, wenn man „Schulbibliothek“ eingab. Heute sind es bei Google 245.000!

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2 Gedanken zu „Zur Entwicklung und Lage der Schulbibliotheken in Deutschland

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