Zur Einrichtung von Schulbibliotheken 12: Lokaler Lobbyismus

(In der Rubrik „Zur Einrichtung“ sollen nicht nur Hinweise auf die Regaltiefe und die Lichtstärke der Deckenbeleuchtung erscheinen. Ich hoffe, das findet Verständnis.)

Wie gewinne ich die Unterstützung der Politik?

 

Die Schulbibliothek verstehen lernen

Die wenigsten Politiker/innen kennen Schulbibliotheken, noch weniger ihr Potenzial für die Steigerung von Schulqualität und Lesekompetenz.

Ernstzunehmende Erwähnung in Gesetzen, gar im Schulgesetz, wie in Dänemark und anderen Ländern, finden sie nicht. Das Berufsbild des Teacher-Librarian existiert ebenfalls nicht. Spricht man politische Entscheidungsträger/innen auf Schulbibliotheken an, so wird man, wenn sie überhaupt Zeit zum Zuhören finden, gefragt, ob denn ein gelegentlicher Besuch in der Stadtbücherei nicht ausreichte.

Es wäre wichtig, die Rolle der Schulbibliothek in die Köpfe unserer politischen Elite zu bringen. Die meisten haben eine Schule seit ihrer eigenen Schulzeit nicht mehr gesehen und Bibliothek assoziieren sie oft noch mit einem stillen, düsteren Raum, in dem Bücherregale von einer Karteikarten sortierenden Person bewacht werden.

Dass die Schulbibliothek ein Lern-, Informations- und Kulturzentrum ist, ist „draußen“ weitgehend unbekannt (Gelegentlich auch im Lehrerkollegium).

Manche hoffen, dass Bundes- und Landespolitiker sich irgendwann einmal auf das Thema stürzen, wenn es nur lange genug Resolutionen gegeben hat. Bisher hat sich das als abwegig erwiesen. Sogar Hinweise auf vermutete Zusammenhänge von guten Schulbibliotheken und guten PISA-Ergebnissen bringen nichts. Erst eine Wirtschaftskrise führt zu Investitionen in Schulen. Nicht etwa um die Bildung zu verbessern, sondern um die (Bau-)Konjunktur anzukurbeln. (Nebenbei: Die Inlandskonjunktur ist nicht so sehr das Problem und die Bauindustrie schon mal gar nicht.)

Wenn Politiker/innen verstanden hätten, was gute Schulbibliotheken bewirken, wären sie aufgeschlossener. Wie erreicht man das?

Think global, act local!

Wenn die Bundes- und Landespolitiker schon ausfallen, bleibt die Lokalpolitik. Und da lohnt es sich anzusetzen:

  • Man sollte überlegen, wen man anspricht: Den Bürgermeister, den Landrat, die Kultur-, besser noch die Schuldezernentin (Die Nennung ist geschlechtsneutral gemeint.), die Schulausschussmitglieder in der Stadtverordnetenversammlung und im Kreistag,
  • In der Schule und der Schulbibliothek ist doch immer was los! Die Politikprominenz wird eingeladen. Und da ergeben sich Gesprächsmöglichkeiten. Man lädt den Bürgermeister zum Vorlesen in der Lesenacht ein.
  • Politiker erwarten keine larmoyanten Resolutionen oder machtvollen Forderungen, sondern konkrete Vorschläge: Ein Haushaltsposten für Autorenlesungen in den städtischen Schulen; eine Lesewoche in der ganzen Stadt, wovon auch Schulen profitieren können, Amtshilfe der Stadtverwaltung für den Transport eines Weihnachtsbaumes aus dem Stadtwald in die Schulbibliothek.  Dabei ist es hilfreich, wenn man so konkret wie möglich Projektanträge formuliert und Haushaltsvorschläge macht. Es darf auch schon mal eine Demonstration für den Erhalt einer Bibliothek in der Berufsschule sein, wie vor einigen Jahren in Hanau.
  • Gut ist es, einen Schulförderverein  mit einem engagierten Vorstand zu haben. Noch besser, wenn jemand aus der Bibliothek Mitglied ist. Der Verein muss natürlich das Wohl der ganzen Schule im Auge haben. Aber manchmal liegt aus der ganzen Schule kein Vorschlag vor, für den sich die Mitgliederversammlung erwärmen kann. Außer von der Schulbibliothek.
  • Über den Förderverein lassen sich Kontakte zu Firmen knüpfen. Bei denen werden Laptops und Bürosessel in einem Zustand abgeschrieben, der die Schulbibliothek noch glücklich macht.
  • Das alles wird gerne von den örtlichen Medien begleitet. Wenn das obligatorische Foto von den Schülerinnen, die so tun, als ob sie begeistert in einem Buch versinken, noch ausgetauscht wird durch Fotos von einem Bücherrap oder auch „nur“ einer ansprechend dekorierten Bücherausstellung, bleibt die Aufmerksamkeit nicht aus.
  • Wichtig ist der beständige Kontakt. Man kennt sich, hat die Telefonnummern, weiß, worauf es ankommt. Lokalzeitungen sind dankbar für Pressemitteilungen. Natürlich braucht es Gespür, den Ansprechpartnern nicht zu lästig zu werden.
  • Innerschulisch muss die Bibliothek meist ebenfalls Überzeugungsarbeit leisten. Für die Sportpokale gibt es eine Vitrine im Verwaltungsflur. Welche Autoren in der Schule gelesen haben, daran wird nicht erinnert.
  • Oft sind Schulleiter/innen kommunalpolitisch tätig. Auch wenn sie selbst nicht vorstellig werden wollen, wissen sie doch, wer wo was in der Verwaltung tun kann. Schulleiter erhalten auch zunehmend Verfügungsgewalt über das Schulbudget, das früher vom Schulträger verwaltet wurde. Zur Not verhandelt die Fördervereinsvorsitzende mit dem Schulbauamt wegen der neuen Vorhän­ge.

Das alles klingt nach „Barfußbibliothek“, nicht nach „Bibliotheksplan 2020″ und IFLA-Standards“. Aber es ist nun mal so, dass sich für Bibliotheken und ihre Zukunft anscheinend nur die Bibliothekare und ihre Verbände interessieren und nicht die Öffentlichkeit. Schulbibliotheken wiederum sitzen zwischen allen Stühlen. Sie sind Stiefkind sowohl der Bildungspolitik und als auch des Bibliothekswesens.

Auf den vorgeschlagenen Wegen gelang es nach zwanzig Jahren(!) des Bohrens von dicken Brettern, einen Landkreis dazu zu bewegen, Haushaltsmittel für Lesungen und Schulbibliotheken vorzusehen sowie ein Konzept in Auftrag zu geben, nach dem das Schulbibliothekswesen in einem erweiterten Kreismedienzentrum ein Supportcenter erhält. (Inzwischen haben alle Schulen mit „Bordmitteln“ eine Schulbibliothek eingerichtet.)

 

Siehe auch die 10 Regeln für erfolgreiche Bibliotheksleiter/innen!

Wer mehr wissen will, findet hier die Chronologie meiner Bemühungen.
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