Kritisches Denken durch information literacy?

Wir leben in einer Informationsgesellschaft. Ist das ein Anlass zum Jubeln? Steigt die Zahl der aufgeklärten Menschen? In USA glauben 24% der Bürger/innen, dass sowohl die Schöpfungslehre als auch die Evolutionstheorie stimmen. Das zeugt eher von Verwirrung.

Sich Informationen zu beschaffen wird immer schwieriger. Die Informationsanbieter haben sich vervielfacht: Geschätzte 40 Nachrichtensendungen bei TV-Firmen und -Anstalten, Zehntausende aktiver Weblogs, Internetportale, Google-News, Twitter und Web2.0-Communities, jedes noch so abstruse Stammtischgeschwätz wird zu gleich gültigem Content. Google arbeitet daran, auf der Basis des beobachteten Suchverhaltens immer passgenauere Treffer zu schicken. Für den Kreationisten nur noch Kreationistisches?

Kein Konzern, kein Verband, kein Ministerpräsident ist ohne Kommunikationsbeauftragte. Die Medien werden stärker gegängelt (Sarkozy in Frankreich, Berlusconi in ItaIien, ein neues Pressegesetz in der Slowakei, Lafontaine schon früh an der Saar).

Es wird geschätzt, dass 2/3 der Tagesnachrichten von PR-Agenturen der Firmen, Verbände und Parteien in die Welt gesetzt werden. Frau von der Leyens angebliche „Babyschwemme“ ist ein gutes Beispiel.

Ich kann hier in Potsdam beobachten, wie ein Politiker regelmäßig der Zeitung Faxe mit einem Statement zu x-beliebigen Themen (Schuluniform, Rauchen, Pünktlichkeit der Bahn, Nutzen der Kernenergie) zuschickt. Das erscheint dann prompt auf Seite zwei. Der Mann setzt Themen und ist permanent präsent.

Zurzeit wird immerhin kritisch diskutiert, warum die Kommunikationsbeauftragten der Taliban ihre Stellungnahmen zur deutschen Innenpolitik 1:1 abgedruckt kriegen und die Videobotschaften deutscher Gotteskrieger schon einen festen Sendeplatz zu haben scheinen. Immerhin gibt es auf Youtube satirische „Dekonstruktionen“. Wikipedia ist für Spin Doctors und PR-Agenturen ist nicht ungefährdet.

An den Berliner Volksbefragungen zu Tempelhof und Religion als Pflichtfach lässt sich ablesen, wie man mit Geld und einer guten Agentur „Informationen“ verbreitet. Bei Frau Christiansen waren oft vier von fünf Talk-Gästen Botschafter der wirtschaftsnahen „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“. Das erinnert an die KPD- und DKP-Strategie, federführend in vielen Gruppen und Vereinigungen zu werden. Wenn dann später „breite“ Aktionsbündnisse für oder (meist) gegen etwas in Erscheinung traten, fiel unter den Tisch, wer eigentlich dahinter stand.

Wie war das mit dem angeblich von Israelis bei der Intifada 2000 erschossenen Jungen? Wie durchschaut man manipulierte Bilder?

Das alles fällt mir ein, wenn die Rede von „Informationskompetenz“, „information literacy“ oder „critical thinking skills“ ist. Wenn ich die Entwicklung verfolge, bin ich mir nicht sicher, ob die Anwendung Boole´scher Operatoren und die Evaluation von Webseiten (Ist die Seite aktuell? Wann war das letzte Update? Wird eine Adresse genannt? Ist der Text sachlich?) das Vordringlichste sind, um die Manipulation, die ich meine, zu durchschauen. Letzteres war für mich immer Ziel von Unterricht, insbesondere in Deutsch, Politik und Geschichte.

Bevor also ein Kooperationsvertrag oder eine KMK-Empfehlung die Schulklassen zu IL-Kursen in die Stadtbücherei schickt, wäre ein pädagogisches Konzept zu erarbeiten. In diesem Konzept müsste von Fähigkeiten zu Quellenanalyse und kritischem Denken die Rede sein, bevor die Schülerinnen und Schüler auf  Presentation Software und Search Engines losgelassen werden.

In USA erreichen Ross Todd und Carol Kuhltau mit Guided Inquiry pädagogisches Gelände. Hierzulande ist information literacy noch oft Vermittlung von library skills, auch wenn es anspruchsvoll „Spiralcurriculum“ genannt wird.

Aus meiner Sicht besteht Klärungsbedarf. Gerade auch deswegen, weil es nicht zu einer schulinternen Kooperation zwischen Fachlehrer und Teacher-Librarian kommen wird, sondern die Kultusministerien die Zuständigkeit für die Vermittlung von Informationskompetenz anscheinend Interessenverbänden überlassen.

Was leisten Schule und Unterricht? Was können und wollen die Bibliothekare in den öffentlichen Bibliotheken („Bildungspartnerschaft Bibliothek und Schule“) und die Informationswirte der Deutschen Gesellschaft für Informationswissenschaft („Bildungspartnerschaft Bibliothek-Information-Schule“) leisten? Ihr Anspruch ist es ja, festgeschrieben in Kooperationsverträgen mit Kultusministerien, den Schülerinnen und Schülern zukünftig Critical Information Skills beizubringen.

„Wo ist die Weisheit, die wir im Wissen verloren haben? Wo ist das Wissen, das wir in der Information verloren haben?“  T. S. Eliot, Choruses from „The Rock“
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3 Gedanken zu „Kritisches Denken durch information literacy?

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