PISA-Astrologie

In Zeiten des Kalten Krieges gab es die Kreml-Astrologen in der westlichen Presse. Diese Damen und Herren rätselten vor und nach Politbüro-Sitzungen, was in den Köpfen der sich dort versammelnden alten Männer vorging.

Nach Veröffentlichung der PISA-Ranking-Tabellen wird ein ähnliches Spiel gespielt.

Es soll nicht übersehen werden, dass PISA gute Seiten hat, dass es nicht schadet, wenn Schule evaluiert wird. Wenn Lehrerinnen und Lehrer Rechenschaft legen müssen darüber, was hinter der geschlossenen Klassenraumtür abläuft. (Obwohl letzteres bei PISA nicht der Fall zu sein scheint.)

Dass die Wissenschaftler selbst vor einer Fehlinterpretation ihrer Daten insbesondere durch Rankings warnen, spielt keine Rolle mehr. Und die Begründungen, die jetzt für die Spitzenpositionen und Aufsteigerplätze zu lesen sind, erinnern an  Kreml-Astrologie.

Ich habe in Hessen die oftmals hektischen PISA-Reaktionen der Kultusadministration miterleben dürfen: Individuelle Förderpläne für lernschwache Schüler, Vergleichsarbeiten, SchuB-Klassen (noch stärkere Verzahnung von Schule und Beruf bei schwachen Hauptschülern), Zentralabitur, zentrale H/R-Abschlussprüfungen, Osterferien-Camp, noch mehr Vergleichsarbeiten, Deutschkurse im Kindergarten, mehr Unterricht und Förderkurse und zahlreiche Steuer-, Planungs-, Lenkungs- und Evaluationsgruppen. Und als eine der allerersten Maßnahmen ein staatliches Internat für gute Oberstufenschüler. Wo steht Hessen jetzt ? Unwesentlich besser. (Nachtrag 2017: Seit längerem schlechter, nicht besser!)

Kann ja nicht auch noch schuld von Ypsilanti und Gen. sein. Auch einige skandinavische Länder schwächeln. Wär´doch ein Thema für IllnerWillBeckmann: „Ergibt PISA ein schiefes Bild der deutschen Schule?“

Der sächsische Kultusminister lobt seine in der DDR ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrer. Da haben die aber lange gebraucht, um sich vom Schock der „Niederlage“ 1989 zu erholen. (Das Wort stammt vom Vorsitzenden der niedersächsischen Landtagsfraktion der Linkspartei.) Der westdeutsche Schulreformer der nachrevolutionären ersten Jahre in Sachsen, Wolfgang Nowak, dagegen sagt, dass er unter der SED- und IM-belasteten Lehrerschaft erstmal viele Entlassungen vorgenommen habe.

Auch soll die hohe Stundenzahl für Naturwissenschaften in der DDR-Schule und dem Nach-„Niederlage“-Sachsen positiv wirken. Da hätten Sachsen, Thüringen und Brandenburg doch von Anfang an in der Spitzengruppe sein müssen. Nachtrag 2010: Wieso ist Sachsen weit vorn und Brandenburg weit hinten? Und wieso schneidet Bayern trotz nicht so vieler NaWI-Stunden wie in der DDR dennoch gut ab?

Nachtrag 23.11.08:

Ein Journalist der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (Die sich gar nicht einkriegen kann: Auf jeder dritten Seite wird gesächselt!) hört wohl zum erstenmal, dass es Stoffverteilungspläne gibt, und hält das gleich für einen Ausweis sächsischer Überlegenheit.

Dass ein Hauptschüler aus dem Hauptschulzweig in den Realschulzweig wechseln kann und das im selben Haus, mit denselben Lehrern, gilt dieser Zeitung in Hessen wo das in den Gesamtschulen seit 50 Jahren möglich ist, als Vorstufe der sozialistischen Einheitsschule. In Sachsen aber sieht sie darin eine weitere Erklärung für den PISA-Erfolg (FAS v. 23.11.08, p 61).
Frau Mönch kriegt nach ihrem Loblied auf Sachsen in derselben Ausgabe noch die Kurve und beendet ihre Hymne so: „Die so genannte Risikogruppe mit Tausenden von Schulversagern … gibt es in Sachsen so groß wie im ganzen Osten nicht.“

Dass die Schulen in Sachsen und Brandenburg, das ja auch Aufsteigerland sein soll, nahezu „ausländerfrei“ sind, lässt sich immerhin jetzt nicht mehr vernachlässigen. Wenn 40% der 15jährigen einen Migrationshintergrund haben wie in Bremen, fällt das Ergebnis schon mal anders aus. Außerhalb der ostdeutschen PISA-E-Stars gibt es Klassen, in denen nur noch 1 Schüler ohne Migrationshintergrund sitzt. Das geht weit in die Realschulklassen und sogar Gymnasialklassen hinein. In Hessen ist das in nahezu jeder Gesamtschule so. Und solche Klassen nehmen an PISA-E teil! (Der Migrantenanteil bei 15jährigen: 14 – 41 % West, 1,5 – 2,7 % Ost)

„Die unterschiedliche Sozialstruktur der (alten) Bundesländer einschliesslich ihrer Migranten erklärt die unterschiedlichen PISA-Werte zu knapp 3/4, für andere Faktoren, wie Schulsystem und Curricula bleibt nur eine geringe Erklärungsmacht über.“ (Für die Güte der Studie, deren Ergebnis ich hier zitiere, kann ich nicht bürgen. So viel Statistik habe ich nie gelernt , um das beurteilen zu können. Aber der Mathematiklehrer des Verfassers hat sich positiv dazu geäußert.)

Dass ausgerechnet die verbliebenen vietnamesischen Kinder, deren Eltern man in Rostock und Hoyerswerda bei den Pogromen noch verbrennen wollte,  Spitzenleistungen zeigen, kann nebenbei noch als gelungene Integration gewertet werden. Vietnamesische Schüler in Kanada oder Norwegen sind noch nie anders gewesen.

Wenn Brandenburg in diesem Tempo in der Lesekompetenz weiter aufsteigt, ist es in 6 Jahren auf Platz zwei. Der Ministerpräsident ist davon jedenfalls überzeugt, führt er doch Zentralabitur und Zusammenlegung von Realschulen und Gesamtschulen als Ursache zukünftiger Erfolge im Ranking an. Auf der Suche nach Ursachen des derzeitigen Aufstiegs lese ich, dass der Unterrichtsminister u.a. die Einführung von Vergleichsarbeiten nennt.

Ein Wermutstropfen ist, dass die Abhängigkeit des Schulerfolgs vom Sozialstatus zugenommen haben soll. Und das in einem Bundesland, das noch Jahre nach der Revolution vom eigenen Ministerpräsidenten stolz als „kleine DDR“ bezeichnet wurde. Liegt das daran, dass die Privatschulen in Brandenburg zunehmen? (In Potsdam gehen 40% der Grundschüler/innen auf Privatschulen!) Auch hat die Risikogruppe, die ganz schlechten Schüler, in Lesen und Mathematik zugenommen, in NaWi dagegen sich halbiert.

Die Datenfülle von PISA taugt schlecht für knallige Schlagzeilen.

Nachtrag 23.11.

Die internationalen und die deutschen Forscher verändern immer wieder ihre Parameter, z. B. wer zur Risikogruppe gehört oder wie der Zusammenhang von Sozialstatus und Schulerfolg gemessen wird .

(Siehe Klaus Klemm hier! Klieme und Baumert widersprechen Klemm zwar. Aber sie geben so viele Ungeschicklichkeiten, Verwirrungen und Fehlinterpretationen zwischen OECD, PISA-Konsortium und nationalen PISA-Büros zu, dass ein Laie sich an die Informationspolitik von AKW-Betreibern erinnert  sieht: Immer nur so viel zugeben, wie eh schon bekannt ist. Und eine Gefährdung der Bevölkerung bestand zu keinem Zeitpunkt .)

Siehe zu den Ungereimtheiten alleine bei der Auswertung zum Thema Migrantenkinder  ganz hervorragend hier.

Wie gut, dass die Förderschüler an PISA nicht teilnehmen. Sachsen hat in den letzten 10 Jahren die Zahl der Förderschüler um fast 50% gesteigert, auch ein Spitzenwert im Ländervergleich. Sonderschulfachleute verweisen darauf, dass auffällig viele Migrantenkinder mit Sprachdefiziten Sonderschüler werden müssen. (Dieses Abschieben geht in Hessen nicht mehr so einfach.)

Alle neuen Bundesländer haben Förderschulbesuchsquoten, die um ein Drittel bis zur Hälfte höher sind als in den alten:

Altländer 0 5,8 %, Neuländer 7,8 – 10.9% !

(Siehe auch: Schüler/innen in Förder- und Regelschulen; Zahlen aus der Sonderschulstatistik der KMK; Dokumentation Nr. 185 der Kultusministerkonferenz zur sonderpädagogischen Förderung in Schulen 1997-2006 auf http://www.KMK.org, unter Statistik im Bereich Schule)

Ein Tipp für die tapfere Bremer Bildungssenatorin: Die Gesamtschulen zu Förderschulen erklären. Bremen dürfte sich glatt auf Position 11 verbessern. Schade, dass PISA-E nicht mehr stattfinden wird. Aber bei den zukünftigen nationalen Ländervergleichen (Grundschulvergleichsarbeiten VERA u.a.) will man ja die Hauptschüler weglassen.

Man könnte noch darüber nachdenken, wie es sich auswirkt, dass weltweit Schülerinnen und Schüler früher beschult werden, also in der Regel bis zu einem Jahr länger in der Schule sind als 15jährige Deutsche.

Oder über die Aufgabenzusammensetzung bei PISA. Da gibt es ja immer wieder Veränderungen, die PISA als Panel-Untersuchung eigentlich untauglich machen, zumindest erschweren. Die Forscher behaupten, sie könnten das rausrechnen. Wenn dann mal eine weniger kompetenzorientierte, vertieftes mathematisches Wissen voraussetzende Aufgabe reinrutscht, schneiden deutsche Schülerinnen und Schüler auf einmal besser ab. ( PISA-kritische-Literatur mit abstracts.)

Als Deutschland sich endlich bequemte, an den OECD-Tests teilzunehmen, war das für die teilnehmenden Klassen beim ersten Mal eine nette Alternative zum Unterricht: Die reguläre Mathestunde fiel aus, eine Note gab es nicht und die Coladose durfte man mitnehmen. Inzwischen ist die Teilnahme der Ernstfall geworden.

Wir sollten etwas gelassener mit PISA umgehen. Dass es Risikoschüler in großem Umfang gibt, macht PISA noch einmal deutlich. Das war aber auch vorher nicht unbekannt (Zahl der Schüler ohne Abschluss!). Leider ändert sich das nicht!

Rechnet man die Ergebnisse der 15Jährigen mit Migrationshintergrund heraus, liegen die deutschen Ergebnisse jedenfalls über dem OECD-Durchschnitt.

Um PISA herum ist eine Testindustrie entstanden, die allein in USA mit den Testbögen und den anschließend angebotenen Lernmaterialien 200 Mrd € umsetzt. Und jetzt kommen die Erwachsenen dran. Eine Staatsbürgschaft braucht das PISA-Konsortium also vorerst nicht.

Nachtrag 20.11.08

Nirgendwo erwähnt finde ich bei der Würdigung der deutschen PISA-Erfolge die wohl im Milliardenbereich liegende Investition in die Computerisierung der Schulen.


Man sollte die Schulbibliotheken nicht allzu eng mit PISA verkuppeln.

Wenn sich herumspricht, dass die (vermeintlichen; s.o.!) momentanen Siegerbundesländer Sachsen, Thüringen und Brandenburg kein überragendes Schulbibliothekswesen haben, sieht die Schulbibliothekslobby alt aus.

Es gibt genug andere Gründe für Wissens- und Informationszentren in Schulen.

Update 10.12.08

Erfreulich zurückhaltend äußert sich IGLU-E-Leiter Bos von der Uni Dortmund in einem Interview des Tagesspiegels v. 10.12.08. Auf die üblichen Journalistenfragen nach warum und wieso sagt er jedesmal, dass IGLU feststelle, aber nicht die Erklärung für die Feststellung liefere. Allenfalls deutet er an, dass der Migrantenanteil allein die Unterschiede nicht erkläre. Aber ohne weitere Untersuchungen lasse sich das nicht aufklären.

Er erklärt die kleinere Schüler-Stichprobe bei IGLU als bei PISA-E damit, dass die KMK nicht so viel Geld ausgeben wollte. Dadurch sich ergebende Verzerrungen wären aber gering.

In der im Osten beliebten Postille „Super-Illu“ erklärt Bos dann schon deutlicher – oder lässt sich vom Interviewer in den Mund legen – warum Sachsen die Goldmedaille bekommt und nicht NRW: „Für Ostdeutsche ist Leistung nichts Negatives“. In NRW dagegen hätten Alt-68er Schwierigkeiten mit dem Leistungsbegriff.

Also, Astrologen, ran an die Statistiken!

In der FAZ veröffentlicht Frau Schmoll eine Tabelle, in der die Punktewertung für Migranten und Nicht- Migranten getrennt dargestellt wird. (Und erklärt auch gleich, warum einige Länder besser sind als andere.)

Nach dieser Tabelle führt übrigens Mecklenburg-Vorpommern bei der Leseleistung der Schüler/innen mit Migrationshintergrund.

Siehe auch in diesem Weblog unter „IGLU 2006„!

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10 Gedanken zu „PISA-Astrologie

  1. Pingback: Brandneu: Soziale Herkunft und Schulerfolg hängen irgendwie zusammen | Basedow1764's Weblog

  2. basedow1764 Autor

    Eine hervorragende Analyse der Interessen hinter PISA, den inhaltlichen und methodischen Schwächen, ohne dabei das deutsche Bildungswesen besser erscheinen zu lassen als es ist:
    Richard Münch, Globale Eliten, lokale Autoritäten. Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 2009

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  3. Pingback: Zur Zusammenarbeit von Lehrer und Bibliothekar « Basedow1764's Weblog

  4. andreas99

    Datenfluten lenken oft vom Wesentlichen ab. Wenn aber das Wesentliche nicht erkannt wird, ist die Verbesserung dem Zufall überlassen.

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  5. Pingback: Schulbibliotheken und “Risikoschüler” « Basedow1764’s Weblog

  6. Pingback: Abiturquote ausländischer Schüler in Brandenburg am höchsten « Basedow1764’s Weblog

  7. Pingback: IGLU 2006: Hessen führt bei lesenden Jungen « Basedow1764’s Weblog

  8. Karsten Schuldt

    Laut Daniel Koretz ist dieses beständige besser werden in den USA eher ein Effekt des Testens selber, d.h. die Lehrerinnen und Lehrer bzw. Schulen lernen mit der Zeit ihr Lernenden immer passender auf die Tests vorzubereiten. Mit einer realen Leistungssteigerung sei das aber nicht zu vergleichen, setzt man neue Tests ein, würde es am Anfang wieder schlechte Testsergebnisse geben, die dann mit der tendenziell in allen Schulen besser werden usw.
    Allerdings muss man beachten, dass teilweise das Überleben und die ausreichende Finanzierung der Schulen von guten und steigenden Testergebnissen abhängt, d.h. der Test ist keine reine Leistungsüberprüfung. So wurden die PISA-Tests in Deutschland nicht eingesetzt. Aber der Effekt ist bekannt: wenn man etwas untersucht, ändert man damit den Untersuchungsgegenstand. D.h. nach Koretz, dass durch die Tests der Unterricht verändert wird, obwohl sie eigentlich nur die Qualität desselben evaluieren sollen. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, wenn man sich über diesen Effekt klar ist und beispielsweise immer wieder offiziell testet, wie die Verteilung der Geschlechter auf bestimmten beruflichen Positionen ist. Aber über die damit verbundene Gefahr, dass der Unterricht sich nicht unbedingt verbessern, sondern auch einfach nur an die Tests anpassen könnte, scheint man sich in Deutschland zumindest offiziell wenig Gedanken zu machen.

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  9. basedow1764 Autor

    Für den FTD-Tipp und den Literaturhinweis bin ich außerordentlich dankbar. Zwar bedeutet das noch eine Zeitung mehr, aber so ist das, wenn man es ein bisschen genauer wissen will.

    In einer ARD-Nachricht vom April 2007 finde ich einen Satz von Hilpert Mayer, der mit dem übereinstimmt, was ich in Gesprächen mit noch aktiven Kollegen höre: „Im Klassenzimmer ist nach meiner Einschätzung so gut wie nichts geschehen.“
    http://www.ard.de/zukunft/kinder-sind-zukunft/kinder-wollen-lernen/ist-bildung-messbar/-/id=520618/nid=520618/did=542324/1ai5mm3/index.html

    Wie kommt dann die Verbesserung zustande? Erinnert irgendwie an Placebo-Effekte.

    In England gibt es die mock-exams. Die Schülerinnen und Schüler üben ein Jahr vorher die nationalen Abschlusstests. Unter „Teaching to the test“ leiden die US-Lehrer. Aber die Ergebnisse in GB und USA werden jedes Jahr besser.

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  10. Karsten Schuldt

    Der Analyse würde ich nicht wiedersprechen, aber doch zwei Dinge anmerken:
    – Brandenburg wird wohl nicht mehr in der Rangliste aufsteigen, weil Deutschland, so wie es aussieht, einfach nicht mehr an den folgenden PISA-Ergänzungsstudien teilnehmen wird. Zwar gibt es einen Auftrag an das DIPF, PISA 2009 durchzuführen, der beinhaltet laut ftd vom Dienstag aber nicht die Ergänzungsstudie in den Bundesländern, sondern wohl nur die internationale Vergleichsstudie. (Ich habe in meiner Zeit in der Studierendenpolitik gelernt, dass die wichtigen bildungspolitischen Entscheidungen zumeist in der ftd stehen, bevor sie irgendwo anders überhaupt bemerkt werden. Keine Ahnung wieso, vielleicht befördert die markt-radikale Haltung der ftd-Redaktion ihre Erkenntnisfähigkeit in bildungspolitischen Fragen.) Das hat Vorteile: zwischen den 1970er und den PISA-Studien hat Deutschland ja auch an keinen internationalen Vergleichen teilgenommen. Und in der Zwischenzeit konnte man sich als internationales Spitzenausbildungssystem sehen. Jetzt wird stattdessen ein nationales Bildungsberichtssystem aufgebaut. Was das bringen wird, wird sich zeigen müssen.
    – Die „Test-Industrie“ in den USA hat wenig mit den PISA-Studien zu tun, sondern mehr damit, dass Vergleichstests dieser Art auf unterschiedlichen Ebenen seit den 1970er Jahren im US-amerikanischen Schulsystem eingesetzt werden und zwar in einem Maße, das relevant negativ auf die Schulentwicklung und Unterrichtsqualität niederschlägt. Die PISA-Studien waren da nur ein weiterer Test. Die „Test-Industrie“ selber hat sich schon vor PISA etabliert gehabt. Das die PISA-Studien so einen relevanten Einfluss hatten, wie in Deutschland, war sehr selten. In den USA waren sie beispielsweise eher ein Nebenthema, da ging es in den letzten Jahren hauptsächlich um das „No Child Left Behind“-Gesetz und seine Implikationen (die ebenso mithilfe von Leistungstest überprüft wurden). Das wird sich unter Obama/Biden wohl auch ändern. Wohin? Das ist eine andere Frage. Als Literatur zu den Auswirkungen dieser „Test-Industrie“ finde ich folgendes Werk großartig: Koretz, Daniel, Measuring up What Educational Testing Really Tells Us: what educational testing really tells us. (Cambridge, Mass: Harvard University Press, 2008).

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