Medienkiste DDR (3): Schülerwissen, Korruption und guter Sex

Der Artikel „Medienkiste DDR (2)“ wurde allmählich sehr lang. Das Thema ist aber keineswegs zu Ende. Daher ein weiterer Artikel.

Zur Medienkiste „Ampelmännchen und Todesschüsse“ hier.

Die Studie über das Schülerwissen über die DDR schlug hohe Wellen. Dies schlug keine hohen Wellen: Für die Finanzierung der Studie gab es eine Zusage des Berliner Senats.  Die wurde zurückgezogen. Stattdessen bezahlt der Senat ein Gutachten des Prof. Borries, der darin Studie auseinander nimmt. Und in Brandenburg veranstaltet die Landeszentrale für politische Bildung eine Diskussion über die Qualität der Studie mit Börries und Prof. Schroeder, dem Verfasser.

Prof. em. Borries, der die Untersuchung zum DDR-Schülerwissen lautstark und häufig kritisierte, in den Räumen der brandenburgischen Staatskanzlei – Brandenburg hatte ein ziemlich schlechtes Ergebnis -, schreibt in einem Aufsatz im Deutschland-Archiv ( „Zur Verarbeitung der DDR-[BRD]-Geschichte (Heft 4/2009, pp 665 – 676), dass die Ergebnisse im Kern zuträfen (p 668). Was ihn wohl am meisten stört ist, dass er schon viel früher Wissensdefizite erforscht hatte. Auf ihn hatte aber wohl keiner gehört.

 

Zum update vom 15.8.:

Der Film des Satirikers Martin Sonneborn, „Heimatkunde“, über die Bewohner des ehemaligen Grenzgebietes rund um Berlin kommt Anfang Oktober in die Kinos.

Wieder ein Buch entdeckt:

Volker Klemm, Korruption und Amtsmissbrauch in der DDR, Stuttgart, DVA 1991, ist der Bericht über eine Kommission in der kurzen Zeit der Nachwende-DDR, die sich mit dem Thema beschäftigte.

Die Intrigen um diese Kommission, die Aussagen ehemaliger Angehöriger der DDR-Nomenklatura und allein der Bericht über Wandlitz lesen sich wie ein Krimi.

Wozu brauchte die Familie Mittag 10 Farbfernseher, die für die Oberschicht nur ein Drittel des normalen DDR-Preises kosteten? Wie hat es Margot Honecker, die nach eigenen Angaben fast nie in Wandlitz einkaufen konnte, weil der Laden schon um 17 Uhr schloss, dort über 100.000 Mark im Jahr ausgeben können? Warum bekamen die Kinder der Machthaber Tankgutscheine, um kostenlos in ganzen Land tanken zu können? Warum bekam Honecker noch 70.000 Mark im Jahr für Abschussprämien von Wild? Wieso haben die Ministerien für ihre Minister und Staatssekretäre, deren geschiedene Frauen und die Kinder Villen gebaut, in denen aber auch alles aus dem Westen importiert worden war, 20000 Mark Heizkosten übernommen und als Miete 210 Mark verlangt? Undsoweiter und so weiter…

Das alles habe ich 1991 schon mal gehört. Aber wenn einem das jetzt wieder begegnet…

Und draußen stellt die Linkspartei riesige Plakate auf: „Ein Potsdam für alle“. Sie lässt Transparente vom Flugzeug ziehen, ist für die Pendlerpauschale, für freie Fahrt für freie Bürger, für Verkehrsberuhigung in den Einfallstraßen in die Stadt, für Sozialticket und kostenloses Schulessen. An Tankgutscheine für alle denkt aber noch keiner.

In Neuruppin, wo die aktuelle Korruption sehr auffälllig geworden ist, fragte eine Linksparteilokalpolitikerin, was die Aufregung solle, das sei anderswo auch nicht anders. Andere sagen, da seien immer noch die alten DDR-Seilschaften am Werk.

Peinlich für die Lokalmatadore der Partei, dass Dr. Gysi sich für die historische Schlossfassade beim Wiederaufbau des Stadtschlosses in Potsdam ausgesprochen hat. Ob er jetzt aus der Partei ausgeschlossen wird? So wie das die sächsische Linkspartei mit ungehorsamen Genossen macht.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hatte kürzlich einen satririschen Einbürgerungstest in ihrem Blatt, den ich hier verkürzt wiedergebe:

Warum ist die DDR untergegangen?

a) wegen der subversiven Wühlarbeit der US-Imperialisten,

b) wegen der Oderflut,

c) Wieso untergegangen?“

Natürlich(?) ist das Buch von Volker Klemm über die Korruption in der guten, alten DDR vergriffen. Im brandenburgischen Verbundkatalog (70 Bibliotheken) wird nur ein Standort in Spremberg nachgewiesen! Die SLB Potsdam aber hat auch ein Exemplar. Im Antiquariatshandel kostet das Buch inzwischen 60€.

1998 erschien ein Buch von Christian von Ditfurth: Ostalgie oder linke Alternative. Meine Reise durch die PDS. Der Autor bietet das vergriffene Buch  inzwischen als pdf an. Auch wenn die Partei sich jetzt anderes nennt, es ist keinesfalls inaktuell.

Update 17.10.08:

Wenn ich mir das neue Verzeichnis der Bundeszentrale für politische Bildung ansehe, habe ich den Eindruck, dass dort die Aufarbeitung der DDR abgewickelt wurde. Ganze 10 Titel: Filme der  DDR, Rock in der DDR, Theater, die Stasi, „einer der erfolgreichsten Geheimdienste der Welt“, die Parteien der SBZ, etwas Systemvergleich: Zwei Staatsgründungen, das war´s im Wesentlichen. Die Bände und DVDs von Stefan Wolle sind vergriffen. Keine Nachschlagewerke über die DDR, kein Richard Schroeder, Knabe schon gar nicht. Ist das eine Wende nach der Wende?

Update 2.11.08:

Wer gar nicht vom Thema lassen kann: Uwe Tellkamp, Der Turm!

Toll, dass es dieses Buch in die Charts geschafft hat!  Ich bin beruhigt, dass es einem Rezensenten ähnlich wie mir erging: Man braucht 50 Seiten, bis man sich reingelesen hat. Es könnte auch gerne etwas kürzer sein.

Tellkamp beschreibt kafkaeske Szenen, in denen Untertanen bei der Verwaltung vorsprechen und schikaniert werden: „Ich habe jetzt nur ihre Geige begutachtet, Bürgerin. Für eine Freigabe des Bogens müssen Sie sich wieder hinten anstellen.“ Oder die alltägliche korrumpierende Tauschwirtschaft: Herztabletten gegen Christstollen, Arzneimittellieferung gegen Schreibmaschinenreparatur, ordentlicher Weihnachtsbaum gegen Nikolaus spielen vor den Kindern des Försters.

Eine ganz andere DDR als die, die durch die Internet-Leserkommentarspalten der Tageszeitungen, die Blogs der Ehemaligen oder Kommentare von Dr. Gysi in den Potsdamer Neuesten Nachrichten wabert.

Nachtrag 9.11.08

Bei ocelot.de – digitale Bücher – hat u.a. der Christian Links Verlag zahlreiche seiner DDR-Bücher gegen Entgelt als pdf oder mit digitalem Leserecht eingestellt. Gerade bei vergriffenen Büchern ist das sehr hilfreich.

Der URL war am 23.1.11 nicht zu erreichen!

Update 20.11.08:

Für Ostalgiker bringt die Deutsche Post AG in ihrer Medaillensammlung eine Gedenkmünze zur Zwangsvereinigung von KPD und SPD heraus.

Update 22.11.08:

Die Post AG hat ihre Geschmacklosigkeit erkannt und zieht die Gedenkmünze zurück. Ob sie jetzt der von der SED eingesperrten Sozialdemokraten mit einer „polierten Platte“ gedenkt? Die Ostalgiker haben jetzt ein Kultobjekt.

Update 23.11.08:

Die Beschäftigung mit der DDR-Aufarbeitung bringt es mit sich, dass ich verfolge, wie man im Osten mit der Vergangenheit umgeht. Dass Demokratie und Rechtsstaat verunglimpft werden, ist normal. Dass die Neokommunisten im politischen Alltagsgeschäft die DDR-Aufarbeitung kräftig behindern, kann im Lokalteil  der Zeitungen verfolgt werden.

Das berühmte Panzerdenkmal, das alle Interzonenreisenden vom Vorbeifahren in Dreilinden kennen, muss dringend renoviert werden. Da die Russen den Panzer 1990 abgebaut haben, stellte ein Künstler einen sowjetischen Schneepflug auf, den er rosa anmalte.

Im zuständigen Kleinmachnower Stadtparlament fand die Linkspartei die Renovierung höchst überflüssig und sorgte dafür, dass die Mittel gesperrt wurden.

Die Schauspielerin und Regisseurin Katharina Thalbach äußert sich weiterhin, diesmal in der FAZ v. 21.11., verächtlich über die Demokratie in Deutschland („verlogen“, Tagesspiegel/PNN v. 6.8.08). Jetzt hat sie ein neues Element der DDR-Verklärung eingeführt: Man hätte öfter Sex gehabt und mehr gelacht.

Wenn man die Zahl der Scheidungen und Abtreibungen nimmt, könnte sogar was dran sein. Da produzierte die Deutsche Demokratische Republik nämlich höhere Zahlen als die kapitalisistisch-faschistische BRD.

Gewiss war die kecke Bemerkung auch provozierend gemeint. Deswegen ist eine provozierende Anmerkung ebenfalls zulässig: Die Lebenserwartung in der DDR war kürzer als in BRD. Bei Frauen betrug der Unterschied laut Statistischem Jahrbuch 24 Monate. Da musste man sich ranhalten…

Dass der Unterschied nach fast 20 Jahren auf vier Monate geschrumpft ist, ist den Potsdamer Neuesten Nachrichten die Schlagzeile „Wer im Osten lebt, stirbt früher“ wert.

Der Psychiater Hans-Joachim Maaz steuert noch eine Beobachtung bei: Im Angesicht der so beliebten FKK-Kultur in der DDR habe man sehen können, dass das realsozialistische Experiment nicht nur zu psychosomatischen Störungen geführt habe, sondern auch zu körperlichen Deformationen. (H. J. Maaz, Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR, p. 37).

Mutig finde ich den Generalstaatsanwalt von Brandenburg, Erardo Rautenberg. Er kritisiert nämlich die Geschichtspolitik des Landes Brandenburg am Beispiel des Gedenkstättenkonzepts für das Zuchthaus der Stadt Brandenburg. Das Land will lediglich eine Euthanasiegedenkstätte einrichten. Dass das Gefängnis eine der größten Haftanstalten der DDR war, in der auch gefoltert wurde, interessiert nicht.

Ein – differenzierender – Vergleich der beiden deutschen Diktaturen ist hier im Osten verpönt. Die DDR Diktatur zu nennen, gilt schon als unkorrekt.

Update 6.12.08:

Erfreulich ist, dass das Stadtparlament in Potsdam erneut eine Stasi-Überprüfung seiner Abgeordneten beschlossen hat.

Dafür wird die Außenstelle der Birthler-Behörde geschlossen.  Die einzige Außenstelle in den neuen Ländern, die geschlossen wird. Da Brandenburg auch das einzige neue Bundesland ist, das keinen Stasi-Landesbeauftragten hat, glaubt man wohl die Aufarbeitung der Diktatur für beendet erklären zu können.

So wird Brandenburg die Geister der Vergangenheit nicht los. Es gibt ein jüdisches Sprichwort, das besagt:  Das Geheimnis der Erlösung liegt in der Erinnerung.

Siehe weitere Eintragungen u. a. unter DDR 4

Nachtrag 3.9.09

Der frühere DDR-Sexualfachmann Segfried Schnabl sieht laut Berliner Zeitung (zit. v. Michael Jürgs in Potsdamer Neueste Nachrichten v. 3.9.09) keine wesentlichen Unterschiede im Sexualverhalten der West- und Ostdeutschen. Er hält die Ostfrauen allerdings für „Orgasmus fähiger“. Ist es das, was Frau Thalbach gemeint hat?

 

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4 Gedanken zu „Medienkiste DDR (3): Schülerwissen, Korruption und guter Sex

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