Schulbibliotheken in Finnland

Als die hessische Kultusministerin Wolff aus Finnland zurückkam, war sie auch von den Schulbibliotheken beeindruckt. Für die hessischen Schulbibliotheken hatte das keinerlei Folgen.

Zurzeit sammelt die Kollegin Helen Boelens aus den Niederlanden über die Mailing-Liste von ENSIL, dem Netzwerk europäischer Schulbibliothekar/-innen, Daten zur Situation der Schulbibliotheken in Europa. Eine Mail der Schulleiterin und Vizepräsidentin der finnischen Schulbibliotheksvereinigung Association for School Librarians, Hannele Frantsi, an Helen ist dabei sehr informativ:

„In my experience it is very important for school librarians to be educated both in library skills and pedagogical skills. In Finland the teachers do all the school library work and get paid for it apx. 2 hours/week. The positive thing in this is that the teachers have the best knowledge about the curriculum and the students in their school. The negative thing is that they don’t have enough time or money for the library work.

One of the main answers to good PISA success in Finland are very well educated teachers. The other one is that Finnish people have had a strong reading culture for a long time. As a small language group we also have to know several languages. Our school has always been based on an equal education for all and been struggling with children with special needs.

Our Association for school librarians have been struggling for school libraries in Finland, developing them and helping the teachers in their work in library skills. Many years we didn’t have any school libraries, and now municipalities have been starting to build them up again. The association is also trying to work for the law and official role for the school libraries.

The Finnish schools have very good text books in all the subjects, including the language studies, even if there are not so many books in the school libraries in different languages. Our public libraries are also very good and students from the 5th grade forward can easily use them.“

  • Aus einem Referat von Lisa Ninikangas, gehalten 2003 in Wien:

„Anfang der 90er waren Schulbibliotheken noch kein Thema. Finnland hatte und hat ein ausgezeichnetes Netz öffentlicher Bibliotheken. Seit Mitte der 70er gibt es aber ein großes Umdenken….

Bibliotheken werden in neuen Schulplanungen besonders berücksichtigt. Das Informationszentrum der Schule wird sehr großzügig geplant und liegt an zentraler Stelle. Häufig wird bei Schulneubauten zuerst die Bibliothek geplant und um die Bibliothek gruppieren sich dann die Klassenräume… Es gibt Beispiele, wo die alte Turnhalle zu einer großen und modernen Schulbibliothek umfunktioniert wurde…“

Die hervorragenden PISA-Ergebnisse sind also weniger auf die Schulbibliothek zurückzuführen als auf andere Faktoren (Gesprochene und geschriebene Sprache unterscheiden sich nicht, wenig Immigranten, hervorragende, anspruchsvolle Lehrerausbildung, hohes Ansehen von Schule und Lehrer/-innen in der Gesellschaft). Lehrer unterrichten sehr selbstständig, sie werden nur wenig von verbindlichen Lehrplänen, Standdards, Kompetenzrastern oder gar standardisierten Tests gegängelt. Aber eine gute Schule allein bewirkt es wohl nicht.

Mit mehr Tests, Vergleichsarbeiten und zentralen Prüfungen, wie es Hessen gerade vormacht, ist es nicht zu schaffen. Unvergesslich ist für mich eine Tagung des Kultusministeriums in der Frankfurter Deutschen Bibliothek (Es gab ausgezeichnetes Essen). Der Generaldirektor des finnischen National Board of Education, Jukka Sarjala, trug vor, wie man in Finnland behutsam und unaufgeregt die Schulen reformiert hat und wie man Schulinspektion so einführt, dass sie als Hilfe und nicht als Bedrohung von den Schulen wahrgenommen werden.

Und er sagte einen aufregenden Satz: „Verändern Sie Schule und Unterricht. Und ganz zum Schluss können Sie auch testen und evaluieren.“ Der hessische Ministerpräsident Koch, der mit dieser Tagung „Von Europa lernen – Für Europa lernen“ das „Bildungsland Hessen“ feiern wollte, eilte ans Podium: “ „Wir fangen damit an, meine Damen und Herren!“ entgegnete er dem finnischen Gast. Von Europa lernen war nicht wörtlich gemeint.

  • Ein Videoclip über Kreatives Schreiben in einer finnischen Schule.

Eine vielsagender Vergleich: Finnland hat 5,5 Mio Einwohner und 220 Fahrbibliotheken, Deutschland hat 82 Mio Einwohner und 123 Fahrbibliotheken.

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3 Gedanken zu „Schulbibliotheken in Finnland

  1. Susanne Drauz

    Gleich nach dem ersten Pisa-Schock sprach ich mit einer finnischen Bekannten über das Thema. Sie meinte, die Kinder dort würden nicht mehr Bücher lesen als anderswo – aber in Ermangelung von Synchronfassungen, müssten sie die finnischen Untertitel im Fernsehen lesen können. Dadurch sei der Leidensdruck ungleich höher.
    Das habe ich immer für einen interessanten Ansatz gehalten 🙂

    Antwort
  2. basedow1764 Autor

    Ein Nachtrag zu Finnland: Wenn es um den Zusammenhang Finnland-Schulbibliothek-PISA geht, neige ich zur Zurückhaltung.
    Schulbibliotheken sind eine neue Sache in Finnland. Dass ihre kurze Existenz schon so viel Einfluss auf die Schulleistungen haben soll, überzeugt mich nicht.
    Zumal die Rahmenbedingungen (s. o.) wenig optimal sind. Es gibt aber eine gute Versorgung mit öffentlichen Büchereien.

    Wie meistens im Bildungswesen sind länger andauernde soziokulturelle und bildungspolitische Faktoren viel wichtiger.

    Es gibt Finnen, die ihr Kind unter allen Umständen auf die überlaufene deutsche Schule in Helsinki schicken wollen und den Hype um ihr Schulwesen überhaupt nicht nachvollziehen können.

    Antwort

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