Ich liebe den rbb

nicht besonders. Aber siehe die Nachträge!!!

Das liegt einmal an den Rührgeschichten, die die Abendschau über Ein-Euro-Jobber in Schulbibliotheken gebracht hat. Die TV-Journalistin kann sich dann als Retterin des Jobs darstellen, da sie Landräten vor laufender Kamera eine Zusage abringt. Eine Darstellung der Situation der Schulbibliotheken, der strukturellen Probleme, überfordert wohl den Zuschauer, deshalb gibt es sie nicht.

Etwas anderes finde ich noch befremdlicher: An manchen Tagen informiert Radio 88,8 stündlich, wo und um wieviel Uhr eine Demonstration “alternativer” Gruppen zu erwarten sei, worum es geht, wie viele Demonstrant/-innen nach Meinung der Veranstalter kommen und ob mit Schlägereien zu rechnen sei oder nicht. Fehlt nur noch die Angabe der günstigsten Bushaltestelle oder U-Bahnstation. Der “Frühreporter”  ist “live vor Ort” und schildert im Stile der Frontberichterstattung, ob die Polizei gerade eine Barrikade vor einem besetzten Haus abräumt. “Wenn wieder etwas passiert, melde ich mich!” Fehlt nur noch die Bekanntgabe des Punktestandes der Kombattanten oder wer gerade einen Vorteil errungen hat.

Des Reporters Kompetenz beschränkt sich aufs Mikrofonhinhalten und der linksalternative Hausbesetzer darf hineinsprechen. Der fordert die “Bullen” auf, den Helm abzunehmen und selbst ein Haus zu besetzen. “Ich gebe zurück ins Funkhaus.”

Der HR pflegte in solchen Fällen im Rahmen des Verkehrsfunks durchzusagen, dass es in der Innenstadt wegen einer Demonstration zu Behinderungen kommen könne und man das Westend weiträumig umfahren solle.

Noch mehr Beispiele für die Verflachung des öffentlich-rechtlichen Rundfunksauftrages?:
Die rbb-TV-Talker laden sich interessante Menschen zum Plaudern ein. Wenn es dann zu politisch wird oder zu grundsätzlich, ziehen sie die Notbremse, wie kürzlich die TV-Plauderer Thadeusz oder Dieter Mohr, bei dem es um Adel in der heutigen Gesellschaft gehen sollte, aber bitte nicht zu tiefschürfend.
In der Unterhaltungssendung “Klipp und klar” war kürzlich als Diskutant zum Thema “Freiwilligenarmee Bundeswehr” der Schauspieler und Bundespräsidentenkandidat 2009 der Linkspartei, Peter Sodann, als Experte eingeladen. Der redet auch schon mal von Sch…, wenn er die parlamentarische Demokratie meint.

Zum Schluss das Positive: Die “Wetterleute” sind erstklassig, sowohl was die Qualität der Vorhersage betrifft als auch die Stories, die die Vorhersage einrahmen.

Moderatorin Elvira Siebert lässt sich in der Abendschau von Politiker/-innen nicht die Butter vom Brot nehmen. (Wo ist die eigentlich?)

Auch die Berichterstattung aus dem Brandenburger Landtag ist beachtlich und entspricht meiner Vorstellung von parteifernem TV. Da findet keine Hofberichterstattung statt. Mit dem Inforadio bin ich auch zufrieden.

Dass der rbb unverdrossen über Stasi-belastetete Polizeiführer und Richter berichtet, trotz der etwa hälftig geteilten Meinung der Bevölkerung und des heftigen Abwehrkampfs der SPD (Stolpe: “Hetze”, offener Brief des SPD-Funktionärs-Ehepaars Ness – selbst Wessis – zur kollektiven Verteidigung von DDR-Biographien gegen angebliche Wessi-Verunglimpfung), nötigt Respekt ab.

Was ist das für eine Ohrfeige für den Linken-Justizminister und seine Staatssekretärin, die eine erneute Richter-Überprüfung ablehnen, wenn ein Sozialgerichtspräsident eine Stasi-Richterin von ihrer bisherigen Aufgabe in der Bearbeitung von Opferklagen entbindet!

Nachtrag 11.10.11: Bin beschämt, weil ich die Hinweise auf Demonstrationen beim Hessischen Rundfunk lobend erwähnt habe, im Vergleich mit den fast liebevollen Hinweisen im rbb-Radio, das auch schon mal die Highlights aus dem Programm der Veranstalter vorliest. Bei Günter Ederer, Träum´weiter Deutschland, lese ich, dass ein HR-Sprecher einmal 50.000 Demonstranten gegen Stuttgart 21 in den Nachrichten ansagte, dann “live” nach Stuttgart schaltete: “Ich frage den Kollegen vor Ort: Sind die 50.000 Demonstranten schon da?” “Nein, hier sind höchstens 20.000…” “Das war direkt aus Stuttgart, wo zurzeit 50.000 Menschen demonstrieren.”

Nachtrag 6.5.12: Ministerpräsident Platzeck findet die Wettersendung im rbb ebenfalls gut. Jetzt stimmen wir wenigstens in einem Punkt überein.

Beim Politikmagazin “klartext” wird mir Herr Platzeck wohl nicht folgen. Da bin ich wieder alleine mit meinem Respekt vor der Unerschrockenheit der Redaktion.

Nachtrag Dezember 12: rbb-Talker Thadeusz überfordert sich mit seiner Serie “Preußisch-Blau” über Adelsfamilien, die nach dem Zusammenbruch der DDR zurückgekehrt sind. Im Grunde ist das eine verdienstvolle Idee, aber der Talkshowmoderator, der bisher spätabendliche Plaudereien produzierte, ist damit überfordert. Er glaubt, das Thema mit flapsigen Bemerkungen meistern zu können, will zeigen, dass ihn die adligen Gesprächspartner in keiner Weise beeindrucken, schießt seine Fragen ab, ohne dass daraus ein Gespräch entsteht. Er selbst lernt durchaus dazu. Das Wort “Epitaph”, aus adligem Mund gesprochen hört er zum ersten Mal. Das gibt er gerne zu. Nur bei der Mutter des Freiherrn von der Marwitz insistiert er: “Haben Sie nun mit den Kindern im Dorf gespielt?” “Aber für die Dorfkinder waren Sie doch die Herrschaft?” Die Frage: “Was haben Sie 1945 gedacht?” führt auch nicht zu einem ergiebigen Gespräch.

Dem Freiherrn von der Marwitz ist anzusehen, dass er sich fragt, auf was er sich da eingelassen hat. Als Thadeusz auf seiner provokanten Frage herumreitet, was er täte, wenn sein Sohn schwul wäre, schlägt der sonst geduldige Freiherr vor, doch ein anderes Thema anzuschneiden. Und als Thadeusz vom – für ihn selbstverständlichen – Kadavergehorsam des preußisch-deutschen Militärs spricht, erwähnt von der Marwitz ohne direkt zu widersprechen und eher beiläufig den Offizierswiderstand im Nationalsozialismus.

Der NDR produziert Sendungen, in denen nach Mecklenburg zurückgekehrte Adelsfirmen über Monate hinweg begleitet werden. Man erfährt von der Geschichte der Häuser, von den juristischen Mühen der Restitution, vom finanziellen Aufwand, von den unternehmerischen Erfolgen als Landwirte, von der oftmals anfänglich feindlichen Aufnahme in den Dörfern. Auch der rbb hat Ähnliches im Portefeuille.

Lesetipp: Rayk Wieland, Ich schlage vor, dass wir uns küssen

Es gibt ein paar Bücher, durch deren Lektüre man sich ganze Bibliotheken ersparen kann. Wenn man sie gelesen hat, braucht man keine weiteren.

Wer wissen will, wie die DDR war, sollte dieses Buch lesen. (Vorkenntnisse könnten nicht schaden. Denn die Wirklichkeit war nicht nur zum Lachen.)

Es erfüllt überdies die Forderung des Experten Prof. Sabrow, DDR-Aufarbeitung solle fröhlich sein.

Ein 18jähriger verliebt sich unsterblich in eine Westdeutsche, die er in einem Ostberliner Theater kennenlernt. Fast ein Jahr werden Liebesbriefe hin und her geschickt und er schreibt Gedichte, Nonsensgedichte, Liebesgedichte. Nach der Maueröffnung verliert die Angebetete Münchnerin das Interesse.

W. weiß, dass seine Primanerlyrik keine Literaturgeschichte machen wird. Er hat sie auch längst vergessen. Dann findet er in der Stasi-Akte seine Reime wieder und seine Liebesbriefe.

Sein Stasi-“Betreuer” hat Ordner voller Gutachten angelegt, in denen er die negative Grundhaltung des Dichters, die verleumderischen Absichten und die fatalistischen Ansichten anstreicht, Fragezeichen und Ausrufezeichen neben die Verse schreibt, Maßnahmen, Sonderrecherchen und operative Aufklärung unternimmt.

Das erinnert an Schwejk, an Robert Gernhardt. Das erbärmliche Geschehen wird manchmal zur Groteske. aber anders als die harmlosen Komödien “Sonnenallee und “Good bye, Lenin” ist Wielands Roman eine Realsatire. Man hätte etwas straffen können, aber Lektor scheint ein aussterbender Beruf zu sein.

Die Beschreibung des Wandgemäldes im VEB Werk für Fernsehelektronik , wo W. , dem das Abitur verweigert worden war, als Lehrling ausgebildet wurde, lohnt allein schon den Kauf des Buches (pp 89-98).

Lesetipp: Joachim Gauck, Winter im Sommer, Frühling im Herbst

Dreimal konnte ich schon Joachim Gauck erleben, zu unterschiedlichen Themen und vor unterschiedlichem Publikum. Es war jedes Mal beeindruckend, ihn zu hören.

Daher war es klar, dass ich seine Biographie kaufe. Er erzählte auf einer Veranstaltung, wie schwer ihm gefallen sei, dieses Buch zu schreiben, sich zu erinnern, besonders, wenn es um seine Familie, seine Kinder geht. Man sieht ihm an, dass es ihn auch heute noch bewegt.

Die Schilderung der Jahre in der DDR, die Trennung von seinen erwachsenen Kindern, die in den Westen ausreisten, die Bespitzelung durch Jugendliche, die die Stasi auf ihn ansetzte, die Demütigung seiner Kinder durch ihre Lehrer, das ist so entsetzlich.

Noch aufregender sind für mich, das muss ich zugeben, die Kapitel zu den Ereignissen nach der Revolution, seine Zeit als Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde. Der spätere Streit um die Bewertung der DDR – Unrechtsstaat, Konsensdiktatur, Überebewertung der Opferperspektive – entzündete sich schon an seiner Behörde.

Das m. E. vorläufige Ende der Aufarbeitung der SED-Diktatur, die Schlussstrich-Forderungen, die Versöhnung mit den Tätern, wie sie Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck betreibt, das hat seine Vorgeschichte und wird bei Gauck nachvollziehbar:

Die linksliberalen und sozialdemokratischen westdeutschen Milieus der 80er und 90er Jahre waren Wegbereiter für die heutige Weichzeichnung der DDR: Die Weigerung, den totalitären Kommunismus zu erkennen, die Weigerung Brandts, sich mit Lech Walesa zu treffen oder die Weigerung der SPD und der Grünen, Kontakte zu den Bürgerrechtlern statt der Männerfreundschaften zu Krenz und Honecker zu pflegen. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass dieselben, die dem Ministerpräsidenten Filbinger seinen treuherzigen (und juristisch durchaus begründbaren) Satz, dass das, was damals (in der NS-Zeit) Recht war, heute nicht Unrecht sein könne, unbarmherzig um die Ohren schlugen, genau dies bei der Beurteilung der DDR einfordern. Das trifft sich mit der in Ostdeutschland verbreiteten Sicht, dass, wie beim Führer, auch in der DDR nicht alles schlecht war,. Auch will  man in Ruhe gelassen werden. Die Mitläufer und die Täter können sich nicht der Selbstkritik unterziehen.

Gauck schreibt treffend:  “Als Herrenmenschen hatten viele Stasi-Offiziere, wie übrigens auch eine Menge von SED-Führungskadern, schon in der Diktatur gelernt, ihre Ellenbogen einzusetzen, was ihnen in der neuen offenen Gesellschaft bei Unternehmern aus dem Westen Vorteile verschaffte. Ihre einstigen Opfer sind dagegen nicht selten traumatisiert, litten nach Jahren der Drangsalierung unter einem geringen Selbstwertgefühl und mussten ihnen oft den Vortritt lassen. Insofern lässt sich von einer gewissen Kontinuität der Eliten sprechen, …” (p 282)

Dass der schillernde Potsdamer CDU-Politiker und letzte DDR-Innenminister Diestel ihm eine IM-Tätigkeit anhängen wollte, sei noch am Rande erwähnt.

Brandenburger Enquetekommission steht (fast)!

Die Enquetekommission, die den berühmt-berüchtigten “Brandenburger Weg” nach der sog. “Wende” untersuchen soll (“Unsere kleine DDR”), steht kurz vor der Verabschiedung im Landtag. Der Coup der Oppositionsparteien im Landtag ist wohl gelungen.

Das Ganze ist wieder einmal ein Lehrstück für Politik.

Zuerst hatte die SPD in ihrem Regierungsprogramm für die nächste Legislaturperiode die DDR-Aufarbeitung gar nicht mehr vorgesehen. 20 Jahre schienen genug. Dann sah sich Platzeck zu einer Koalition mit der Linkspartei genötigt. Da war auf einmal die Vergangenheit präsent. Jetzt versprach Matthias Platzeck die Fortsetzung der Aufklärung und in fast jeder Rede galt sein erster Satz den Diktaturopfern. Die folgenden Sätze handelten dann von nur noch Versöhnung mit den Tätern und Beendigung der angeblichen Spaltung Ostdeutschlands in Täter und Opfer.

Immerhin wurde die seit 20 Jahren fehlende Stelle eines Stasi-Unterlagen-Beauftragten in BRB geschaffen. (Das war allerdings schon in der letzten Legislaturperiode begonnen worden.) Die Ausführungsbestimmungen sind zwar noch recht vage, man wollte die Stelle auch zuerst im Geschäftsbereich des Bildungsministerium unterbringen, hat jetzt aber glücklicherweise das Landtagspräsidium als Träger gewählt.

Die Linkspartei hat gegen die Formulierung “… zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur” protestiert. Man würde der Idee des Kommunismus nicht gerecht, wenn man sie mit Diktatur verbände. Aber die SPD blieb standhaft.

Das Bildungsministerium hat jetzt die fabelhafte Idee entwickelt, DDR-Geschichte nicht nur in den letzten drei Geschichtsstunden vor den Sommerferien in den 10. Klassen vorzusehen, sondern sie auch schon in früheren Klassen zu ermöglichen und will sich das von der KMK genehmigen lassen. (Das wusste ich gar nicht, dass das sein muss.)

Die Akten der sich inzwischen als Farce herausstellenden Stasi-Überprüfung 1991 in BRB bleiben aber geschlossen.

(Nachtrag 25.6.10: Der Landtagspräsident berief sich dabei auf ein Gutachten seines Hauses. Das erschien nicht schlüssig, da das Archivgesetz durchaus Möglichkeiten der Einsichtnahme vorsieht. Dies haben die Landtagsjuristen inzwischen auch erkannt. Aber die Landesregierung hat ein Mitspracherecht!)

Jetzt kommen die Oppositionsparteien mit ihrer Enquetekommission und machen wahr, was Platzeck nur versprochen hat: Rückhaltlose Aufklärung.

In der Kommission soll es endlich nicht allein um IMs gehen. Dass diese Verkürzung der DDR-Aufarbeitung gelungen ist, dazu kann man SED/PDS/Linkspartei nur gratulieren. Hochschuldozenten, Parteisekretäre und sogar der mächtige Potsdamer Bezirkssekretär konnten ihre politischen Karrieren in Brandenburg nach der Wende fortsetzen und erfreuen sich im Falle des letzteren sogar der Duzfreundschaft des Ministerpräsidenten. Manche aus der alten Elite kokettieren sogar damit, dass sie keine IMs waren, sondern deren Berichte auf den Tisch kamen oder direkt ans ZK berichteten und nicht an das MfS.

Schon begann angesichts der Enquete-Idee das, was Politik so “anziehend” macht: Rot-Rot schießt dagegen, die publizistischen Hilfstruppen feuern mit: Keine Erwähnung der Kommission ohne den Zusatz , ihr Auftrag sei unklar. Ich hatte das immer so verstanden, dass der nahtlose Übergang der SED-Elite in Politik, Verwaltung, Polizei und Medien Brandenburgs untersucht werden sollte, der Umgang mit den Opfern, die Versäumnisse in der Bildungspolitik bei der Vermittlung von Schülerwissen. Aber vielleicht spielt mir meine Fantasie einen Streich, in meiner Zeitung, der PNN,  hieß es immer, der Auftrag sei unklar. Die Antragsteller haben inzwischen den Auftrag ausformuliert: Ein Programm für ein Jahrzehnt!

Als Rot-Rot erkannte, dass sie nicht zu verhindern ist, beschloss die SPD einen eigenen parallelen Geschichtskongress. Die Neo-Kommunisten fordern, die Kommission solle auch die Rolle der Wessis als Aufbauhelfer untersuchen und die Folgen der Übernahme der Strukturen des Landes NRW. (Man war nicht glücklich darüber, dass Kultusministerin Birthler die Schulstruktur des Landes NRW eingeführt hat und wenig Rücksicht auf Errungenschaften und Aufbruchstimmung der “Wendezeit” genommen haben soll. Und natürlich die Rolle der Treuhand.

Beide wollen aber verhindern, dass auch die Medien und die Strukturen in der Landwirtschaft untersucht werden. Das sei schädlich für Brandenburg, meint der SPD-Fraktionschef. Es gibt nämlich das Phänomen, dass die LPGen inzwischen häufig erfolreiche Großbetriebe sind in der Hand von Gesellschaftern, die vorher Vorsitzende der LPG waren. Die haben die meisten Landarbeiter entlassen und fahren den Betrieb mit einer Handvoll Mitarbeitern und viel Technik. Die Rückgabe- und Entschädigungspraxis des Landes würde dabei auch untersucht werden. Schon beginnt die Bauernlobby, das sind die Großbauern, die die frühere LPG bewirtschaften, die Parole zu verbreiten, die Bodenreform werde rückgängig gemacht. (Der erfolgreichste Großbauer ist Bauernpräsident und SPD-Genosse.) Wer die Landreform in Wirklichkeit rückgängig gemacht hat, weiß man heute nicht mehr, dank des Geschichtsunterrichts.

Rot-Rot schickt jetzt seine politische Elite in die Kommission, die Fraktionsspitzen.

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Platzeck praeceptor occidentis

„Was wir brauchen, sind endlich mal Filme über das wirkliche Leben (in der SED-Diktatur; G.S.), in denen sich die Leute wirklich widergespiegelt fühlen.“ Die Westdeutschen, die sich in aller Regel nicht für den Osten interessierten, könnten dann dazu gebracht werden, auch mal zu fragen, wie es denn wirklich war.  Die Debatte um die Rolle der Stasi verstelle den Blick auf die Lebenswirklichkeit der meisten Bewohner.

So der Stolpe-Nachfolger Matthias Platzeck letzte Woche im Brandenburger Landtag.

Getreu der Devise „Im Angriff liegt die beste Verteidigung“ verteidigt er sein anmaßendes Versöhnungsprojekt mit der in Brandenburg immer noch oder schon wieder Ton angebenden DDR-Elite.

Zuerst ließ er sich einen Text für den „Spiegel“ schreiben, in dem er die angebliche westdeutsche Versöhnung mit den Nazis zum Vorbild erklärte. Damit wurde er der westdeutschen Nachkriegsgeschichte nicht ganz gerecht. Jetzt mahnt er ein differenziertes DDR-Bild an, das er bei den Westdeutschen vermisst.

Nun sollte man Herrn Platzeck nicht vorwerfen, dass er sich in westdeutscher Geschichte und Gegenwart wenig auskennt. Wenn aber einer mit dem Finger auf die anderen zeigt, weisen die restlichen Finger der Hand auf ihn selbst zurück.

Die Brandenburger SPD und Ministerpräsident Platzeck haben aus der Vergangenheitsbewältigung in Brandenburg nach dem Wort eines Historikers eine „Komödie“ gemacht.

Wenn ihn die Stasi-Debatte so nervt und sie die Diktaturwirklichkeit scheinbar verdeckt, warum liefert er sich ausgerechnet einer Partei aus, deren Brandenburger Repräsentanten überwiegend aus IMs, FDJ-Dozentin, Hochschullehrer, Bezirkssekretär, Hochschulrektor, in Moskau ausgebildeten Akademikern usw. bestanden und bestehen?

Was DDR-Aufarbeitung in Schulen angeht, kann Herr Platzeck vom Westen nur lernen: Baden-Württemberg hat eine Website zum Thema, die zu den besten gehört. In Hessen finanziert das Kultusministerium Medienkisten für Schulen. Einen CDU-Vorschlag, so etwas auch in Brandenburg zu machen, hat die SPD-Landtagsfraktion vor zwei Jahren abgelehnt.

Nachtrag 1.3.10:

Die Brandenburger SPD plant einen Geschichts-Parteitag. Alt-Ministerpräsident Stolpe, gegen den laut Generalssekretär Ness eine Hetzjagd stattgefunden haben soll, ist als Hauptredner vorgesehen.

Damit will MP Platzeck in der Debatte um den Brandenburger Nachwende-Sonderweg wieder die Führungsrolle übernehmen. Die Linkspartei will vor allem die Rolle der Wessis untersucht wissen.

Update 31.8.10:

Ministerpräsident Platzeck hat weiterhin mehr Problem mit den Wesrdeutschen als mit SED und Linkspartei: Im “Spiegel” 35/2010 lässt er kein gutes Haar am Einigungsvertrag: “Gnadenlose Deindustrialisierung” und bedient die Mythen von den Alternativen dazu. Manfred Stolpe und Kersin Kaiser sind begeistert.

Sich mit den Westdeutschen zu versöhnen, ist für Platzeck anscheinend unmöglich.

Lehrerhandreichung zu Klaus Kordons „Krokodil im Nacken“

Der Beltz-Verlag gibt zur Schulbuchausgabe der autobiographischen Erzählung eine Lehrerhandreichung heraus.

Allen, die nicht das Glück haben, in ihrer Schulbibliothek die Themenkiste „Ampelmännchen und Todesschüsse“ vorzufinden oder die nur drei Unterrichtsstunden Zeit für die Aufarbeitung der DDR haben, sei mindestens die Lektüre von “Krokodil im Nacken” empfohlen, am besten in Klasse 8/9.

Die Handreichung, die von Marc Böhmann erarbeitet wurde, enthält alles, was man braucht, um guten Unterricht zu machen. Gerade dann, wenn man selbst noch wenig Erfahrung mit Jugendbuchlektüre im Unterricht hat oder Deutsch fachfremd unterrichtet.

Denen, die glauben, mit Jugendbüchern, so hochpolitischen gar, keinen anständigen Literaturunterricht machen zu können, zeigt Böhmann, wie gut sich die Bildungsstandards zum Leseverstehen, zum Umgang mit literarischen und Sachtexten anwenden lassen. Sogar Metaphern und Symbole können gefunden werden.

Damit die Unterrichtsvorbereitung für den Lehrer/die Lehrerin nicht zu umfangreich wird, enthält die Broschüre eine präzise Inhaltsangabe und eine tabellarische Kapitelübersicht. Eine Unterrichtseinheit wird knapp skizziert, deren Module zum Teil m. E. auch alleine verwendet werden können oder in arbeitsteiliger Gruppenarbeit.

Acht Arbeitsblätter enthält die Broschüre, und nicht, wie gelegentlich Handreichungen zu Jugendbüchern, gleich dreißig. Auch diese acht müssen nicht komplett benutzt werden.

Alles in allem eine angenehme Begleitlektüre für die eigene Unterrichtsvorbereitung. Man erhält Denkanstöße und eine Fülle textbezogener Fragen und Arbeitsvorschläge. Man kann auswählen, muss nicht von A-Z alles „nachkochen“.

Der Verfasser hat Klaus Kordon zum Buch interviewt. Angaben zu dessen Lebenslauf und zur Staatssicherheit der DDR runden das Heft ab.

Für Politik- und Geschichtslehrer sei angemerkt: Alles, was man über die DDR wissen muss und warum sie jemand verlassen will, dem es dort materiell gar nicht schlecht ging, ist im „Krokodil im Nacken“ zu finden.

Die Fortsetzung von Kordons Erzählung, die Jahre in der Bundesrepublik hier!

Und nicht verkneifen kann ich mir noch:  Gerade richtig für Schulen in Brandenburg (und nochmal Brandenburg!). Wer Informationen und Unterrichtsmaterial zu “DDR” sucht, sollte einmal in den Blog “Ampelmännchen und Todesschüsse” schauen.

Neu in der DDR-Medienkiste “Ampelmännchen und Todesschüsse”

Michael Gartenschläger

Michael Gartenschläger

Stand: 28.05.09

Todesautomatik. Die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger

von Lothar Lienicke und Franz Bludau

Frankfurt/M: Fischer 22008, 349 S., 10,95 €, 9783596159130

Michael Gartenschläger liebte Rock´n Roll, insbesondere Ted Herold. Er besuchte vor dem Mauerbau gerne die West-Berliner Kinos und Plattenläden. Wegen seines Protestes gegen den Mauerbau wird er zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Er sitzt 12 Jahre in DDR-Zuchthäusern, bevor er an die Bundesrepublik verkauft wird. Sein Hass auf die DDR geht so weit, dass er Selbstschussgeräte an der innerdeutschen Grenze abmontiert, von denen die SED behauptet sie wären Attrappen. Bei einem weiteren Demontageversuch wird er von einem Stasi-Kommando erschossen.

Ich möchte das in der Handreichung empfohlene exemplarische Vorgehen erleichtern durch die Aufnahme weiterer Einzelschicksale. Damit entferne ich mich zwar von dem Wunsch einiger Politiker und Historiker nach mehr Alltagsgeschichte.  Ich finde aber die Geschichte eines jungen Menschen, der wegen seiner Musikvorlieben zum Staatsfeind und von diesem Staat ermordet wird, aufschlussreicher als eine Untersuchung, ob Röstfein nicht vielleicht doch im Systemvergleich der bessere Kaffee und die lange Wartezeit auf einen Trabi ein kluger Beitrag zum Umweltschutz war.

Weitere Beiträge zum Thema in “Basedow1764″ unter dem Schlagwort “DDR”.

Die Medienliste  “Ampelmännchen und Todesschüsse

Nachtrag:

Der brandenburgische Landtag zeigt eine Ausstellung über die Geschichte Michael Gartenschlägers. Das ist bemerkenswert, da – anders als  zahlreiche private, ehrenamtliche Initiativen – Organe des Landes nicht gerade die Speerspitze der DDR-Aufarbeitung sind.

Die Ausstellung ist im Gebäude der ehemaligen Bezirksleitung der SED auf dem Brauhausberg.  Man sieht außen noch die Umrisse des DDR-Wappens. Trotz aller Renovierung riechen die Flure und Räume nach kaiserlicher, Nazi- und SED-Bürokratie. Den Landtagsabgeordneten ist ein Neubau zu gönnen. 

"Blauer Salon" des brandenburgischen Landtages

Vom Pförtner werden wir über den Hof zur Gebäuderückseite geschickt. Die Ausstellung ist im “Blauen Salon”, der wohl früher die Garage für die Fahrbereitschaft der Bezirksleitung war. Wir gehen gerade über den Hof , ein paar Landtagsangestellte machen Mittagspause. Da ruft uns ein Wachmann, auf einer Treppe stehend, zu: “Sie da, kommen Sie mal her!” Wir kommen nicht, sondern rufen, freilich irgendwie ertappt, zurück: “Wir wollten zur Gartenschläger-Ausstellung!” Da lässt uns der Wachmann ziehen.

Ein Besucherbuch liegt in der Ausstellung nicht aus. Wir können also nicht sehen, ob außer uns noch jemand den Blauen Salon erreicht hat.