Ich liebe den rbb

nicht besonders. Aber siehe die Nachträge!!!

Das liegt einmal an den Rührgeschichten, die die Abendschau über Ein-Euro-Jobber in Schulbibliotheken gebracht hat. Die TV-Journalistin kann sich dann als Retterin des Jobs darstellen, da sie Landräten vor laufender Kamera eine Zusage abringt. Eine Darstellung der Situation der Schulbibliotheken, der strukturellen Probleme, überfordert wohl den Zuschauer, deshalb gibt es sie nicht.

Etwas anderes finde ich noch befremdlicher: An manchen Tagen informiert Radio 88,8 stündlich, wo und um wieviel Uhr eine Demonstration “alternativer” Gruppen zu erwarten sei, worum es geht, wie viele Demonstrant/-innen nach Meinung der Veranstalter kommen und ob mit Schlägereien zu rechnen sei oder nicht. Fehlt nur noch die Angabe der günstigsten Bushaltestelle oder U-Bahnstation. Der “Frühreporter”  ist “live vor Ort” und schildert im Stile der Frontberichterstattung, ob die Polizei gerade eine Barrikade vor einem besetzten Haus abräumt. “Wenn wieder etwas passiert, melde ich mich!” Fehlt nur noch die Bekanntgabe des Punktestandes der Kombattanten oder wer gerade einen Vorteil errungen hat.

Des Reporters Kompetenz beschränkt sich aufs Mikrofonhinhalten und der linksalternative Hausbesetzer darf hineinsprechen. Der fordert die “Bullen” auf, den Helm abzunehmen und selbst ein Haus zu besetzen. “Ich gebe zurück ins Funkhaus.”

Der HR pflegte in solchen Fällen im Rahmen des Verkehrsfunks durchzusagen, dass es in der Innenstadt wegen einer Demonstration zu Behinderungen kommen könne und man das Westend weiträumig umfahren solle.

Noch mehr Beispiele für die Verflachung des öffentlich-rechtlichen Rundfunksauftrages?:
Die rbb-TV-Talker laden sich interessante Menschen zum Plaudern ein. Wenn es dann zu politisch wird oder zu grundsätzlich, ziehen sie die Notbremse, wie kürzlich die TV-Plauderer Thadeusz oder Dieter Mohr, bei dem es um Adel in der heutigen Gesellschaft gehen sollte, aber bitte nicht zu tiefschürfend.
In der Unterhaltungssendung “Klipp und klar” war kürzlich als Diskutant zum Thema “Freiwilligenarmee Bundeswehr” der Schauspieler und Bundespräsidentenkandidat 2009 der Linkspartei, Peter Sodann, als Experte eingeladen. Der redet auch schon mal von Sch…, wenn er die parlamentarische Demokratie meint.

Zum Schluss das Positive: Die “Wetterleute” sind erstklassig, sowohl was die Qualität der Vorhersage betrifft als auch die Stories, die die Vorhersage einrahmen.

Moderatorin Elvira Siebert lässt sich in der Abendschau von Politiker/-innen nicht die Butter vom Brot nehmen. (Wo ist die eigentlich?)

Auch die Berichterstattung aus dem Brandenburger Landtag ist beachtlich und entspricht meiner Vorstellung von parteifernem TV. Da findet keine Hofberichterstattung statt. Mit dem Inforadio bin ich auch zufrieden.

Dass der rbb unverdrossen über Stasi-belastetete Polizeiführer und Richter berichtet, trotz der etwa hälftig geteilten Meinung der Bevölkerung und des heftigen Abwehrkampfs der SPD (Stolpe: “Hetze”, offener Brief des SPD-Funktionärs-Ehepaars Ness – selbst Wessis – zur kollektiven Verteidigung von DDR-Biographien gegen angebliche Wessi-Verunglimpfung), nötigt Respekt ab.

Was ist das für eine Ohrfeige für den Linken-Justizminister und seine Staatssekretärin, die eine erneute Richter-Überprüfung ablehnen, wenn ein Sozialgerichtspräsident eine Stasi-Richterin von ihrer bisherigen Aufgabe in der Bearbeitung von Opferklagen entbindet!

Nachtrag 11.10.11: Bin beschämt, weil ich die Hinweise auf Demonstrationen beim Hessischen Rundfunk lobend erwähnt habe, im Vergleich mit den fast liebevollen Hinweisen im rbb-Radio, das auch schon mal die Highlights aus dem Programm der Veranstalter vorliest. Bei Günter Ederer, Träum´weiter Deutschland, lese ich, dass ein HR-Sprecher einmal 50.000 Demonstranten gegen Stuttgart 21 in den Nachrichten ansagte, dann “live” nach Stuttgart schaltete: “Ich frage den Kollegen vor Ort: Sind die 50.000 Demonstranten schon da?” “Nein, hier sind höchstens 20.000…” “Das war direkt aus Stuttgart, wo zurzeit 50.000 Menschen demonstrieren.”

Nachtrag 6.5.12: Ministerpräsident Platzeck findet die Wettersendung im rbb ebenfalls gut. Jetzt stimmen wir wenigstens in einem Punkt überein.

Beim Politikmagazin “klartext” wird mir Herr Platzeck wohl nicht folgen. Da bin ich wieder alleine mit meinem Respekt vor der Unerschrockenheit der Redaktion.

Nachtrag Dezember 12: rbb-Talker Thadeusz überfordert sich mit seiner Serie “Preußisch-Blau” über Adelsfamilien, die nach dem Zusammenbruch der DDR zurückgekehrt sind. Im Grunde ist das eine verdienstvolle Idee, aber der Talkshowmoderator, der bisher spätabendliche Plaudereien produzierte, ist damit überfordert. Er glaubt, das Thema mit flapsigen Bemerkungen meistern zu können, will zeigen, dass ihn die adligen Gesprächspartner in keiner Weise beeindrucken, schießt seine Fragen ab, ohne dass daraus ein Gespräch entsteht. Er selbst lernt durchaus dazu. Das Wort “Epitaph”, aus adligem Mund gesprochen hört er zum ersten Mal. Das gibt er gerne zu. Nur bei der Mutter des Freiherrn von der Marwitz insistiert er: “Haben Sie nun mit den Kindern im Dorf gespielt?” “Aber für die Dorfkinder waren Sie doch die Herrschaft?” Die Frage: “Was haben Sie 1945 gedacht?” führt auch nicht zu einem ergiebigen Gespräch.

Dem Freiherrn von der Marwitz ist anzusehen, dass er sich fragt, auf was er sich da eingelassen hat. Als Thadeusz auf seiner provokanten Frage herumreitet, was er täte, wenn sein Sohn schwul wäre, schlägt der sonst geduldige Freiherr vor, doch ein anderes Thema anzuschneiden. Und als Thadeusz vom – für ihn selbstverständlichen – Kadavergehorsam des preußisch-deutschen Militärs spricht, erwähnt von der Marwitz ohne direkt zu widersprechen und eher beiläufig den Offizierswiderstand im Nationalsozialismus.

Der NDR produziert Sendungen, in denen nach Mecklenburg zurückgekehrte Adelsfirmen über Monate hinweg begleitet werden. Man erfährt von der Geschichte der Häuser, von den juristischen Mühen der Restitution, vom finanziellen Aufwand, von den unternehmerischen Erfolgen als Landwirte, von der oftmals anfänglich feindlichen Aufnahme in den Dörfern. Auch der rbb hat Ähnliches im Portefeuille.

Lesetipp: Joachim Gauck, Winter im Sommer, Frühling im Herbst

Dreimal konnte ich schon Joachim Gauck erleben, zu unterschiedlichen Themen und vor unterschiedlichem Publikum. Es war jedes Mal beeindruckend, ihn zu hören.

Daher war es klar, dass ich seine Biographie kaufe. Er erzählte auf einer Veranstaltung, wie schwer ihm gefallen sei, dieses Buch zu schreiben, sich zu erinnern, besonders, wenn es um seine Familie, seine Kinder geht. Man sieht ihm an, dass es ihn auch heute noch bewegt.

Die Schilderung der Jahre in der DDR, die Trennung von seinen erwachsenen Kindern, die in den Westen ausreisten, die Bespitzelung durch Jugendliche, die die Stasi auf ihn ansetzte, die Demütigung seiner Kinder durch ihre Lehrer, das ist so entsetzlich.

Noch aufregender sind für mich, das muss ich zugeben, die Kapitel zu den Ereignissen nach der Revolution, seine Zeit als Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde. Der spätere Streit um die Bewertung der DDR – Unrechtsstaat, Konsensdiktatur, Überebewertung der Opferperspektive – entzündete sich schon an seiner Behörde.

Das m. E. vorläufige Ende der Aufarbeitung der SED-Diktatur, die Schlussstrich-Forderungen, die Versöhnung mit den Tätern, wie sie Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck betreibt, das hat seine Vorgeschichte und wird bei Gauck nachvollziehbar:

Die linksliberalen und sozialdemokratischen westdeutschen Milieus der 80er und 90er Jahre waren Wegbereiter für die heutige Weichzeichnung der DDR: Die Weigerung, den totalitären Kommunismus zu erkennen, die Weigerung Brandts, sich mit Lech Walesa zu treffen oder die Weigerung der SPD und der Grünen, Kontakte zu den Bürgerrechtlern statt der Männerfreundschaften zu Krenz und Honecker zu pflegen. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass dieselben, die dem Ministerpräsidenten Filbinger seinen treuherzigen (und juristisch durchaus begründbaren) Satz, dass das, was damals (in der NS-Zeit) Recht war, heute nicht Unrecht sein könne, unbarmherzig um die Ohren schlugen, genau dies bei der Beurteilung der DDR einfordern. Das trifft sich mit der in Ostdeutschland verbreiteten Sicht, dass, wie beim Führer, auch in der DDR nicht alles schlecht war,. Auch will  man in Ruhe gelassen werden. Die Mitläufer und die Täter können sich nicht der Selbstkritik unterziehen.

Gauck schreibt treffend:  “Als Herrenmenschen hatten viele Stasi-Offiziere, wie übrigens auch eine Menge von SED-Führungskadern, schon in der Diktatur gelernt, ihre Ellenbogen einzusetzen, was ihnen in der neuen offenen Gesellschaft bei Unternehmern aus dem Westen Vorteile verschaffte. Ihre einstigen Opfer sind dagegen nicht selten traumatisiert, litten nach Jahren der Drangsalierung unter einem geringen Selbstwertgefühl und mussten ihnen oft den Vortritt lassen. Insofern lässt sich von einer gewissen Kontinuität der Eliten sprechen, …” (p 282)

Dass der schillernde Potsdamer CDU-Politiker und letzte DDR-Innenminister Diestel ihm eine IM-Tätigkeit anhängen wollte, sei noch am Rande erwähnt.

Brandenburger Enquetekommission steht (fast)!

Die Enquetekommission, die den berühmt-berüchtigten “Brandenburger Weg” nach der sog. “Wende” untersuchen soll (“Unsere kleine DDR”), steht kurz vor der Verabschiedung im Landtag. Der Coup der Oppositionsparteien im Landtag ist wohl gelungen.

Das Ganze ist wieder einmal ein Lehrstück für Politik.

Zuerst hatte die SPD in ihrem Regierungsprogramm für die nächste Legislaturperiode die DDR-Aufarbeitung gar nicht mehr vorgesehen. 20 Jahre schienen genug. Dann sah sich Platzeck zu einer Koalition mit der Linkspartei genötigt. Da war auf einmal die Vergangenheit präsent. Jetzt versprach Matthias Platzeck die Fortsetzung der Aufklärung und in fast jeder Rede galt sein erster Satz den Diktaturopfern. Die folgenden Sätze handelten dann von nur noch Versöhnung mit den Tätern und Beendigung der angeblichen Spaltung Ostdeutschlands in Täter und Opfer.

Immerhin wurde die seit 20 Jahren fehlende Stelle eines Stasi-Unterlagen-Beauftragten in BRB geschaffen. (Das war allerdings schon in der letzten Legislaturperiode begonnen worden.) Die Ausführungsbestimmungen sind zwar noch recht vage, man wollte die Stelle auch zuerst im Geschäftsbereich des Bildungsministerium unterbringen, hat jetzt aber glücklicherweise das Landtagspräsidium als Träger gewählt.

Die Linkspartei hat gegen die Formulierung “… zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur” protestiert. Man würde der Idee des Kommunismus nicht gerecht, wenn man sie mit Diktatur verbände. Aber die SPD blieb standhaft.

Das Bildungsministerium hat jetzt die fabelhafte Idee entwickelt, DDR-Geschichte nicht nur in den letzten drei Geschichtsstunden vor den Sommerferien in den 10. Klassen vorzusehen, sondern sie auch schon in früheren Klassen zu ermöglichen und will sich das von der KMK genehmigen lassen. (Das wusste ich gar nicht, dass das sein muss.)

Die Akten der sich inzwischen als Farce herausstellenden Stasi-Überprüfung 1991 in BRB bleiben aber geschlossen.

(Nachtrag 25.6.10: Der Landtagspräsident berief sich dabei auf ein Gutachten seines Hauses. Das erschien nicht schlüssig, da das Archivgesetz durchaus Möglichkeiten der Einsichtnahme vorsieht. Dies haben die Landtagsjuristen inzwischen auch erkannt. Aber die Landesregierung hat ein Mitspracherecht!)

Jetzt kommen die Oppositionsparteien mit ihrer Enquetekommission und machen wahr, was Platzeck nur versprochen hat: Rückhaltlose Aufklärung.

In der Kommission soll es endlich nicht allein um IMs gehen. Dass diese Verkürzung der DDR-Aufarbeitung gelungen ist, dazu kann man SED/PDS/Linkspartei nur gratulieren. Hochschuldozenten, Parteisekretäre und sogar der mächtige Potsdamer Bezirkssekretär konnten ihre politischen Karrieren in Brandenburg nach der Wende fortsetzen und erfreuen sich im Falle des letzteren sogar der Duzfreundschaft des Ministerpräsidenten. Manche aus der alten Elite kokettieren sogar damit, dass sie keine IMs waren, sondern deren Berichte auf den Tisch kamen oder direkt ans ZK berichteten und nicht an das MfS.

Schon begann angesichts der Enquete-Idee das, was Politik so “anziehend” macht: Rot-Rot schießt dagegen, die publizistischen Hilfstruppen feuern mit: Keine Erwähnung der Kommission ohne den Zusatz , ihr Auftrag sei unklar. Ich hatte das immer so verstanden, dass der nahtlose Übergang der SED-Elite in Politik, Verwaltung, Polizei und Medien Brandenburgs untersucht werden sollte, der Umgang mit den Opfern, die Versäumnisse in der Bildungspolitik bei der Vermittlung von Schülerwissen. Aber vielleicht spielt mir meine Fantasie einen Streich, in meiner Zeitung, der PNN,  hieß es immer, der Auftrag sei unklar. Die Antragsteller haben inzwischen den Auftrag ausformuliert: Ein Programm für ein Jahrzehnt!

Als Rot-Rot erkannte, dass sie nicht zu verhindern ist, beschloss die SPD einen eigenen parallelen Geschichtskongress. Die Neo-Kommunisten fordern, die Kommission solle auch die Rolle der Wessis als Aufbauhelfer untersuchen und die Folgen der Übernahme der Strukturen des Landes NRW. (Man war nicht glücklich darüber, dass Kultusministerin Birthler die Schulstruktur des Landes NRW eingeführt hat und wenig Rücksicht auf Errungenschaften und Aufbruchstimmung der “Wendezeit” genommen haben soll. Und natürlich die Rolle der Treuhand.

Beide wollen aber verhindern, dass auch die Medien und die Strukturen in der Landwirtschaft untersucht werden. Das sei schädlich für Brandenburg, meint der SPD-Fraktionschef. Es gibt nämlich das Phänomen, dass die LPGen inzwischen häufig erfolreiche Großbetriebe sind in der Hand von Gesellschaftern, die vorher Vorsitzende der LPG waren. Die haben die meisten Landarbeiter entlassen und fahren den Betrieb mit einer Handvoll Mitarbeitern und viel Technik. Die Rückgabe- und Entschädigungspraxis des Landes würde dabei auch untersucht werden. Schon beginnt die Bauernlobby, das sind die Großbauern, die die frühere LPG bewirtschaften, die Parole zu verbreiten, die Bodenreform werde rückgängig gemacht. (Der erfolgreichste Großbauer ist Bauernpräsident und SPD-Genosse.) Wer die Landreform in Wirklichkeit rückgängig gemacht hat, weiß man heute nicht mehr, dank des Geschichtsunterrichts.

Rot-Rot schickt jetzt seine politische Elite in die Kommission, die Fraktionsspitzen.

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Lehrerhandreichung zu Klaus Kordons „Krokodil im Nacken“

Der Beltz-Verlag gibt zur Schulbuchausgabe der autobiographischen Erzählung eine Lehrerhandreichung heraus.

Allen, die nicht das Glück haben, in ihrer Schulbibliothek die Themenkiste „Ampelmännchen und Todesschüsse“ vorzufinden oder die nur drei Unterrichtsstunden Zeit für die Aufarbeitung der DDR haben, sei mindestens die Lektüre von “Krokodil im Nacken” empfohlen, am besten in Klasse 8/9.

Die Handreichung, die von Marc Böhmann erarbeitet wurde, enthält alles, was man braucht, um guten Unterricht zu machen. Gerade dann, wenn man selbst noch wenig Erfahrung mit Jugendbuchlektüre im Unterricht hat oder Deutsch fachfremd unterrichtet.

Denen, die glauben, mit Jugendbüchern, so hochpolitischen gar, keinen anständigen Literaturunterricht machen zu können, zeigt Böhmann, wie gut sich die Bildungsstandards zum Leseverstehen, zum Umgang mit literarischen und Sachtexten anwenden lassen. Sogar Metaphern und Symbole können gefunden werden.

Damit die Unterrichtsvorbereitung für den Lehrer/die Lehrerin nicht zu umfangreich wird, enthält die Broschüre eine präzise Inhaltsangabe und eine tabellarische Kapitelübersicht. Eine Unterrichtseinheit wird knapp skizziert, deren Module zum Teil m. E. auch alleine verwendet werden können oder in arbeitsteiliger Gruppenarbeit.

Acht Arbeitsblätter enthält die Broschüre, und nicht, wie gelegentlich Handreichungen zu Jugendbüchern, gleich dreißig. Auch diese acht müssen nicht komplett benutzt werden.

Alles in allem eine angenehme Begleitlektüre für die eigene Unterrichtsvorbereitung. Man erhält Denkanstöße und eine Fülle textbezogener Fragen und Arbeitsvorschläge. Man kann auswählen, muss nicht von A-Z alles „nachkochen“.

Der Verfasser hat Klaus Kordon zum Buch interviewt. Angaben zu dessen Lebenslauf und zur Staatssicherheit der DDR runden das Heft ab.

Für Politik- und Geschichtslehrer sei angemerkt: Alles, was man über die DDR wissen muss und warum sie jemand verlassen will, dem es dort materiell gar nicht schlecht ging, ist im „Krokodil im Nacken“ zu finden.

Die Fortsetzung von Kordons Erzählung, die Jahre in der Bundesrepublik hier!

Und nicht verkneifen kann ich mir noch:  Gerade richtig für Schulen in Brandenburg (und nochmal Brandenburg!). Wer Informationen und Unterrichtsmaterial zu “DDR” sucht, sollte einmal in den Blog “Ampelmännchen und Todesschüsse” schauen.

Neu in der DDR-Medienkiste “Ampelmännchen und Todesschüsse”

Michael Gartenschläger

Michael Gartenschläger

Stand: 28.05.09

Todesautomatik. Die Staatssicherheit und der Tod des Michael Gartenschläger

von Lothar Lienicke und Franz Bludau

Frankfurt/M: Fischer 22008, 349 S., 10,95 €, 9783596159130

Michael Gartenschläger liebte Rock´n Roll, insbesondere Ted Herold. Er besuchte vor dem Mauerbau gerne die West-Berliner Kinos und Plattenläden. Wegen seines Protestes gegen den Mauerbau wird er zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Er sitzt 12 Jahre in DDR-Zuchthäusern, bevor er an die Bundesrepublik verkauft wird. Sein Hass auf die DDR geht so weit, dass er Selbstschussgeräte an der innerdeutschen Grenze abmontiert, von denen die SED behauptet sie wären Attrappen. Bei einem weiteren Demontageversuch wird er von einem Stasi-Kommando erschossen.

Ich möchte das in der Handreichung empfohlene exemplarische Vorgehen erleichtern durch die Aufnahme weiterer Einzelschicksale. Damit entferne ich mich zwar von dem Wunsch einiger Politiker und Historiker nach mehr Alltagsgeschichte.  Ich finde aber die Geschichte eines jungen Menschen, der wegen seiner Musikvorlieben zum Staatsfeind und von diesem Staat ermordet wird, aufschlussreicher als eine Untersuchung, ob Röstfein nicht vielleicht doch im Systemvergleich der bessere Kaffee und die lange Wartezeit auf einen Trabi ein kluger Beitrag zum Umweltschutz war.

Weitere Beiträge zum Thema in “Basedow1764″ unter dem Schlagwort “DDR”.

Die Medienliste  “Ampelmännchen und Todesschüsse

Nachtrag:

Der brandenburgische Landtag zeigt eine Ausstellung über die Geschichte Michael Gartenschlägers. Das ist bemerkenswert, da – anders als  zahlreiche private, ehrenamtliche Initiativen – Organe des Landes nicht gerade die Speerspitze der DDR-Aufarbeitung sind.

Die Ausstellung ist im Gebäude der ehemaligen Bezirksleitung der SED auf dem Brauhausberg.  Man sieht außen noch die Umrisse des DDR-Wappens. Trotz aller Renovierung riechen die Flure und Räume nach kaiserlicher, Nazi- und SED-Bürokratie. Den Landtagsabgeordneten ist ein Neubau zu gönnen. 

"Blauer Salon" des brandenburgischen Landtages

Vom Pförtner werden wir über den Hof zur Gebäuderückseite geschickt. Die Ausstellung ist im “Blauen Salon”, der wohl früher die Garage für die Fahrbereitschaft der Bezirksleitung war. Wir gehen gerade über den Hof , ein paar Landtagsangestellte machen Mittagspause. Da ruft uns ein Wachmann, auf einer Treppe stehend, zu: “Sie da, kommen Sie mal her!” Wir kommen nicht, sondern rufen, freilich irgendwie ertappt, zurück: “Wir wollten zur Gartenschläger-Ausstellung!” Da lässt uns der Wachmann ziehen.

Ein Besucherbuch liegt in der Ausstellung nicht aus. Wir können also nicht sehen, ob außer uns noch jemand den Blauen Salon erreicht hat.

Medienkiste DDR (4): Antisemitismus, Leseland DDR

Dr. Gysi hat kürzlich in einem Beitrag im “Tagesspiegel” darauf hingewiesen, dass die DDR niemals antisemitisch gewesen wäre.

Unter Ostalgikern gibt es immer einen Aufschrei, wenn diese Legende zerstört wird.

Wohlgemerkt, es geht nicht um Antizionismus oder Israel-Kritik. Dass die SED in Nahost Terroristen unterstützt und arabische Staaten mit Waffen versorgt hat, dass im DDR-Fernsehen Israel mit Hitler gleichgesetzt wurde, ist hier nicht gemeint.

Als Gysi 1990 den Jüdischen Weltbund um einen Milliardenkredit bat, um den Zusammenbruch der DDR zu verhindern, mit Verweis auf die revanchistisch-faschistoide BRD, gab es in amerikanischen Zeitungen und bei jüdischen Organisationen Verblüffung über so viel Chuzpe.

Man war sich der Geschichte der SED-Diktatur bewusst: Die antisemitischen Schauprozesse Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre, der Exodus der Vertreter jüdischer Gemeinden, die Behandlung des Holocaust als Fußnote der Geschichte, die Verweigerung jeglicher Entschädigungszahlen, die Aberkennung oder Verweigerung des Status als OdF, Opfer des Faschismus, wenn es um Juden ging.

Einer von Gysis Vorgängern als SED-Vorsitzende, Walter Ulbricht, war da weniger zimperlich. Er soll gesagt haben : “Wenn Hitler die Juden nicht schon enteignet hätte, hätten wir das gemacht.” Die jüdischen Genossen hat er nach und nach beseitigen lassen. Mielke war in seiner Ausdrucksweise nicht besser als Julius Streicher.

(Zur Klarstellung: In keinster Weise ist von mir beabsichtigt, Ulbricht  Hitler gleichzustellen. Oder Gysi Ulbricht oder Mielke.

Andererseits: Ulbrichts Wirtschaftspolitik wird in einem Jugendbuch des Fischer Verlages gelobt – Plenzdorf/Damann, ein Land genannt die DDR –  …)

Lesenswert:

Stefan Meining, Kommunistische Judenpolitik. Die DDR, die Juden und Israel, Hamburg: 2002, dokumentiert anhand von Protokollen und anderen Dokumenten  den Antisemitismus der deutschen Kommunisten von 1930 bis 1990.

In Westdeutschland wird bis heute gerne vom Leseland DDR geschwärmt, wo sogar noch Grillparzer gelesen worden wäre. (Warum wohl?)

Zensurspiele. Heimliche Literaturgeschichte aus der DDR von Simone Beck und Siegfried Lokatis, Halle: 2008, dokumentiert in zahlreichen Beispielen die verquaste Zensur der SED. Aberwitzige Geschichten. Sehr lesenswert.

Das ist eines der Bücher, die schon alleine ausreichen, um klar zu machen, wie es ausgeht, wenn eine heilsversprechende Utopie mit gnadenloser Härte durchgesetzt wird.

Warum muss ich mir in Potsdam solche Bücher immer per Fernleihe besorgen, diesmal sogar aus Westdeutschland? (In akademischen Bibliotheken sind sie gelegentlich da, aber meist nur im Präsenzbestand.)

Zur Medienkiste “Ampelmännchen und Todesschüsse” hier.

Update 09.12.08

Die “Runde Ecke“, Dokumentationszentrum in der ehemaligen Leipziger Stasi-Zentrale, hat eine Datenbank online gestellt, in der 1500 Objekte fotografiert und erläutert wurden. Man muss mal stöbern: “Postkontrolle” , “Schminken”, “Geruchsprobe”.

Hervorragend geeignet für Unterrichtsrecherchen!

Update 17.12.08:

In der Medienkiste “Ampelmännchen und Todesschüsse”  ist das Buch “Die DDR” von Hermann Vinke. Ich entdecke dazu gerade die Rezension in der Zeit (Luchs-Kinderbuchjury):  Luchs 267, Zeit Nr. 29, vom 10.07.08

Hermann Vinkes Buch über die DDR wird von der Kinderbuchjury der Zeit und Radio Bremen zu Recht empfohlen. Allerdings muss man es gegen den Rezensenten Volker Ulrich verteidigen.

Ulrich sieht in der Aufarbeitung der SED-Diktatur einen eifernden Ton der Abrechnung, eine zunehmende Gleichsetzung der DDR mit dem „Dritten Reich” und liest in das  sachliche Buch seine DDR-Sicht hinein. Bisher hatte ich eher wahrgenommen, dass die DDR zunehmend verklärt wird, man wäre nett zueinander gewesen, die Luft wäre gesünder und die Mieten billiger gewesen.

Die political correctness verbietet es, auf Parallelen zwischen den beiden Diktaturen hinzuweisen. Dass Potsdam etwa 1953 erneut „judenrein” war, behält man besser für sich. Die DDR war ja angeblich nie antisemitisch, höchstens antizionistisch.

Ulrich zitiert aus dem Buch „die höchste Frauenerwerbsquote der Welt” als SED-Errungenschaft. Bei Vinke steht vorher der Satz, wem das geschuldet war, nämlich dem Arbeitskräftemangel (p. 65). Die DDR-Paschas, vorneweg die alten Männer des Politbüros,  feierten die Doppelbelastung ihrer Frauen auch noch mit dem Weltfrauentag.

Ulrich lobt das angeblich vorbildliche DDR-Schulsystem. Vinke ist da vorsichtiger. Das rigide DDR-Schulsystem wird gerade von Journalisten zunehmend verklärt. Als ob es nie eine Odenwaldschule, integrierte Gesamtschulen oder die Laborschule gegeben hätte.

Während der friedlichen Revolution war man sich noch einig, dass die DDR-Schule die Menschen deformiert habe, wie Christa Wolf es formulierte.

Und was die Leistungen angeht, so konnten sich die westdeutschen Lehrer während der Ausreisewelle davon überzeugen, dass die im rezeptiven Unterrichtssystem der Diktatur hervorragend benoteten Übersiedlerkinder ganz schnell in der Mitte der Notenskala ankamen. Die DDR-Lehrer mussten Rechenschaft ablegen, wenn sie schlechte Noten gaben.

Es macht auch sicher einen Unterschied, ob eine Diktatur ihren gesamten Repressionsapparat gegen Jeans- und Rock´n-Roll-Liebhaber einsetzt oder eine westliche Vätergeneration darauf aggressiv reagiert. Ulrich setzt das gleich, Vinke nicht.

Vinkes Buch ist ein sehr brauchbares Nachschlagewerk für Jugendliche. Es hat diese Besprechung in der “Zeit” nicht verdient.

Medienkiste DDR (3): Schülerwissen, Korruption und guter Sex

Der Artikel „Medienkiste DDR (2)” wurde allmählich sehr lang. Das Thema ist aber keineswegs zu Ende. Daher ein weiterer Artikel.

Zur Medienkiste “Ampelmännchen und Todesschüsse” hier.

Die Studie über das Schülerwissen über die DDR schlug hohe Wellen. Dies schlug keine hohen Wellen: Für die Finanzierung der Studie gab es eine Zusage des Berliner Senats.  Die wurde zurückgezogen. Stattdessen bezahlt der Senat ein Gutachten des Prof. Borries, der darin Studie auseinander nimmt. Und in Brandenburg veranstaltet die Landeszentrale für politische Bildung eine Diskussion über die Qualität der Studie mit Börries und Prof. Schroeder, dem Verfasser.

Prof. em. Borries, der die Untersuchung zum DDR-Schülerwissen lautstark und häufig kritisierte, in den Räumen der brandenburgischen Staatskanzlei – Brandenburg hatte ein ziemlich schlechtes Ergebnis -, schreibt in einem Aufsatz im Deutschland-Archiv ( “Zur Verarbeitung der DDR-[BRD]-Geschichte (Heft 4/2009, pp 665 – 676), dass die Ergebnisse im Kern zuträfen (p 668). Was ihn wohl am meisten stört ist, dass er schon viel früher Wissensdefizite erforscht hatte. Auf ihn hatte aber wohl keiner gehört.

 

Zum update vom 15.8.:

Der Film des Satirikers Martin Sonneborn, „Heimatkunde”, über die Bewohner des ehemaligen Grenzgebietes rund um Berlin kommt Anfang Oktober in die Kinos.

Wieder ein Buch entdeckt:

Volker Klemm, Korruption und Amtsmissbrauch in der DDR, Stuttgart, DVA 1991, ist der Bericht über eine Kommission in der kurzen Zeit der Nachwende-DDR, die sich mit dem Thema beschäftigte.

Die Intrigen um diese Kommission, die Aussagen ehemaliger Angehöriger der DDR-Nomenklatura und allein der Bericht über Wandlitz lesen sich wie ein Krimi.

Wozu brauchte die Familie Mittag 10 Farbfernseher, die für die Oberschicht nur ein Drittel des normalen DDR-Preises kosteten? Wie hat es Margot Honecker, die nach eigenen Angaben fast nie in Wandlitz einkaufen konnte, weil der Laden schon um 17 Uhr schloss, dort über 100.000 Mark im Jahr ausgeben können? Warum bekamen die Kinder der Machthaber Tankgutscheine, um kostenlos in ganzen Land tanken zu können? Warum bekam Honecker noch 70.000 Mark im Jahr für Abschussprämien von Wild? Wieso haben die Ministerien für ihre Minister und Staatssekretäre, deren geschiedene Frauen und die Kinder Villen gebaut, in denen aber auch alles aus dem Westen importiert worden war, 20000 Mark Heizkosten übernommen und als Miete 210 Mark verlangt? Undsoweiter und so weiter…

Das alles habe ich 1991 schon mal gehört. Aber wenn einem das jetzt wieder begegnet…

Und draußen stellt die Linkspartei riesige Plakate auf: „Ein Potsdam für alle”. Sie lässt Transparente vom Flugzeug ziehen, ist für die Pendlerpauschale, für freie Fahrt für freie Bürger, für Verkehrsberuhigung in den Einfallstraßen in die Stadt, für Sozialticket und kostenloses Schulessen. An Tankgutscheine für alle denkt aber noch keiner.

In Neuruppin, wo die aktuelle Korruption sehr auffälllig geworden ist, fragte eine Linksparteilokalpolitikerin, was die Aufregung solle, das sei anderswo auch nicht anders. Andere sagen, da seien immer noch die alten DDR-Seilschaften am Werk.

Peinlich für die Lokalmatadore der Partei, dass Dr. Gysi sich für die historische Schlossfassade beim Wiederaufbau des Stadtschlosses in Potsdam ausgesprochen hat. Ob er jetzt aus der Partei ausgeschlossen wird? So wie das die sächsische Linkspartei mit ungehorsamen Genossen macht.

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hatte kürzlich einen satririschen Einbürgerungstest in ihrem Blatt, den ich hier verkürzt wiedergebe:

Warum ist die DDR untergegangen?

a) wegen der subversiven Wühlarbeit der US-Imperialisten,

b) wegen der Oderflut,

c) Wieso untergegangen?”

Natürlich(?) ist das Buch von Volker Klemm über die Korruption in der guten, alten DDR vergriffen. Im brandenburgischen Verbundkatalog (70 Bibliotheken) wird nur ein Standort in Spremberg nachgewiesen! Die SLB Potsdam aber hat auch ein Exemplar. Im Antiquariatshandel kostet das Buch inzwischen 60€.

1998 erschien ein Buch von Christian von Ditfurth: Ostalgie oder linke Alternative. Meine Reise durch die PDS. Der Autor bietet das vergriffene Buch  inzwischen als pdf an. Auch wenn die Partei sich jetzt anderes nennt, es ist keinesfalls inaktuell.

Update 17.10.08:

Wenn ich mir das neue Verzeichnis der Bundeszentrale für politische Bildung ansehe, habe ich den Eindruck, dass dort die Aufarbeitung der DDR abgewickelt wurde. Ganze 10 Titel: Filme der  DDR, Rock in der DDR, Theater, die Stasi, “einer der erfolgreichsten Geheimdienste der Welt”, die Parteien der SBZ, etwas Systemvergleich: Zwei Staatsgründungen, das war´s im Wesentlichen. Die Bände und DVDs von Stefan Wolle sind vergriffen. Keine Nachschlagewerke über die DDR, kein Richard Schroeder, Knabe schon gar nicht. Ist das eine Wende nach der Wende?

Update 2.11.08:

Wer gar nicht vom Thema lassen kann: Uwe Tellkamp, Der Turm!

Toll, dass es dieses Buch in die Charts geschafft hat!  Ich bin beruhigt, dass es einem Rezensenten ähnlich wie mir erging: Man braucht 50 Seiten, bis man sich reingelesen hat. Es könnte auch gerne etwas kürzer sein.

Tellkamp beschreibt kafkaeske Szenen, in denen Untertanen bei der Verwaltung vorsprechen und schikaniert werden: “Ich habe jetzt nur ihre Geige begutachtet, Bürgerin. Für eine Freigabe des Bogens müssen Sie sich wieder hinten anstellen.” Oder die alltägliche korrumpierende Tauschwirtschaft: Herztabletten gegen Christstollen, Arzneimittellieferung gegen Schreibmaschinenreparatur, ordentlicher Weihnachtsbaum gegen Nikolaus spielen vor den Kindern des Försters.

Eine ganz andere DDR als die, die durch die Internet-Leserkommentarspalten der Tageszeitungen, die Blogs der Ehemaligen oder Kommentare von Dr. Gysi in den Potsdamer Neuesten Nachrichten wabert.

Nachtrag 9.11.08

Bei ocelot.de – digitale Bücher – hat u.a. der Christian Links Verlag zahlreiche seiner DDR-Bücher gegen Entgelt als pdf oder mit digitalem Leserecht eingestellt. Gerade bei vergriffenen Büchern ist das sehr hilfreich.

Der URL war am 23.1.11 nicht zu erreichen!

Update 20.11.08:

Für Ostalgiker bringt die Deutsche Post AG in ihrer Medaillensammlung eine Gedenkmünze zur Zwangsvereinigung von KPD und SPD heraus.

Update 22.11.08:

Die Post AG hat ihre Geschmacklosigkeit erkannt und zieht die Gedenkmünze zurück. Ob sie jetzt der von der SED eingesperrten Sozialdemokraten mit einer “polierten Platte” gedenkt? Die Ostalgiker haben jetzt ein Kultobjekt.

Update 23.11.08:

Die Beschäftigung mit der DDR-Aufarbeitung bringt es mit sich, dass ich verfolge, wie man im Osten mit der Vergangenheit umgeht. Dass Demokratie und Rechtsstaat verunglimpft werden, ist normal. Dass die Neokommunisten im politischen Alltagsgeschäft die DDR-Aufarbeitung kräftig behindern, kann im Lokalteil  der Zeitungen verfolgt werden.

Das berühmte Panzerdenkmal, das alle Interzonenreisenden vom Vorbeifahren in Dreilinden kennen, muss dringend renoviert werden. Da die Russen den Panzer 1990 abgebaut haben, stellte ein Künstler einen sowjetischen Schneepflug auf, den er rosa anmalte.

Im zuständigen Kleinmachnower Stadtparlament fand die Linkspartei die Renovierung höchst überflüssig und sorgte dafür, dass die Mittel gesperrt wurden.

Die Schauspielerin und Regisseurin Katharina Thalbach äußert sich weiterhin, diesmal in der FAZ v. 21.11., verächtlich über die Demokratie in Deutschland (“verlogen”, Tagesspiegel/PNN v. 6.8.08). Jetzt hat sie ein neues Element der DDR-Verklärung eingeführt: Man hätte öfter Sex gehabt und mehr gelacht.

Wenn man die Zahl der Scheidungen und Abtreibungen nimmt, könnte sogar was dran sein. Da produzierte die Deutsche Demokratische Republik nämlich höhere Zahlen als die kapitalisistisch-faschistische BRD.

Gewiss war die kecke Bemerkung auch provozierend gemeint. Deswegen ist eine provozierende Anmerkung ebenfalls zulässig: Die Lebenserwartung in der DDR war kürzer als in BRD. Bei Frauen betrug der Unterschied laut Statistischem Jahrbuch 24 Monate. Da musste man sich ranhalten…

Dass der Unterschied nach fast 20 Jahren auf vier Monate geschrumpft ist, ist den Potsdamer Neuesten Nachrichten die Schlagzeile “Wer im Osten lebt, stirbt früher” wert.

Der Psychiater Hans-Joachim Maaz steuert noch eine Beobachtung bei: Im Angesicht der so beliebten FKK-Kultur in der DDR habe man sehen können, dass das realsozialistische Experiment nicht nur zu psychosomatischen Störungen geführt habe, sondern auch zu körperlichen Deformationen. (H. J. Maaz, Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR, p. 37).

Mutig finde ich den Generalstaatsanwalt von Brandenburg, Erardo Rautenberg. Er kritisiert nämlich die Geschichtspolitik des Landes Brandenburg am Beispiel des Gedenkstättenkonzepts für das Zuchthaus der Stadt Brandenburg. Das Land will lediglich eine Euthanasiegedenkstätte einrichten. Dass das Gefängnis eine der größten Haftanstalten der DDR war, in der auch gefoltert wurde, interessiert nicht.

Ein – differenzierender – Vergleich der beiden deutschen Diktaturen ist hier im Osten verpönt. Die DDR Diktatur zu nennen, gilt schon als unkorrekt.

Update 6.12.08:

Erfreulich ist, dass das Stadtparlament in Potsdam erneut eine Stasi-Überprüfung seiner Abgeordneten beschlossen hat.

Dafür wird die Außenstelle der Birthler-Behörde geschlossen.  Die einzige Außenstelle in den neuen Ländern, die geschlossen wird. Da Brandenburg auch das einzige neue Bundesland ist, das keinen Stasi-Landesbeauftragten hat, glaubt man wohl die Aufarbeitung der Diktatur für beendet erklären zu können.

So wird Brandenburg die Geister der Vergangenheit nicht los. Es gibt ein jüdisches Sprichwort, das besagt:  Das Geheimnis der Erlösung liegt in der Erinnerung.

Siehe weitere Eintragungen u. a. unter DDR 4

Nachtrag 3.9.09

Der frühere DDR-Sexualfachmann Segfried Schnabl sieht laut Berliner Zeitung (zit. v. Michael Jürgs in Potsdamer Neueste Nachrichten v. 3.9.09) keine wesentlichen Unterschiede im Sexualverhalten der West- und Ostdeutschen. Er hält die Ostfrauen allerdings für “Orgasmus fähiger”. Ist es das, was Frau Thalbach gemeint hat?