Schulschließung im Main-Kinzig-Kreis

Den unten verlinkten Zeitungsartikel über die mögliche Schließung einer kleinen Grundschule fand ich, weil ich Zeitungsmeldungen zu “Schulbibliothek” suchte. Die Rektorin beklagt die beabsichtigte Schließung und zählt als Grund für das Weiterbestehen auch die Schulbibliothek auf. Gehen wir davon aus, dass die Wertschätzung nicht erst mit dem Schließungsplan kam.

In dem Artikel findet sich auch dies: Vor vier Monaten war ein knapp eine Million teurer Neubau eingeweiht worden.

Die Leistungen der Schulbibliotheken erforschen

Deutsche Bildungsforscher sollten nicht nur PISA-Daten erheben und kommentieren, sondern endlich erforschen, was wirkt und was nicht. Dabei müssen auch die Leistungen guter Schulbibliotheken empirisch untersucht werden.

Seit über zehn Jahren werden Rankinglisten zur Sprachkompetenz erstellt und Veränderungen im einstelligen Prozentbereich begrüßt oder beklagt. Demnächst wird es auch noch ein globales Rechtschreibranking geben.

Kultusminister ziehen einen Tag nach der Veröffentlichung der neuesten PISA-Ergebnisse neue „Sofortprogramme“ aus dem Hut, Bildungsforscher selbst beklagen, dass die Wirksamkeit der Vielzahl an Projekten und Programmen nicht systematisch überprüft wird.

Es gibt in Deutschland tausende von Schulbibliotheken, die tagtäglich als Wissens-, Lern- und Lesezentren zur Schulqualität beitragen. In angelsächsischen Ländern wird in mehreren tausend Schulen und bei über einer Million Schülerinnen und Schüler seit Jahrzehnten erfasst, in welchem Umfang gute Schulbibliotheken/-mediatheken zum Schulerfolg beitragen. In Deutschland kennt mancher Landesrechnungshof nur die Ausleihzahlen als Erfolgskriterium für innerschulische Bibliotheken. Dabei sind die das Unwichtigste.

Ergebnisse der internationalen Wirkungsforschung zu Schulbibliotheken:

  • Schülerleistungen steigen in Schulen mit guten Schulbibliotheken, unabhängig vom sozioökonomischen Status des Elternhauses.
  • Die Ergebnisse in Leseleistungstests sind besser.
  • Mehrere Dimensionen der Lesefähigkeit werden verbessert: Wortschatz, Grammatik, Rechtschreibung, Schreibstil.
  • Referate und Präsentationen sind fundierter.

In guten Schulbibliotheken findet Unterricht statt, kann man digital und mit Büchern lernen, offener und individueller lernen als im Klassenraum, kann Hausaufgaben machen, gute Referate schreiben, auch einfach mal in der Mittagspause schmökern.

Schulbibliotheken werden in anderen Staaten evaluiert, sie müssen nachweisen, dass sie gut sind und erhalten dann mehr Geld. Deutsche Schulbibliotheken sind meist auf das ehrenamtliche Engagement von Eltern und Lehrkräften angewiesen.

Deutsche Bildungsforschung und Bildungspolitik sollten allmählich das Potenzial aktiver Schulbibliotheken und -mediatheken entdecken! Was man stattdessen tut, hier.

Erneut Föderalismusreform?

Ein Ergebnis der Föderalismusreform von 2006 war die verstärkte Trennung von Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern anstelle der stetig gewachsenen Gemeinschaftsaufgaben. An sich eine gute Sache, ging es doch darum, den Bundesländern mehr (finanzielle) Verantworung zu geben, eine klare Aufgabenteilung zu erreichen und mehr Konkurrenz unter den Bundesländern zu ermöglichen.

So wurde u. a. die Bildungspolitik weitgehend Ländersache. Der Bund behielt lediglich Zuständigkeiten bei der Regelung der Hochschulzulassung und der Hochschulabschlüsse sowie Teilen der beruflichen Bildung.  Damit stieg der Bund aus der Mitfinanzierung im Schulbereich aus.

Dass das eine falsche Entscheidung war, wurde schon damals gesagt. Alle Umfragen zeigen, dass mehr Einheitlichkeit im Schulwesen und mehr zentrale Zuständigkeiten gewünscht werden. Die Bundesmittel und die vom Bund geförderten Projekte fehlen jetzt.

Bildungsministerin Schavan will daher den Fördervereinen von Grundschulen das Geld geben, das sie den Ländern nicht mehr geben darf.

Kein Wunder, dass die Föderalismusreform weiterhin ein Thema bleibt. CDU-Bundesvorstandsmitglied Thomas Röwekamp fordert in einem Beitrag in der FAZ v. 10.6.2010, erneut über Gemeinschaftsaufgaben nachzudenken.

Unterfordert das Gymnasium seine Schüler?

Für Liebhaber empirischer Sozialforschung gibt es wieder einen Leckerbissen. Der Bildungsforscher Reiner Lehmann wollte kürzlich herausgefunden haben, dass Gymnasiasten, die ab Klasse 5 in Berlin ein Gymnasium besuchen, am Ende der Klasse 6 einen Bildungsvorsprung von zwei Jahren gegenüber den Schülern hätten, die die sechsjährige Berliner Grundschule besuchen.

Klingt ja nicht unplausibel. Die Berliner Grundschule ist anders organisiert als die (weitgehend abgeschaffte) hessische Förderstufe, in der Fachlehrer der Sekundarstufe, darunter auch Gymnasiallehrer, in leistungsdifferenzierten Kursen unterrichten. Das konnte ja nicht gut gehen. Und dem Gymnasium wird quasi von Natur aus mehr Qualität bescheinigt.

Entsprechend jubelten auch die Bildungsexpertinnen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Da kann man schon mal das nächste Berliner Volksbegehren in Angriff nehmen und gegen die Hamburger Schulreform lieferte Prof. Lehmann auch die passenden Argumente.

Nun hat, nachdem schon andere die Gültigkeit von Lehmanns Befunden angezweifelt hatten, Prof. Jürgen Baumert, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPI), mit denselben Daten, die Lehmann benutzt hatte, eine neue Analyse durchgeführt.

Baumert kommt zu dem Ergebnis,

  • dass die sechsjährige Grundschule die schwachen Schüler erkennbar fördere,
  • dass keine generelle Förderwirkung der klassischen Gymnasialform nachweisbar sei,
  • dass der Lernvorsprung der Gymnasiasten gegen Null tendiere.

Anders oder zumindest in höherem Maße als Lehmann, berücksichtigt Baumert, dass die Vergleichsgruppe der Berliner Sextaner und Quintaner aus Elternhäusern stammt, die ihnen alles, was sie für den Schulerfolg brauchen, mitgeben. Dass diese in Lesen und Rechnen besser abschneiden als die Grundschüler sei diesem Umstand geschuldet.

Es bestätigt sich die alte Bauernweisheit, dass (jegliche) Schule nicht schade, gelegentlich sogar nutze. Vielleicht lockert das Ergebnis der Baumert-Studie die verkrampften deutschen Grabenkriege um das richtige Schulsystem auf. Die ZEIT hat ja auch dazu gelernt. Ich erinnere mich an einen Artikel vor vielen Jahren, in dem es gelungen war, die Ergebnisse einer MPI-Studie so wiederzugeben, dass die Gesamtschule abgewatscht werden konnte, obwohl das die Studie nicht hergab.

Es gibt eine australische Sekundäranalyse Hunderter erziehungswissenschaftlicher Forschungsberichte, die zu dem Ergebnis kommt, dass der wichtigste Faktor für den Schulerfolg das Elternhaus sei. Es gibt die Hypothese, dass die amerikanischen Eliteuniversitäten deswegen so gut wären, weil zu ihnen gute Studenten kämen. Es gibt eine Untersuchung (LAU 7 Hamburg) die andeutet, dass man sich zunehmend auch im Gymnasium mehr um die schwächeren als die leistungsstärkeren Schüler kümmere und so geringere Lernzuwächse erreichte.

Ein Interview mit Prof. Baumert zur Schulentwicklung in Deutschland.

Um wieder zu meinem Kernthema zurückzukommen:

Wenn die Lehrerinnen und Lehrer der sechsjährigen Berliner Grundschule jetzt noch in guten multimedialen Schulbibliotheken arbeiten könnten …

Elternprotest, weil es keine Schulbibliothek gibt

In USA!

LA Parents Protest Over Lack of School Library

December 1, 2008

Castelar Elementary in Los Angeles has been without a library since 2002, forcing students to walk to the nearest public library every time they need to use one. The district was supposed to replace the school’s library, but the project has been tied up in the design phase, and now the budget has doubled. Parents have been organizing a protest for the next LAUSD Board meeting on Tuesday, Nov. 25. The district heard about the planned protest and scheduled a last-minute meeting at the school on Friday, Nov. 21. Parents who are not satisfied planned to attend the Nov. 25 school board meeting.

Quelle

Schulbibliotheken in Finnland

Als die hessische Kultusministerin Wolff aus Finnland zurückkam, war sie auch von den Schulbibliotheken beeindruckt. Und sie war nicht die einzige. Für die hessischen Schulbibliotheken hatte das keinerlei Folgen.

Zurzeit sammelt die Kollegin Helen Boelens aus den Niederlanden über die Mailing-Liste von ENSIL, dem Netzwerk europäischer Schulbibliothekar/-innen, Daten zur Situation der Schulbibliotheken in Europa. Eine Mail der Schulleiterin und Vizepräsidentin der finnischen Schulbibliotheksvereinigung Association for School Librarians, Hannele Frantsi, an Helen ist dabei sehr informativ: Weiterlesen