Schulräume: So schön könnte es sein!

Ab Folie 7 kommen die Fotos!
Der Vorspann geht so: Der Bauer Rip van Winkle, eine Art Sagengestalt in einer Erzählung von Washington Irving, fällt in der nordamerikanischen britischen Kolonie in einen Zauberschlaf und erwacht nach 20 Jahren in einem anderen Land, in den Vereinigten Staaten. In Anlehnung an diese Geschichte heißt es ein wenig provozierend: Wer vor hundert Jahren in einen Tiefschlaf fiel und jetzt aufwachen würde, fände sich nicht mehr zurecht. Alles hat sich verändert, ist neu und unbekannt. Nur eines hat sich nicht verändert: der Klassenraum! Der ist noch genauso wie vor hundert Jahren. Wenn man davon absieht, dass die Wandtafel nicht mehr schwarz, sondern grün oder weiß ist.
Ich hatte die Präsentation vor vier Jahren schon einmal erwähnt. In der Regel prüfe ich, ob es Doubletten gibt. Hier fiel es mir nicht auf. Aber man kann Gutes nicht oft genug erwähnen. :-)

Profis am Werk? Der Neubau der IGS Hannover-Mühlenberg ignoriert die Schulbibliothek

Passt ganz gut zum vorhergehenden Beitrag: Die Ausschreibung für den Neubau der IGS Hannover-Mühlenberg. Das Gebäude ist eine typische 70er Jahre-Gesamtschule, so anheimelnd wie ein Großkrankenhaus.

Die Schule muss aber gute Arbeit geleistet haben. Sie hat so ziemlich alle Auszeichnungen, die zu haben sind: Europaschule, Umweltschule, Medienschule, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Abiturfach Darstellendes Spiel u. a. m.

Angeblich ist sie auf Platz 7 unter Deutschlands besten Gesamtschulen. Von wem das Ranking stammt? Von Capital. Ich kenne da eine hessische, die auch zu den Top Ten gehörte… O.K., bei Focus.

Ich durchforste die 80 Seiten Ausschreibung. Unter “Stadtteilbezogene Nutzung” kommt die kombinierte Stadtteil- und Schulbibliothek.

Hinsichtlich des Neubaus ist die Rede von pädagogischer Architektur (ohne ®!), von Lernlandschaften und Lebensräumen, über den Raum als “drittem Lehrer”.

Da schaue ich mir doch einmal die Zeichnung auf S. 33 an:

Das unterste Oval ist der Schuleingangsbereich: Foyer, Verkehrsknotenpunkt, Informationsbereich. An der zentralen Mittelachse liegen alle wichtigen Einrichtungen: Aula, Mensa, Caféteria, Schülercafé, Freizeitstation, Audivisionszentrum mit Mediensammlung, Informatikräume, Kunst, Musik, NaWi.

Die Bibliothek ist das Gebäude unten rechts (X), ausgegliedert in den hellgrau getönten Bereich “Stadtteilbezogene Aufgaben” mit einem von der Schule getrenntem Eingangsbereich. Die Bibliothek hat auf der Rückseite aber noch einen direkten Zugang zur Schule (Hintereingang?). Neben der Bibliothek befinden sich Jugendzentrum, Seniorenzentrum, theaterpädagogisches Zentrum (von rechts nach links)

Noch Fragen?

Wenn man vergleicht, was sich international in Sachen Bibliotheksarchitektur tut (Stichtworte learning commons oder Wissensallmende)…

Spannende Schularchitektur in Kopenhagen

Schulbau ist – endlich – ein kommendes Thema. Die Zahl der Berichte über innovative Schularchitektur nimmt zu. Die Kritik an herkömmlichen Schulbauten wächst (“Schulen sehen aus wie Gefängnisse”).

Eine Schule in einem Kopenhagener Neubaugebiet ist ein Musterbeispiel für Schularchitektur im 21. Jahrhundert. Das Öresund-Gymnasium ist nicht nur ein schicker Schulbau. Auch Unterricht und Schulalltag wurden verändert.

Ein Video von Adam Mørk: 24 Stunden in der Innenhalle im Zeitraffer. Warum auch immer.

Die “Lerninseln” – die Hentig schon in Bielefeld in den 70ern bauen ließ – ersetzen die herkömmlichen Klassenräume. Gelernt wird vor allem in Gruppen oder individuell an verschiedenen Lernorten.

Eine Präsentation zu Schulbau und Schulkonzept
Die Schule hat einen medienpädagogischen Schwerpunkt.

Das Schulbibliothekskonzept

Privatschulen der deutschen Minderheit in Nordschleswig schließen derweil aus Geldmangel ihre Schulbibliothek. Das dänische Schulbibliotheksgesetz gilt nur für Staatsschulen.

Auch moderne Architektur hat Schattenseiten. Es gibt den schönen Satz, dass der Architekt dazu verurteilt werden müsste, den Rest seines Lebens in dem Haus zu wohnen, das er entworfen hat.

Gibt es in der Schule für die Lehrer einen Aufzug oder müssen die den ganzen Tag die Treppen rauf und runter laufen? Wie ist der Geräuschpegel in der Halle? Wirkt das riesige Atrium nicht wie eine Flughafenhalle oder ein Kunstmuseum? Sind die Räume noch so “schön” steril weiß wie auf den Architektenfotos?

“Bildungslandschaft” in der ETH Lausanne

Es gibt eine neue Pilgerstätte für für Schul- und Bibliotheksarchitektur:

Das Rolex-Lernzentrum der ETH Lausanne.

Die Architekturkritiker schwärmen: Kommunikationsarchitektur, Bildungslandschaft. “Ein Raum, der in seiner Vielfalt und Lebendigkeit allen virtuellen Räumen überlegen is.” schreibt Hanno Rauterberg in der ZEIT v. 4.3.10.

Das Lernzentrum beherbergt eine Bibliothek, eine Caféteria, Seminarräume und Hörsäle.

Man sollte sich für die Schulbibliotheken inspirieren lassen, das ist ein Learning Commons, wie es auch in der Schule wünschenswert wäre.

Der Film, eine Pressemitteilung, ein Foto, (Nachtrag 28.10.11:) Fotos im unteren Teil dieser Seite

Im Basedow1764 dazu auch: Schulbaukultur, die Entbibliothekarisierung der Schulbibliothek und die Schulbibliothek als Wissensallmende.

Bleibt zu hoffen, dass das Gebäude nicht nur gut aussieht, sondern die beabsichtigten Wirkungen erzielt.

Mehr Schulbaukultur!

Die Bundesstiftung Baukultur hat einen Aufruf “Baukultur für Bildungsbauten” veröffentlicht.

In Basedow1764 habe ich mich zum Thema mehrfach geäußert:

schulen-sehen-aus-wie-strafanstalten

zur einrichtung-von-schulbibliotheken-7-architektur-fur-eine-andere-schule

learning-commons-statt-schulbibliothek

die-entbibliothekarisierung-der-schulbibliothek

kulturrevolution-in-us-schulbibliotheken

Ich nehme die Gelegenheit gerne wahr, um Erinnerungen zu frönen: In “meinen” Schulbibliotheken habe ich mich bemüht, eine Atmosphäre zu schaffen, die sich von den restlichen Schulräumen wohltuend unterschied: Teppichboden, andere Möbel, andere Farben, Papierkörbe, Luftschlangen und Weihnachtssterne nicht das ganze Jahr über an Fenstern und Decken, saubere Tafel, aktuelles Schwarzes Brett, nicht beschmierte Tische, keine Kaugummireste auf den Stühlen, nicht nur fici benjamini und zentimeterdicke Staubschicht auf der Fensterbank…

Aktuelle Umfragen aus USA bestätigen, dass Collegestudenten Schulbibliotheken wegen ihrer hohen Aufenthaltsqualität schätzen. (Worüber auch nicht alle glücklich sind: Es werde nur noch gesimst, gechattet und Café Latte getrunken, die Bücherregale würden zur Dekoration.)

Die Schulbibliothek wird zur Lernwerkstatt

Schulbibliotheken als Lernräume werden zum Thema. Das ist gut so. Gewinnen sie dadurch doch an Bedeutung für die Schule, vor allem für die Reform der Schule.

Siehe dazu auch frühere Beiträge, hier, hier und hier!

Die beste Schulbibliothek ist dann nicht mehr die nach IFLA-Standards, die mit mindestens 5 oder 10000 Medieneinheiten oder die Zweigstelle der Stadtbibliothek in der Schule.

Die Schulbibliothek, das ist ihr wichtigstes Merkmal, wird Teil eines größeren Ganzen, einer pädagogischen Werkstatt.

Wer Basedow1764 kennt, weiß, dass jetzt eine historische Reminiszenz kommt. Hier ist sie: Wir haben in Hessen als Junglehrer/innen einige Berufsjahre dafür verwendet, die Förderstufe attraktiv zu machen, die Verlängerung der gemeinsamen Schulzeit in Klasse 5 und 6, bei gleichzeitiger differenzierter Organisation dieser Jahrgangsstufe. (Das blieb schulpolitisch eine Episode.)

Es gab damals Jahrgangsebenen, d. h. jeweils zwei 5. und 6. Klassen bekamen gegenüberliegende Klassenräume und der Platz dazwischen, fast so groß wie ein Klassenraum, wurde „möbliert“, so dass er als Lern- und Aufenthaltsraum genutzt werden konnte. (So weit der Brandschutz das erlaubte.)

30 Jahre später erfahre ich, was daraus werden kann, wenn Architekten, Schulleitung und Kollegium darüber gründlich nachdenken, ein Konzept entwickeln und das realisieren. Die Grundschule, in der das gelungen ist, steht in Welsberg/Südtirol. Mit Erlaubnis des Schulleiters, Herrn Josef Watschinger, darf ich ein paar Fotos zeigen. Eine Dokumentation wird von Schule und Architekten demnächst ins Internet gestellt.

Architekt Klaus Hellweger sagt: „Qualität entsteht dann,

  • wenn die Architektur das pädagogische Konzept der Schule spiegelt,
  • wenn die Räume und deren Gestaltung die Umsetzung der pädagogischen Philosophie unterstützen und
  • wenn die Räume und Raumgefüge vielfältig bespielbar sind und eine Weiterentwicklung von Schule zulassen.”

Die „Zwischenräume“ zwischen den Klassen sind zum „Herz“ der Schule geworden. Es sind Lernwerkstätten: Jede verfügt über eine interaktive (mobile) Tafel. Die Bibliothek ist in die Lernwerkstätten integriert. Es gibt Lesenischen mit Büchern zum Schmökern. Die Lernwerkstätten haben den Charakter eines Wohnraums. Die Klassenräume und die Lernwerkstätten sind mit flexiblem Mobiliar ausgestattet.

Sicher lassen sich Einwände finden. Den Brandschutz habe ich schon erwähnt. In einer kleinen Schule geht es eher als in einer großen. Wie viele Lernwerkstätten müssen es sein?

Nun, in fortgeschrittenen Grundschulen ist jeder Klassenraum eine Lernwerkstatt. Das hängt aber vom Engagement der jeweiligen Klassenlehrerin ab. Wenn es dagegen wie in Welsberg zu einem pädagogischen Raumkonzept kommt, muss nicht jede einzelne Lehrerin allein versuchen, in ihrem viereckigen Klassenraum eine Lernatmosphäre zu schaffen.

Wer in neuere Waldorf-Schulgebäude geht, sieht, dass es dort so etwas wie eine Piazza gibt, um die herum alle wichtigen Räume angeordnet sind.

Welsberg-Raumpläne und Fotos

Schulen sehen aus wie Strafanstalten

Der Schularchitekt Peter Hübner übt radikale Architekturkritik und fordert: Baut Bibliotheken in die Schulen!

Das ist doch mal ein schöner Zeitungsartikel in der taz!

(Der über das angebliche Revival der Hochbegabtenförderung der DDR-Schule kürzlich war “ostig”, wie man das in der taz zu nennen scheint.  Das Adjektiv kannte ich bisher nicht. Es meint wohl, dass die taz mit dem Zeitgeist geht und der Ostalgie frönt. Die früher einmal geäußerte Erwartung, dass es in Ostdeutschland ein 68 geben würde, also kritsche Fragen der Nachgeborenen an die Elterngeneration,  wurde wohl enttäuscht.)

Siehe auch im Weblog hier! (New York redesignt Schulbibliotheken)

Danke an die sba Leipzig für den Hinweis auf den Artikel!