Stephan Leibfried zu Frau Schavans Doktorarbeit

In der FAZ von heute (19.10.) steht ein Leserbrief von Prof. Stephan Leibfried (Ja, der: “Die angepasste Universität” von 1968!) Er meint, dass bei Frau Schavan mit Kanonen nach Spatzen geschossen werde.
Es sei in deutschsprachigen Dissertationen erforderlich, erst einmal das gesamte “Panorama” des Diskussions- und Forschungsstandes im gewählten Sachgebiet zu referieren. Das Ergebnis seien “Reader´s Digest-Formate” mit Standardwissen aus dritter Hand. Sprachlich erlaube das wenig Varianz (Leibfried: “Ausdrucksarmut”) Er belegt das anhand von Schavans Arbeit, in der sie referiere, was andere aus anderen Arbeiten referiert hätten.

Wenn es so weiterginge an deutschen Unis (kürzere Stipendienlaufzeiten plus “Aktion Saubere Dissertation”) werde zukünftig mehr darauf geachtet, aus Fussnoten “Hochsicherheitstrakte” zu machen als eine eigenständige wissenschaftliche Leistung zu erbringen.

Vielleicht kann man so ergiebiger über Sinn und Unsinn von Doktorarbeiten diskutieren weiter als Sätze durch Plagiatsoftware zu jagen.

A propos Doktorarbeiten: Sahra Wagenknecht ist Abgeordnete des Europaparlaments und promoviert seit einigen Jahren. Sie hatte sich in Philosophie und Literaturwissenschaft immatrikuliert, jetzt wurde sie in Mikoökonomie promoviert, vom Vertrauensdozenten der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Bundesbildungsministerium hat 12 Mrd. zusätzlich und wird sie nur schwer los

Gerade hat Ministerin Schavan das Projekt “Zukunftskonto Bildung” beerdigt. Das sah vor, dass jedes neugeborene Kind 150€ Staatsknete auf ein Konto erhält, auf das Eltern und Großeltern, sicher auch väterliche Freunde oder befreundete Ehepaare, bis zur Volljährigkeit Einzahlungen vornehmen könnten. Dann gäbe es abschließend noch einmal eine Bundesprämie. Mit dem Geld sollten Ausbildung oder Studium finanziert werden. Es hätte aber eine “Reihe von Abgrenzungsproblemen” gegeben, zitiert die Financial Times Ministerialbeamte.

Insgesamt auch flösse der Betrag nur schwer ab.

Vielleicht übernimmt Brandenburg die Idee. Dort hat man schon Erfahrungen mit dem Landes-Schüler-BAFöG.

Bundesbildungsministerin Prof. Schavan spricht sich für Schulbibliotheken aus

Das Bundesbildungsministerium ist nicht gerade ein Hort von Schulbibliotheksfans. Allzuoft habe ich in seinen Dokumentationen über Bildung und Leseförderung das Wort “Schulbibliothek” gar nicht oder nur mit der Lupe gefunden. Unvergesslich ist mir auch, dass Gutachter des Ministeriums ein frühes Internetprojekt für Schulbibliotheken, das die hessische Landesregierung einreichte und anteilig zu finanzieren bereit war, abschlägig beurteilten und damit den Bundeszuschuss (BLK-Projekt) verhinderten. Das Argument: Derartiges geschähe doch schon in öffentlichen Bibliotheken (1997!).

Angenehm überrascht bin ich daher, als ich zufällig ein Zitat aus einem Interview mit der Ministerin Prof. Schavan im Deutschlandradio aus 2009 finde: “Und jetzt geht es darum, in der Tat die Bildungsdebatte nicht nur theoretisch zu führen, sondern dafür zu sorgen, dass zum Beispiel keine Schule mehr ohne eigene Bibliothek ist. Eine Bibliothek gehört mitten in die Schule. Und wo es nicht mitten in der Schule ist, muss der Weg zur Bibliothek außerhalb der Schule kurz sein. Und es muss Regelmäßigkeit hineinkommen, also nicht nur das spektakuläre Projekt, sondern in der Bibliothek arbeiten können, Bücher ausleihen, Vorlesen auch in der Klasse als Teil des schulischen Alltags.” (Ilona Munique hat es damals gepostet.)

Nun hat ein drei Jahre altes Politiker/-innenzitat eine kurze Halbwertzeit und Frau Schavan muss zu vielem Stellung nehmen. Jetzt hat sie aber Verbündete. Sie rief 2011 eine Allianz für Bildung ins Leben. Dazu gehören so schulbibliotheksaffine Organisationen wie die Deutsche Olympische Gesellschaft und die Stiftung Lesen. Immerhin setzt sich Allianz-Mitglied Deutscher Bibliotheksverband in Person der Vorsitzenden jetzt auch öffentlich für die flächendeckende Schaffung von Schulbibliotheken ein. 2012 wird ein wundervolles Jahr werden.

  • Siehe im Blog auch hier!

Nachtrag: Es ist possierlich, wenn wir beglückt posten, dass ein/e Politiker/-in sich positiv zu Schulbibliotheken äußert. Wer hat schon etwas gegen Schulbibliotheken? Abgesehen von Personen aus der zweiten und dritten Reihe, Verbandsfunktionären wie einem ehemaligen Kommissionsvorsitzenden Bibliothek und Schule beim dbv, der einen oder anderen Stadtbibliotheksleiterin und der brandenburgischen Landesfachstelle für öffentliche Bibliotheken?

Die Zustimmung ist wohlfeil. Frau Schavan ist dafür, dass die Zuständigen etwas für Schulbibliotheken tun. Sie und ihr Haus sind nicht zuständig.

Vielleicht wird der amtierende Bundespräsident demnächst eine wegweisende Rede halten und Schulbibliotheken loben.

Anstatt auf Politpromis zu schielen, die uns glücklich machen, wenn sie gratismutig Schulbibliotheken fordern, sollten wir den Diekmanns, Blomes und Heidemanns der BILD-Zeitung auf die Mailbox sprechen.

Noch besser: Obama-Familie hilft, Schulbibliothek zu renovieren.

CDU schafft Hauptschule ab

Kürzlich noch hielt Frau Prof. Schavan die Hauptschule für unverzichtbar, jetzt erklärt sie, dass die CDU sie abschaffen will.

Man könnte von einem Naturgesetz reden, wenn es nicht um Gesellschaftspolitik ginge: Es braucht länger als eine Generation, bis sich eine Erkenntnis durchsetzt. Dass kluge Leute etwas viel früher erkannt haben, heißt erst einmal noch nicht viel. Das war bei der Immigration so, bei der Atomkraft, bei Inklusion/Integration und ist eben jetzt so bei der Schulstruktur.

Dass die Hauptschule (ich glaube in NRW) gar Verfassungsrang hat, man fasst es nicht. Aber es gab ja auch bis 1968 konfessionell getrennte Staatsschulen. Und wehe, wenn die Evangelen auf die katholische Jungentoilette gingen oder die Katholen im evangelischen Fahrradkeller.

Als vor 40 Jahren in Hessen die Förderstufe, der gemeinsame Unterricht von Haupt-, Realschülern und Gymnasiasten eingeführt wurde, sah die Junge Union Sozialismus im Schulwesen (So der Titel einer Broschüre). Das Experiment wurde an den Rand gedrängt, wo es bis heute ist. Aber Haupt- und Realschüler in einer Schule, mit einem Kollegium, einer Schulleitung, das gibt es schon länger. Selbständige Hauptschulen gibt es in Hessen seit 20 Jahren nur noch weniger als eine Handvoll. 96% der hessischen Schüler/-innen gehen NICHT auf die Hauptschule.

Wenn also heute, je nach politischem Standpunkt die Revolution oder der Weltuntergang ausgerufen wird, weil die CDU eine organisatorische Zusammenfassung als Eckpfeiler ihrer Bildungspolitik beschließen will, kann man sich gelassen zurücklehnen. So schlimm wird es nicht. Ob es besser wird, ist aber auch nicht ausgemacht. Entweder gibt es in der neuen Oberschule einen Hauptschul- und einen Realschulzweig und die alte Trennung läuft mehr oder weniger weiter. Oder H- und R-schüler sitzen nominell in derselben Klasse, werden aber in mehreren Fächern nach Leistung getrennt. Diese Organisationsform, Förderstufe, Orientierungsstufe, integrierte Gesamtschule genannt, wird seit ihren Anfängen in den 70er Jahren von der CDU bekämpft, und ist auch bei den Lehrkräften wegen des organisatorischen Aufwandes (Auf- und Abstufungen, Lenkungskonferenzen, erhöhte Fluktuation in den Lerngruppen und Binnendifferenzierung) nicht sonderlich beliebt.Den Hauptschulabschluss solle, laut “Spiegel” in der Oberschule weiterhin geben.

Den kooperativen und integrierten Gesamtschulen wird man weiterhin das Leben schwer machen, obwohl in ihnen seit 40 Jahren gemeinsames Lernen praktiziert wird. Der Konstruktionsfehler für FDP und CDU ist aber, dass auch die Gymnasien miteinbezogen sind und ihre Selbstständigkeit verlieren.

Vielleicht ist jetzt angebracht, was als Mythos von Ostalgikern verbreitet wird: Man könne von der DDR-Schule lernen. Da gab es eine klare Trennung: Beim kleinsten Problem ab in Arbeitserziehungslager und Jugendwerkhöfe, für die Masse POS/EOS und für die Elite die Spezialschulen. Weiterlesen

Endlich! dbv will flächendeckend Schulbibliotheken

Dass ich das noch erleben darf:

“Die kommunalen Bibliotheken werden ihre Kooperationen mit Schulen und Kindertagesstätten ausbauen, Lesepatenschaften fördern und sich für eine flächendeckende Ausstattung der Schulen mit Schulbibliotheken einsetzen“, verspricht Gudrun Heute-Bluhm, Oberbürgermeisterin und neue Präsidentin des Deutschen Bibliotheksverbandes dbv, anläßlich der Pressekonferenz zum Start einer Allianz für Bildung am 22.2.2011.

Damit ist der dbv wieder auf dem Stand von 1987 (dbv-Denkschrift zur Entwicklung der Schulbibliotheken in der Bundesrepublik Deutschland)

Sofort dachte ich daran, dass die vielen “grauen Mäuse” der Leseförderung, die Ehrenamtlichen, Eltern, Lehrer, die sich bisher für die Förderung der Schulbibliotheken engagieren, ihre Aufgabe erfüllt haben und sich allmählich zurücklehnen können.

Die LAG etwa war 1987 entstanden, weil es keinen Ansprechpartner für Schulbibliotheken in Hessen gab.

Dann fiel mir ein: Jemand muss den dbv-Funktionär/-innen ja sagen, worauf es bei Schulbibliotheken ankommt. Schulbibliothekskompetenz ist dem dbv nicht in die Wiege gelegt worden.

Ausgerechnet jetzt fällt mir auch ein Satz von Bibliotheksprof. em. Papendieck aus dem Jahr 1994 ein: Es habe Irritationen  gegeben über die Aktivitäten der LAG Schulbibliotheken in Hessen e. V. in einem Bereich, für den sich die ö. B. zuständig wähnten. Der dbv werde sich zukünftig öffnen und Kontakte aufnehmen, „soweit dazu ein Bedürfnis“ bestehe.

(Hoffentlich wird das Präsidentinnenwort auch bei den Potsdamer Verbandsmitgliedern wahrgenommen.)

Übrigens, hier die Partner der Allianz für Bildung:
* Deutscher Olympischer Sportbund
* Deutscher Bibliotheksverband
* Didacta Verband
* Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung
* Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung
* Stiftung Lesen
* Stiftung Haus der Kleinen Forscher
* Gemeinnützige Hertie Stiftung
* Joachim Herz Stiftung
* Robert Bosch Stiftung
* Roland Berger Stiftung

Warnung vor Schule, die nur auf die Arbeitwelt vorbereitet

Auf dem “kleinen Bildungsgipfel” anlässlich der Amtseinführung des neuen KMK-Präsidenten haben mehrere Rednerinnen und Redner, darunter Ministerin Schavan und der Soziologe Reiner Lepsius, davor gewarnt, in der Schule nur auf die Arbeitswelt vorzubereiten. Frau Schavan will ihr Augenmerk auf kulturelle Bildung richten (Ob ihr Ministerium dann auch einmal an die Schulbibliotheken denkt?)

Der Mitgründer der Hamburger grünalternativen Bewegung, Kurt Edler, wies daraufhin, dass auch Diktaturen Schüler effizient für die Arbeitswelt qualifizieren. Bildung sei mehr: Sie müsse den Fortbestand der Demokratie und die Achtung vor den Menschenrechten sichern.

Siehe auch im Basedow, fast genau vor einem Jahr veröffentlicht: Sogar die FAZ wirkt nachdenklich!

Ergänzung 5.7.10: Man sehe sich einmal das Musikprofil der Gesamtschule Hamburg-Horn an!

Spitzenkräfte der Wirtschaft in die Schulen!

Bundesbildungsministerin Schavan fordert in BILD die Unternehmen auf, ihre besten Mitarbeiter/innen für Physik- und Mathematikunterricht freizustellen.

Dass diese famose Idee ausgerechnet an Rosenmontag das Licht der Öffentlichkeit erblickte, wird bei der Pressereferentin des Ministerinnenbüros wahrscheinlich einen Karriereknick auslösen.

Hessen hat die Förster, die bei der Strukturreform des Forstwesens freigesetzt wurden, wenigstens noch zu einem Crashkurs in die Studienseminare geschickt, bevor sie den Schülern als Biologielehrer vorgesetzt wurden.

Dabei hat die Idee Charme: Investmentbanker könnten als Ethik- und Finazmathematiker als Mathematiklehrer wirken. Pfarrer unterrichten ja schon Religion. Politikunterricht erfolgte durch Mitarbeiter/innen der Parteistiftungen und der Jugendorganisationen der Parteien (peer-education). Die Ganztagsschulen sind schon lange aufgefordert, die Trainer der örtlichen Sportvereine in das Betreuungsprogramm einzubauen. Rechtschreibunterricht erfolgte durch Volontäre des Zeitungswesens.

Da können faule Lehrer sich beruhigt vorzeitig in den Ruhestand versetzen lassen. Merkt gar keiner. Kommt den Staat sogar billiger.

Ein weiterführender Vorschlag: Wenn die Schüler/innen Informationskompetenz hätten – für deren Vermittlung Bibliothekare und Informationswirte bereitstehen -, könnten sie sich auch alles selbst beibringen.

Update:

Eine interessante Variante von Spitzenkräften in die Schule hier!