Berliner SPD erklärt Privatschulen den Krieg

schreibt der Tagesspiegel.

Ähnlich wie schon Brandenburg will der Senat die Zuschüsse an Privatschulen kürzen. Die nicht sehr erfolgreiche Berliner Schulpolitik bringt viele Eltern dazu, weder Kosten noch Fahrweg zu scheuen, um ihren Nachwuchs in Privatschulen anzumelden. Dem soll ein Riegel vorgeschoben werden.

Es ist erstaunlich, wie groß die Staatsgläubigkeit (geworden) ist. Die riesenhafte Verschuldung gerade der staatlichen Landesbanken in der Finanzkrise, jährlich 30 Mrd Fehlleitung öffentlicher Mittel bei Investitionen (laut Bundesrechnungshof), die krachende Pleite eines deutschen Staates, in dem alles verstaatlicht war, nichts von alledem macht misstrauisch gegenüber dem Glauben, dass der Staat es billiger, besser und korruptionsfreier machen könne.   

Privatschulen werden gebremst

Die Zuschüsse für Privatschulen werden in Sachsen, Thüringen und Brandenburg gekürzt.

Die Potsdamer evangelische Hoffbauer-Stiftung hat gerade den nach den Sommerferien geplanten Start einer Oberschule, für die 50 Anmeldungen vorlagen, gestrichen.

Zuschüsse erhalten staatlich anerkannte (mit eigenen Abschlussprüfungen) oder genehmigte (mit externen Abschlussprüfungen) Ersatzschulen. Der Status wird in der Regel ausgesprochen, wenn der Betrieb mindestens drei Jahre einwandfrei läuft, die Vorschriften des Grundgesetzes und der jeweiligen Ländergesetze eingehalten werden. Lehrpläne und Abschlüsse entsprechen denen der staatlichen Schulen. (Näheres vom Privatschulverband)

Der staatliche Zuschuss beträgt meist um die 70-80% der Kosten, die für einen Schüler der Staatsschule aufgewandt werden müssen. Den Rest bezahlen die Eltern als Schulgeld. Jetzt kommt meine (Milchmädchen?-)Rechnung: Wenn der Staat die Schüler selbst beschult, kosten sie ihn bis zu einem Drittel mehr, nämlich 100%.

In Sachsen ist es ein CDU-Minister, der spart, in Brandenburg eine SPD-Ministerin. Die Ideologie scheint da keine Rolle zu spielen. Beim linken Brandenburger Finanzminister Markov womöglich schon. Der meint, dass die Privatschulträger halt ihre Sparguthaben angreifen sollten.

Ein Artikel aus der “Zeit” v. 1.11.10

In diesem Zusammenhang drei Thesen:

  • Wenn die Staatsschulen besser wären, gäbe es weniger Nachfrage nach Privatschulen.
  • Privatschulen sind eine unliebsame Konkurrenz. Die Staatsschulen sind nicht ausgelastet, müssen aber unterhalten werden.
  • Das Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates. Nicht erforderlich ist demnach, dass der Staat es auch selbst betreibt.

Was Schulbibliotheken angeht, sind/waren Privatschulen oft aufgeschlossener als Staatsschulen.

Nachtrag: In Groß-Britannien ist gerade der gegenteilige Trend vorherrschend: Der Staat gibt privaten Trägern Geld für den Betrieb von Schulen. Träger sind Religionsgemeinschaften, Elterninitiativen, Lehrer oder – ehemalige Soldaten. Die Regierung prüft nur noch am Ende, das was herauskommt.

Den Privatschulen geht es an den Kragen

Eine große Koalition von tiefrot bis schwarz in den Ländern setzt bei den Privatschulen Daumenschrauben an. Die Zuschüsse werden gekürzt oder setzen später ein. Zulassungsbedingungen werden verschärft. Wenn die Privatschulen dann teurer werden, hat man eine neue Handhabe: das Sonderungsverbot. Privatschulen müssen nämlich Mittel und Wege finden, auch Schüler aus einkommensschwachen Elternhäusern aufzunehmen.

Das Grundgesetz hat nichts gegen Privatschulen, regelt aber nicht deren Grundsicherung.

Im Jahrhundert der Output-Steuerung ist wichtig, was rauskommt. Da müsste der Staat eigentlich nicht auch den Input organisieren. In den Niederlanden funktioniert das. In Deutschland kontrollieren 16 Kultusbürokratien mit 16 unterschiedlichen Finanzierungs- und Überwachungsregelkatalogen die Privaten. Es trifft sich gut, dass gerade der Frankfurter PISA-Professor Weiß herausgefunden haben will, dass die Privatschulen auch nur mit Wasser kochen. Allerdings haben Ludger Wößmann und Martin West herausgefunden, dass Länder mit einem hohen Anteil an Privatschulen in internationalen Schulleistungstests wesentlich besser abschneiden: “Competition from private schools boosts performance system-wide“.

Vielleicht springt die Bundeswehr als Privatschulsponsor ein. In den USA ist man da schon ein Stück weiter. Die Army hat Programme, die sie Schulen anbietet und mit eigenem Personal durchführt. Nachdem der famose Herr Dr. zu Guttenberg die Personalentwicklung der Bundeswehr ruiniert hat, könnte sie damit wieder Nachwuchs requirieren.

Eigentlich schade, dass die Privaten zurückgestutzt werden. Im Grunde müssen sie nicht elitär sein. Wenn sie Schule genauso gut oder besser machen als der Staat, kann es dem doch nur Recht sein.

In meinem geliebten Brandenburg hat die Landesregierung auf anderen Feldern nichts gegen Privatisierung. Da werden landeseigene Grundstücke kostengünstig an Private gegeben, sogar eine landeseigene Immobilienfirma wird privatisiert. Der neue Eigner kauft sie u. a. mit dem Geld, das er auf ihren Konten findet.

Da demnächst Tausende Lehrer/-innen wegen der Pensionierungswelle fehlen, will man sich aber wohl den spärlichen Nachwuchs nicht von den Privaten ausspannen lassen.

Mir tut es nicht zuletzt deswegen leid, weil die Privaten bei den Schulbibliotheken oft Vorreiter sind. Allein in der Berliner Region komme ich auf ein Dutzend vorbildlicher Einrichtungen.

Update 29.9.11: Es gibt eine erfolgreiche Unterschriftensammlung. Die staatsgläubige Landesregierung ist gezwungen, noch einmal nachzudenken.

Brandenburg ist auf dem Verstaatlichungstrip.  Es gibt diesen unerschütterlicen Glauben daran, dass “der” Staat (bzw. die Kommune) es besser macht. So eindeutig ist es aber nicht. Jetzt kriegen die Kommunen ein Gesetz, das ihnen erlaubt, ihre wirtschaftliche Betätigung auszuweiten.

Potsdam, so habe ich gelesen, habe 55 stadteigene Gesellschaften. D. h. 55 Geschäftsführerposten für Parteifreunde, unbekannte Gehaltsvereinbarungen und Dienstwagen. Schattenhaushalte, die der Kontrolle durch die Parlamente entzogen sind. (Aber Tamtam um einen Bürgerhaushalt, bei dem die Bürger  über Radwegebau und Bolzplätze abstimmen dürfen.) Sponsoring von Sportvereinen mit den Einnahmen aus Wasserverkauf und Stadtreinigung. Quersubventionierung des öPNV mit dem Gewinn aus den Strompreisen.

Wenig Interesse für Schulbibliotheken in Potsdam

Der Bloggerkollege “NurmeinStandpunkt” war kürzlich überrascht, wie ignorant die Münchner Stadtbibliothek den Schulbibliotheken gegenübersteht.

Potsdam, das laut “Der Spiegel” München als heimliche Hauptstadt abgelöst haben soll, hat auch seine Probleme im Umgang mit ihnen. Hier sind der Schulträger, die Stadtverwaltung, und die Stadt- und Landesbibliothek das Problem.

Basedow1764 hatte zweimal versucht, über den Bürgerhaushalt Vorschläge zu Schulbibliotheken zu machen. Einmal schlug er vor, dass die Stadtbibliothek einen Finanztopf erhält, mit dem sie Projekte von Schulen und Schulbibliotheken unterstützen kann. Dieser Vorschlag verschwand sang- und klanglos.

Zwei Jahre später schlug er eine noch “schlankere” Lösung vor: Die Schulen mit Bibliothek, immerhin fast die Hälfte der öffentlichen Schulen (13 + 2 im Entstehen von 33), sollten eine kleine Schulbibliothekspauschale zusätzlich zu den sonstigen Schulträgermitteln abrufen können. Das ist bei zahlreichen Schulträgern in Deutschland Usus. Immerhin ist auch im brandenburgischen Schulgesetz festgeschrieben, dass der Schulträger für die Schulbücherei Sorge zu tragen hat.

Beim Bürgerhaushalt dürfen Bürgerinnen und Bürger Vorschläge zur Verwendung städtischer Haushaltsmittel machen. Als ehemaliger Politiklehrer und Anhänger des parlamentarischen Systems habe ich zwar Bauchschmerzen bei der tendenziellen Aushebelung des Parlamentarismus durch Bürgerbegehren, Volksentscheide und eben den Bürgerhaushalt. Zumal in Ostdeutschland, wo die Skepsis gegenüber dem und die Ablehnung des parlamentarischen Systems (“Scheißdemokratie” sagt Kabarettist und Schauspieler Peter Sodann und sein Tatortkollege redet auch nicht anders) unübersehbar sind. Wenn erstmal die NPD in Ostbrandenburg und Vorpommern diese Instrumente der “Mehr Demokratie”- Aktivisten nutzt…

Bei Bürgerbegehren dämmert den Befürwortern inzwischen, dass  Gutbetuchte  mit Hilfe einer PR-Agentur ihr Anliegen kompromisslos durchzusetzen versuchen, beim Potsdamer Bürgerhaushalt ist es die Radfahrerlobby, die das Instrument erfolgreich für Radwegebau nutzt. Der Baudezernent schließt ironisch schon beheizte Radwege nicht mehr aus. Die Linkspartei lässt schon mal auf einem Sommerfest und im Internet abstimmen, wo das Schwimmbad gebaut werden soll. Und ist erstaunt, dass sie keine Mehrheit für ihren Standortvorschlag bekommt.

Zurück zu den Schulbibliotheken: Auch der schlanke Vorschlag einer kleinen Schulbibliothekspauschale, um wenigstens die Schulen zu unterstützen, die in Sachen Schulbibliothek initiativ werden, passte nicht in den Bürgerhaushalt und fand unter den Bürgerhaushaltsaktivisten keine Mehrheit. Immerhin ist eine Verbesserung festzustellen. Ich erhielt einen Absagebrief des Kulturamtes! Da war von lobenswerten Initiativen einzelner Schulen die Rede und der Befürchtung, dass die Qualität einer Stadtbücherei dort nie erreicht würde.

Die Potsdamer Stadt- und Landesbibliothek (SLB) befürchtet, dass jeder Euro, der in Schulbibliotheken fließen könnte, bei ihr abgezwackt wird. Auch Politiker/innen und Kämmerer/innen bedienen sich gerne des Klischees: Wozu braucht der Mensch Schulbibliotheken, wenn es eine Stadtbibliothek gibt? Dieses Unverständnis vom Sinn und Zweck von Schulbibliotheken ist auch in Potsdam verbreitet und wird gebetsmühlenhaft wiederholt.

Die neue Schuldezernentin muss sich mit einer schwierigen Schulsituation auseinandersetzen: Hoher Sanierungsbedarf, schrumpfende Schulen, ständige Organisationsänderungen, fehlende Schulen in Neubaugebieten, starke Trends zu Gymnasien und Privatschulen. Da haben Schulbibliotheken keine Konjunktur.

Außerdem bereitet die Renovierung der Stadtbibliothek Probleme. Letzteres erklärt, neben der grundsätzlichen Skepsis gegenüber Schulbibliotheken, die Zurückhaltung der SLB gegenüber einer Initiative für Schulbibliotheken.

Die problemgeplagte Dezernentin denkt in ihrer Not an eine Zusammenarbeit der Stadt mit privaten Schulträgern. Das ist noch sehr vage und wird zu heftigen ideologischen Debatten führen, falls es ernsthaft verfolgt würde.

Für Schulbibliotheken wäre es akzeptabel. Die Privatschulen haben in Potsdam ein erkennbar größeres Interesse an der Schaffung von Schulbibliotheken als die öffentlichen Schulen. Auch meine Beratung wird häufiger von privaten Schulen nachgefragt.

Vielleicht sollte sich Potsdam mal in Freiburg im Breisgau erkundigen, wie man es richtig macht. Die Weltstadt Hamburg ist als Vergleich wohl eher ungeeignet.

Aber bitte nicht an Wuppertal orientieren! Da kündigt sich eine Schließungswelle von bibliothekarischen Einrichtungen an.

Update 16.3.10:

War gerade wieder in einer Potsdamer Schule. Die Bibliothekslehrerin erzählt von ihren Alltagssorgen, den Kolleginnen, die den Raum nutzen und ihn unaufgeräumt hinterlassen, den Schülern, die die ausgeliehenen Bücher nicht zurückbringen. Und dann sagt sie, eigentlich hätte sie den Raum Auftrag, die Bibliothek aufzulösen. Die Schulen sollten keine Bibliothek haben. (Die Landesfachstelle für öffentliche Bibliotheken hat ja eine entsprechende Vereinbarung mit dem Schulministerium.) Aber sie habe sich nicht daran gehalten.

Ich habe von der Stadtverwaltung die Zusicherung, dass in einem Grundschulneubau ein Bibliotheksraum eingeplant werde.

Also hat wohl ein Umdenken eingesetzt.

Update 13.12.10:

Die Stadtverordnetenversammlung hat ein Budget für Schulbibliotheken beschlossen!

Neue Privatschulen

Die Tochterfirma “Bildungswerk” des TÜVs Rheinland expandiert auf dem Bildungsmarkt: In Görlitz eröffnet sie eine Ganztagsgrundschule.

Der TÜV Rheinland besitzt schon mehrere Schulen. Weitere Schulen sind geplant.

Schulbibliotheken haben in Privatschulen einen größeren Stellenwert. Also ist das eine gute Nachricht.

(via FTD 5.5.09)

Macht das Web 2.0 Schulbibliotheken überflüssig?

Diese Frage wurde mir gerade auf einer eLearning-Tagung gestellt. Es ging dort um die Web 2.0 – Tools wiki, weblog, social bookmarking, um wisdom of the crowds, um das interaktive, kommunikative Web 2.0 mit seinen tags, die Kategorienbildung und Hierarchisierung überflüssig machen würden. Die Lernenden organisierten mit Hilfe dieser Tools ihren Lernprozess und tauschten sich untereinander aus. Eine Bibliothek bräuchten sie nicht mehr.

Was antwortet man da?

Mir fällt Folgendes ein:

1. Ein bissiger Kommentar.

2. Diese Diskussion ist nicht neu: Vor 15 Jahren wollten US-amerik. Unis ihre Bibliotheken schließen, weil ja ab jetzt alles im Internet stünde. Davon ist schon lange nichts mehr zu hören. Im Gegenteil, es gibt jetzt erste Stimmen, die besagen, dass ein nichtdigitaler “Wissensspeicher” billiger und langlebiger sei als die digitalen Archive.

3. Wir brauchen Orte, an denen offenes und vernetztes Lernen für die möglich ist, die als bildungsfern gelten. Prof. Himmelmann von der FH Lausitz hat ein solches Lernzentrum für Erwachsene konzipiert. Die Zahl der Menschen, die sich keinen Laptop, kein iPhone oder Blackberry werden leisten können, wächst. Ebenso die Zahl der Analphabeten.

5. Privatschulen diskutieren diese Frage nicht. Sie haben alle Schulbibliotheken. Auch die staatliche hessische Vorzeigeschule Schloss Hansenberg. In der Parallelgesellschaft der leistungstragenden Eliten weiß man, was gut und richtig ist.

6. Ein Kinderbuch auf dem Monitor lesen?

7. Der Besen wurde nicht überflüssig, als man den Staubsauger erfand, das Fernsehen hat das Kino nicht aus der Bahn geworfen, auch das Theater gibt es noch.

8. Trotz globaler digitaler Echtzeit-Kommunikation siedeln nahezu alle Banken in Frankfurt und London und nicht überall. Warum?

Nachtrag:

Angriff ist die beste Verteidigung:

Die Schulbibliothek wäre überflüssig, weil das Internet die umfassendere, aktuellere, schnellere Bibliothek wäre. Die Schüler/innen als digital natives wären im Internet zu Hause, sie bräuchten die Schulbibliothek nicht mehr.

Wieso eigentlich nur die Schulbibliothek? Man bräuchte die ganze Schule nicht mehr, wenn es so wäre.