PISA-Lesekompetenz: Vorsicht vor Comics!

“In allen Ländern schneiden Schüler, die sehr gerne lesen, deutlich besser ab als Schüler, die ungern lesen.”

Das steht in einer bilanzierenden OECD-Broschüre zu den Ergebnissen 2009. So geht es darin weiter:

“Die Ergebnisse der PISA-Erhebung zeigen, dass Schülerinnen und Schüler, die viele Romane, Erzählungen und Geschichten lesen, zwar mit größerer Wahrscheinlichkeit hohe Punktzahlen erreichen, dass aber im Bereich Lesekompetenz die Schüler besonders gut abschneiden, die ein breites Spektrum verschiedener Arten von Texten lesen. Im Vergleich zu Schülern, die überhaupt nicht zum Vergnügen lesen, scheint bei Schülern, die Romane, Erzählungen und Geschichten zum Vergnügen lesen, ein positiver Zusammenhang mit höheren Punktzahlen im PISA-2009-Lesekompetenztest zu bestehen, während die Lektüre von Comic-Heften in einigen Ländern mit geringen Verbesserungen der Lesekompetenz und in anderen mit einer insgesamt schwächeren Leseleistung assoziiert ist.

Desgleichen sind Schülerinnen und Schüler, die häufig Online-Leseaktivitäten – wie Lesen von eMails, Chatten im Internet, Lesen von Online-Nachrichten, Verwenden eines Online-Wörterbuchs oder -Lexikons, Teilnahme an Online-Diskussionen und Foren sowie Informationssuche im Internet – nachgehen, im Allgemeinen  kompetentere Leser als Schülerinnen und Schüler, die wenig online lesen.”

Auch bei Arbeitstechniken und Lesestrategien gibt es – letztlich banale – Einsichten:

“… schneiden Schülerinnen und Schüler, die geeignete Strategien verwenden, um das Gelesene zu verstehen und zu behalten (z. B. wichtige Teile der Texte unterstreichen oder mit anderen über ihren Inhalt sprechen), in der PISA-Beurteilung um mindestens 73 Punkte besser ab als Schüler, die diese Strategien sehr wenig einsetzen…

In Belgien, der Schweiz und Österreich erzielt das Schülerquartil, das diese Strategien am meisten einsetzt, im Durchschnitt 110 Punkte mehr als das Schülerquartil, das am wenigsten davon Gebrauch macht.

Im OECD-Durchschnitt besteht zwischen den Schülern, die am besten wissen, welche Strategien sich zur Zusammenfassung von Informationen eignen, und jenen, die sich damit am wenigsten auskennen, ein Leistungsabstand von 107 Punkten im Bereich Lesekompetenz. Schülerinnen und Schüler, die angeben, dass sie den Lernprozess beginnen, indem sie sich zuerst überlegen, was sie genau lernen müssen, und dann sicherstellen, dass sie das Gelesene auch verstanden haben, die herauszufinden versuchen, was sie noch nicht richtig verstanden haben, die darauf achten, dass sie sich die wichtigsten Punkte in einem Text merken, und die nach zusätzlichen Informationen suchen, um zu klären, was sie nicht verstanden haben, schneiden auf der PISA-Gesamtskala Lesekompetenz generell besser ab als Schüler, die nicht so vorgehen… (Wer hätte das gedacht? ;-)

In den letzten Jahren hat sich der Abstand zwischen den Geschlechtern beim Leseengagement und bei der Lesekompetenz ausgeweitet.

Die Ergebnisse der PISA-Erhebung legen den Schluss nahe, dass die Jungen die Mädchen im Bereich der Lesekompetenz einholen könnten, wenn ihre Lesemotivation stärker wäre und sie effektivere Lernstrategien einsetzen würden

aus: PISA 2009 Ergebnisse: Lernen lernen: Schülerengagement, Strategien und Praktiken (Band III) Zusammenfassung in Deutsch

(Die PISA-Forscherinnen und Forscher sollten ihre Übersetzungen oder Skripte, was Rechtschreibung und Verständlichkeit angeht, Fachleuten anvertrauen, bevor sie sie veröffentlichen. In den Schachtelsätzen übertreffen sie mich bei weitem.)

Der Wiener Philosophie- und Pädagogikprofessor Konrad Paul Liessmann hat eine “Nachlese zu PISA” geschrieben (kostenpflichtig). Gut findet er, dass der gigantische Testaufwand wenigstens dazu führt, Lesen wichtig zu nehmen. Ansonsten sieht er eine fragwürdige Inszenierung mit möglicherweise fatalen Folgen.

Da es nur noch um Qualifikation und nicht mehr um Bildung gehe, vermutet er, dass zukünftige Bildungsforscher  einmal in der schwammigen Kompetenzorientierung den didaktischen Sündenfall unserer Epoche sehen werden.

Erinnert sei an den Festvortrag des Schriftstellers Gerd Loschütz auf dem Hessischen Schulbibliothekstag 2003!

PISA und die Lesekompetenz

Die PISA-Industrie ist so nützlich wie Wikileaks: Die Medien können wochenlang davon leben. Jeder macht sich seinen Reim drauf. Die Journalisten müssen nicht mehr selber recherchieren, die Bildungsforscher müssen nicht forschen, sondern stellen nur noch fest.

Im Osten wird in Leserbriefspalten wieder die DDR-Schule gefordert, die Grünen wollen mehr Ganztagsschulen, der Schulminister zieht einenTag später einen Maßnahmeplan aus der Tasche, der dbv wird Geld für die Leseförderung und Medienkompetenzvermittlung in öffentlichen Bibliotheken fordern.

Ein kleiner “Sieg” in diesem Rankingspiel:

Deutschland (497) hat in der Lesekompetenz Südtirol (490) überholt!

(Update: Unbedingt unten stehenden Kommentar von Daniel Weger lesen! Die deutschsprachigen Schulen liegen immer noch vor Deutschland (498 P.?). Die deutschsprachigen Gymnasien haben aber 562 Punkte, stehen also noch vor dem Durchschnittswert für Ranglistennr. 1, Shanghai.)

Die USA sind schlechter geworden (-5 Punkte = 1%). Das liegt wohl daran, dass man dort bei den Schulbibliotheken kräftig spart. Vielleicht ist es an der Zeit, nicht länger holzschnittartig über die Vorteile von Schulbibliotheken zu sprechen.

Da jeder PISA-Test neue und andere Items enthält, die es nicht einfach machen zu vergleichen, freuen wir uns auf die nächste Folge.

In Österreich wurde schon ein Zusatztest erprobt: Online lesen, SMS- und Chatkompetenz. Tu felix austria. Beim Rückspiel, wenn darin alle 65 Schulsysteme getestet werden, habt ihr einen Vorteil.

Nachtrag: Der deutsche “Aufstieg” taugt wohl für “Wir sind Papst”-Schlagzeilen und markige Politker/innensprüche in einigen Bundesländern. Wenn man genauer hinsieht, ist er nicht so beeindruckend:

Einzig im Quartil der schwachen Leser/innen hat sich viel getan. Da gab es Verbesserungen um 26 Punkte (Die Gesamtverbesserung von 2001 zu 2009 beträgt 13 Punkte.) Bei den 15jährigen mit türkischem Migrationshintergrund ist der Zuwachs geringer ausgefallen. Bei den mittleren bis guten Quartilen gab es wenig bis gar keine Steigerung.

Nachtrag zum Nachtrag: Hat eigentlich schon mal jemand die türkischen PISA-Ergebnisse mit denen deutscher Migrantenschüler verglichen?