Jeff Bezos stellt X-Ray vor

Nicholas Carr, der kürzlich darüber schrieb, wie das Internet das Lesen verändern wird, verdeutlicht seine Thesen am Beispiel des Videoclips, mit dem Jeff Bezos, Amazon-Vorstandsvorsitzender, die X-Ray-Funktion seiner eBooks vorstellt.

Ein Buch, so Carr, sei etwas Abgeschlossenes, Vollendetes. Es lebt aus sich heraus. Es ist dennoch nicht einsam oder isoliert, sondern weist in die Welt hinaus. Als Hypertext aber wird der Text Teil eines größeren, wechselhaften, amorphen Ganzen. Ein elektronisches Buch sei ein Widerspruch in sich. Die Konzentration auf den gedruckten Text gehe verloren, der Text werde zum Sprungbrett zu Schnipseln im Web.

Bisher glaubte man, die „Internettisierung“ (Carr im Original: “Webification”) sei für Handbücher und Lexika ja noch ganz praktisch. Inzwischen macht sie aber auch vor literarischen Texten nicht mehr Halt. Bezeichnender Weise stellt Bezos die Vorzüge des Hypertextes an dem Roman „Was vom Tage übrig blieb“ von Kazuo Ishiguro dar.

Amazon hat „interessante Sätze“ in dem Roman errechnet und sie verlinkt. Hier werde ein Kunstwerk wie ein Handbuch für die Autoreparatur behandelt. Informatiker entwickeln einen Algorithmus, der vorausberechnet, was der Leser des Romans wissen müsse. Der Klick auf den Satz oder das Wort eröffnet die Welt des Internets: Wikipedia, Wörterbuch, Literaturlexikon und eines nicht so fernen Tages auch kontextbezogene Leseempfehlungen von Amazon.

Die Nerds sähen einen grandiosen Fortschritt, die Bücherliebhaber eine Katastrophe.

In einem weiteren Posting setzt er seine Überlegungen fort und kommt zu neuen Fragezeichen.

Verändert sich unser Gehirn durch Google und Co?

Nicholas Carr hat in The Atlantic einen nachdenklich machenden Aufsatz publiziert: Is Google making us stupid?

Er stellt an sich selbst und anderen fest, dass die Art am Bildschirm zu lesen, von link zu link zu hüpfen, anzulesen, wegzudrücken, ihn unfähig macht ein längeres Buch zu lesen.

Er fragt nach, inwieweit Computer und Internet Wahrnehmung und Denken verändern. Dabei geht er zurück bis Plato, der die Erfindung der Schrift kritisiert, weil das Gehirn sich nichts mehr merken müsse. Nietzsche habe seinen Schreibstil verändert, als er die Schreibmaschine benutzen musste.

In Stanley Kubricks “2001” sei HAL das Wesen, das Gefühle äußere, bevor es abgeschaltet werde, während die Menschen wie Roboter agierten.

Spannend zu lesen und ein Fingerzeig, es mit dem Internet-Hype in der Schule nicht zu übertreiben.

Die British Library erklärt die Google-Generation zu einem Mythos und verweist auf eine Untersuchung, die auf ein sehr oberflächlichliches Suchverhalten belegt: Information Behaviour of the Researcher of the Future.

Mein ehemaliger Landrat ist immer noch stolz darauf, dass er die Lehrer von Schülern im Gebrauch von Computern schulen ließ. Wer meinte, das könne nicht der Königsweg in die Informationsgesellschaft sein, sah bei ihm alt aus.

Update 26.07.08

Oliver Jungen schreibt in der FAZ v. 26.7.08 über Carr, dass dessen Thesen nichts Neues seien. (Da hat er recht.)

Wer im Netz verblöde, sei selber schuld. Seine Bekannten seien im Netz und läsen trotzdem Bücher.

Das erinnert mich an die Argumentation, die meine Lehrergeneration , ich eingeschlossen, pflegte: Wir hatten in der Schule drei Durchgänge  durch die Geschichte „genossen” und die berüchtigte Chronologie als mentales Gerüst verinnerlicht, was uns erlaubte, Kriege, Herrscher und Baustile problemlos einzuordnen und aufeinander zu beziehen. Unsere Schüler unterrichteten wir aber nach dem Slogan „Weg mit der Chronologie”.  Im Abitur wurden ca. 15 Fächer geprüft, in denen wir was wissen mussten. Unsere Schüler unterrichteten wir aber nach dem Motto: „Man muss nur wissen, wo was steht.”

Die akademisch gebildeten intellektuellen Edelfedern der FAZ, die Georg Simmel zitieren, das Abundanzproblem der Konversationstheorie des achtzehnten Jahrhunderts extemporieren und wissen, wie Goethe das Problem sah, verblöden nicht, wenn sie jetzt auch mal googeln. Ob  zukünftige Akademiker, die nur noch googeln, das jemals können? Auch wenn ich weiß, dass Fernsehen den Staubsauger nicht überflüssig macht – oder war es das Fahrrad, das es trotz des Flugzeuges immer noch gibt? – da wachsen bei mir doch die Zweifel.

Wer nicht lesen will, kann auch´s hören: ausgerechnet meine Lieblingssendung “Der Tag” in hr2 hat die Untersuchung erörtert.

Den Hinweis verdanke ich Martin Riemer http://www.schulblogs.blogspot.com/

Update 22.11.08: Susanne Gaschke setzt sich in der “Zeit”, Nr. 48, p. 3, unter “Die digitale Erlösungslehre” kritisch mit den Verheißungen der Propheten der Digitalisierung auseinander. Diese behaupteten, dass mit den Computern und dem Internet das Zeitalter der Wissensgesellschaft anbräche. Sie hält mit Befunden von Allensbach, den häufigsten Google-Suchwörtern und der letztlich unerforschten Wirkung von “Schulen ans Netz” dagegen.

Sie schließt versöhnlich: “… dass freie Menschen das Recht haben müssen, diese Technik zu benutzen, ohne sie anbeten zu müssen.” (Im online-Archiv der “Zeit” habe ich den Artikel nicht gefunden.)

Siehe auch ibrain!

Nachtrag 5.5.12: Nicholas Carr nennt im Interview in Kurzform die Thesen seines Buches und weist auf fünf wichtige  Bücher zum Thema Internet und Informationskompetenz hin.

Darunter: Shop class as soul craft von Matthew Crawford. Aus der wie immer wunderbaren englischsprachigen Waschzettelwerbung:

Shop Class as Soulcraft is easily the most compelling polemic since The Closing of the American Mind. Crawford offers a stunning indictment of the modern workplace, detailing the many ways it deadens our senses and saps our vitality. And he describes how our educational system has done violence to our true nature as ”homo faber”. Better still, Crawford points in the direction of a richer, more fulfilling way of life. This is a book that will endure.”
Reihan Salam, associate editor at The Atlantic, co-author of Grand New Party

Carr gehört zu den Herausgebern eines Blog, der auf lange, analytische Texte ohne Links zu allen gesellschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Themen verweist: The Browser.