Meine Lektüren der letzten Zeit (2014 I)

Seit dem letzten Lektüren-Eintrag sind fast vier Monate vergangen. Ein neuer Stapel Bücher liegt da.

Rüdiger Safranski, Goethe. Kunstwerk des Lebens, hatte ich schon das letzte Mal angekündigt. Ich bin nicht viel weitergekommen. Das liegt daran, dass einen die Fülle von meist unbekannten Informationen aus Tagebüchern, Briefen, Gesprächen erschlägt und ich vor dem Einschlafen immer nur ein paar Seiten schaffe.

 

Die hohe Zahl der Putinversteher (im deutschen Osten sind fast zwei Drittel der Bürger/-innen laut einer Umfrage für mehr Distanz Deutschlands zum Westen und zur NATO und sehen Putins politische und militärische Aktionen als gerechtfertigt an) hat mich erschreckt, ebenso die Wortmeldungen unserer Ukraineexperten Schwarzer, Teltschik, Helmut Schmidt, Jens Jessen und der moskautreuen Doktores Wagenknecht und Gysi. Daher gelesen:

Mykola Rjabtschuk, Die reale und die imaginierte Ukraine und Andreas Kappeler, Der schwierige Weg zur Nation. Beiträge zur neueren Geschichte der Ukraine. Ersterer ist ein ukrainischer Journalist, letzterer ein deutscher Osteuropa-Historiker. Danach wusste ich mehr über die unglückliche Geschichte der ukrainischen Nation, ihrer Staatlichkeit und die stalinistischen Verbrechen an Ukrainern als unsere viel schreibenden und redenden publizistischen Vordenker/-innen. (Die deutschen Untaten dort waren mir schon bekannt.)

Henryk Broder, Die letzten Tage Europas. Wie wir eine gute Idee versenken. Eigentlich ist alles bekannt, was er vorbringt, die fürstliche Entlohnung der Europaabgeordneten, -Beamt/-innen und -Kommissar/-innen, ihre Regelungswut, das Versickern von Milliarden Steuergeldern in unzähligen EU-Hilfsfonds und bei einer Unzahl von Institutionen und Agenturen. In dieser Zusammenstellung ist es beänstigend.

Roger Willemsen, Das Hohe Haus. Nach zehn Seiten ist alles klar. Willemsen schildert, etwas von oben herab, Äußerlichkeiten von Bundestagssitzungen. Als ganzseitiger Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, während eines gemütlichen Frühstücks zu lesen, wäre das unterhaltsam gewesen.

Es gibt hervorragende Reportagen, in denen es gelingt mit scheinbar nebensächlichen Beobachtungen und zufälligen Begegnungen das Wesen z. B. eines Landes, einer Partei, einer Institution zu charakterisieren, manchmal auch zu entlarven. Früher erschienen solche Texte in Transatlantik. Oder als Reisereportagen britischer Journalisten, wie etwa “Balkan Ghosts” von Robert Kaplan. Davon ist Willemsens ein Jahr Bundestagssitzungen protokollierendes Buch weit entfernt, auch wenn die eine oder andere Beobachtung und Charakterisierung trifft.

Ein Buch, das man nicht zu Ende lesen muss. Die auszugsweisen Bundestagsreden, die in der Zeitung Das Parlament veröffentlicht werden, informieren mich besser über Sinn und Unsinn, den manche Abgeordneten reden.

Antje Rávic Strubel, Gebrauchsanweisung für Potsdam und Brandenburg. Sehr schön zu lesen und auch für inzwischen Einheimische noch Neues enthaltend. Und nicht im geringsten ostalgisch wie die Brandenburg-Lyrik von Beatrice Langer.

Ines Geipel, Generation Mauer. Porträts. Auch wer sich wenig für DDR und Vereinigung interessiert, sollte es lesen. Ines Geipel schildert Lebenswege aus der Generation derer, die in der Zeit der Mauer aufwuchsen und es schafften, nach 1989 noch einmal und endlich selbst bestimmt von vorn anzufangen. Und die Bibliographie ist ein hervorragende Leseliste zur DDR. (Rezension in meinem DDR-Blog)

John Williams, Stoner. Der Sohn kleiner Farmer macht eine bescheidene Universitäskarriere, heiratet eine schöne Frau und führt eine unglückliche Ehe. Er wird an der Uni böse gemobbt.  Seine Tochter muss er anfänglich alleine erziehen, dann nimmt seine Frau sie ihm weg. Er verliebt sich in eine Doktorandin, die den Campus verlassen muss. Seine Tochter wird nach einer kurzen, unglücklichen Ehe zur Trinkerin und vernachlässigt ihr Kind. Ein schreckliches Leben, das geradlinig, sachlich, ja lakonisch erzählt wird.

Angelsächsische Literatur vom Feinsten.

Vorgemerkt für den Urlaub Ende April: Per Leo, Flut und Boden. Roman einer Familie und Lothar Schöne, Das Labyrinth des Schattens. Letzteres Buch ist ein tolles Geburtstagsgeschenk. Die Amazon-Kritiker sind ausnahmslos begeistert.

Meine Lektüren der letzten Zeit

Vor allem für den Urlaub Ende November hatte ich mir einiges auf den Kindle geladen:

Hanif Kureishi, The Buddha of Suburbia. Wahrscheinlich ausgewählt, weil er bei Amazon so viele Sterne hatte. Etwa wie “Mein wunderbarer Waschsalon”, nur noch verrückter. Am Schluss habe ich die Umblättern-Taste im Sekundentakt gedrückt.

Monika Maron, Zwischenspiel. Ich mag ihren Stil und habe fast alles von ihr gelesen.

Yoram Kaniuk, 1948. Kaniuk kannte ich bisher als Jugendbuchautor. Er schreibt sich hier seine schlimmen Erlebnisse aus dem Unabhängigkeitskrieg 1947/48 von der Seele, als die Armeen der arabischen Nachbarstaaten die jüdischen Siedler in Palästina angriffen. Er entzaubert die israelischen Mythen von diesem Krieg und erzählt von jungen Leuten, die ohne militärische Ausbildung und Bewaffnung kämpfen mussten und von ihren Vorgesetzten manchmal auch im Kampf allein gelassen wurden.

Analog gelesen wegen der Fotos: Vivian Rheinheimer (Hrsg.), Herbert M. Gutmann. Bankier in Berlin. Bauherr in Potsdam. Der jüdische Direktor der Dresdner Bank baut sich eine spektakuläre Villa in Potsdamer Ia-Lage, die Nazis zwingen ihn zum Verkauf und er geht nach England. Die DDR behält das enteignete Anwesen. In den letzten Tagen der DDR bemächtigen sich Hausbesetzer des Gebäudes und wohnen es noch mehr herunter, als es schon ist. Die jüdischen Erben lassen sie nicht auf das Gelände, die Stadt Potsdam belegt die ausgesperrten Besitzer mit Bußgeldern, weil sie das verrottende Anwesen nicht sichern. Die in der DDR zuständige Denkmalpflegerin kaufte 1983 einen Teil des Grundstücks und baut ein Häuschen darauf. Potsdamer Richter weisen nach der “Wende” eine Klage der Erben dagegen zurück.

In Potsdam gibt es die Gegenwart aller Zeiten!

Christopher Clark, The Sleepwalkers/Die Schlafwandler. Eine unglaubliche fünfjährige Forschungsarbeit des britischen Historikers. Er rekonstruiert minutiös die Vorgänge in den Regierungen der europäischen Mächte in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Überall gab es Kriegs- und Friedensparteien. Das Bild vom “Hineinschlittern”, das der britische Außenminister Grey geprägt hat, ist so falsch nicht.

Bei einem Gespräch mit Militärhistorikern wurde Clark hart angegangen. Ob ihm nicht weltweit vorgeworfen würde, das Buch sei deutschfreundlich? Nein, sagt er, nur in Deutschland höre er das.

Yu Ha, China in zehn Wörtern. Eine Einführung. Der Schriftsteller erklärt anhand von zehn Schlüsselbegriffen wie Lesen, Schreiben, Revolution, Gebirgsdorf oder Unterschied die Volksrepublik. Was ihm gelingt. Das Buch ist unterhaltsam und zugleich höchst informativ, in China ist es verboten.

Jetzt warte ich darauf, dass meine Frau das Goethe-Buch von Rüdiger Safranski beendet.

Bücher für Weihnachten

Allerorten gibt es Büchertipps. Da stehe ich nicht nach. Aus meinem DDR-Webquest-Blog “Ampelmännchen und Todesschüsse” stammen diese Leseempfehlungen:

“Weggesperrt” von Grit Poppe
Erwin Jöris: Deine Schnauze wird dir in Sibirien zufrieren
Lars Oermann: Aequilibrium
“Plan D” von Simon Urban: Die DDR ist wieder da!
Michail Bulgakow, Der Meister und Margarita
Reiner Kunze: Wunderbare Jahre
Manfred Krug, Abgehauen
Ruta Sepetys, Und in mir ist der unbesiegbare Sommer
Warlam Schalamov: Künstler der Schaufel. Erzählungen aus Kolyma 3
Black Box DDR
Klaus Kordon, Krokodil im Nacken
Elisabeth Herrmann, Zeugin der Toten
Ruth Hoffmann, Stasi-Kinder. Aufwachsen im Überwachungsstaat
Elena Gorokhova, Goodbye Leningrad
“Drüben” von Simon Schwartz
Rayk Wieland, Ich schlage vor, dass wir uns küssen

Ausblick auf den neuen LAG-Weihnachtswunschzettel 2012

Als Neu-Potsdamer bereitet es mir besonderes Vergnügen, diese Vorankündigung von Heidemarie Bächreiner-Vogt, Bibliothek der Friedrich-Ebert-Schule in Schwalbach a. Ts., weiterzugeben:

Ein Weckruf für alle, die schon neugierig sind auf den WWZ 2012, die Empfehlungsliste der LAG für  Neuerscheinungen in der Kinder- und Jugendbuchliteratur, immer zum 1. Advent. Als Vorankündigung schon einmal folgende zwei Sachbücher, sozusagen als Hommage an das 300. Geburtstags-Jubiläum Friedrich des Großen. Das ist zwar schon fast ein Jahr her, genauer gesagt seit Januar 1712, aber diese zwei Biographien sind wirklich Bonbons für die Schulbibliothek.
Durchaus geeignet für die Grundschule, das 5./6. Schuljahr, die Mittelstufe und Erwachsene, die anregende neue Erkenntnisse ihrem Wissen hinzufügen möchten.
    

Magdalena und Gunnar Schupelius: Beruf König, Berlin Story Verlag 2012,  € 14,95
“Die Lebensgeschichte Friedrich II. für Kinder erzählt”, mit diesem Untertitel wirbt der Verlag für ein hinreißendes Sachbuch. Allein die übersichtlichen kleinen Kapitel, geschrieben in kindgerechter Sprache und wunderbar illustriert, machen einfach Spaß zu lesen, auch Erwachsenen, die es gern übersichtlich, kurz und informativ wollen. Wirklich, man fühlt sich wie bei “Königs” zu Haus, oder auch lieber nicht, wenn man erfährt, dass der Vater jeden Morgen vor seinem Fenster einen Kanonenschuss abfeuerte, um den Sohn an Kriegslärm zu gewöhnen, Friedrich schon um 7.00 Uhr Unterricht hatte, durchgehend bis 17.00 Uhr und nur mit einer kurzen Mittagspause, oder dass er sich vor dem Putz- und Hygienefimmel seines Vaters kaum retten konnte. Weitere geniale Eindrücke vom “Modernen König” bis zum letzten Kapitel “Der alte König” vermittelt dieses erzählende Sachbuch.
 
Frank Pergande (Redakteur der FAZ): Die 50 wichtigsten Fragen – Friedrich der Große, Buchner 2011,  € 17,95
Diese Biographie blättert mit interessanten Anekdoten das Leben Friedrich des Großen auf, und sie ist etwas anders gestaltet als herkömmliche, nämlich mit 50 Fragen und Antworten. Äußerst neugierig macht z.B. die Frage “Woher kommt das Sprichwort <So schnell schießen die Preußen nicht>”? oder sehr amüsant, ohne intim zu werden, “Wie war es um Friedrichs Qualitäten als Ehemann bestellt?”
Neben Fakten gibt es aussagekräftige Bilder oder Skizzen, historische Dokumente  und Fotos mit einem Blick in die Gegenwart.

Beide Biographien bieten unterhaltsame Eindrücke, die Geschichte lebendig erzählen, und eignen sich vorzüglich für Schulbibliotheken, die ihren vielleicht etwas “trockenen” Sachbuchbestand im Fachbereich Geschichte mit amüsanten und kurzweiligen Informationen ergänzen möchten.

Lesetipps und Berichte aus Schulbibliotheken gesucht

Immer wieder wird nach Kinder- und Jugendbuchhits gefragt. Auch wenn es eine große Zahl an Hitlisten, Kinder- und Jugendbuchhinweise in Zeitungen und im Radio, in Fachzeitschriften, Broschüren und im Internet gibt, ein persönlicher Tipp ist noch wertvoller: Wie wäre es, wenn Sie Ihre Tipps und Empfehlungen im hids, der mailing list der LAG Schulbibliotheken in Hessen nennen würden?

LAG-Mitglieder schaffen es seit mehr als 20 Jahren, zusammen mit Schüler/-innen, den Weihnachtswunschzettel und die Sommer-Lesetipps zusammenzustellen. Aber dazwischen wäre viel Platz für weitere Tipps, für das, was man selbst für gut hält, was in der eigenen Schulbibliothek gut läuft. Es soll ja vorkommen, dass preisgekrönte oder von Rezensenten gelobte Bücher in der Schulbibliothek zum Ladenhüter werden.

Auch Berichte über darüber, was man in der eigenen Schulbibliothek/-mediothek so alles macht, wären schön und hilfreich. Auch das könnte in den hids oder auf die Website gestellt werden. Mit dem Preis “Schulbibliothek des Jahres” wurde das bisher dreimal versucht (2x in Hessen, 1x in B/BRB). Aber auch hier gilt: Dazwischen ist viel Platz für Berichte. Oft versucht man ja auch in die lokale Presse zu kommen. Eine Kopie an die LAG verlangt nur einen Knopfdruck und zeigt den anderen, dass sie keine Einzelkämpfer/-innen sind.

Ein schönes Beispiel, allerdings aus Brandenburg, was kein Nachteil sein muss, ist der Bericht von Anka Rahn über eine Fahrt mit Schüler/-innen zur Leipziger Buchmesse.

Das geht doch ganz schnell, es hilft den anderen und man selbst bekäme hier auch einmal eine Anregung. Mehr Austausch und gegenseitige Hilfe kann unserem Anliegen nur nützen.

  • Mehr über den hids: Ein Drittel der Teilnehmer/-innen stammt nicht aus Hessen, sondern lebt und arbeitet in anderen Bundesländern, in Österreich, der Schweiz und Südtirol). Angesichts der Fülle an Newslettern, Blogs und Tweets ist es beachtlich, dass der hids seit 15 Jahren am Leben ist.