PISA: Was macht Singapur anders?

Die Journalistin Sarah Butrymowicz berichtet von einer Studienreise nach Singapur im Hechinger ED Blog der Columbia Universität in New York:

Das Institut für Lehrerausbildung des Stadtstaates Singapur vergibt jährlich 2.000 Plätze. Auf die bewerben sich 16.000 Schüler. Für die Ausbildung zum Lehrer werben muss die Regierung nicht. Genommen werden nur Bewerber mit besten Schulzeugnissen. In Interviews versucht man zudem herauszubekommen, ob jemand nur der guten Bezahlung wegen Lehrer wird. Schon während der Ausbildung erhalten die Lehrerstudenten ein Gehalt.

Nach der Prüfung haben sie drei Jahre eine Unterrichtsverpflichtung von 3/4 der normalen Lehrer. Sie werden von einem Mentor betreut und halten Kontakt zum Institut. Es gibt dort spezielle Kurse für Berufsanfänger.

Während der Ausbildung am Institut führen die Studenten ein E-Portfolio, in dem sie ihre pädagogische Entwicklung dokumentieren und über Erziehung, Schule und Unterricht nachdenken. Das Portfolio wird nicht benotet, aber es ist zur Prüfung vorzulegen und dient als Gesprächsgrundlage.

Lehrer stehen in Singapur in höchstem Ansehen.

Lehramtsreferendare sind schneller ausgebildet als Rechtsreferendare

Das Referendariat für Juristen dauert 24 Monate. Hessische Lehramtsreferendare brauchen für ihre 2. Ausbildungsphase 18 Monate.

Bildung, behaupten alle Parteien, wäre für Sie ein Schwerpunkt. Lehrerbildung, auch das ist Konsens, ist ein wichtiger Teilbereich, heute sagt man wohl Modul dazu. Warum dann die zweite Ausbildungsphase von 24 auf 18 Monate verkürzt werden musste? Erlernen zukünftige Lehrer/-innen ihren Beruf schneller, wenn die Ausbildung modularisiert und kompetenzorientiert organisiert ist? Sind sie intelligenter als Juristen oder ist die Jurisprudenz schwieriger zu erlernen als Schüler zu unterrichten?

Die wahren Beweggründe waren: Es fehlen Lehrer. Je schneller Referendare in die Schule kommen, desto besser für die Lehrerversorgungsstatistik. Man stopft das eine Loch, indem man ein anderes gräbt. Auch die Anrechnung der Referendare auf die Lehrerversorgung der Schule wurde von 6 auf 8 Stunden erhöht.

Warum auch die Lehrergewerkschaft GEW für die Verkürzung eintrat, obwohl sie einst die Verlängerung von 18 auf 24 Monate befürwortet hatte? Mentor/-innen, die in den Schulen Referendar/-innen begleiten, müssen diese zusätzlich zu allen anderen Verpflichtungen, die sie schon haben, tun. So verlangt es die Lehrer/-innendienstordnung. Sie dürfen in ihrem Fortbildungsportfolio(!) wenigstens einen Vermerk abheften. Von der Verkürzung der Ausbildung verspricht sich die GEW nun eine Entlastung der Mentoren und vielleicht sogar eine Anrechnung auf deren Arbeitszeit, eine uralte Forderung. Die so ungerecht wäre wie eine Kulturflatrate. Denn die Arbeitsbelastung eines Mentors ist gestaltbar, sie kann null Wochenstunden betragen, aber auch z. B. fünf. Ihre Unterstützung des Referendars ist nur als Ergänzung zur Betreuung durch die hauptamtlichen Ausbilder/-innen des Studienseminars gedacht, die aber selbst eine nicht unerhebliche Unterrichtsverpflichtung haben und oft vom Unterrichtsbesuch in einem anderen Landkreis in die heimische Schule eilen, um dort pünktlich ihren eigenen Unterricht zu absolvieren.

Eine Verkürzung des Referendariats wäre durchaus diskutierbar, wenn es gelänge die erste – universitäre – und die zweite – praktische – Phase zu verzahnen, etwa durch Praxissemester. Wenn es dann “vorne” etwas länger dauerte, könnte es “hinten” schneller gehen, der Praxisschock könnte verarbeitet sein. Das wurde schon diskutiert, als ich mit dem Lehramtsstudium begann, Ende der 60er. Gut´Ding will Weile haben!

Wenn ich schon bei dem Thema bin:

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McKinsey scannt gute Schulsysteme

Eine Woche vor Bekanntgabe des neuen PISA-Rankings veröffentlicht die Unternehmensberatungsfirma McKinsey & Co eine Studie über die weltbesten Schulsysteme. 20 Schulsysteme, darunter eine Privatschulfirma, wurden analysiert, die sich in den vergangenen Jahren oder Jahrzehnten bei Leistungsvergleichen wie PISA deutlich verbessert haben. Aus Deutschland war Sachsen dabei.

Was haben die herausgefunden?

  • Stabile Rahmenbedingungen befördern den Erfolg. Also nicht ständig etwas verändern.
  • Erfolge sind schon nach sechs Jahren messbar.
  • Geld („Ressourcen“) und Schulstruktur sind weniger wichtig. 80% der Verbesserungen in fortgeschrittenen Schulsystemen sind auf die drei nächsten Punkte zurückzuführen:
  • Wichtig ist Unterricht, Unterricht, Unterricht („schulische Prozesse“)
  • Die Ausbildung der Lehrer ist wichtig, die ständige Beobachtung von Unterricht, der Austausch über guten Unterricht, die ständige Zusammenarbeit der Lehrer in der Schule mit dem Ziel der Verbesserung von Unterricht.
  • Auf die Auswahl der Lehrer und Schulleiter soll mehr Wert gelegt werden.
  • Gute Lehrer haben ein hohes Ansehen (status of the profession)

Wer Basedow1764 häufiger liest, ahnt, was jetzt kommt:

Dass Unterricht, Ausbildung, Kooperation, Weiterbildung so ziemlich das wichtigste Element von Schulqualität sind, weiß ich seit Beginn des Studiums Ende der 60er Jahre. Das war nie ein Geheimnis.

Wenn PISA-Koordinator Schleicher fordert “Die besten Köpfe in die Schulen!”, fällt mir dazu ein: Es wurde so ziemlich alles beiseite geräumt, was es an Rückmeldungen über die Tauglichkeit zum Lehrberuf im  Studium und  Referendariat gab. Nach 7 bis 8 Jahren, im 2. Staatsexamen, gab es erstmals eine realistische Rückmeldung. Aber da war es dann manchmal zu spät:

“Der Mann hat eine Frau und zwei Kinder” gibt der Seminarleiter zu bedenken. Der Gewerkschaftsvertreter findet die Stunde außerordentlich gelungen. Der Schulleiter spricht von menschlichen Qualitäten, die mangelnde Unterrichtsbefähigung baue sich im Lauf der Zeit ab. (Er ahnt, dass er im Kollegium für eine Entscheidung geradestehen muss, die ihm die Ausbilder eingebrockt haben. Die verlassen seine Schule sofort nach der Prüfung, er bleibt.) Ich hatte wenigstens die Hoffnung, dass der frisch gebackene Lehrer nicht auf meine Kinder losgelassen werden würde.

Dass die in der Gewerkschaft organisierten Junglehrer forderten, sie sozusagen peer-to-peer sollten Prüfungen abnehmen, war den 68er Zeiten geschuldet und wurde nicht umgesetzt, aber lange in den Gremien und Medien der Gewerkschaft diskutiert.

Dass die hessische Landesregierung später einmal Förster, nach Auflösung von Forstämtern, im Schnellkurs zu Biologielehrern machte, trug auch wenig zur Professionalisierung bei, aber viel zum Frust von Lehrern die jahrelang Biologiedidaktik studiert hatten.

Die Lehrerfortbildung galt als zu teuer und zu Unterrichtsausfall führend. Sie wurde erheblich eingeschränkt, bei gleichzeitiger Fortbildungsverpflichtung für die Lehrer. Dazu wurde ein Punktevergabesystem eingeführt und tonnenweise Evaluationsbögen zu Veranstaltungen ausgefüllt, die wahrscheinlich heute noch irgendwo herumliegen.

Dass ich alle fünf Jahre neue Lehrpläne umzusetzen hatte, sei nur am Rande erwähnt. Das passt zu McKinseys Warnung vor zu viel Strukturveränderungen.

Was haben die Unternehmensberater noch herausgefunden?

Wenn man dafür sorgt, dass Kinder regelmäßig die Schule besuchen und Schulbücher erhalten, macht man Fortschritte. Da verdoppelt sich die Lesekompetenz in kurzer Zeit. (Gilt nur für Systeme, die ganz am Anfang stehen.)

Was im erfolgreichen Schulsystem eines indischen Bundesstaates passiert, halte ich für nachahmenswert: Dort bekommen Lehrer, deren Schüler mindestens sechs Monate Fortschritte machen, ein zusätzliches Monatsgehalt als Belohnung.

Auf die Lehrerinnen und Lehrer meiner Alterskohorte, für die die allermeisten Befunde Binsenweisheiten sind, hat niemand gehört. Schön wäre es, wenn man jetzt wenigsten auf die Damen und Herren in den Boss-Anzügen und den Prada-Kostümen hörte.

Eine Online-Präsentation der Studie “How the world’s most improved school systems keep getting better” steht hier, die pdf-Dokumentation hier.

Da fällt mir noch ein Witz ein: Weiterlesen

Autorität ist wieder gefragt

Während meines Berufslebens gab es immer wieder  Themenhefte der pädagogischen Fachzeitschriften zum Thema “Autorität”. Mainstream war aber etwas Anderes: Der Lehrer als Moderator von Lernprozessen, der Lehrer als Kumpel, den man duzen kann, Lernpartnerschaft usw.

Der Jurist des Schulamtes empfahl mir einmal “Lernverträge” mit schwierigen Schülern abzuschließen. Darin sah er die Lösung eines Falles, in dem ein Junge einen anderen mit einem Feuerwerkskörper am Unterschenkel verletzt hatte. (Mir war schon vorher klar, dass es nicht die Einserjuristen waren, die in Schulämtern saßen.)

Jetzt erscheint in der ZEIT ein Interview mit einem Erziehungswissenschaftler, der von Leadership spricht, der sich freut, dass man wieder unbefangen von Autorität und Disziplin spricht.

Aus der amerikanischen Lehrerausbildung hatte ich “Classroom Management” übernommen und lehrte es die Referendare: Das Handwerkszeug, mit dem man Störungen voraussieht, nebenbei erledigt, ohne den Unterricht darüber an die Wand zu fahren, klare Anweisungen  gibt, gut strukturierten Unterricht hält, die Ziele der Stunde nennt. Kurz: Professionell Unterricht planen und durchführen können. Das waren für mich wesentliche Elemente von Leadership.

Es war nicht unbedingt das, was der Zeitgeist verlangte. Entsprechend reagierten meine Ausbilderkollegen, der Gottvater Seminarleiter, die Prüfungsausschüsse.

Späte Genugtuung beim Lesen des Interviews mit Roland Reichenbach. Er veröffentlicht demnächst ein Buch zum Thema Lehrerautorität.

TeachFirst: Kaderschmiede für Schulleiter und Schulräte?

Die Bildungsinitiative Teach First Deutschland will hoch  qualifizierte Studentinnen und Studenten für einen zweijährigen Einsatz in Brennpunktschulen gewinnen. Die Bundesländer Berlin, Hamburg und NRW zahlen in dieser Zeit deren Gehalt von 1700 € brutto. Die sogenannten Fellows (diese Initiative hat ihr Vorbild in USA und UK) lernen in sechs Wochen, wie man Unterricht plant, hält und auswertet.

Vorbildliches Engagement, denke ich. Der Schule geht es ja wie der Fußball-Bundesliga. Jeder redet mit und weiß, wie es besser ginge. Da schadete es nicht, wenn die zukünftige Businesselite mal genauer hinsähe.

Für zukünftige Manager/innen ist es auch karrierefördernd, wenn sie nachweisen können, dass sie soziales Engagement besitzen und mit schwierigen Schüler/innen umgehen können.

In den USA werden solche Fellows regulär in Schulen eingesetzt, um unbesetzte Lehrerstellen abzudecken. Erste Studien bescheinigen Schülern  bei diesen Studenten bessere Lernerfolge als bei langjährig praktizierenden Lehrern. (Ich verkneife mir eine Anmerkung.)

Getragen wird die Initiative von Lufthansa, Deutscher Post und Vodaphone. Die jungen Mitarbeiter/innen der Geschäftsführung verkörpern selbst schon die anvisierte Führungselite: Globale Ausbildung und Praxis,  überwiegend in den Bereichen Kommunikation, Marketing und Unternehmensberatung.

Der Schnellkurs im Unterrichten (6 Wochen) ist wohl nötig, peinlich wäre es, wenn sich herausstellte, dass das effizienter ist als ein mehrjähriges Studium. (Obwohl, bei der gegenwärtig praktizerten Modularisierung an den Universitäten wird auch nicht viel mehr Zeit für Unterrichtplanung usw. aufgewendet.)

Was mich aber noch mehr stutzen lässt, ist  diese Aussage im Programm:

“Im zweiten Jahr erfolgt in enger Kooperation mit den Partnerunternehmen ein arbeitsbegleitendes Coaching- und Weiterbildungsprogramm. Das Programm soll die Fellows gezielt auf Führungsaufgaben im Bildungssektor und in anderen Bereichen vorbereiten.”

In meiner Zeit als Lehrerausbilder habe ich mich oft geärgert über die auch von der GEW vertretene Auffassung, die Lehrerausbildung sei zu eindimensional auf Schule ausgerichtet, man müsse Lehrer/innen von Anfang so ausbilden, dass sie auch außerhalb von Schule Berufschancen hätten. Ich wünschte mir damals im Gegenteil eine intensivere  Vorbereitung meiner Referendare auf den Einsatz in Schule und Unterricht.

Jetzt wird der Spieß gewissermaßen umgedreht. Dass man im Schnellkurs Lehrer werden kann, ist nicht neu. Jetzt braucht man die Lehrer auch nicht mehr als Führungskräfte in Schule und Schulverwaltung. Da kommen zukünftig in der Hertie School of Governance, bei der Bertelsmann-Stiftung und Roland Berger ausgebildete Kommunikations- und Marketingprofis mit Schulpraktikum in Frage. Ein Trost: Die Bezahlung von Grund- und Hauptschulrektoren dürfte für MBAs völlig unattraktiv sein. Aber 16 Schulministerien, ein Dutzend Institute, Hunderte Schul- und Oberschulämter brauchen Führungskräfte.

http://www.teachfirst.de

Der “Teaser” (Werbefilm) für TeachFirst

Schulbibliotheken in Finnland

Als die hessische Kultusministerin Wolff aus Finnland zurückkam, war sie auch von den Schulbibliotheken beeindruckt. Und sie war nicht die einzige. Für die hessischen Schulbibliotheken hatte das keinerlei Folgen.

Zurzeit sammelt die Kollegin Helen Boelens aus den Niederlanden über die Mailing-Liste von ENSIL, dem Netzwerk europäischer Schulbibliothekar/-innen, Daten zur Situation der Schulbibliotheken in Europa. Eine Mail der Schulleiterin und Vizepräsidentin der finnischen Schulbibliotheksvereinigung Association for School Librarians, Hannele Frantsi, an Helen ist dabei sehr informativ: Weiterlesen