Berliner Schulbibliotheken werden vorgestellt

Auf der Webseite der Berlin-Brandenburger Schulbibliotheks-AG, AGSBB e. V., werden schon seit Längerem Schulbibliotheken vorgestellt. Eine hübsche Idee, informativ, gut zu lesen, frei von – an dieser Stelle  – überflüssiger Statistik (Zahl der Ausleihen, Bestand, Öffnungszeiten)

Zuletzt wurde der “Learning Space” des Siemens-Gymnasiums in Zehlendorf vorgestellt. (Das ist neudeutsch und bedeutet wohl Lernzentrum.)

Wenn das Goethe-Institut die AG wieder einmal bittet, ausländische Schulbibliothekar/-innen zu empfangen (bisher: Libanon und USA), hätten wir ein neues Highlight zum Vorzeigen.

Profis am Werk? Der Neubau der IGS Hannover-Mühlenberg ignoriert die Schulbibliothek

Passt ganz gut zum vorhergehenden Beitrag: Die Ausschreibung für den Neubau der IGS Hannover-Mühlenberg. Das Gebäude ist eine typische 70er Jahre-Gesamtschule, so anheimelnd wie ein Großkrankenhaus.

Die Schule muss aber gute Arbeit geleistet haben. Sie hat so ziemlich alle Auszeichnungen, die zu haben sind: Europaschule, Umweltschule, Medienschule, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Abiturfach Darstellendes Spiel u. a. m.

Angeblich ist sie auf Platz 7 unter Deutschlands besten Gesamtschulen. Von wem das Ranking stammt? Von Capital. Ich kenne da eine hessische, die auch zu den Top Ten gehörte… O.K., bei Focus.

Ich durchforste die 80 Seiten Ausschreibung. Unter “Stadtteilbezogene Nutzung” kommt die kombinierte Stadtteil- und Schulbibliothek.

Hinsichtlich des Neubaus ist die Rede von pädagogischer Architektur (ohne ®!), von Lernlandschaften und Lebensräumen, über den Raum als “drittem Lehrer”.

Da schaue ich mir doch einmal die Zeichnung auf S. 33 an:

Das unterste Oval ist der Schuleingangsbereich: Foyer, Verkehrsknotenpunkt, Informationsbereich. An der zentralen Mittelachse liegen alle wichtigen Einrichtungen: Aula, Mensa, Caféteria, Schülercafé, Freizeitstation, Audivisionszentrum mit Mediensammlung, Informatikräume, Kunst, Musik, NaWi.

Die Bibliothek ist das Gebäude unten rechts (X), ausgegliedert in den hellgrau getönten Bereich “Stadtteilbezogene Aufgaben” mit einem von der Schule getrenntem Eingangsbereich. Die Bibliothek hat auf der Rückseite aber noch einen direkten Zugang zur Schule (Hintereingang?). Neben der Bibliothek befinden sich Jugendzentrum, Seniorenzentrum, theaterpädagogisches Zentrum (von rechts nach links)

Noch Fragen?

Wenn man vergleicht, was sich international in Sachen Bibliotheksarchitektur tut (Stichtworte learning commons oder Wissensallmende)…

Lamar High School richtet Schulbibliothek des 21. Jahrhunderts ein

Die Lamar High School in Houston wurde mit Hilfe von Spenden Ehemaliger modernisiert: Sie besitzt Dutzende von Laptops zum Gebrauch auf dem Campus. Es gibt Gruppenräume. Sie ist 12 Stunden geöffnet, hat eine erweiterte digitale Plattform und erhöht durch eine Cafeteria die Aufenthaltsqualität für die Schüler/innen.

Der Artikel im Oak River Examiner und der bei Houston Press (mit einem interessanten Foto)

via LISnews

Ist die Schulbibliothek anachronistisch?

So möchten digital natives ihre Schulbibliothek nutzen:

aus: Education Week, Foto: Erich Schlegel

Bei aller Freude über das wieder erwachte Interesse an Schulbibliotheken bei Bibliotheksverbänden, Schulträgern und Sonntagsrednern, die Zukunft ist alles andere als rosig.

Das Sprachlabor ist ausgestorben, die zentrale Videoübertragungsanlage ebenso, die Computerräume gehen gerade den Weg der Dinosaurier.  Erweist sich die multimediale Schulbibliothek demnächst auch als überflüssig?

Das mobile Internet macht´s möglich: Die Fachlehrer müssen sich nicht mehr in die Benutzerliste des Computerraums eintragen. Sie müssen nicht mehr befürchten, versehentlich Alarm auszulösen, sie müssen nicht mehr mitten in der Stunde den Informatiklehrer holen, weil sie das Monitorbild von Rechner 13 nicht auf den Beamer kriegen.

Sie haben ihre Unterrichtsvorbereitung und die Arbeitsblätter auf dem Stick. In der Klasse steht das smartboard, die Schülerinnen und Schüler haben die Lehrbücher, Trainingsprogramme, Wörterbücher, Textbücher und Lektüren auf dem eBook oder iPad.

Zwar beschäftigen sich wissenschaftliche Untersuchungen und die Volksmeinung gerne mit der digitalen Ahnungslosigkeit des Lehrkörpers.  In den Fachdidaktiken aber gibt es immer mehr passgenaue Angebote: Handyeinsatz in den Fremdsprachen, Google Earth im Geographieunterricht, digitalisierte Bild- und Tondokumente im Geschichtsunterricht, Webquests für den Lateinunterricht. Ganz zu schweigen von den Kreismedienzentren, die download von Medien anbieten, deren manuelle Ausleihe vor ein paar Jahren noch bürokratischen und logistischen Aufwand verlangte.

Auch wenn es immer etwas in der Lehrerausbildung zu verbessern gibt, die Fragen, was und wie Schüler lernen, welche Medien und Methoden angewandt werden können oder müssen, sind pädagogisches Kerngeschäft. Dass es Ausbildungsdefizite gibt und Ausstattungsmängel, ist unbestritten.

Je mehr also digitale Kompetenzen der Lehrkräfte zunehmen, Technologie und maßgeschneiderte fachdidaktische Angebote im alltäglichen Unterricht im Klassenzimmer selbstverständlich werden, desto fragwürdiger wird für die finanziell gebeutelten Schulträger die Investition in Schulbibliotheken. (Sie hören dann auch gerne, dass ihnen Dr. Ronald Schneider, Schulbibliotheksexperte des Deutschen Bibliotheksverbandes, nahelegt, nicht länger in Schulbibliotheken zu investieren, sondern die Klassen in die Stadtbibliothek zu schicken. Im hier diskutierten Zusammenhang ist das aber allenfalls ein Zwischenspiel.)

In USA klagen die Bibliothekslehrer/innen, die school library media specialists, in den Leserbriefspalten der Tageszeitungen und den Kommentarseiten der Internetmedien, dass sie es bisher waren, die den Schülerinnen und Schülern bei der Online-Recherche, bei der Bewertung von Internetseiten, kompetent halfen und dass ausgerechnet sie jetzt weggespart würden.

Es wäre schön gewesen, wenn wir in Deutschland den Zustand je erreicht hätten, den die digitale Revolution in USA gerade entbehrlich werden lässt.

Hierzulande wird die Schulbibliothek vor allem als “Bücherhort” (so ein Journalist der “Frankfurter Rundschau” über eine multimediale Schulbibliothek) verstanden, in dem Bücher ausgeliehen werden. Oder als Zweigstelle der Stadtbibliothek, in der man auf eine noch stärkere Nutzung durch die Lehrkräfte wartet.

Eine Zusammenarbeit zwischen Fachlehrer und Bibliothekslehrer bei Unterrichtsplanung und -durchführung, wie es im angelsächsischen Schulbibliotheksverständnis angelegt ist und vielfach schon praktiziert wird, wo in “guided inquiry” ausgebildete Recherchespezialisten mit Lehrern und Schüler zusammenarbeiten, ist hierzulande eher die Ausnahme.

In den USA dürfte es interessant werden, ob sie ihre Funktion als Informationsspezialisten behaupten können, auch wenn ihre Basis, die Schulbibliothek, wegzufallen droht.

Mit der von David Loertscher und Ross Todd begonnenen Diskussion über “learning commons“, Lernräume, die mehr als eine Bibliothek sind, ist eine interessante Perspektive eröffnet worden.

Die “Entbibliothekarisierung” der Schulbibliothek

In den vergangenen drei, vier Jahren hat eine bemerkenswerte Entwicklung begonnen und an Dynamik gewonnen:

Der Siegeszug der Informationsgesellschaft, die Suchmaschinen auf dem Laptop und dem Handy und die Datenbanken des Internets stellen zwar die Bibliothek als physischen Wissensspeicher in Frage. Aber überflüssig geworden ist die (Schul)Bibliothek keineswegs.

Vom Aussterben bedroht ist nur die Bibliothek, über die Umberto Eco spottet: Mit einem Katalog, der ein Studium erfordert und mit einem Bestellzettel, der ausgefüllt werden muss, bevor man Zutritt zum Buch hat.

Aber jetzt, wo die Fragen der Aufbewahrung und des Zugangs mit einem Mausklick beantwortet werden (Lassen wir vorläufig offen, ob es nunmehr notwendig ist, aus Lesern, pardon, usern, Informationsspezialisten zu machen) kann sich die Bibliothek auf ihre Funktion als Ort des Lesens und Lernens zurück(!)besinnen.

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Die Schulbibliothek als Wissensallmende

Als ich vor einiger Zeit auf einer e-learning-Tagung über Schulbibliotheken referieren durfte, wurde ich eingeführt mit der Frage:

„Ist die Schulbibliothek  im digitalen Zeitalter nicht überflüssig geworden?“

Ich weiß nicht, ob ich die Fachleute für blended learning, virtual life und web2.0 restlos von der Notwendigkeit einer Schulbibliothek im digitalen Zeitalter überzeugen konnte.

Man sollte konsequent sein und diese Frage erweitern: Wenn das Internet alles bietet, was früher in Schulen und Bibliotheken gelagert und gelernt wurde und das in Echtzeit, in Farbe, animiert und nutzerorientiert, könnte man doch gleich die Schulen abschaffen. Warum wird diese Frage, oft begleitet von einem malizösen Lächeln, immer nur bei Schulbibliotheken gestellt?

In den 80er Jahren, in der Frühphase des Internets, war man in USA nahezu einhellig der Meinung, man brauche jetzt keine Universitätsbibliotheken mehr, jedenfalls keine Neubauten. Inzwischen hat sich die Internettechnologie weiter entwickelt. Es gibt Laptops, Netbooks,  Google Scholar, wisdom of the crowds und iPhones.

Schule und Bibliothek können jetzt an den Strand, in die S-Bahn, ins Kinderzimmer mitgenommen. Inzwischen werden aber wieder Universitätsbibliotheken gebaut!

Warum ist das so?

Ivan Illich hat in den 70er Jahren die Abschaffung der herkömmlichen Schule gefordert. Er wollte die Entschulung der Gesellschaft, stattdessen aber eine pädagogisch orientierte lernende Gesellschaft.

Für Illich war ein Referenzservice (so hat er das genannt) für alle Dinge, die mit formalem Lernen zu tun hatten, wichtig: Bibliotheken, Theater, Labore, Veranstaltungsräume mit entsprechenden Medien (Tafel, Video, PC – nach dem Stand der 70er Jahre).

Wenn man das Gebäude der Bielefelder Laborschule betritt, sieht man, dass die Lerngruppen auf offenen Plattformen, den Flächen arbeiten und nicht in geschlossenen, rechteckigen Klassenzimmern sitzen.

Wie soll man solche Räume in der Schule nennen? Schulbibliothek, school library media center, Mediothek, centre de documentation et d´information? Das sind Zungenbrecher, sie konnotieren entweder Bücher oder neue Medien, ihre Abkürzungen klingen wie Güterverkehrszentrum (GVZ). Es geht aber nicht um Büchermagazine, Computerräume oder Ausleihtheken. Es geht um Lernräume und Lernprozesse.

In der angelsächsischen Welt gibt es jetzt einen neuen Begriff dafür: learning commons.

Da steckt der Allmende-Begriff drinnen: Das mittelalterliche  Gemeineigentum am Gewässer, am Wald und der Weide.

Die Learning commons sind eine Wissensallmende.

Learning commons beinhalten eine Vielzahl von Räumen: Begegnungsraum, Funktionsräume, Kommunikationsflächen, Stillarbeits-, Einzelarbeits-, Gruppenarbeitsraum, Plenum. Hell, offen, einladend, korrespondierend zur Form der Arbeit. Sie ermöglichen eine Vielzahl von Sozial- und Arbeitsformen. In ihnen wirken Menschen, die nicht nur  Lernprozesse moderieren, sondern Schüler/inne/n etwas beibringen.

Learning commonsz. B. Vanier College, Montreal

z. B. Exploratorium San Francisco (keine Schule, sondern tolles Museum!)

z.B.  Chelmsford, Massachusetts

Zum Kleingedruckten:
Lassen wir mal die rechtlichen Implikationen des Allmendebegriffs beiseite: Creative commons! Schon der Bauernkrieg hatte etwas mit Veränderungen bei der Allmende zu tun.
Ich überlasse es gerne anderen, zu unterscheiden zwischen Bibliothek und learning common(lc), abzugrenzen, ob lc ein Teil der Bibliothek oder die Bibliothek Teil des lc ist, ob lc nicht doch eher virtuell gemeint ist.
Der kreative Prof. Dr. David Loertscher, der schon mehrfach die Schulbibliothek “neu erfunden” hat, ist einer der US-Väter dieser Idee. Prof. Dr. Ross Todd beansprucht aber auch, den Namen gefunden zu haben.

Nicht verschweigen möchte ich, dass die LAG diese Form der Schulbibliothek übrigens von Anfang an propagiert: Die Schulbibliothek ist eine pädagogische Einrichtung, lautet einer der Kernsätze von Günther Brée.  Sie ist von der Schule, vom Unterricht, von den Lernprozessen her zu denken.

Das kommt in den Titeln unserer Präsentationen vor, wie:

“Die Schulbibliothek als Motor der Schulentwicklung”, “… als Zentrum für pädagogische Innovation” oder “… als Lernzentrum”.

Das kommt in Details unserer Beratungsarbeit zum Ausdruck: Die Bibliothek braucht Raum für Einzel- und Gruppenarbeit und Platz für eine ganze Klasse (oder zwei). Der Bestand besteht aus einem durchdachten Mix “alter” und neuer Medien. Rollenregale ermöglichen flexible Raumgestaltung. Der WebOPAC erlaubt schon mal von zu Hause im Bestand zu recherchieren. (Heute gibt es, u. a. mit den Web2.0-Tools, noch viel mehr Möglichkeiten.) Die Bibliothek sollte Laptops bereitstellen. In der Bibliothek lernt man Arbeitstechniken. (So nannten wir das, als wir den Begriff “information literacy” noch nicht kannten.) Usw.

Dank Prof. Loertscher haben wir jetzt zumindest einen Arbeitstitel für diese Form der Schulbibliothek: learning commons. Hoffentlich lässt er ihn nicht schützen, wie das Ross Todd mit guided inquiry gemacht hat.

Lange bevor ich mein Herz an die Schulbibliotheken verloren habe, hatte ich mir in meinen Schulen einen leeerstehenden Raum geangelt, in dem ich eine Gruppentisch-Anordnung schuf, einen Kartenständer deponierte, einen halben Klassensatz Atlanten, einen Tageslichtprojektor, ein Lexikon und einen Duden, einen Klassensatz Grundgesetz, Farbkreide und einen Kassettenrekorder. Alles Dinge, die in einem gewöhnlichen Klassenraum nicht oder nur so lange vorhanden waren, bis ein Kollege sie entdeckte und usurpierte. Oder man schleppte sie, wie ein Maulesel bepackt, von Klasse zu Klasse. Das war sozusagen meine private Allmende. Die von mir eröffneten Schulbibliotheken waren später – als öffentlicher Raum – nichts anderes.