Nachruhm für das Bücherschränkchenprojekt

Die LAG hatte keine Einwände, als im Kultusministerium entschieden wurde, nach zwanzig Jahren die finanzielle Unterstützung für das Projekt “Die Bibliothek in der Kiste” einzustellen. Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören. Es gab eine gute Bilanz; wir wollten es gar nicht auf Dauer betreiben, obschon wir uns hätten vorstellen können, dass es hauptamtlich etwa von der in Hessen seit sechs Jahren für Schulbibliotheken zuständigen Landesbüchereifachstelle fortgeführt worden wäre. Man verfügt dort nicht zuletzt über 27 Lehrerstunden und hat sogar Kapazitäten, um in anderen Bundesländern über Schulbibliothekssoftware zu informieren.

Ampelmännchen 002

Kaum ist das Projekt “beerdigt”, passiert dies:

  • Auf der Geschichtsmesse der Stiftung Aufarbeitung in Suhl konnte ich die Medienbox “Ampelmännchen und Todesschüsse” vorstellen. Neben all den dort präsentierten, beeindruckenden Projekten zur Aufarbeitung der untergegangenen DDR ist die Bücher- und Medienkiste gewiss ein Aschenputtel. Ob die Botschaft angekommen ist, dass sie ein pragmatisches, alltagstaugliches, jederzeit einsetzbares Medium ist, sozusagen der Mindestlohn beim Thema “DDR im Unterricht”?
  • Im Hessischen Landtag muss es eine Kleine Anfrage zur Einstellung des Projekts gegeben haben, denn das Ministerium bat darum, doch die Bücherlisten (noch einmal – nach slideshare.net jetzt auch auf schulbibliotheken.de) online zu stellen. Über diese Aufmerksamkeit im politischen Raum haben wir uns gefreut; wir versichern, dass die LAG mit dieser Anfrage nichts zu tun hat!
  • “Lesen in Deutschland” verlinkt zu den Bücherlisten

LAG-Projekt “Bibliothek in der Kiste” endet

Das 1992 von der LAG Schulbibliotheken in Hessen ins Leben gerufene Leseförderprojekt endet nach 20 Jahren mit dem Ablauf dieses Schuljahres. Es hat Schulbibliothe­ken Anregungen zum Bestandsaufbau gegeben, stellte aber auch die Bücher- und Medienkisten zur Ausleihe bereit.

In dieser Zeit wurden den Kolleginnen und Kollegen 28 thematische Bücher­schränkchen und -koffer von der Grundschule bis zur gymnasialen Oberstufe für ihren Unterricht angeboten. Die Medienpakete beinhalteten bis zu 50 Bücher und andere Me­dien zu einem Thema. Die Ausleihe war für jeweils zwei Monate kostenlos und erfolgte über drei Stand­orte; einzige Bedingung war die Abholung und die fristgerechte Rückgabe.

Der Erfolg dieses Projekts zeigte sich – neben der Präsentation in Fachzeitschriften und auf Veranstaltungen und in der Würdigung durch die Stiftung Lesen, die der LAG hierfür einen Preis verlieh – in der Tatsache, dass mit diesem Projekt rund 50.000 Schülerinnen und Schü­ler erreicht wurden. Die Bücherlisten wurden bis heute im Internet 8000mal  aufgerufen. Das Projekt war in den 90er Jahren Gegenstand einer Examensarbeit an der (später so genannten) Hochschule der Medien in Stuttgart.

Die LAG bietet zum Abschluss des Projekts – nach Rücksprache mit dem Kultusministerium, das das Projekt finanzierte – Schulen an, einzelne Bücherschränkchen mit dem jeweiligen Inhalt in den Bestand ihrer Schulbib­liothek aufzunehmen.

Nachtrag Juni 2012: Die ca. 110 Schränkchen, Koffer und Kisten sind alle weg!

Nachtrag Mai 2012: Als Schmankerl meine Erlebnisse mit der Medienkiste “Ampelmännchen und Todesschüsse” in Potsdam.

NB.: 2010 hatten wir bei der Geschäftsstelle Hessische Leseförderung angefragt, ob das Projekt Chancen auf eine Würdigung hätte. Die “Hessische Leseförderung” wird vom Wissenschaftsministerium gefördert. Sie vergibt Preise an öffentliche Bibliotheken, vorzugsweise dafür, dass sie etwas mit Schulen machen. Als ich den Geschäftsführer anrief und fragte, warum er mir absagen musste, hat er mich ausgelacht.

NB.: Vor einiger Zeit gab das Ministerium eine Pressemitteilung heraus, in der es auf seine Unterstützung der Aktion “Vorlesekoffer für Kinderheime” der Stiftung Lesen hinwies. Wir hätten uns gefreut, wenn das Ministerium einmal in ähnlicher Weise auf das Projekt “Die Bibliothek in der Kiste” hingewiesen hätte. Es wurde schließlich von ihm finanziert.

NB.: Wie es einem ergeht, der eine überzählige Medienkiste “Ampelmännchen und Todesschüsse” in Brandenburg verschenken will.

Lohnt die Mitgliedschaft in der LAG Schulbibliotheken?

Das werde ich oft gefragt. Schulleiter kündigen eine bestehende Mitgliedschaft auch schon einmal mit dem Argument, das bringt uns nichts.

Die Erwartung, dass die LAG ihrer Schulbibliothek eine Schulbibliothekarin schickt (Oft nachgefragt!) können wir noch nicht erfüllen. Wir helfen aber mit Tipps und Tricks, mit Beratung vor Ort und mit drei Dutzend Seminaren auf den zweijährlichen Schulbibliothekstagen und den jährlichen Mitgliederversammlungen.

Fast 10% der hessischen Schulen sind Mitglied, 25% der Schulen mit Bibliothek. Neuzugänge gibt es erfeulicherweise jedes Jahr.

Noch mehr als Schulmitgliedschaften freuen uns persönliche Mitglieder, die aktiv mitmachen.

Das Wichtigste für mich ist, dass wir eine viel beachtete Selbsthilfeorganisation geworden sind, die nicht zu übersehen ist, und so dem Schulbibliothekswesen nützen kann. Nicht zuletzt unser guter Ruf in anderen Bundesländern und sogar außerhalb Deutschlands beweist uns das. Wir sind Gesprächspartner des Hessischen Kultusministeriums. Das ist für das Schulbibliothekswesen leider nicht zuständig, aber versagt die Unterstützung dennoch nicht.

Hier ist einmal eine Aufstellung, die manchen Schulleiter, manche Schulleiterin  überzeugen müsste, dass die 25,- € Jahresbeitrag nicht nur dem Schulbibliothekswesen insgesamt nutzen, sondern für die eigene Bibliothek  sichtbare Zinsen bringen. Die LAG kann aus den Mitgliedsbeiträgen und Spenden gelegentlich “Jahresgaben” ermöglichen oder Verlosungen und andere Angebote machen:

Jahresgaben für alle Mitglieder

  • Verzeichnis Allg. Systematik für Bibliotheken
  • Broschüren: Lust.Last.Luxus, Leseförderung in der Grundschule, 20 Jahre LAG, 19. Schulbibliothekstag, Manual, Internet – professionelle Recherchetechniken, Lesen und lernen, Multimediale Schulbibliothek, lernwelten.net, Leserezepte u. a.
  • Fischer-Weltalmanach für Kinder
  • Brockhaus in einem Band
  • Ein Kinder-/Jugendzeitschriften-Jahresabonnement (Konnte nur teilweise realisiert werden.)

Verlosungen

  • 30x Jugendbuch-Kassette der Süddeutschen Zeitung
  •   3x Bücherkiste „Piraten“ für Grundschulen
  • 15x bettermarks-Mathematik-Lernsoftware (Jahresabonnement)
  •   3x Medienkiste „Ampelmännchen und Todesschüsse“
  • 20x DDR-Medienpaket (DVDs und Audio-CDs)

Wettbewerbe

Anderes

  • verbilligtes Abonnement „Geolino“
  • kostenlose Teilnahme am österreichischen e-LISA-Online-Lehrgang „Recherchieren“
  • Ermäßigter Eintritt für die Hessischen Schulbibliothekstage
  • Studienfahrt Südtirol
  • Autorenlesungen für Mitgliedsschulen

LAG-Initiativen für alle hessischen Schulbibliotheken

  • Bücherkistenprojekt: Bestandsempfehlungen und Ausleihe von > 20 Themen in > 100 Bücherschränkchen (durch das Ministerium)
  • LITTERA-Lizenz und Support (durch das Ministerium)
  • Verbundkatalog hessen.OPAC (durch LITTERA GmbH und Servicestelle EDV für Schulbibliotheken)
  • Einrichtung des “Arbeitsbereichs Schulbibliotheken” im Lehrerfortbildungsinstitut HILf, später “Projektbüro Schulbibliotheken” (durch das Ministerium)
  • 20x Handapparat “Starterpaket für Schulbibliotheken” (durch das Ministerium)
  • Empfehlungslisten der SBA Frankfurt/ekz (zuerst Ankauf durch LAG f. d. Mitglieder, dann durch das Ministerium für alle Schulen)
  • kostenloses Abo „Horch und Guck“
  • Studienfahrt Dänemark (im Rahmen der ehem. hess. Lehrerfortbildung)
  • Studienfahrt Schweiz (im Rahmen der ehem. hess. Lehrerfortbildung)
  • Kostenlose Beratungsbesuche und schulinterne Lehrerfortbildung (Bis 2010 auch durch das Kulturmobil des Ministeriums. Das Kulturmobil selbst geht auf eine Initiative der LAG zurück. )
  • Fachbibliothek Schulbibliotheken, Leseförderung und Medienerziehung (durch das Ministerium; nicht fortgeführt, steht im Zentrum für Literatur in Wetzlar.)

Die hessischen Schulbibliotheken des Jahres 2011

In drei Bundesländern findet 2011 der Wettbewerb um die kreativste Schulbibliothek statt: Hessen, Berlin und Brandenburg. Die Absicht ist, auf Schulbibliotheken und ihr Potential für gute Schule und besseren Unterricht aufmerksam zu machen.

Schulbibliotheksmenschen fördern nahezu täglich das Lesen. Wenn das Tivoli der prominenten Leseförderer, für die die Scheinwerfer angehen und der rote Teppich ausgerollt wird, längst wieder geschlossen ist, gehen die Aktionen in den Schulbibliotheken weiter: Antolin, Vorlesewettbewerb, Lesepatenschaften, Buchvorstellungen, Lesungen, Lesenächte, freie Lesezeit, Lesetagebücher, Leseportfolios, Recherchetraining, Hausaufgabenbetreuung.

Die Wettbewerbsbeiträge der hessischen Schulen aus den Jahren 2009 und 2011 zeigen, was alles stattfindet, wie viel Arbeit darin steckt. Sie lassen aber auch den Spaß an der Produktion der Präsentation erahnen und am Ende das Staunen darüber, was man alles zu bieten hat!

Die Botschaft des Wettbewerbs kommt an: Die Schulbibliotheken, Schulmediotheken, Informationszentren stehen jetzt auf der Schulhomepage. Der Wettbewerbsbeitrag macht die Bibliothek in der Schulgemeinde sichtbarer.

Hier eine Auswahl besonderer Akti­vitäten von hessischen Wettbewerbsschulen:

  • Lesepaten Oberstufe – Grundschule
  • Harry-Potter-Nacht
  • Das Kollegium liest vor, der Schulleiter liest vor
  • Die „Leseoase“ ist aufgeteilt in Fantasie-, Denker-, Konzentrations- und Wissensecke
  • Lesestelen auf dem Schulhof (Säulen mit Displays)
  • Lesemarathon
  • Lesefrühstück
  • Vorlesen im Krankenhaus
  • Monatsrätsel
  • Kuchen in Buchform backen
  • Internetauftritt wird von einer 6. Klasse gestaltet
  • Abitur-Regal
  • „Sofasektor“
  • Individuelle Beratung für Leser/-innen
  • 10. Schuljahr organisiert eine Autorenlesung
  • Zeitungswand
  • Intensive Kooperation mit der Stadtbücherei
  • „Schubi“ auf dem Schulhof
  • Feste tägliche Lesezeiten in den Klassen
  • Inszenierte Buchvorstellungen, Bücher-Talkshows
  • Bilinguale Lesungen (türkisch, serbisch, italienisch, englisch …)
  • Jugendliterarisches Bistro
  • „Leseband“: Vorlesen an öffentlichen Orten in der Gemeinde

Laptops und Smartboards sind nichts Besonderes mehr, WebOPACs gibt es schon in 80 hessischen Schulen und demnächst einen gemeinsamen Hessen-OPAC.) Auch die Aufgaben­beschreibung im Schulprogramm, im schulischen Lese- oder Förderkonzept wird zur Regel.

Öffentlichkeitsarbeit für Schulbibliotheken

Der Wettbewerb ist Öffentlichkeitsarbeit für Schulbibliotheken, auch innerhalb der Schule. Es geht nicht um Evaluation und Ranking. Daher wird auch kein Kriterienkatalog abgearbeitet und Einzelaspekten ein Prozentanteil zugeordnet. Es wird auch nicht nach Schulformen unterschieden, obwohl es Gründe dafür gäbe. Grundschulen entwickeln fanta­sie­volle Leseförderungsprojekte. Gymnasien realisieren anspruchsvolle Literaturprojekte. Erfreulich ist, dass die Teil­nehmer aus verschiedenen Schulformen kommen und das sogar ziemlich ausgewogen.

Beim Wettbewerb um die Schulbibliothek des Jahres sollten sich alle als Gewinner betrach­ten, auch wenn nur eine Schulbibliothek den Preis erhält. Es gewinnen alle Schul­biblio­theken, weil deutlich wird, welchen großartigen Beitrag sie zur Qualität von Schule und Unterricht leisten.

Jetzt ist die Entscheidung über die Preisträger gefallen. Es wurden zwei 1. Preise à 1000 € durch Losentscheid ermittelt.

Bei der hohen Qualität aller Einsendungen schien die Auswahl eines Preisträgers und die Ermittlung einer Rangfolge als nahezu unmöglich. Der LAG-Vorstand müsste abwägen zwischen Schulbibliotheken mit hauptamtlichen Mitarbei­terinnen und den von einer Eltern­gruppe organisierten, zwischen täglichen und gelegentlichen Öffnungszeiten, zwischen einem Bestand von 600 und von 20000 Medien, zwischen einem Gymnasium und einer Grund­schule. Die Meßlatte war, bei Beachtung unterschiedlicher Rahmenbedingungen (Schul­typ, Schulgröße, Kooperationen), was erreicht werden kann und was erreicht wurde. Besonders wichtig dabei war die Integration der Bibliothek in den Schul- und Unterrichts­betrieb. Indikatoren für diese Integration waren auch das Vorhandensein und die Auffind­barkeit der Schulbibliothek auf der Schulhomepage.

Die beiden Gewinner:

Steinwaldschule Neukirchen (IGS): Die Mediathek verfolgt ein ambitioniertes medienpädagogisches Konzept, das nicht nur die Bereitstellung von Medien umfasst, sondern auch Produktion und Präsentation. Ein wichtiges Arbeitsinstrument ist die digitale Schultasche, ein Stick, auf dem jeder Schüler Software findet, mit der er in der Mediathek und am häuslichen Computer arbeiten kann. Daneben wird die klassische Leseförderung nicht vernachlässigt: Es gibt eine Lesepause, in der aus Jugendbüchern vorgelesen wird.

Rudolf-Steiner-Schule Dietzenbach (K-12): Die Schule macht keinen Hehl aus ihren beschränkten Möglich­keiten: Lesen auf dem Flur, die Bücher lagern teilweise in Kisten und Schränken. Bald kann man in einen Anbau umziehen. Die Freude ist den engagierten Eltern anzusehen. Und dann steht ein leibhaftiger Schulleiter in dem leeren Anbau und schildert, was dort zukünftig stattfinden wird. Das alles als mutiger Videoclip.

Zur Preisübergabe lädt die Hessische Kultusministerin Dorothea Henzler am 5.5. ins Kultusministerium ein.

Die beiden Gewinner werden benachrichtigt. Die 12 “zweiten Preisträger” erhalten als Dankeschön fürs Mitmachen die “Fantasy-Bibliothek”  (Sekundarstufenschulen) oder die “Kinderhörbücher-Kassette” (Grundschulen) der Süddeutschen Zeitung.

Die Dokumentation des Wettbewerbs (pdf, 500kb)

Update 15.5.11: Es war eine freundliche Geste der Ministerin, selbst den Preis an die beiden Gewinnerschulen zu überreichen. Die Schulbibliotheken werden auf der Arbeitsebene des Ministeriums schon seit Jahrzehnten nicht vernachlässigt, bei aller Betonung der gesetzlichen Nichtzuständigkeit (In Stein gemeißelt ist die ja nun auch nicht gerade.) Aber dass die Ministerin einlädt, ist schon etwas Besonderes.

Basedow1764 gießt aber gleich wieder Wasser in den Wein:

Für die Ministerin ist die Schulbibliothek eine Institution der Leseförderung. Dort werden Bücher ausgeliehen und gelesen. Dass sie darüber hinaus eine Rolle als Lernort haben, als Ort der Vermittlung von Medien- und Recherchekompetenz ist über Fachöffentlichkeit hinaus wenig bekannt. Daran vermochte auch die LAG Hessen, die seit einem Vierteljahrhundert Schulbibliothek als Wissenszentrum, Lernort und pädagogische Werkstatt praktiziert und propagiert, nichts zu ändern. Wenn wir im Kopf eines Ministers waren, war die Legislaturperiode vorbei und ein neuer kam.

Dabei ist gerade die Steinwald-Mediathek ein hervorragendes Beispiel für ein Medien- und Informationzentrum.

Da müssen wir, bei aller Dankbarkeit für die Veranstaltung, noch mehr Überzeugungsarbeit leisten.