Wie Kooperation zum Kampfbegriff wird

In einem 2005 veröffentlichten Buch führender hessischer öffentlicher Bibliothekare ist keiner der 14 Beiträge dem Thema „Schulbibliotheken“ gewidmet. Das interessierte die führenden hessischen Bibliothekare nicht. Aber wehe, wenn sich jemand anders um Schulbibliotheken kümmert! Nicht erwähnt wurde, was außerhalb des Netzwerks öffentlicher Bibliotheken entstanden war: 2005 gab es in Hessen

  • den 17. (!) Schulbibliothekstag der Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Hessen e. V. (LAG),
  • eine von der LAG initiierte Fortbildungstagung des Lehrerfortbildungsinstituts in einer kombinierten Stadtteil- und Schulbibliothek(!) in Frankfurt am Main,
  • das Kulturmobil des Kultusministeriums mit dem Teilbereich „Schulbibliotheken und Leseförderung“ für die schulinterne Lehrerfortbildung,
  • das Projektbüro „Schulbibliotheken und Leseförderung“ im Geschäftsbereich des Ministeriums,
  • einen vom Ministerium unterstützten Leseförderpreis für Schulbibliotheken,
  • eine Landeslizenz für die Schulbibliotheksoftware LITTERA, die damals von ca. 800 Schulen – heute von 1.600 Schulen genutzt wird.

Eine Nähe zum Thema Schulbibliotheken hat im Buch allenfalls der Hinweis auf die schulbibliothekarische Arbeitsstelle der Stadtbibliothek Frankfurt am Main:

Hessen. Kultur und Politik. Die Bibliotheken, hrsg. v. Bernd Heidenreich, Stuttgart 2005; angekauft(!) von der hessischen Landeszentrale für politische Bildung)

Eine Erklärung für dieses Verschweigen ist vermutlich, dass die unerwähnten schulbibliothekarischen Einrichtungen und Projekte nicht unter Aufsicht der öffentlichen Bibliotheken und ihres Verbandes, dem Deutschen Bibliotheksverband, standen.

Kurz danach – 2006 – beendete der hessische Bibliotheksverband seinen jahrzehntelangen Tiefschlaf und errang die Lufthoheit über das hessische Schulbibliothekswesen. Weiterlesen

Bibliothekslobbyist Aloys Lenz, MdL, gibt Amt ab

Das gängige Bild vom Lobbyisten ist, dass er auf Abgeordnete einwirkt, damit sie in seinem Sinne im Parlament und gegenüber Regierung und Verwaltung tätig werden. Wie viel einfacher ist es, wenn der Abgeordnete zugleich Lobbyist ist.

Der Landtagsabgeordnete Aloys Lenz, in seinem Heimatlandkreis auch Kreistagsabgordneter, ist Vorsitzender des Landesverbandes Hessen des Deutschen Bibliotheksverbandes dbv.

Die LAG Schulbibliotheken hat im Rahmen ihrer vielen Gespräche mit den Landtagsfraktionen nur einmal mit ihm geredet, wenn ich mich richtig erinnere. Er kreiste nur um die Frage, wozu man Schulbibliotheken brauche, wenn es doch öffentliche Bibliotheken gäbe. Weitere Gespräche erschienen sinnlos. Wir haben ihn zu jedem Schulbibliothekstag eingeladen. Weder kam er, noch sagte er ab.

Die Landesregierung beschäftigte der Lobbyist mit bibliothekspolitischen Anfragen, in denen gelegentlich die Frage vorkam, ob sie nicht seine Einschätzung teile, dass das mehrfach preisgekrönte Bibliotheksnetzwerk IMeNS im Lahn-Dill-Kreis eine wundervolle Einrichtung zum Nutzen der Schulen wäre. Das Kultusministerium blieb zurückhaltend bis skeptisch, was ihn nicht bremste.

Die für Bibliotheksfragen zuständigen Abgeordneten der anderen Fraktionen beklagten die mangelnde Kooperationsbereitschaft von Herrn Lenz.

Jetzt ist zu hören, dass seine eigene Partei ihn für die Landtagswahl 2013 nicht mehr aufstellt. Für den dbv wird er damit auch uninteressant. Der nächste hessische dbv-Vorsitzende wird hoffentlich offener für die Schulbibliotheksidee sein. Wenn die SPD gewinnt… ? Lenz´Vorgänger, ein SPD-Landrat, war genauso unkooperativ.

Kommunalisierung der Bildung?

Nicht alle hessischen Grundschulen waren erfreut, als vor vielen Jahren die Trägerschaft von den Gemeinden auf die Landkreise überging. Die Kreise waren meist unterfinanziert, abhängig von den Zuweisungen ihrer Gemeinden. Manche Gemeinden waren dank lukrativer Gewerbegebiete besser gestellt. Mit ihnen als Schulträger wäre eine Grundschule besser gefahren. Meist gaben die Bürgermeister “ihren” Schulen aber weiterhin Geld für zusätzliche Anschaffungen.

Das fällt mir jetzt ein, als ich vom Mannheimer Unterstützungssystem Schule (MAUS) lese. Die Stadt finanziert Maßnahmen städtischer Bildungs- und Kultureinrichtungen für Schulen.

Die Schulen bestimmen, was sie brauchen. Mitarbeiter/innen von Volkshochschule, öffentlicher Bibliothek (Laut Zeitung, nicht aber bei MAUS im Internet genannt), Musikschule und Vereinen geben Kurse in den Schulen. Auch sind Kitas und Schulen vernetzt.

Die Bertelsmannstiftung hat mit ihren Modellversuchen der regionalen Bildungslandschaft auch schon in diese Richtung gearbeitet. Da die Weinheimer Freudenbergstiftung das Projekt unterstützt, gibt es wahrscheinlich Parallelen.

In NRW wurden allerdings Schulämter, Schulverwaltungsämter, Sozial- und Jugendämter der Städte und Kreise an einen Tisch gebracht und es zeigte sich, dass man mit drei Haushaltstöpfen und mehreren Mitarbeitern auf derselben “Baustelle” arbeitete, ohne  sich zu koordinieren. Wer öffentliche Verwaltungen und Kommunalpolitik kennt, weiß, dass man einen langen Atem braucht, um Kooperation oder gar einen Pool der Haushaltsmittel zu erreichen.

Das Interesse der Kommunen an der Bildungspolitik ist neu erwacht. Die Reformen der Bundesarbeitsministerin  werden ihnen mehr Personal abverlangen, das Chipkarten und Bildungsgutscheine verwaltet.  Das stößt nicht überall auf Freude. Manche Städte (s. o.) wissen, wo die Probleme ihrer jeweiligen sozial schwachen Familien liegen und würden das Geld lieber punktgenau ausgeben.

(Nach einem Artikel in der FAZ v. 20.10.10)

Was das mit Schulbibliotheken zu tun hat?

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Vertragsrecht statt Gesetzgebung

Verleihung Max-Weber-Preis

Bundestagspräsident Lammert - Image by IW Köln via Flickr

Bundestagspräsident Norbert Lammert – CDU-Mitglied und zweiter Mann im Staat, kritisiert das Procedere der Bundesregierung bei der Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke:

Statt einer Vereinbarung mit den Versorgern hätte er eine gesetzliche Regelung vorgezogen. Absprachen zwischen Regierung und den Betroffenen stünden nicht in Einklang mit den demokratischen Gepflogenheiten.

“Das entspricht … meinem grundsätzlichen Verständnis, dass die verbindliche Regelung von Rechten und Pflichten, die der Staat von Unternehmen oder von Organisationen oder von Personen erwartet, durch Gesetze erfolgt und nicht durch Verhandlungen und Vereinbarungen mit den jeweils Betroffenen.”


Da fallen mir auch andere Vereinbarungen ein!

Modellprojekt Homberg/Ohm?

Vor 15 Jahren wurde die Stadtbücherei in die Obhut der Schule der Stadt gegeben. Zwar etwas am Stadtrand gelegen, aber weiterhin unterstützt mit einer städtischen Angestellten und einem Zuschuss. Die engagierte Bibliothekslehrerin nutzte die breitere personelle und finanzielle Basis ihrer Schul-/Stadtbibliothek mit Erfolg.

Jetzt lese ich staunend, dass das ein erfolgreiches Projekt der Zusammenarbeit von Schule und Bibliothek Bibliothek und Schule wäre.

Mein Pädagogikprofessor Heydorn hätte sich gefreut: Ein Beispiel für die List der Vernunft.

Mittelhessische und gesamthessische Politik-, Verwaltungs- und Bibliotheksprominenz war versammelt, um das Modell zu preisen. Anscheinend tagte man in Babylon. Man hat aneinander vorbeigeredet, nicht zugehört oder nichts verstanden: Der für Schulbibliotheken im Kultusministerium zuständige Referent lobt die öffentlichen Bibliotheken. Das online-Magazin zitiert aus einem “erfrischenden” Referat über einen “Vertrag zur Förderung der Zusammenarbeit von Schulbibliotheken und öffentlichen Bibliotheken”. (Schade, dass es so etwas nicht gibt. Wäre ein Pilotprojekt wert.)

Der Vertreter des staatlichen Schulamtes hebt die Bedeutung der Schulbibliotheken hervor. Drei Bibliothekarinnen berichten über Projekte der Zusammenarbeit von öB und Schulen.

Die Chronistin oder der Chronist muss vom “erfrischenden” Referat so erschöpft gewesen sein (Wie dröge war das Referat, dass man in einem sachlichen Bericht zu ironischen Anführungszeichen greifen muss?), dass sie/er die Überlegungen eines weiteren Referenten, eines Schulleiters, zu Schule und Lernen im 21. Jahrhundert nicht mehr aufnehmen konnte.

Vermisst jemand etwas? IMeNS als national wegweisendes Projekt für Schulen blieb auf der Tagung nicht unerwähnt.

Der Bericht in fuldainfo

Basedow1764 denkt viel lieber konstruktiv und vorwärts, als dass er mosert. Hier sein Vorschlag:

Der Rettungsanker für Bürgermeister, die auf Sparkurs sind:

Schafft viele Hombergs!

Übergebt die Stadtbücherei an die Schule! Bleibt ihr mit 1000 € und einer halben Stelle verbunden! Ihr spart kommunale Haushaltsmittel und wenn die Schule etwas daraus macht, habt ihr 10 Jahre später sogar ein zukunftsweisendes Projekt angestoßen.

Im Ernst: Wenn man einige Jahre das Geld in gute Schulbibliotheken statt in öffentliche Bibliotheken stecken würde (Ausnahmen blieben erlaubt) gäbe es am Ende eine Generation junger Erwachsener, die mit tagtäglicher Bibliotheksnutzung aufgewachsen sind.

Bei denen bestünde zumindest die Chance, dass sie eher als die jetzigen Erwachsenen ein gutes öffentliches Bibliothekswesen einfordern würden.

Ich greife da eine Formulierung auf, die in einem Gutachten des Deutschen Städtetages 1961 stand:

“Die Schulbücherei ist der breite Unterbau des öffentlichen Bibliothekswesens.”

Bevor das Fundament nicht solide ausgeführt ist, sollte man nicht weiterbauen.

Hessische Landesbibliothek wird Teil der FH Wiesbaden

Von einer Fusion würden beide Teile gewinnen, sagt der Wissenschaftsstaatssekretär. Die bisherige Leiterin der HLB ist schon weg. Sie wurde  Direktorin einer Universitätsbibliothek.

Was hat das mit dem hessischen Schulbibliotheken zu tun? Möglicherweise wenig oder nichts.

Aber man sollte wissen: Die Hessische Landesbibliothek (HLB) ist Landesfachstelle für öffentliche Bibliotheken.  Von den vorher existierenden zwei Fachstellen für kommunale Bibliotheken bei den Regierungspräsidenten zog eine in die HLB, die zweite wurde Außenstelle.

Die HLB ist “Hauptquartier” für den Vollzug des Kooperationsvertrages “Bibliotheken als Bildungspartner für Schulen”. Das war so etwas wie der Trostpreis für die Strukturreform bei den Fachstellen. Die HLB bekam eine Zuständigkeit für Schulbibliotheken bzw. Bibliothek und Schule und vom Kultusministerium zwei halbe Lehrerstellen. Wobei die Fachstelle in der HLB eine One-Person-Fachstelle, ergänzt um eine der beiden halben Lehrerstelle ist.

Besonderheit des hessischen Vertrages des Deutschen Bibliotheksverbandes (dbv) mit der Landesregierung ist, dass der dbv nicht der alleinige Sachwalter des Schulbibliothekswesens in Hessen wurde, sondern das Kultusministerium in den Vertrag hineingeschrieben hat, dass die LAG Schulbibliotheken in Hessen e.V. Partner für das Haus bleiben und für den dbv werden solle. Was bis heute für die dbv-Funktionäre eine Kröte geblieben ist, die sie nicht schlucken wollen. So wurde anfänglich, versucht, das von der LAG erreichte kultusministerielle Projektbüro Schulbibliotheken auf eine regionale  Zuständigkeit zu beschränken. Erst ein Machtwort des Ministeriums wies den dbv in die Schranken.

Fortan saß der LAG-Vorsitzende mehrmals im Jahr in einer Runde mit bis zu einem Dutzend Bibliothekarinnen und Bibliothekaren zusammen, die überlegten, wie man das Schulbibliothekswesen, nicht zuletzt auch den Besuch öffentlicher Bibliotheken, fördern könne.

Das Potential der HLB wurde anscheinend nicht ausgeschöpft. Dank des bayrischen Schulbibliothekstages wurde jetzt bekannt, dass es in der HLB einen Fachmann für Schulbibliothekssoftware gibt. Er trat in Bayern als Referent für dieses Thema auf. In Hessen ist er den Betreuern von 1100 Schulbibliothekssoftwareanwendern nicht bekannt. Die teilen sich  eine halbe Lehrerstelle.

Hoffentlich fließen die Potentiale nach der Fusion nicht in Richtung  Hochschule Rhein-Main ab, wie die FH heute heißt.

“Außergewöhnliche” Projekte in Hessen: IMeNS

Vor etwa einem Jahr hatte ich eine Blütenlese zum Thema “Schulbibliotheken” im Landtag zusammengestellt. Im Nachtrag wurde eine neue Anfrage des hessischen dbv-Landesvorsitzenden und CDU-Landtagsabgeordneten Lenz aus dem März 2009 erwähnt.  Fragen des Abgeordneten Lenz waren:

1. “Wie gestalten sich derzeit die administrativen Zuständigkeiten für Schulbibliotheken und Leseförde­rung in Hessen?”

Mein ironischer Antwortvorschlag wäre: Seit 1947 unverändert.  Keine Zuständigkeit des KM. Keine Initiative des Landtages bekannt, dies zu ändern.

2. “Welche außergewöhnlichen Projekte im Bereich Kooperation zwischen Öffentlichen Bibliotheken und Schulen gibt es darüber hinaus? Kann bspw. das IMeNS-Modell des Lahn-Dill-Kreises auf an­dere Land­kreise übertragen werden?

MdL Lenz führt in seinen Anfragen zwar immer die hessischen Schulbibliotheken an, es geht ihm aber vorrangig um die Schulen, die mit einer öffentlichen Bibliothek kooperieren. Sei es, sie leihen Bücher aus, kriegen Bibliotheksführungen oder haben Zugang zum Katalog der Stabü oder ähnlich revolutionäre Dinge.

Es ist nicht die erste Anfrage dieser Art. Das Ministerium wiederholt jedes Mal in seiner Antwort, dass es unzuständig sei. Neue, weiter führende Anstöße enthalten die Anfragen nicht. Das Bibliotheksgesetz, das der Abgeordnete für Hessen vorgelegt hat, enthält Schulbibliotheken nicht.

Jetzt liegt die Antwort des KM vor. Immerhin spielt das Ministerium dieses Mal den Ball zurück und lässt sich nicht darauf ein, 2000 Schulen abzufragen, sondern fragt die einzig übrigebliebene hessische Bibliotheksfachstelle nach Zahlen aus den 250 öffentlichen Bibliotheken. Dabei ergeben sich 5 gewöhnliche und 6 “außergewöhnliche” Kooperationsprojekte.

Die außergewöhnlichen sind:

  1. SBA Frankfurt
  2. SBA Marburg
  3. Gemeinsamer Web-OPAC Schlüchtern (4 Schulen und die öB)
  4. IMeNS Wetzlar: 2 Medienzentren unterstützen Schulbibliotheken
  5. Stadt- und Schulbibliothek Kelsterbach (dafür geehrt mit dem hessischen Bibliothekspreis des dbv)
  6. Stadtbibliothek Dieburg und Goetheschule: Mitverwaltung der EDV und personelle Unterstützung (dafür geehrt mit dem hessischen Bibliothekspreis des dbv)

Dazu bedurfte es keines Kooperationsvertrages zwischen Land und dbv. Statt der einen neuen SBA (Marburg) verloren zwei andere (Offenbach, Wiesbaden) ihre Schulbibliotheken und sind nur noch Beratungsstellen.

Das Ministerium, wie wohl unzuständig, äußert sich in der Antwort bemerkenswert deutlich zu IMeNS:

“Gegen die Übertragung von IMeNS auf andere Landkreise spricht die Kostspieligkeit des Projekts.”

Quelle: Drucksache 18/206 “Situation der hessischen Schulbibliotheken”, 18.3.2009. Der Hessische Landtag hat ein gutes Landtagsinformationssystem und dortselbst sehr hilfsbereite Bibliothekarinnen und Bibliothekare.


Weil nicht danach gefragt wurde, hat das Kultusministerium die folgenden außergewöhnlichen Projekte, die es selbst unterstützt, nicht so bezeichnet:

Hessischer Schulbibliothekstag

Projektbüro Schulbibliotheken

Landeslizenz LITTERA

Servicestelle EDV für Schulbibliotheken

Bibliothek in der Kiste