Deutsche Abiturienten werden immer besser?

Das Institut der deutschen Wirtschaft hat einen Bericht über die Studierfähigkeit der Abiturienten schreiben lassen. Aus diesem noch nicht veröffentlichten Papier zitiert die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS). Die FAS sieht weitere Belege dafür, dass das Abitur immer leichter werde. Die KMK vermelde, dass die Abiturnoten in 13 von 16 Bundesländern besser geworden wären. Bekannt ist, dass mit Einführung eines Zentralabiturs die Aufgabenstellung leichter wird. Auf die Untersuchungen des Frankfurter Didaktikers Hans-Peter  Klein hat Basedow1764 schon hingewiesen. So kursierten – in der Rechtschreibung nicht immer korrekte – Tweets, in denen Abiturienten sich ärgern, dass sie für die Prüfung gebüffelt hätten; das sei gar nicht notwendig gewesen. Eine Lehrerin erzählt, dass man heute mit halber Punktzahl eine 4+ bekäme, wogegen es früher eine 5 gewesen sei.

Bemerkenswert ist auch ein Zitat aus einem Interview mit der Direktorin des Berliner Instituts für Qualitätsentwicklung, Barbara Stanat: In dem einen oder anderen Lehrplan sei die Kompetenzorientierung vielleicht etwas zu weit getrieben worden. Die Vermittlung von Wissen dürfe man nicht zu weit herunterfahren.

Für die Schulbibliotheken könnte das eine Chance sein: Es mit der Kompetenzorientierung nicht zu weit treiben und die Wissensvermittlung in den Vordergrund stellen.

  • Siehe auch hier im Blog

Bildung durch Bildungsstandards?

Das Wiener Unterrichtsministerium hat den Nationalen Bildungsbericht 2012 vorgelegt. In Band 2 äußern sich die Forscher zurückhaltend auf die Frage, ob die Umstellung des österreichischen Schulwesens auf die OECD-Vorgaben “Kompetenzorientierung”, “Bildungsstandards” und externe Leistungsüberprüfung  ihre Ziele erreiche. Es gebe keine valide empirische Belege dafür, dass diese Reformen zu mehr Bildungsgerechtigkeit, höheren Abschlüssen und besseren Schülerleistungen führen. Positive Wirkungen von Vergleichsarbeiten, Zentralabitur und Schulinspektion seien durch empirische Untersuchungen nicht belegt.

Andreas Gruschka über Methodenwahn

Auszug aus einem Vortrag von Prof. Dr. Andreas Gruschka: Strategien zur Vermeidung des Lehrens und Lernens: der neue Methodenwahn.

Sätze daraus: “Inhalte dienen … als Spielmaterial zur Einübung in die Methode” und “Der Lehrer verschwindet als solcher, er ist nur noch Methodentrainer.” Weniger Lehren führt nicht zu mehr Lernen.

Prof. Gruschka zeigt an Beispielen im Geiste Prof. Klipperts, dass Textverarbeitungskompetenz – das Herausschreiben oder Unterstreichen von Wörtern – das Bemühen, einen Text zu verstehen, nicht ersetzen kann.

Siehe im Block auch hier!

Wissens-basiertes statt kompetenzorientiertes Curriculum

In Groß-Britannien gibt es eine erregte Diskussion über die Politik des konservativen Erziehungsministers Michael Gove. Er hatte gefordert, dass den Schülern wieder mehr Wissen beigebracht werde anstelle von Kompetenzen und Skills. Das derzeitige National Curriculum hat er untersuchen lassen und 2011 eine Kommission berufen, unter deren Leitung ein neues ausgearbeitet wird. Es soll gleichwohl vor allem eine Verschlankung des vorhandenen werden.

Gove bemängelte u. a., dass 15 Jahre alte chinesische Schüler den britischen im Stoff um zwei Jahre voraus seien, dass in Erdkunde nur ein einziges Land vorkomme, nämlich das Vereinigte Königreich und in Geschichte nur zwei Namen von Persönlichkeiten auftauchten. Es bleibe ansonsten den Lehrern überlassen, welchen Stoff sie unterrichteten.

Möglich, dass uns in Deutschland diese Diskussion ebenfalls bevorsteht. Im Blog verfolge ich das seit einiger Zeit, siehe die Beiträge zu “Kompetenzorientierung“.

In der englischen Debatte hält man sich an altbekannten Geländern fest: Die Wissensverfechter stünden politisch rechts. Dagegen wird ins Feld geführt, dass gerade die Arbeiterbewegung erkannt hätte, dass Wissen Macht sei.

Die Erziehungswissenschaft kann nichts Wesentliches dazu beisteuern, ein Professor betont, dass man beides brauche, das Wissen und die Kompetenz es anzuwenden. Er erklärt das mit dem Satz des Pythagoras.

Historiker wiederum bemängeln, dass (auch) die neuen Stoffpläne britannienzentriert seien und wichtige weltgeschichtliche Entwicklungen wegfielen. Anglisten bemängeln, dass Studenten bisher zwar in Rechtschreibung ganz passabel seien, die Literaturkenntnis sich aber auf einen oder zwei zeitgenössische Autoren beschränke. Sie machen sich Hoffnung auf Besserung.

Die gemeinnützige Stiftung Pimlico Academy eröffnet im Herbst, nach mehrjähriger Vorbereitung eine Grundschule, deren Curriculum auf Wissenserwerb aufbaut.

Was mir schon vorab gefällt: Auf der Pimlico-Startseite wird erwähnt, dass es auch eine Bibliothek geben wird. (Bei mir um die Ecke hat die Stadt Potsdam einen beeindruckenden Grundschulcampus gebaut, mit großer Sporthalle, Mensa, Spielgeräten im Hof und Lehrerparkplatz. Der Bibliotheksraum war im Entwurf zunächst vergessen worden und wurde nachträglich eingefügt. Die jetzt ehrenamtlich darin tätig werden wollenden Eltern würden sich über mehr Willkommenskultur freuen.)

Ich danke Herrn Rau für die meisten dieser Links:

Bibliotheken erfreuen sich großer Beliebtheit

… wenn man sie als Übungsaufgabe im Schulbuch braucht. Im Lehrbuch “Politik und Co” des Buchner-Verlages, das sich ausgiebigst mit kommunalpolitischen Strukturen und Prozessen beschäftigt, erhalten die Schüler folgende Aufgabe: “Die städtische Bücherei in Mittellos soll geschlossen werden. Entwerft in Gruppen einen Plan zur Rettung der Stadtbibliothek. Wägt dabei Vor- und Nachteile der einzelnen Maßnahmen gegeneinander ab!”

(Gefunden im Aufsatz von Hubert Hecker, der im vorhergehenden Beitrag erwähnt wird.  Schulbuchverlage sehen m. E. eine kulturpolitische Verpflichtung darin, die Stadtbibliothek in Sprachbüchern zu erwähnen: “Gehe/geht dorthin und leiht ein Buch/Bücher aus, macht euch mit der Systematik vertraut, lasst euch von der Bibliothekarin bei eurem Referat helfen” usw.)

Dazu passt, dass das (ehemalige) hessische Institut für Qualitätsentwicklung IQ (jetzt Abteilung im Landesschulamt) als Beispiel für die Abwendung vom lernzielorientierten Unterricht und die “Hinwendung zu einem standard- und kompetenzorientierten Unterricht” folgende Planungsaufgabe wählt: “Besuchen Sie mit den Schülerinnen und Schülern eine Bücherei!”

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Es gibt in der Schule fast 20 Unterrichtsfächer und fachübergreifende Aufgabenfelder, aus dennen man ein Beispiel hätte nehmen können. Die Stadtbibliothek kommt im IQ als Gegenstand gar nicht, im Schulunterricht eher am Rande vor. Ausgerechnet an ihrem Beispiel erklärt man nun den Lehrern, dass die Zukunft des Unterrichts in der Kompetenzorientierung läge!

Das Elend des hessischen Politikunterrichts

Die Geschichte der Politikdidaktik in Hessen verdiente eine Gesamtdarstellung. Von den unpolitischen “Seid nett zueinander!”- und “Udo will mogeln”-Stunden, über den wundervoll viele Unterrichtsstunden ermöglichenden Weltkunde-Lehrplan der einstigen Förderstufe zu dem mutigen Entwurf der Rahmenrichtlinien Gesellschaftslehre, in denen Kategorien wie Konflikt, Herrschaft und Interesse Beachtung fanden und die prompt von der damaligen Opposition als sozialistisch(!) denunziert wurden, bis zur Gleichstellung von Politik und Wirtschaft in einem Fach mit erneut reduzierter Stundenzahl: ein Auf und Ab, über dem engagierten Politiklehrern graue Haare wuchsen.

Der pensionierte Politiklehrer Hubert Hecker fügt eine neue Facette hinzu: “Einen Plan zu entwerfen zur Rettung einer didaktisch und politisch vernünftigen schulischen Einführung in das demokratische System wäre vorerst dringlicher, als die Schüler mit überfordernden Kompetenzerwartungen zu traktieren.” (Hubert Hecker, So werden Schüler gewiss nicht mit dem demokratischen System vertraut gemacht, FAZ v. 3.1.13, gebührenpflichtiges Archiv auch für Abonnenten)

Erwerb von Kompetenz oder von Wissen?

Seit einiger Zeit lese ich, dass unser Land von christlich-jüdischer Kultur geprägt wäre. Das ist neu. Bisher war immer nur vom christlichen Abendland die Rede. (Wobei das Christentum, wenn man Bischof Huber und dem Papst Glauben schenkt,  gleich auch für Aufklärung und Menschenrechte gesorgt hätte.)

Die Geschichte der Juden in Europa, nicht zuletzt in Deutschland, gibt keinen Anlass für jenes Doppelattribut. Nicht gemeint sind ja wohl bedeutende jüdische Wissenschaftler oder Künstler. Gemeint ist die Religion.

Ein weiteres Beispiel ist noch frischer: Die Linksparteivorsitzende Gesine Lötzsch meint erkannt zu haben, dass Rosa Luxemburg in ihren gesellschaftspolitischen Äußerungen eine Synthese von Kommunismus und Liberalismus zustande gebracht hätte.

Wenn man dialektisch geschult ist, mag das nachvollziehbar sein: Der Sozialismus nimmt all das Gute in sich auf und entwickelt weiter, was von der Menschheit je erdacht wurde.

Für alle anderen gilt: Je mehr man das hört, desto glaubwürdiger wird es.

Für einen unbefangenen Betrachter ist es nicht so glatt nachvollziehbar, dass eine Anhängerin des sowjetischen Rätesystems und Gegnerin des bürgerlichen Parlaments („Kretinismus“) eine Schwäche für den Liberalismus hat. Sie hat Liberale als Andersdenkende noch nicht einmal respektieren, geschweige denn schützen wollen, wie das die Legende behauptet. Das Recht, anders zu denken, galt ihr ausschließlich für die Meinungsbildung in der bolschewistischen Partei und war gegen Lenin gerichtet, der sich einen Unfehlbarkeitsanspruch zugelegt hatte.

In Informationskompetenz geschulte Schüler/-innen werden, befragt nach dem Inhalt des obigen Textes, wohl zu lesen glauben, dass Rosa Luxemburg Kommunismus und Liberalismus zusammengebracht hätte. Mehr Punkte würden Schüler/-innen erhalten, die herauslesen, dass Frau Lötzsch dies von Rosa Luxemburg behauptet.

Wie kriegt man nun Schüler/-innen dazu zu erkennen, dass da etwas behauptet wird, und zu fragen, ob das überhaupt stimmt, was da behauptet wird? Wie kriegt man Schüler/-innen zu einer Fragehaltung?

(So übersetze ich Stufe 1 der AASL-Definition von Informationskompetenz: Erkennen eines Informationsbedarfs. Mit dieser Stufe halten sich die IK-Experten m. W. nicht lange auf.)

Das Thema interessiert mich schon sehr lange. Ein wesentlicher Grund für die Entstehung der LAG Schulbibliotheken in Hessen Ende der 80er waren nämlich Befunde, dass Schüler/-innen schlecht läsen und vor allem nicht mehr verstünden, was sie läsen. Dagegen wollten wir mit den Sachbuchkisten des Projekts „Bibliothek in der Kiste“, mit dem Training von Arbeits- und Lesetechniken und einem Bibliothekscurriculum (d. h. Fachunterricht in der Bibliothek) vorgehen.

Dann aber breitete sich in den hessischen Schulen das Klippert-Fieber aus. Jetzt wurden jahrelang von ganzen Kollegien nur noch Methoden durchgespielt. Die Exotentruppe, die Arbeitstechniken in Schulbibliotheken trainieren wollte, ließ man links liegen.

Später sickerten aus amerikanischen Universitätsbibliotheken (digitale) information literacy-Konzepte in den Schulbereich. In den USA, in der angelsächsischen Welt überhaupt, wurden sie zum zentralen Thema der school library media specialists und teacher librarians.

Ausläufer erreichten auch Deutschland. Dort interessierten sich die Bibliotheks-, Dokumentations- und Informationsspezialisten dafür; zehntausende Schulbibliotheken und –bibliothekare wie in USA gab es ja nicht. Von jenen wird das Thema entweder an die Schulen herangetragen oder die Schulen werden aufgefordert, sich in öffentlichen Bibliotheken informationskompetent machen zu lassen.

Der Kompetenzbegriff bemächtigte sich des Schulwesens. Erste Befunde zeigen, dass Kompetenz wenig mit Wissen zu tun hat und fachunspezifische Schlüsselqualifikationen überschätzt werden. Der Schriftsteller Gerd Loschütz hat 2003 auf einem Schulbibliothekstag den Begriff „Kompetenz“ sehr süffisant seziert.

Kompetenz kann nicht losgelöst vom Fach, von Fachwissen, vermittelt werden. Das ist die Schwäche des Klippert-Konzeptes und des bibliothekarischen Anspruchs, Schüler/-innen in Informationskompetenz zu unterrichten. Fachunterricht und Informationskompetenzvermittlung kann man nicht trennen. Das demonstriert eine Bibliothekswissenschaftlerin am Beispiel des Biologiestudiums:

May, Monika, Fachspezifische Vermittlung von Informationskompetenz in der Universität: Umsetzung und Akzeptanz am Beispiel des Faches Biologie der TU Darmstadt, Berlin : Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, 2008. – 64 S. – (Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft ; 219) ISSN 1438-7662

Wenn Fachwissen wieder ins Spiel kommt, weist das in die richtige Richtung.

In vorinternettischer und vorkompetenzorientierter Unterrichtplanung hätte ein Lehrer wohl zwei Texte vorbereitet: Einmal einen Auszug aus der Rede von Frau Lötzsch und einmal einen Auszug aus Texten von Frau Dr. Luxemburg. Je nach zur Verfügung stehender Unterrichtszeit hätte man auch eine Fallanalyse daraus machen können: Wie berichten Zeitungen darüber? Wo liegen die Interessen von Frau Lötzsch? Was muss man noch wissen, um den Standpunkt von Frau Luxemburg verstehen zu können?

Wenn man ein paar Jahre so hätte arbeiten können! Aber der Stellenwert von politischer Bildung und Geschichtsunterricht, sprich ihr Unterrichtsanteil, ist kontinuierlich gesunken.

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