Empfehlungen der Medienkompetenzlobby

Die Untergruppe der sog. Enquetekommission “Internet und digitale Gesellschaft” des Deutschen Bundestages hat ihre Empfehlungen beschlossen. Und das kommt heraus, wenn die Lobbyisten aus Wirtschaft, Verbänden, Bundeszentralen und Universitäten unter sich sind:

  • Einbeziehung von Social Media in schulische  Lernkonzepte. –  Kompetenz: einen Facebook-Account anlegen können?
  • Geringer  Umfang,  in  dem  Medienbildungsprozesse  Gegenstand  wissenschaftlicher  Forschung  sind …   – Die hier versammelten Forderungen triefen von Selbstgewissheit, die Verifizierung gar nicht wirklich will. Die Umfragen von BITKOM, in denen Schüler sagen, sie hätten im Internet etwas gelernt, reichen völlig. Ich habe vor 40 Jahren im Studium bei Prof. Sturm schon von problematischen Medienbildungsprozessen gehört. Inzwischen gibt es Hunderte solcher Untersuchungen. Sie passen der Lobby nur nicht.
  • Die  Verstärkung  der  Aus-  und  Weiterbildung  pädagogischer  Fachkräfte  muss  flankiert  werden   durch   die   Verbesserung   von   Studienmaterialien,   medialer   Ausstattung   und  personeller   Ressourcen   in   den   entsprechenden   Einrichtungen.   Mit   Blick   auf   die  Multiplikatorenfunktion  sind  insbesondere  an  den  Hochschulen,  an  denen  pädagogisches  Personal ausgebildet wird, die medienpädagogischen Professuren zu unterstützen. – Die Verbände verschaffen sich einen Arbeitsmarkt.
  • Für   die   schulische   Medienbildung   sind   bundesweit einheitlich Mindeststandards zur Medienkompetenz  in  den  verschiedenen  Altersstufen  zu  entwickeln.  – Zum Verhältnis von Bildung und Kompetenz siehe Beiträge im Basedow1764!
  • Eine Aufnahme und Fortentwicklung medienpädagogischer Kompetenzen für das Lehrerhandeln in einer digitalen Gesellschaft sind in der Lehrerausbildung und der Lehrerbildungsforschung  dringend  notwendig. Keine Lehrperson darf  die  Lehrerausbildung  ohne  Kompetenz  zur  Medienbildung abschließen…..
  • Angesichts  der  hohen  Dynamik  digitaler  Medienentwicklung   sind   stärkere   Anreize   oder   auch   eine   Verpflichtung   zur  entsprechenden   Fort-   oder  Weiterbildung   für   bereits   berufstätige   Pädagoginnen   und  Pädagogen in Betracht zu ziehen. – Prima, Twitter-, Pinterest- und GoogleSites-Lehrgänge. Und im Frühjahr ein Workshop über pädagogisch wertvolle Killerspiele…
  • Neben einer medienpädagogischen Grundbildung für alle Lehrkräfte sollte an jeder Schule  die  Implementierung  einer  Fachkraft in  Betracht  gezogen  werden,  die  bei  Neuerungen  interne  Multiplikatorenfunktionen  übernimmt  und  im  Rahmen  der  Schulentwicklung  die  Konzipierung,     Fortschreibung     und     Umsetzung     eines   Medienentwicklungsplans  beziehungsweise   eines   medienpädagogischen/mediendidaktischen   Rahmenkonzepts  sicherstellt.  (Wie in Bayern: Medienpädagogisch-Informationstechnischer  Berater  an  Schulen  – MIB –  auf Funktionsstellen,  die  eine  Berücksichtigung  im Stundendeputat erlauben und laufbahnrelevant sind [Man denkt an alles!].)

Dieser Masterplan für Planstellen und Arbeitsbeschaffung für Absolventen der Medien- und Informationskompetenz-Studiengänge dürfte nach ein bis zwei Schülergenerationen überflüssig geworden sein: Denn wenn schon Kindergartenkinder – unter Anleitung mediensouveräner Kindergärtnerinnen – gelernt haben, im Internet zu surfen (Steht auch irgendwo in dem Papier) und dann als Schüler/-innen dank digitaler Medien kreativer, geselliger, gebildeter, teamfähiger und versierte life-long learners geworden sind, braucht man diesen Medienkompetenzen vermittelnden Überbau gar nicht mehr. Was noch an Kompetenzen fehlt, findet man in Googles Filter Bubble oder in Apples Apps. Ansonsten wird´s die Politik aussitzen. Sie haben ja gerade erst die Lehrerausbildung verkürzt. Es ginge allenfalls durch Blended-Learning und Flipped Education: Zu Hause lernen und gelegentlich mal ein Kolloquium mit dem Medienpädagogen in der Fortbildungsstätte von BITKOM

Schon lange habe ich kein so affirmatives Papier mehr gelesen. Und die Politik akklamiert. Vielleicht noch eine Änderung zu Gunsten von mehr Barrierefreiheit und die Forderung, Tablets in die Hartz-IV-Grundversorgung aufzunehmen.

Wer´s lesen möchte

Multimediale Schulbibliotheken ja, aber bitte kein neues Schulfach!

Seit über einem Jahr tagt eine Enquete-Kommission “Internet und digitale Gesellschaft” und sammelt in ihrem Forum, ihrem Blog und in Gutachten Meinungen und Vorschläge zu den Komplexen Urheberrecht, Datenschutz, Jugendschutz, Medienkompetenz, digitale Gesellschaft, Netzneutralität. Im Mai will die Arbeitsgruppe “Medienkompetenz” einen Zwischenbericht veröffentlichen. Die nächste Sitzung ist am 1. April.

Die Interessenverbände machen Vorschläge wie “Internetkompetenzkurs, Informationskompetenzvermittlung, Schulfach “Medienkunde”. Keiner sagt, wo man im nicht-digitalen Stundenplan streichen soll, sie packen immer nur drauf.

Schulbibliotheken stehen nicht im Fokus der Kommission und der Adhokratie (So nennt man anscheinend die Bürgerbeteiligung im Internet. Kommt von adhocracy, wörtlich Spontanherrschaft, Gegenbegriff zu Bürokratie, Herrschaft der Ämter). Schulbibliotheken haben keine Lobby. Sie werden überwiegend ehrenamtlich, nebenamtlich und durch Projekte der Jobagentur betreut. Für die Interessenvertretungen der Medien-, Informations-, Dokumentations- und Bibliothekswissenschaften geht es nicht zuletzt um Erhalt und Ausbau von Forschung und Lehre und um Arbeitsplätze für die Absolventen der diversen Hochschulen. Da können Schulbibliotheken nicht viel bieten.

Meine 5Cent habe ich letzten Herbst zur Diskussion beigesteuert:

Multimediale Schulbibliotheken ja, aber bitte kein neues Schulfach! 

Ich fordere die Kommission auf, sich für die Schulbibliotheken einzusetzen und dem Bund, den Ländern und den kommunalen Schulträgern konkrete Maßnahmen vorzuschlagen. Es muss eine geeignete Infrastruktur in den Schulen geben.

Schulbibliotheken sind als multimediale Wissens- und Lernzentren der geeignete Ort. Weltweit ist die Schulbibliothek im digitalen Zeitalter angekommen, nur in Deutschland leider noch zu selten.
Es geht nicht um mehr Bücherregale oder Computerräume. Es geht auch nicht darum, besser googeln zu können oder für jeden neuen Hype einen Kurs anzubieten. Wer gelernt hat, bei Twitter eine Information zu finden oder eine Website auf vollständiges Impressum, aktuelles Update und übersichtliches Layout zu überprüfen kann, ist noch lange nicht informationskompetent oder gar gebildet. „Surfen“ können auf dem Meer der Informationen, wie es eine Metapher nennt, ist kein Selbstzweck, schon gar kein Bildungsziel.

Moderne Informations-, Wissens- und Lesezentren helfen Lehrerinnen und Lehrern, einen besseren Unterricht zu machen, in dem sie unterschiedliche Medien in Lernprozessen nutzen. Schülerinnen und Schüler lernen, bessere Referate und Facharbeiten zu schreiben und ihr Wissen besser zu kommunizieren. Da auch weiterhin Lesen und Schreiben die Basiskompetenzen sein werden, kann man die Orte, die man für solches Lernen braucht, weiterhin Schulbibliothek nennen. Dass visuelle und auditive Kompetenzen auch, aber in geringerem Umfang, das Lernen begünstigen, ist nachgewiesen.
Dieses Lernen ist Kern von Unterricht und kann weder in ein einzelnes neues Fach noch an außerschulische Institutionen ausgelagert werden.
Optimal wäre es, wenn die Fachlehrerinnen und Fachlehrer im Rahmen ihrer fachwissenschaftlichen und unterrichtsmethodischen Ausbildung auch verstärkt lernten, digitale Medien zu nutzen und sich mit Chancen und Gefahren digitaler Medien auseinanderzusetzen. Andererseits müssen Medien- und Informationsspezialisten wissen, wie Schülerinnen und Schüler lernen, wie man Unterricht plant und durchführt. Eine „hybride“ Ausbildung (teacher-librarian, documentaliste, library media specialist) oder eine Zusammenarbeit beider vor und im Unterricht wäre nötig. Beides gibt es in vielen Staaten, leider aber nicht in Deutschland.

Der Kommission empfehle ich eine Studienreise. Geeignete Schulen in Südtirol, USA, Portugal, den Niederlanden, sogar einige wenige auch hierzulande, nenne ich gerne.

Jetzt gibt es von einem außerparlamentarischen Institut eine neue Mitbeteiligungsseite, auf der man sogar über Vorschläge abstimmen darf. Ich finde den Button “Neuen Vorschlag machen”, der auf der Hilfe-Seite gezeigt wird, allerdings nicht. Ich habe halt nie an einem Informationskompetenzvermittlungskurs teilgenommen.

Brandenburger Enquetekommission steht (fast)!

Die Enquetekommission, die den berühmt-berüchtigten “Brandenburger Weg” nach der sog. “Wende” untersuchen soll (“Unsere kleine DDR”), steht kurz vor der Verabschiedung im Landtag. Der Coup der Oppositionsparteien im Landtag ist wohl gelungen.

Das Ganze ist wieder einmal ein Lehrstück für Politik.

Zuerst hatte die SPD in ihrem Regierungsprogramm für die nächste Legislaturperiode die DDR-Aufarbeitung gar nicht mehr vorgesehen. 20 Jahre schienen genug. Dann sah sich Platzeck zu einer Koalition mit der Linkspartei genötigt. Da war auf einmal die Vergangenheit präsent. Jetzt versprach Matthias Platzeck die Fortsetzung der Aufklärung und in fast jeder Rede galt sein erster Satz den Diktaturopfern. Die folgenden Sätze handelten dann von nur noch Versöhnung mit den Tätern und Beendigung der angeblichen Spaltung Ostdeutschlands in Täter und Opfer.

Immerhin wurde die seit 20 Jahren fehlende Stelle eines Stasi-Unterlagen-Beauftragten in BRB geschaffen. (Das war allerdings schon in der letzten Legislaturperiode begonnen worden.) Die Ausführungsbestimmungen sind zwar noch recht vage, man wollte die Stelle auch zuerst im Geschäftsbereich des Bildungsministerium unterbringen, hat jetzt aber glücklicherweise das Landtagspräsidium als Träger gewählt.

Die Linkspartei hat gegen die Formulierung “… zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur” protestiert. Man würde der Idee des Kommunismus nicht gerecht, wenn man sie mit Diktatur verbände. Aber die SPD blieb standhaft.

Das Bildungsministerium hat jetzt die fabelhafte Idee entwickelt, DDR-Geschichte nicht nur in den letzten drei Geschichtsstunden vor den Sommerferien in den 10. Klassen vorzusehen, sondern sie auch schon in früheren Klassen zu ermöglichen und will sich das von der KMK genehmigen lassen. (Das wusste ich gar nicht, dass das sein muss.)

Die Akten der sich inzwischen als Farce herausstellenden Stasi-Überprüfung 1991 in BRB bleiben aber geschlossen.

(Nachtrag 25.6.10: Der Landtagspräsident berief sich dabei auf ein Gutachten seines Hauses. Das erschien nicht schlüssig, da das Archivgesetz durchaus Möglichkeiten der Einsichtnahme vorsieht. Dies haben die Landtagsjuristen inzwischen auch erkannt. Aber die Landesregierung hat ein Mitspracherecht!)

Jetzt kommen die Oppositionsparteien mit ihrer Enquetekommission und machen wahr, was Platzeck nur versprochen hat: Rückhaltlose Aufklärung.

In der Kommission soll es endlich nicht allein um IMs gehen. Dass diese Verkürzung der DDR-Aufarbeitung gelungen ist, dazu kann man SED/PDS/Linkspartei nur gratulieren. Hochschuldozenten, Parteisekretäre und sogar der mächtige Potsdamer Bezirkssekretär konnten ihre politischen Karrieren in Brandenburg nach der Wende fortsetzen und erfreuen sich im Falle des letzteren sogar der Duzfreundschaft des Ministerpräsidenten. Manche aus der alten Elite kokettieren sogar damit, dass sie keine IMs waren, sondern deren Berichte auf den Tisch kamen oder direkt ans ZK berichteten und nicht an das MfS.

Schon begann angesichts der Enquete-Idee das, was Politik so “anziehend” macht: Rot-Rot schießt dagegen, die publizistischen Hilfstruppen feuern mit: Keine Erwähnung der Kommission ohne den Zusatz , ihr Auftrag sei unklar. Ich hatte das immer so verstanden, dass der nahtlose Übergang der SED-Elite in Politik, Verwaltung, Polizei und Medien Brandenburgs untersucht werden sollte, der Umgang mit den Opfern, die Versäumnisse in der Bildungspolitik bei der Vermittlung von Schülerwissen. Aber vielleicht spielt mir meine Fantasie einen Streich, in meiner Zeitung, der PNN,  hieß es immer, der Auftrag sei unklar. Die Antragsteller haben inzwischen den Auftrag ausformuliert: Ein Programm für ein Jahrzehnt!

Als Rot-Rot erkannte, dass sie nicht zu verhindern ist, beschloss die SPD einen eigenen parallelen Geschichtskongress. Die Neo-Kommunisten fordern, die Kommission solle auch die Rolle der Wessis als Aufbauhelfer untersuchen und die Folgen der Übernahme der Strukturen des Landes NRW. (Man war nicht glücklich darüber, dass Kultusministerin Birthler die Schulstruktur des Landes NRW eingeführt hat und wenig Rücksicht auf Errungenschaften und Aufbruchstimmung der “Wendezeit” genommen haben soll. Und natürlich die Rolle der Treuhand.

Beide wollen aber verhindern, dass auch die Medien und die Strukturen in der Landwirtschaft untersucht werden. Das sei schädlich für Brandenburg, meint der SPD-Fraktionschef. Es gibt nämlich das Phänomen, dass die LPGen inzwischen häufig erfolreiche Großbetriebe sind in der Hand von Gesellschaftern, die vorher Vorsitzende der LPG waren. Die haben die meisten Landarbeiter entlassen und fahren den Betrieb mit einer Handvoll Mitarbeitern und viel Technik. Die Rückgabe- und Entschädigungspraxis des Landes würde dabei auch untersucht werden. Schon beginnt die Bauernlobby, das sind die Großbauern, die die frühere LPG bewirtschaften, die Parole zu verbreiten, die Bodenreform werde rückgängig gemacht. (Der erfolgreichste Großbauer ist Bauernpräsident und SPD-Genosse.) Wer die Landreform in Wirklichkeit rückgängig gemacht hat, weiß man heute nicht mehr, dank des Geschichtsunterrichts.

Rot-Rot schickt jetzt seine politische Elite in die Kommission, die Fraktionsspitzen.

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