Stress in der Kinderkrippe und das Abitur

Einen erschreckenden Befund trägt Birgitta vom Lehn vor: Der Stresspegel bei Kleinkindern in Tagesbetreuungseinrichtungen steige im Tagesverlauf kontinuierlich an, unabhängig, wie gut die Einrichtung sei. Nur bei kürzerer Verweildauer sei der Anstieg geringer. Bei Kleinkindern, die zu Hause bleiben können, sei der Stresspegel am Morgen am höchsten und sinke dann tagsüber.

Man kann seit ca. zehn Jahren bei Kleinkindern das Stresshormon Cortisol nachweisen.

Dazu passen Befunde aus Langzeitstudien, die besagen, dass Kinder aus Krippenbetreuung im Alter von vier Jahren stärker zu Streit, Lügen, Sachbeschädigung und Kämpfen neigen, desto länger sie in einer Krippenbetreuung waren. Dasselbe ergab sich bei 15jährigen, die auffällig bei Diebstahl, Vandalismus, Alkohol- und Drogengebrauch wurden.

Die amerikanische NICHD-Langzeitstudie über außerfamiliäre Kleinkindbetreuung.

Ein Gutachten des Bundesfamilienministeriums dagegen ist – wenig überraschend –  sehr zurückhaltend in der Bewertung. Es betont die schlechte Übertragbarkeit auf Deutschland und stellt positive Effekte der Fremdbetreuung auf Sprach- und kognitive Entwicklung bei Kleinkindern aus bildungsfernen Familien heraus. Bekannt war mir bisher nur eine Bertelsmann-Studie, mit der die Stiftung auf den Ausbau von Krippenplätzen drängte, weil das die Chance von Kindern aus benachteiligten Familien, das Gymnasium zu besuchen, erhöhen würde. Diese Studie wiederum ist höchst umstritten, da der behauptete Kausalzusammenhang zwischen Krippen- und Gymnasiumsbesuch nicht belegt wurde.

In Deutschland fordern Gewerkschaftsbund und Arbeitgeber gemeinsam den Ausbau der Krippenunterbringung.

In Wikipedia wird darauf hingewiesen, dass die in Ostdeutschland übliche frühe und lange Krippenbetreuung keineswegs durchweg zu höheren Kompetenzniveaus geführt hätte und die Sozialkompetenz sogar schlechter als in Westdeutschland ausgefallen sei. Allerdings kann auch hier nur spekuliert werden, ob die nahezu flächendeckende Krippenerziehung damit zusammenhängt. Immerhin zeigt sich, dass diese allseits bewunderte, von der SED bewirkte Großtat nicht zu besseren Schülern oder  verantwortungsvolleren Menschen geführt hat.

Siehe dazu PISA-E-Zusammenfassung, S. 29-33. (PISA 2000). Die Untersuchung bescheinigt ostdeutschen 15jährigen erheblich ungünstigere Werte bei sozialen Kompetenzen und der Bereitschaft zu gesellschaftlicher Verantwortungsübernahme. (Items: DRK, freiw. Feuerwehr, Kirche, Jugendarbeit, Senioren, Knochenmarkspendenbereitschaft, pol. Teilnahme [Mitgliedschaft, Wahlbeteiligung], Engagement allgemein; Zahl der Einrichtungen d. Jugendarbeit)

Der Kinderpädiater Dr. Rainer Böhm gehört zu denen, die auf diese Studien aufmerksam machen. Er kann auch erzählen, wie schwer ihm das gemacht wird. Er resümiert in einem ganzseitigen Artikel in der FAZ v. 4.4.12, S. 7 (Gegenwart):

“Aber es führt kein Weg um die Einsicht herum, dass die Mehrheit ganztagsbetreuter Krippenkinder, selbst wenn sie in schönen Räumen mit anregendem Spielzeug von engagierten Erzieher/-innen betreut wird, den Tag in ängstlicher Anspannung verbringt, dass sich dies bei einem Teil der Kinder in anhaltenden Verhaltensauffälligkeiten niederschlägt und dass mit dieser Form der Betreuung Risiken für die langfristige seelische und körperliche Entwicklung einhergehen.”

Update 29.4.12: Bemerkenswert, wie informationsresistent Politiker sind: Hannelore Kraft weiß, dass die teuren Kita-Plätze sich nach einem Jahr amortisieren, da die Frauen arbeiten gehen und Steuern zahlen. Sie fordert Kita-Pflicht für alle Kinder. Cem Özdemir will das mindestens diskutiert wissen.

Nachtrag zum Update: Frau Kraft hat bestritten, dass sie mit “alle Kinder sollen in die Kita” eine Kita-Pflicht gemeint hätte.

Nachtrag: Zum Thema passt ein Leserbrief einer ehemaligen Kinderärztin in der DDR in der FAZ: “Warum muss Westdeutschland das (unglückliche!) Experiment Ostdeutschlands wiederholen? Als Kinderärztin und Mutter weiß ich nur zu gut, was für einen Stress für Mutter und Kind die frühe Unterbringung in Kinderkrippen bedeutet.”

Anm. GS: Die best ausgestatteten Krippen hatte das MfS für die Kinder seiner Mitarbeiter

Nachträge: Das US-amerikanische “Headstart”-Programm der Frühförderung benachteiligter Kinder wird von empirischen Bildungsforschern begleitet. Ihre Befunde widersprechen sich teilweise. Es ist sehr schwer herauszukriegen, was nützt und was nicht.

Ein Hinweis im Deutschlandradio auf: Agathe Israel, Ingrid Kertz-Rühling (Hrsg.): Krippenkinder in der DDR. Frühe Kindheitserfahrungen und ihre Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung und die Gesundheit. Brandes & Apsel.

Eine fünfjährige psychoanalytische Behandlung deckt als Ursache psychischer und physischer Erkrankungen die DDR-Krippe auf: Ann Kathrin Scheerer. Einen Überblick über das Thema gibt Ann Kathrin Scheerer, Krippenbetreuung als ambivalentes Unternehmen.

Die Satire zum Betreuungsgeld: Ein Geheimpapier der OECD besagt: “Es kann nicht länger geduldet werden, dass Mütter ihre Kleinkinder selber erziehen. Mit dieser uralten, aber völlig veralteten Sitte muss Schluss gemacht werden.”

Update November 2012: Bei anderen sozial- oder bildungspolitischen Themen schaut man gerne nach Skandinavien. Warum hier nicht? Dort werden zwischen 300 (Finnland) und 400 € (Norwegen) Betreuungsgeld gezahlt.

Kita-Besuch ist in Finnland sehr gering. Die PISA-Schulleistungen aber sehr hoch. Gibt es da einen Zusammenhang?

Literaturliste zu Literaturverfilmungen

“Literaturverfilmungen” sind besondere medienpädagogische Projekte, an die sich nicht jeder herantraut.  Dabei sind gerade sie bestens geeignet, zu einer visual literacy beizutragen. Und immer kann die (Bild-)sprache des Regisseurs mit der Sprache des Schriftstellers verglichen werden.

Hans Günther Brée ist Spezialist auf diesem Gebiet. Er referiert über dieses Thema auf der Grundlage zahlreicher eigener Unterrichtsprojekte. Seine Literaturliste (Auch als Themenpaket im LAG-Projekt “Die Bibliothek in der Kiste” vorhanden) hat er gerade aktualisiert, nachdem er feststellen musste, dass manche der von ihm bisher empfohlenen Bücher vergriffen und nur noch zu beachtlichen Preisen im Antiquariatsbuchhandel erhältlich sind.

In den Büchern geht es um Filmsprache, Filmanalyse, Filmklassiker und Handreichungen zu bestimmten Filmen. Es sind keine Bücher von Cineasten für Cineasten. Hans Günther Brée will mit der  Themenliste die Unterrichtsplanung erleichtern.

Weiterlesen:Matthias Platzeck und die Filmsprache

Hat Finnland das DDR-Schulsystem übernommen?

Der PR der Partei mit dem bescheidenen Namen “Die Linke.” ist schwer zu widerstehen. Sei es, dass die DDR der zehntstärkste Industriestaat der Welt gewesen sein soll, der beste “antifaschistisch-demokratische” deutsche Staat, mit der höchsten sozialen Gerechtigkeit gegenüber Witwen, Behinderten und Rentnern. Immer findet man jenseits der Web 2.0-Kommentarkriege Belege für die Haltlosigkeit dieser Parolen.

Wer das feststellt, beleidigt nicht 17 Millionen Deutsche, wie das in der Thüringer Linken geglaubt wird.

Es ist wie mit dem angeblich so hohen Eisengehalt beim Spinat, der auf einer falschen Kommastelle beruht: Die Weltbank hatte die DDR auf Grund eines Rechenfehlers ihrer Statistiker so wirtschaftsstark wie Italien gesehen. Die SED hatte kein Interesse, das von der Weltbank sogleich korrigierte Bild zu verbreiten. Es wird bis heute konserviert und auch mancher rbb-Moderator ist der Meinung, der Ruin der DDR sei erst die Treuhandanstalt gewesen.

Mit der Übernahme der DDR-Schule durch Finnland ist das ähnlich.

Aus der Tatsache, dass es Rundreisen von Finnen in der DDR gab, wird geschlossen, dass es so gewesen sein muss. Ich habe auch an Gruppenreisen in die DDR teilgenommen, aber nichts übernommen.

Finnland hatte auf Grund seiner politischen Neutralität diplomatische Beziehungen zur Bundesrepublik und zur DDR. Es bestanden vielfältige, auch kulturelle Kontakte.

Schulreformen gab es in den 60er Jahren in vielen Industriestaaten als Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen und ökonomische Sachzwänge. Gesamtschulen gab und gibt es in USA und in Westeuropa, auch in einigen westdeutschen Bundesländern. Wenn schon, dann war Finnland von den viel früher in Schweden begonnenen Reformen der Schule und Hochschule beeinflusst.

Margot Honecker, verantwortlich für die Volksbildung, erinnert sich daran, dass die Finnen die Wandzeitungen und das Melden zu Unterrichtsbeginn übernommen hätten. Sie bedauert, dass sie – wohl der Temperaturen wegen – den Fahnenappell nicht übernommen hätten.

Dass der Finnland-Mythos nicht stimmt, bestätigt auch Rainer Domisch, (west-)deutscher Erziehungsberater im finnischen Zentralamt für Unterrichtswesen. Domisch machte in einem Vortrag vor hessischen Schulleitern auf den wesentlichsten Unterschied aufmerksam: Eine gemeinsame Schule für unterschiedliche Lerner, keine Einheitsschule.

Ärgerlich ist, dass der Mythos von der guten DDR-Schule sogar von Erziehungswissenschaftlern für bare Münze genommen wird.

Prof. Dr. Olaf Köller, Direktor des Instituts für Qualitätsentwicklung, Berlin, wird in der “Zeit” mit dem Satz zitiert wird, die DDR-Schule hätte keinen zurückgelassen. Meint er das: als Lehrer gab man eher gute Noten, denn bei schlechten wurde man zum Schulleiter zitiert und musste sich rechtfertigen? Oder die parteiische EOS-Auswahl? Oder die Exklusion behinderter Schüler/-innen? Oder die schulische Vernachlässigung der Jugendwerkhofinsassen?

Der Spruch “Am deutschen Wesen soll die Welt genesen” gilt nicht zuletzt für DDR-Erziehungswissenschaftler und SED-Kader, die in deutscher Überheblichkeit ihr Schulsystem für das beste in der Welt hielten. (Manche Westler, nicht nur in der GEW, sehen das heute noch so.)

Hans-Joachim Maaz, Leiter einer psychosomatischen Klinik der Evangelischen Kirche in der DDR, kommt der Realität näher, wenn er schreibt, jedem, der sie durchlaufen hat, habe sie das Rückgrat gebrochen. Was war mit den Jugendwerkhöfen und dem Arbeitserziehungslager Rüdersdorf, wo aus auffällig gewordenen jungen Menschen, sei es, dass sie die Schule geschwänzt hatten, Westmusik hörten oder mitten in der heftigsten Pubertät waren, lebenslange Hilfsarbeiter gemacht wurden?

Was Integration/Inklusion angeht, auch da hätte die DDR von Finnland lernen können. Das wurde in Ostdeutschland erst nach der “Wende” zum Thema.

Nachtrag 13.4.11: Beim Wiederlesen macht mich die Ignoranz von Prof. Dr. Köller sprachlos. Die geistig Behinderten wurden gar nicht beschult.  Wer verhaltensauffällig war (Die Schwelle war sehr niedrig) kam in die Jugendwerkhöfe. Ich habe mit Kollegen gesprochen, die es als äußerst angenehm empfinden, dass es seit der “Wende” Förderschulen gibt.

Dafür gab es Eliteschulen, ein echt sozialistischer Gedanke. (Siehe unten!)

Manche unselige Tradition besteht fort und trägt nachträglich zum Mythos von der großartigen DDR-Schule bei: Sachsen hat eine doppelt so hohe Sonderschulquote wie die westlichen Länder. Sonderschüler werden bei PISA nicht getestet. Brandenburg rühmt sich der höchsten Abiturientenquote Deutschlands bei Migranten. Das Land ist nahezu ausländerfrei. Es sind die Kinder russischer Juden und katholischer Vietnamesen, die dafür sorgen, nicht die Traditionen des DDR-Schulsystems. Sich für diese Quote zu loben, ist peinlich.

Wer wegen des guten Abschneidens von Sachsen und Thüringen beim PISA-Ranking Frau Honeckers Vorarbeit loben erwähnt, muss sich fragen lassen, warum dann nicht auch brandenburgische und mecklenburgische Schüler vergleichbar abschneiden. War etwa doch nicht alles gleich in der guten alten DDR?

Ergänzend noch ein Satz des thüringischen Kultusministers Müller: “Kein Experte der DDR auf internationalem Parkett war Schüler der POS, auch nicht Schüler der EOS (einer Art gymnasialer Oberstufe; Basedow1764). Das waren Schüler der Spezialgymnasien. Nicht zu vergessen, wie wenige Akademiker damals aus einem Jahrgang hervorgingen und wie viele es heute sind. Die Potenziale der Menschen wurden doch gar nicht herausgeholt.” (“Aufarbeitung kann nicht mit Zwang erfolgen”, in: Freies Wort, 25.08.08)

Update 17.10.10: Der Politikchef der Märkischen Allgemeinen Zeitung, Potsdam, Ralf Schuler, hat, beruhend auf seinen eigenen Erfahrungen, über den „Mythos Ostschule“ geschrieben. Er sieht die Schwächen der DDR-Schule, verschweigt aber auch im Vergleich zur heutigen chaotischen Schulsituation Positives im methodisch-didaktischen Bereich nicht. Was Finnland angeht, sieht er, warum auch immer, die Gemeinschaftsschule nicht als skandi­navisch-, sondern als DDR-geprägt, aber ansonsten keine Übernahme des Schul­systems.

Trotz nahezu flächendeckender frühkindlicher Betreuung und Privilegierung von Arbeiter- und Bauernkindern nahm deren Anteil an den Studenten in der DDR übrigens ab. Man stellte fest, dass an der Uni über kurz oder lang die Akademikerkinder wieder fast unter sich waren. Das konnte anscheinend nicht nur daran liegen, dass die Kinder von studierten Arbeitern und Bauern ja selbst keine Arbeiter und Bauern mehr waren, wenn sie die Hochschule besuchten. Die SED hat daher zum Ende ihrer Herrschaft nach Einflussfaktoren für Intelligenz gesucht. (Wovon sich Sarrazin hat inspirieren lassen!)

Am Rande bemerkt: Für Eltern in Helsinki und Umgebung gibt es seit Jahrzehnten nichts Erstrebenswerteres, als ihr Kind auf die Deutsche Schule zu schicken. Dort wird nach westdeutschen Gymnasiallehrplänen unterrichtet.

Weitere Nachträge:

25.6.11: Das neue Heft von “Horch und Guck” hat Schule als Schwerpunktthema! Darunter ist ein sehr lesenswerter Aufsatz von Ines Geipel über die Sportschulen.

14.7.11: Ich entdecke erst jetzt Freya Kliers Buch über die Schule in der DDR: Lüg Vaterland, 1990 erschienen. Man kann es nur empfehlen, auch allen Köllers und Finnland-Mythen pflegenden Ostalgikern in West und Ost.

Wenn die DDR mal nur von Finnland gelernt hätte!

13.6.12: Dieses Posting wurde 1300mal angeklickt. Hoffentlich trägt es bei, die Fakten zurechtzurücken.

Auch Hessen hätte von Finnland lernen können. Als Hessen die Schulinspektionen einführte und die Vergleichsarbeiten vermehrte, erzählte ein hochrangiger finnischer Kultusbeamter in Wiesbaden, dass Vergleichsarbeiten der Abschluss einer Qualitätsoffensive seien und man die Schulinspektionen gerade zugunsten einer peer-to-peer-Evaluation abgeschaft habe. “Wir fangen aber so an”, beschied ihn der hessische Ministerpräsident Koch.

(peer-to-evaluation: Schulen evaluieren sich gegenseitig.)

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Platzecks Geschichtsklitterung

Von den Bürgerrechtlern, die sich in diesen Gedenktagen häufig auf Podien wiedersehen, kommen selbstkritische Töne: „Wir sind über den Tisch gezogen worden.“ „Die Stasi-Besetzungen waren Nebenschauplätze.“ „Die haben uns (in die Potsdamer Stasizentrale) erst reingelassen, als sie fertig mit dem Aktensäubern waren.“ „Während wir vorne am Runden Tisch, der paritätisch mit SED und Bürgerrechtlern besetzt war, saßen (bei den Bürgerrechtlern natürlich auch IMs), haben die hinten weiter Akten vernichtet.“
„Das Gute war, dass es bald freie Wahlen gab und dass diese Wahlen um einen Monat vorgezogen wurden. Denn die Restauration schritt voran.“

Das MfS/AfN, die Regierung Modrow, der Innenminister Diestel haben dafür gesorgt, dass nicht alles zerschlagen oder aufgelöst wurde, dass die Akten weiter vernichtet wurden (Das zog sich bis in Regierung de Maizière hinein!), dass die MfS-Leute günstig Wohnungen und Häuser kaufen konnten, geschönte Lebensläufe bekamen und finanziell abgesichert wurden. Die SED-Juristen in den Verwaltungen und an den Runden Tische hatten sehr schnell westdeutsches Recht gelernt und blockierten die mutigen, aber naiven Bürgerrechtler rechtsstaatlich einwandfrei, wo es ging.

Nun kommt Herr Platzeck und bietet diesen Ausgegrenzten und Verschmähten als Versöhnungsgeste die Mitregierung an.

Mit einer Begründung, über die ich als Geschichtslehrer erbost bin.
Er instrumentalisiert nämlich die westdeutsche Nachkriegsgeschichte für die Legitimierung und Apostasierung seiner Koalition mit den Postkommunisten.

Generalsekretär Klaus  Ness, der den Unsinn geschrieben haben soll, hat seinen Chef damit blamiert.

Update 4.12.: Herr Ness war es laut Zeitungsberichten nicht. Ein Angestellter der Staatskanzlei hat Herrn Platzeck die pathetische Begründung für die rot-rote Koalition geschrieben. Was der SPD-Generalsekretär Ness, der SPD-Landtagspräsident Fritsch und der Fraktionschef Woidke machen, ist aber auch nicht besser. Ness verteidigt die neuen linken Spitzel inzwischen im Fernsehen mehr, als es die ehemaligen Spitzel an der Spitze der Linkspartei selbst tun. Woidke wiederholt wider besseres Wissen seine Treibjagdvorwürfe gegen die Birthlerbehörde. Dabei ist ihm mehrfach erklärt worden, dass die Behörde nicht zuerst den Landtagspräsidenten informieren muss, wenn Stasivorwürfe gegen Abgeordnete laut werden. Die SPD hat 20 Jahre ein DDR-Aufarbeitungsgesetz verhindert, in dem das drinstehen könnte.

Was kann man von einer Partei erwarten, die ihr Potsdamer Haus nach Regine Hildebrandt nennt, einer  ehemaligen brandenburgischen SPD-Ministerin, für die alles Übel aus dem Westen kam und die am liebsten von Anfang mit den SED-Nachfolgern regiert hätte. Dass Sie Herrn Schönbohm den Knüppel angedroht hat, ist indes schon ein zivilisatorischer Fortschritt. Im Oktober 1989 hat der SED-Bezirkssekratär damit gedroht, zu den Waffen zu greifen, um die Bürgerrechtler zu stoppen. Seine Leute hatten in Beelitz geübt, wie man Demonstranten einkesselt und festnimmt. Das hat er dann in Potsdam durchgeführt. Alles andere als friedlich!

Vietze und Platzeck sind Duzfreunde.

Platzeck und seine Partei haben in den letzten Jahren wenig dafür getan, dass der Geschichtsunterricht über die DDR besser wurde. Sie bringen es auch nicht fertig, im Landtag des Mauerfalls so zu gedenken, wie das in Thüringen gemacht wird.

Jetzt wird auch noch die westdeutsche Geschichte geklittert. Im Spiegel (45, 2009, S. 72f.), behauptet er, man hätte sich in der alten Bundesrepublik mit den Nazis ausgesöhnt. Auch wenn es so gewesen wäre (War es aber nicht!), wann hätten SRP, NPD, DVU an einer Regierungskoalition teilgenommen? Die SRP wurde verboten, die SED/PDS nicht.

Die von Platzeck/Ness zitierte Anbiederung von Kurt Schumacher an die Alt-Nazis ist kein Beleg dafür, auch nicht der immer wieder gern gebrauchte Hinweis auf Nazis in Regierung und Verwaltung. Das gab es in der DDR auch, man konnte auch dort als Altnazi Karriere machen. Im ZK saßen mehr ehemalige NSDAP-Mitglieder als ehemalige SPD-Mitglieder.
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Die DDR lebt (4)

Kanzlerin und Minister sollen nach SPIEGEL-Informationen mit einem speziellem Impfstoff vor der Schweinegrippe geschützt werden. Beamte von Ministerien und nachgeordneten Behörden ebenso.

(Update 19.10.: Die Bundesregierung dementiert: Die Bestellung des Impfstoffs sei sehr früh erfolgt. Da habe es den mit den umstrittenen Zusatzstoffen versehenen Impfsstoff noch nicht gegeben. Jetzt müsse man den Vertrag erfüllen und die Ampullen abnehmen.

Es würde mich freuen, wenn das zuträfe. Hier im Osten wird von den “Durchblickern” gerne behauptet, dass die drüben auch nicht besser gewesen wären,  Kohl genauso viel Dreck am Stecken gehabt hätte wie Honecker. Ein solcher Redebeitrag fehlt in keiner Diskussion.)

Der Wunsch, dass das Gute der guten alten DDR erhalten bleibe, verhallt nicht ungehört. Das Beste am SED-Gesundheitswesen z. B. waren die Regierungskrankenhäuser. Die Nomenklatura, Dr. Gysi spricht gerne von den Eliten der DDR, hatte eine bessere medizinische Versorgung als der doofe Rest.

Da scheint die DDR endlich in der Bundesrepublik angekommen zu sein, wie die “Spiegel”-Meldung zeigt..

Diese Privilegien werden ungerne genannt, wenn die Errungenschaften der DDR buchstabiert werden. Es gibt zahlreiche weitere, die allesamt zeigen, dass die Eliten der DDR das kommunistische Paradies für sich selbst schon längst realisiert hatten, während die Arbeiter und Bauern sich abrackerten und wunderten, dass der Abstand zum Ziel gleich blieb. Das galt übrigens für Lenins Parteielite auch schon, auch während der Bürgerkriegszeit.

Eine besonders edle Umsetzung des Versprechens “Jeder nach seinen Bedürfnissen” ist diese: Wenn Angehörige der DDR-Elite, der Generalmajor, der Chefarzt, die Gerichtspräsidentin, der Parteisekretär ein Auge auf eine schöne Villa oder ein herrschaftliches Seegrundstück geworfen hatten, ließen sie dies durchblicken.

Der Apparat sah dann zu, dass er Besitzern eine Steuernachzahlung auferlegte, ein Devisenvergehen nachwies oder sie als negative Elemente ausmerzen konnten. Konnten diese die Summe nicht aufbringen oder saßen wegen scheinbarer Vergehen und Verbrechen im Knast, nahte Hilfe in Person des Dr. Vogel. Der bot die Ausreise in die BRD an. Und schickte einen Notar vorbei, der einen Überlassungsvertrag für das Seegrundstück, die Villa, das Jagdhaus mitbrachte. Der Geschädigte war dem Dr. Vogel i. d. R. dankbar, dass er noch ein paar Kröten erhielt. Der neue Besitzer des Anwesens, der es kostengünstig von seinem sozialistischen Vaterland erwerben konnte, ebenfalls. Formaljuristisch war alles korrekt, die DDR war ja ein Rechtsstaat, wie es vor allem SPD-Politiker/innen zu wissen glauben. Inwieweit diese SED-Methode schon in die Bundesrepublik ein- gezogen ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

In den Monaten der Wende jedenfalls wechselten zahlreiche Grundstücke, Häuser, Lagerhallen, Firmenareale, Lagerbestände, Bankguthaben ihren Besitzer. Die Bilanz der Treuhand sähe noch besser aus, wenn die Firmen, die sie übernahm, nicht schon nicht im Vorfeld geplündert worden wären.

Die Grundstückwegnahme lief auf lokaler Ebene, bei den unteren Nomenklaturisten, übrigens genauso, wie mir versichert wird.

In der kommunistischen Bewegung hat das Tradition. Man denke an die in der Jelzin-Ära reich gewordenen jungen Milliardäre, denen Putins Steuerverwaltung Zahlungsbescheide ins Haus schickte, dass denen die Tränen kamen und sie ihren Besitz (Lassen wir es undiskutiert, wie sie ihn erworben haben) wieder loswurden und sie selbst einen Wohnsitz in Sibirien beziehen mussten. Auch der große Bert Brecht, als er ein Auge auf das Häuschen in Buckow geworfen hatte, schenkte dem Bürgermeister eine Traditionsfahne und der übergab dem Dichter das Ferienhaus einer Siemens-Tochterfirma. der gutrmütige Brecht immerhin bat den Bonzen, den Arbeitern der Firma, die gegen die Wegnahme des Hauses protestierten, ein gleichwertiges an anderer Stelle zu besorgen.


Keine DDR-Aufarbeitung mehr, sagt die SPD Brandenburgs

Eine Wahlkundgebung muss man einmal miterlebt haben. Zumal hinterher Klaus Doldinger und Passport auftreten sollen. Abends im Fernsehen sieht man dann mit Staunen, welche tollen Bilder die Kameras produzieren.

Jemand drückt mir das SPD-Wahlprogramm in die Hand, als Dreingabe ein tiefrotes T-Shirt mit Steinmeier und Platzeck, dem berühmten SDS-Plakat “Alle reden vom Wetter …” nachempfunden.

Erst wollte ich das “Regierungsprogamm 2009 – 2014″ gar nicht lesen. Um die Wartezeit auf Steinmeier zu überbrücken, tat ich es dann. Was mich darin dann doch interessiert, ist der Umgang mit der DDR.

Die baden-württembergische Landesregierung hat gerade eine neue Internet-Website dazu für die Schulen geöffnet.  Die brandenburgische SPD hatte im letzten Herbst im Landtag dem Vorschlag, den Schulen im Jahre 2009 ein Materialpaket zur Verfügung zu stellen, abgelehnt.

Die Brandenburger Schüler/innen hatten bei der Schroeder-Untersuchung schlecht abgeschnitten. Zwar wurde Prof. Schroeder ins Bildungsministerium zu einer offenen Diskussion eingeladen. Für die Öffentlichkeit gab es aber in der Staatskanzlei eine Veranstaltung, in der Prof. Borries die Untersuchung von Prof Schroeder auseinandernehmen durfte. (Dass Schroeder im Ergebnis letztlich recht hat, sagte er damals nicht, das sagte er erst später in einer Fachzeitschrift.)

Was sagt die SPD nun in ihrem “Regierungsprogramm 2009 – 2014″ zu diesem Thema?

NICHTS!

Beim Durchsuchen des Heftchens stoße ich auf die Landeszentrale für politsche Bildung. Die hat immer wieder interessante Veranstaltungen zum Thema und stellt gute Materialien zur Verfügung. “Die Landeszentrale wird sich auf den Kampf gegen den Rechtsextremismus konzentrieren” (p 25) steht im Regierungsprogramm der brandenburgischen SPD. Sehen wir es dialektisch: Prof. Schroeder war aufgefallen, dass Jugendliche mit Neo-Nazi-Einstellungen in besonders hohem Maße die DDR positiv sehen.

Auf Klaus Doldinger habe ich verzichtet. (Die “Rechords” – sic! – aus Potsdam im Vorprogramm waren auch nicht schlecht.)

Stattdessen im CDU-Wahlprogramm gesucht und gefunden:

“Die intensive Aufarbeitung der NS-Diktatur war und ist die unabdingbare Voraussetzung für die Entwicklung unserer Demokratie. Für die DDR ist eine solche Aufarbeitung nicht weniger wichtig, denn Werte wie Freiheit, Rechtstaatlichkeit und Toleranz gewinnen ihre Bedeutung nur in Abgrenzung zu beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts auf deutschem Boden. Die Aufarbeitung der DDR-Geschichte ist daher von großer Bedeutung, vor allem um den Schülern ein realistisches Bild zu vermitteln – ohne Verklärungen oder Verharmlosungen, aber auch ohne kollektive Schuldzuweisungen” (p 26).

Es geht also doch.

Nachtrag 9.11.09: Nach seiner Entscheidung, mit den Sozialisten zu koalieren, hat MP Platzeck mehrfach mitgeteilt, es werde keine Verklärung der DDR stattfinden. Da nickte auch Frau Kaiser.