Bücherkiste zur DDR-Geschichte an hessische Schulen übergeben

Die drei Bücherpakete zum DDR-Thema sind vergeben. Gewinner der Bücher und Medien im Wert von jeweils über 600 € sind die Schulbibliotheken der

  • Ricarda-Huch-Schule, Gießen
  • Geschwister-Scholl-Schule, Bensheim
  • Burggymnasium, Friedberg

Die Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken (LAG) stellt seit 1992 Bücherkisten zu Themen des Unterrichts von Grund­schule bis Oberstufe zusammen, die Anregungen für den Bestandsaufbau in Schulbibliotheken geben sollen. Die Kisten können aber auch an drei Schul­standorten in Hessen ausgeliehen werden.

Das DDR-Paket, 28. Thema des LAG-Projekts, wurde wegen der Diskussion um die Aufarbeitung der SED-Diktatur in den Schulen zusammengestellt. Darin sind u. a.  Bücher von Klaus Kordon über seine verratene Flucht aus der DDR und den Zuchthausaufenthalt, Grit Poppes „Weggesperrt“ über die Behandlung auffällig gewor­dener Jugendlicher in geschlossenen Jugendwerkhöfen, aber auch Sachbücher über die Planwirtschaft, über Jeans und West­radio, glückliche Jugendzeit und schweigende Klassenzim­mer, „Klassiker“ wie Reiner Kunzes „Wunderbare Jahre“, DVDs der Stiftung Aufarbeitung und informative Internetadressen.

Die LAG fordert moderne, multimediale Schulbiblio­theken . In diesen Räumen lernen Schülerinnen und Schüler mit Büchern und digitalen Medien. Sie lernen dabei, wie man sich informiert, wie man im Team arbeitet, wie man vorträgt.

Der „Lernort Schulbibliothek“ ist ein wesentlicher Faktor bei der Steigerung der Schul­qualität. In Ländern, die dies schon länger praktizieren, wurde festgestellt, dass gute Schulbibliotheken deut­lich zur Steigerung von Schülerleistungen beitragen.

Die Hürde für die Teilnahme an der Verlosung war hoch. Die Schulen mussten nämlich nachweisen, dass ihre Schulbibliothek auf der Startseite der Schulhomepage  steht. Die LAG sieht einen Maßstab für die Wertschätzung in der Schulgemeinde, wenn die Schulbibliothek mit aktuellen Informationen oder ihrem elektroni­schen Katalog schnell und einfach auf der Schulhomepage zu finden ist.  22 Schulbibliotheken der Sekun­dar­stu­­fe, die diese Bedingung erfüllen, hatten sich beworben.

Übergeben wurden die Bücherpakete in Anwesenheit eines Vertreters der Kultusministerin, die leider wegen Terminschwierigkeiten absagen musste, vom LAG-Vorsitzenden Hans Günther Brée am Montag, dem 9.11.09, dem Jahrestag des Mauerfalls, im Weidiggymnasium in Butzbach.

Fotos vom Ereignis:

Siehe auch den Bericht (gleichen Inhalts) auf der LAG-Website!

Die Friedrich-Ebert-Schule in Schwalbach a.Ts. , eine der 3 Stützpunktschulen des Bücherkistenprojekts, hat die Ampelmännchen-Kiste im Rahmen einer Ausstellung genutzt.

Lesetipp: “Weggesperrt” von Grit Poppe

Nach Gesprächen mit Zeitzeugen entstand diese bewegende Geschichte über den Leidensweg einer Jugendlichen durch Heime und „Jugendwerkhöfe“ der DDR. Grit Poppe gelingt es aber, neben all dem Schrecklichen auch Spuren von Freundschaft und gar Liebe zu entdecken.

Eines der gerne tabuisierten DDR-Themen: Jugendliche wurden schon aus nichtigem Anlass ohne Beachtung rechtsstaatlicher Grundsätze auf unbestimmte Dauer in offene oder geschlossene Anstalten gebracht, psychiatrisch behandelt, gedemütigt und geschlagen. Ihre Ausbildung wurde vernachlässigt, so dass sie in der Regel später nur noch Hilfsarbeiterjobs bekamen. Das alles so bis 1989.

Unter den Eingesperrten konnte es keine Solidarität geben. Im Gegenteil, man machte sich auch gegenseitig das Leben zur Hölle. Dafür sorgten schon die Aufseher/innen. Einer ganz besonders brutalen gibt die Autorin den Mädchennamen der Volksbildungsministerin Margot Honecker: Feist. Diese Aufseherin ist seit der “Wende” Leiterin eines Altersheimes.

Weggesperrt von Grit Poppe, Dressler, 2009, 330 S.,9,95 €

Das Buch wird in die LAG-Medienkiste “Ampelmännchen und Todesschüsse” aufgenommen.

Günther Brée liest aus dem Buch vor Schulklassen. Er hat für eine solche Veranstaltung eine Mindmap (pdf) entworfen.

Nachträge:

Grit Poppe erhält für “Weggesperrt” den Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendbücher 2010.

Aus dem Buch “Sonja: “negativ-dekadent” von Silke Kettelhake erfahre ich, dass im berüchtigten Jugendwerkhof Torgau, in dem es auch in diesem Buch geht, schon Anfang November 1989 Spuren beseitigt wurden: Die Wachhunde wurden abgeschafft, die Fenstergitter und Sichtblernden wurden entfernt, die Gefängnistüren ausgewechselt. Die Akten wurden vernichtet und alle Insassen entlassen.

 

Ein ZDF-Bericht

Keine DDR-Aufarbeitung mehr, sagt die SPD Brandenburgs

Eine Wahlkundgebung muss man einmal miterlebt haben. Zumal hinterher Klaus Doldinger und Passport auftreten sollen. Abends im Fernsehen sieht man dann mit Staunen, welche tollen Bilder die Kameras produzieren.

Jemand drückt mir das SPD-Wahlprogramm in die Hand, als Dreingabe ein tiefrotes T-Shirt mit Steinmeier und Platzeck, dem berühmten SDS-Plakat “Alle reden vom Wetter …” nachempfunden.

Erst wollte ich das “Regierungsprogamm 2009 – 2014″ gar nicht lesen. Um die Wartezeit auf Steinmeier zu überbrücken, tat ich es dann. Was mich darin dann doch interessiert, ist der Umgang mit der DDR.

Die baden-württembergische Landesregierung hat gerade eine neue Internet-Website dazu für die Schulen geöffnet.  Die brandenburgische SPD hatte im letzten Herbst im Landtag dem Vorschlag, den Schulen im Jahre 2009 ein Materialpaket zur Verfügung zu stellen, abgelehnt.

Die Brandenburger Schüler/innen hatten bei der Schroeder-Untersuchung schlecht abgeschnitten. Zwar wurde Prof. Schroeder ins Bildungsministerium zu einer offenen Diskussion eingeladen. Für die Öffentlichkeit gab es aber in der Staatskanzlei eine Veranstaltung, in der Prof. Borries die Untersuchung von Prof Schroeder auseinandernehmen durfte. (Dass Schroeder im Ergebnis letztlich recht hat, sagte er damals nicht, das sagte er erst später in einer Fachzeitschrift.)

Was sagt die SPD nun in ihrem “Regierungsprogramm 2009 – 2014″ zu diesem Thema?

NICHTS!

Beim Durchsuchen des Heftchens stoße ich auf die Landeszentrale für politsche Bildung. Die hat immer wieder interessante Veranstaltungen zum Thema und stellt gute Materialien zur Verfügung. “Die Landeszentrale wird sich auf den Kampf gegen den Rechtsextremismus konzentrieren” (p 25) steht im Regierungsprogramm der brandenburgischen SPD. Sehen wir es dialektisch: Prof. Schroeder war aufgefallen, dass Jugendliche mit Neo-Nazi-Einstellungen in besonders hohem Maße die DDR positiv sehen.

Auf Klaus Doldinger habe ich verzichtet. (Die “Rechords” – sic! – aus Potsdam im Vorprogramm waren auch nicht schlecht.)

Stattdessen im CDU-Wahlprogramm gesucht und gefunden:

“Die intensive Aufarbeitung der NS-Diktatur war und ist die unabdingbare Voraussetzung für die Entwicklung unserer Demokratie. Für die DDR ist eine solche Aufarbeitung nicht weniger wichtig, denn Werte wie Freiheit, Rechtstaatlichkeit und Toleranz gewinnen ihre Bedeutung nur in Abgrenzung zu beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts auf deutschem Boden. Die Aufarbeitung der DDR-Geschichte ist daher von großer Bedeutung, vor allem um den Schülern ein realistisches Bild zu vermitteln – ohne Verklärungen oder Verharmlosungen, aber auch ohne kollektive Schuldzuweisungen” (p 26).

Es geht also doch.

Nachtrag 9.11.09: Nach seiner Entscheidung, mit den Sozialisten zu koalieren, hat MP Platzeck mehrfach mitgeteilt, es werde keine Verklärung der DDR stattfinden. Da nickte auch Frau Kaiser.

Medienkiste DDR für den Unterricht

Ich stelle gerade eine Medienkiste zur DDR zusammen: „Ampelmännchen und Todesschüsse“. Hier kann man die Liste und eine Handreichung ansehen. Download gerne nach Rücksprache. In Hessen kann die Medienkiste an drei Schulstandorten ausgeliehen werden und 2009 ist geplant, mehrere Kisten für Schulen auszuloben.

Auch in Brandenburg, Stolpes ehemaliger „kleiner DDR“ und dem Bundesland mit der stärksten (auch was ehem. Stasi-Spitzel angeht) Linkspartei-Präsenz, versuche ich Interesse für die Medienkiste zu finden.

Update 15.9.08: Bis jetzt erfolglos. Die Landesregierung hatte auch schon, ebenso wie der Berliner Senat, die Untersuchung über das DDR-Schülerwissen nicht mitfinanziert. Berlin bezahlt aber ein Gutachten, in dem die Untersuchung methodisch auseinander genommen wird!

Update 1.7.12: Zum Schicksal von “Ampelmännchen und Todesschüsse” in Brandenburg siehe auch hier!

Meine Motivation waren die Umfrageergebnisse über das DDR-Wissen Brandenburg-Berliner Schüler/innen (katastrophal), die Reaktion der Landesregierung (Neuer Erlass, Verwässerung desselben durch den Finanzminister(!). Außerdem: Eine vielsagende Schlagzeile in einer Potsdamer Zeitung vor ein paar Wochen: „Lebenserwartung im Osten niedriger als im Westen“. In Wirklichkeit ist die Differenz von Jahren auf wenige Monate geschrumpft.

„Da musst du eben aufpassen, dass du nicht hereinfällst“ sagte der Politikdidaktiker K. G. Fischer vor 50 Jahren, als es noch keine Lehrgänge zur Vermittlung von Informationskompetenzen gab.

Das Statistische Jahrbuch enthält die Fakten, die nicht in der Zeitung standen: 1989 betrug der Unterschied in der Lebenserwartung weiblicher Babies in Ost- und Westdeutschland 24 Monate. 17 Jahre später betrug er nur noch vier Monate.

Die Liste und eine Handreichung stelle ich Kolleginnen und Kollegen gerne zur Verfügung, verbunden mit der Bitte um Hinweise auf weitere geeignete Medien.

Siehe auch die ergänzenden Informationen hier!

Zur Pressemitteilung der LAG hier!

Zur Medienkiste hier

Update 13.8.10: Die Handreichung wurde allein auf slideshare.net 4100x aufgerufen.