Brandbrief des Berliner dbv

Den Berliner Bibliotheken steht das Wasser mehr nur am Hals, sondern ist in Richtung Unterlippe weiter gewandert. Das zeigt auch eine Stellungnahme (s. u.) des Landesgeschäftsführers, adressiert an den Regierenden Bürgermeister und andere politische Führungskräfte. Er mahnt einen Bibliotheksentwicklungsplan, mehr Geld, mehr Personal und – natürlich – ein Bibliotheksgesetz an.

Man kann den Klagebrief unter verschiedener Perspektive lesen – z. B. mit den Augen der Politik oder unter dem Gesichtspunkt “Was ist mit den Schulbibliotheken?”. Weiterlesen

Welttag des Buches

Ich war “Lesefreund” geworden und durfte zum Welttag des Buches zehn Bücher verschenken. Die Mitarbeiter der Anwaltskanzlei, die in dem Haus arbeiten, in dem ich wohne, haben sich sehr gefreut. Das war ihnen noch nie passiert.

Der Bibliotheksverband nimmt diesen Tag, nicht etwa den Tag der Bibliotheken, der  besser zum Thema gepasst hätte, zum Anlass, eine Reform des Urheberrechts zu verlangen und das Recht der öffentlichen Bibliotheken auf Verleih von E-Books (Für die sie jeweils Einzellizenzen bezahlen würden.

Ich denke, dass das alte Ausleihmodell öffentlicher Bibliotheken nicht auf E-Books übertragen werden kann. Internetnutzer haben sich daran gewöhnt, per Knopfdruck ohne Zeitverzögerung ein E-Books lesen oder downloaden zu können. Es gibt Plattformen mit unterschiedlichen Verfahrensweisen (Abonnement; Kauf, nachdem es kostenlos angelesen werden konnte). Bibliotheken können Besteller selten im Dutzend erwerben, sondern müssen Ausleiher auf die Warteliste setzen, wenn ihre lizenzierten zwei, drei Exemplare ausgeliehen sind.

Für Schulbibliotheken wäre mir ein Angebot wie das von Brain Hive in den USA sympathisch. (Ich habe es im Buch “Die Schulbibliothek im Zentrum” beschrieben.)

Guten Morgen! Eine Schulbibliotheks-AG im Bibliotheksverband!

Spät kommt ihr, doch ihr kommt! Führte wirklich der weite Weg zum Säumnis, wie es im Wallenstein heißt?

Der Deutsche Bibliotheksverband war in den vergangenen 60 Jahren gelegentlich schon nahe am Thema dran, es blieb freilich beim Schlingerkurs. Jetzt, so ist zu hören, wurde eine AG im dbv gegründet. Man sucht nach Schwerpunkten für die neue Gruppe.

Das könnte ein Paukenschlag werden. Man stelle sich vor, dass das bibliothekarische Netzwerk das Projekt und damit das Thema unterstützt: Alle Bibliotheksverbände, die Bundesvereinigung der Deutschen Bibliotheksverbände, die ekz, Bertelsmann-Stiftung, Bundesbildungsministerium, Bond/OCLC, die diversen Plattformen des Deutschen Bildungsservers, die KMK, die dbv-Landesvorsitzenden, die meist politisch, nicht zuletzt kommunalpolitisch tätig sind. Dass vor allem die öffentlichen Bibliotheken vorbehaltlos dahinterstehen (Siehe USA!) ist zu wünschen und das nicht nur mit dem Slogan “Das schönste an der Schulbibliothek ist die Zusammenarbeit mit der öffentlichen”.

Der Boden ist bereitet, das konnte man nicht länger ignorieren. Noch ist es für knallende Sektkorken zu früh, aber gegen ein Gläschen ist nichts einzuwenden. Vielleicht wird aus der AG einmal eine Sektion. Das wäre die angemessenere Eingruppierung im dbv-Organigramm, sofern man nicht schon wieder die USA bemühen möchte: AASL als kooperierender Verband neben AAL. Sofern man im dbv Wert auf Zusammenarbeit mit Nichtbibliothekaren legt (Lehrer, nicht bibliothekarisch zertifizierte Angestellte), wäre das eine günstige Lösung.

Es gab im 2002 aufgelösten Deutschen Bibliotheksinstitut eine Arbeitsgruppe Schulbibliotheken (in der ich selbst einmal mitgearbeitet hatte). Das Institut war bei der Evaluation durch den Geldgeber Bund durchgefallen und wurde aufgelöst. Da sich kein anderer Träger fand, wurde die AG mit der AG für Jugendbibliotheken des ehemaligen Instituts vereinigt und unter dem Dach des dbv geführt. Von sich reden machte diese AG, als einer ihrer Vorsitzenden, auf der Basis von Expertisen der Bertelsmann-Stiftung, sich explizit gegen Schulbibliotheken aussprach.

Der dbv und die Berliner Schulbibliotheken

Ich lese gerade die Wahlprüfsteine des Deutschen Bibliotheksverbandes in Berlin aus dem Jahr 2011. Wenig überraschend: Gefragt wird nach der Zusammenarbeit von öffentlichen Bibliotheken und Schulen, das Wort “Schulbibliothek” wird vermieden.

Bemerkenswert, dass aber die Berliner Grünen daran denken. Sie unterstützen nahezu alles, was der dbv fordert, ein Bibliotheksgesetz, gute Ausstattung der öBen, enge Verzahnung von Schulen und öBen, bezirkliche Globalsummen usw. Aber auch dieser Satz steht in der Antwort der Fraktion der Grünen im Abgeordnetenhaus: Schulen, die eine eigene Bibliothek unterhalten, dürfen dafür im Rahmen der
Finanzzuweisung keine Nachteile erlangen.

Wie schon in Thüringen die CDU beim Bibliotheksgesetz, sind es jetzt die Grünen, die an Schulbibliotheken denken, nicht etwa der Deutsche Bibliotheksverband.

Neues Handbuch: Renate Kirmse, Schulbibliothek

Wer sich vom etwas betulich wirkenden Titelbild nicht abschrecken lässt, den erwartet eine „Reise“ in zwanzig Kapiteln durch die Praxis der schulbibliothekarischen Arbeit.

Es ist eine umfassende, höchst lehrreiche Darstellung schulbibliothekarischer Tätigkeiten. Die Autorin bezeichnet sich als „privilegierte Schulbibliothekarin“, da sie an einer Europäischen Schule arbeitet, einer Einrichtung der Europäischen Union, die sich am angelsächsischen Schulsystem orientiert. Gut ausgestattete Schulbibliotheken sind dort selbstverständlich. Frau Kirmse hat das nötige Praxiswissen und gibt es in diesem Arbeitsbuch weiter. Weiterlesen

US-Großverlage geben doch – probeweise – E-Books an Bibliotheken

MIt den E-Books hat sich die Beziehung von Verlagen und öffentlichen Bibliotheken drastisch geändert. Verlage befürchten Umsatzverluste, da E-Books nicht zerlesen werden können, nicht nachgekauft werden müssen und in Verbundsystemen überall ausgeliehen werden können.

Derzeit werden in USA eine Reihe neuer Geschäftsmodelle erprobt: Bibliotheken zahlen den dreifachen Hardcoverpreis und dürfen 26mal oder sogar 52mal ausleihen, aber schön der Reihe nach, immer nur ein Leser/eine Leserin. Getestet wird auch der E-Book-Verkauf über die Bibliothek. Da wird dann wohl der Buchhandel wohl aufschreien.

Die deutsche Lösung passt zum deutschen Zeitgeist: Der Staat soll´s richten und zu Gunsten der Bibliotheken das Urheberrecht einschränken, verlangt der dbv.

  • Ein anschauliches Gespräch (Transkript) im nichtkommerziellen US-Rundfunkprogramm NPR

Wie Kooperation zum Kampfbegriff wird

In einem 2005 veröffentlichten Buch führender hessischer öffentlicher Bibliothekare ist keiner der 14 Beiträge dem Thema „Schulbibliotheken“ gewidmet. Das interessierte die führenden hessischen Bibliothekare nicht. Aber wehe, wenn sich jemand anders um Schulbibliotheken kümmert! Nicht erwähnt wurde, was außerhalb des Netzwerks öffentlicher Bibliotheken entstanden war: 2005 gab es in Hessen

  • den 17. (!) Schulbibliothekstag der Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Hessen e. V. (LAG),
  • eine von der LAG initiierte Fortbildungstagung des Lehrerfortbildungsinstituts in einer kombinierten Stadtteil- und Schulbibliothek(!) in Frankfurt am Main,
  • das Kulturmobil des Kultusministeriums mit dem Teilbereich „Schulbibliotheken und Leseförderung“ für die schulinterne Lehrerfortbildung,
  • das Projektbüro „Schulbibliotheken und Leseförderung“ im Geschäftsbereich des Ministeriums,
  • einen vom Ministerium unterstützten Leseförderpreis für Schulbibliotheken,
  • eine Landeslizenz für die Schulbibliotheksoftware LITTERA, die damals von ca. 800 Schulen – heute von 1.600 Schulen genutzt wird.

Eine Nähe zum Thema Schulbibliotheken hat im Buch allenfalls der Hinweis auf die schulbibliothekarische Arbeitsstelle der Stadtbibliothek Frankfurt am Main:

Hessen. Kultur und Politik. Die Bibliotheken, hrsg. v. Bernd Heidenreich, Stuttgart 2005; angekauft(!) von der hessischen Landeszentrale für politische Bildung)

Eine Erklärung für dieses Verschweigen ist vermutlich, dass die unerwähnten schulbibliothekarischen Einrichtungen und Projekte nicht unter Aufsicht der öffentlichen Bibliotheken und ihres Verbandes, dem Deutschen Bibliotheksverband, standen.

Kurz danach – 2006 – beendete der hessische Bibliotheksverband seinen jahrzehntelangen Tiefschlaf und errang die Lufthoheit über das hessische Schulbibliothekswesen. Weiterlesen