Bildung durch Bildungsstandards?

Das Wiener Unterrichtsministerium hat den Nationalen Bildungsbericht 2012 vorgelegt. In Band 2 äußern sich die Forscher zurückhaltend auf die Frage, ob die Umstellung des österreichischen Schulwesens auf die OECD-Vorgaben “Kompetenzorientierung”, “Bildungsstandards” und externe Leistungsüberprüfung  ihre Ziele erreiche. Es gebe keine valide empirische Belege dafür, dass diese Reformen zu mehr Bildungsgerechtigkeit, höheren Abschlüssen und besseren Schülerleistungen führen. Positive Wirkungen von Vergleichsarbeiten, Zentralabitur und Schulinspektion seien durch empirische Untersuchungen nicht belegt.

Der “kompetente Säugling”

Die Bücher und Aufsätze des Politikdiaktikers Prof. Wolfgang Sander (Gießen) waren für mich in meiner Zeit als Politik-Ausbildungsleiter wichtige Seminarmaterialien. Jetzt lese ich in der FAZ v. 26.4.13 einen Text, in dem er die Kompetenzdiskussion vom Kopf auf die Füße stellt. Er erinnert ganz knapp (Endlich wieder einmal keine seitenlange Erörterung, wie sie in der FAZ die Regel ist) daran, dass Kompetenzen nicht fachbezogen gedacht waren, sondern ganz bewusst ein Gegenkonzept gegen die Überbetonung fachlichen Lernens in der Schule. Wir sprachen in den 80ern ganz unschuldig von Skills, Arbeitstechniken, und haben sie in den Politik-Lehrplan eingebaut. (Obwohl es natürlich fächerübergreifende Techniken waren. Aber die Kolleg/-innen der anderen Fächer waren bewusstseinsmäßig noch nicht so weit.;-)) Weiterlesen

Hattie-Studie: It´s the teacher, stupid!

Erstaunlich, dass diese Studie in der Hochburg der hessischen Schulreform (Kompetenzorientierung, Bildungsstandards, Schulevaluation), dem Institut für Qualitätsentwicklung (IQ), so gründlich rezipiert wird.  Die Studie wurde im hinteren Teil eines Heftes referiert. So weit kam ich beim Blättern nicht. Ich hatte es vor Monaten nach Überfliegen der ersten Seiten (Kompetenzorientierung, Smartboards) beiseite gelegt.
Aber jetzt, ein neuer Anlauf:

Der neuseeländische Professor John Hattie hat in einer Mega-Analyse achthundert Mega-Studien ausgewertet, die wiederum ca. 50.000 Einzelstudien umfassen: “Visible Learning”. 15 Jahre hat er daran gearbeitet, die Wirksamkeit von Einflussfaktoren auf Unterricht mit statistischen Methoden zu erfassen und zu vergleichen. Er isoliert 138 Faktoren, von denen er 66 als effektiv erkennt.

Um es kurz zu machen: Es sind nicht  kleine Klassen, offener, jahrgangsübergreifender, entdeckender Unterricht, team-teaching oder die Schulstruktur, sondern Einflussgrößen, die überwiegend vom Lehrer ausgehen, seinen Lehr-Lern-Arrangements:

  • fachlich orientierter und kognitiv aktivierender Unterricht
  • die zur Verfügung stehende Zeit effektiv nutzen
  • anspruchsvolle, aber bewältigbare Lernaufgaben stellen und vielfältiges Feedback geben
  • für förderliches Klassenklima und gutes Unterrichtsmanagement sorgen

Die zuerst genannten, strukturellen Einflussgrößen wirken nicht oder nicht wesentlich. Hattie spricht von einem größeren Horizont, der in der Schule nötig wäre als der verengte Blick auf Bildungsstandards und den nächsten Test. Es geht vor allem um die Qualität der Lehr-Lern-Arrangements.

Ulrich Steffens und Dieter Höfer vom Wiesbadener IQ setzen sich mit Hatties Befunden auseinander: Teil 1Teil 2  (aus Schulverwaltung/Hessen-Rheinland-Pfalz; weil hier ausführlicher als in der IQ-Broschüre)

Ein Folgeband Hatties zu seiner umfangreichen Untersuchung, mit knapp 170 Seiten Text (in Englisch): “Visible Learning for Teachers“: Rezension von Timo Off.

Man muss in Kauf nehmen, dass wir nichts über die Gütekriterien der 50.000 Studien erfahren. Viele stammen aus den 80er und 90er Jahren. Es gibt unterschiedlich viele Studien zu den Dimensionen Schule, Elternhaus, Schüler, Lehrer, was m. E. auch das Ergebnis beeinflussen könnte. Es sind ausschließlich angelsächsische Untersuchungen. Aber eben ziemlich viele, so dass Ähnlichkeiten doch etwas aussagen.
Nicht zuletzt spricht für die Hattie-Studie: Vieles ist evident. Die sogenannte Erfahrung der Praktiker geht in dieselbe Richtung.

Glossar zu Begriffen aus der Studie

Darf es ein wenig Nostalgie sein? In meiner Ausbildung in den 70ern konnten mussten wir das so ähnlich bei Good/Brophy, Die Lehrer-Schüler-Interaktion, und Jochen Grell, Unterrichtsrezepte, in der großartigen Urban und Schwarzenberg-Pädagogik-Reihe, lesen.

Ein ironischer Kommentar zur These, es käme auf den Lehrer an.
Hattie im Spiegel-Interview

Update 15.3.13: Der Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer aus Oldenburg bemängelt die fehlerhafte Rezeption Hatties in Deutschland (FAZ, 15.3.13, p 7: “Hausaufgaben sind keineswegs sinnlos). Davon ist bedenkenswert, dass das Ranking von wirksamen Faktoren in dem einen oder anderen Fall kritisch gesehen werden kann: Z. B. die Schädlichkeit von Sommerferien. Sommerferien hätten auch positive Effekte. Was die angeblich wenig wirksamen Hausaufgaben angehe, so nähme deren Wirksamkeit im Laufe der Schulzeit zu. Nun hat Hattie selbst davor gewarnt, einzelne Faktorenwerte zu überinterpretieren. Stattdessen seien die Faktoren in einem Zusammenhang und ihrer Wechselwirkung zu sehen.

Gegen Hatties Betonung der Lehrerrolle wendet Zierer ein, der Schüler selbst sei der wichtigste Faktor. Bildung sei ein intrapersonaler Prozess. Jeder Mensch müsse sich fragen: “Was habe ich aus mir gemacht?” und nicht “Was wurde aus mir gemacht?”

 

 

Neue Grundschulstudie: Wann endlich liefert die Bildungsforschung?

Zum Beitrag vom 4. 10. über den Aufsatz von Martin Fromm passt die neue Grundschulvergleichsstudie gut. Seine Beobachtungen, wie solche Studien rezipiert werden, trifft wieder voll zu. Jeder macht sich seinen Reim und behauptet als Ursache das, wovon er/sie sowieso schon immer überzeugt war. Kaum ist das  Papier trocken bzw. die Webseite freigeschaltet, weiß jeder, woran schlechte Ergebnisse im Rechnen, Lesen und Zuhören(!) liegen: GEW: zu große Klassen, CDU Berlin: Jahrgangsübergreifender Unterricht, ein Prof.: Zu wenig Individualisierung, weiterer Prof: In Hessen wird zu viel gespielt, noch ein Prof.: In Berlin ist die Früheinschulung schuld, die brandenburgische Kultusministerin: Mehr Bildung in der Kita nötig, also zwischen 0 und 3.

Wenn man eine Bandbreite von je 10 Punkten um die bundesdeutsche Durchschnittspunktzahl als nicht-signifikante Abweichung zulässt, liegen Zweidrittel der Bundesländer im Durchschnitt, Bayern deutlich drüber, Hamburg, Bremen und Berlin drunter.

Die Studie wird als IGLU-Nachfolger gehandelt. Vergleichbar sind die Ergebnisse allerdings nicht. Bei der neuen Studie wurden die Aufgaben auf der Basis deutscher Bildungsstandards entworfen. Also mal wieder etwas Neues. Das beruhigt mich. Denn warum sind Hessens Grundschüler seit IGLU “schlechter” geworden? Angeblich sollen  die IGLU-Forscher seinerzeit selbst darauf hingewiesen haben, dass Hessens Schüler gut lesen, weil sie viele Schulbibliotheken haben. Wurde jetzt eine andere Lesekompetenz gemessen? Haben etwa die hessischen Schulbibliotheken versagt?

Es wird Zeit für eine bessere Bildungsforschung. Weiterlesen

PISA: Warum Politiker zu blindem Aktionismus neigen

Aus: PISA: Die Ursachen. Und andere Geschichten, von Martin Fromm (2002?):

Ziemlich einleuchtend beschreibt Martin Fromm den verfehlten Umgang mit PISA-Ergebnissen:

“Sie (i. e. Politiker und wissenschaftliche Gutachter; GS)  stellen  die  falschen  Fragen,  weil  die  Fragen,  die  dann  in  Form  von Forschungsprogrammen  vorgegeben  werden,  sich  an  dem  orientieren,  was alltagstheoretisch das Problem zu sein scheint und sich nach außen plausibel darstellen lässt. Entsprechend fallen den an der bildungspolitischen Diskussion Beteiligten vorzugsweise solche Ursachen für die PISA-Misere ein, die
zum eigenen Programm passen – und für die es handliche Maßnahmen gibt: Medien-Schelte,  Appelle  an  die  Eltern,  Einrichtung  von  Ganztagsschulen usw.

Sie denken in den falschen Zeiträumen, weil Maßnahmen schon vor der Klärung  des  Problems  verkündet  und  vorbereitet  werden.  Sie  erwarten die falschen Antworten, wenn sie Bestätigungen für ihre alltagstheoretisch vorgefassten  Einschätzungen  erwarten,  der  Brauchbarkeit im aktuellen politischen  Verwertungskontext und der  Akzeptanz in der Bevölkerung oberste Priorität einräumen.”

Besonders lesenswert: S. 8 unten bis S. 15 (Seitenzählung im pdf): Fromm, PISA: Die Ursachen und andere Geschichten

 

Marion Bradys Reality-Based Learning

Herzerfrischend: Marion Bradys Reality-Based Learning. Schon bemerkenswert, dass das, was seit dem Humanismus bis Neill und Illich als Schul- und Unterrichtsreform gefordert und auch immer wieder praktiziert wird, auf Englisch aus USA zurückkommt zu uns, die wir Unterricht glauben zu verbessern durch Bildungsstandards, Kompetenzmodelle und Referenzrahmen für jedes Fach, jede Schulform, jeden Jahrgang und sogar für fachunabhängige Performance-Standards, auch wiederum für jedes Schuljahr (Kindergarten nicht vergessen!) und jede Schulform, jetzt auch mit “nachhaltigen Kompetenzen”, wie ich gerade irgendwo gelesen habe. Es entstehen, wenn das alles einmal im Hinblick auf Messbarkeit mit standardisierten Tests á la PISA durchoperationalisiert und sequenziert sein wird, haufenweise Kerncurricula und Lernmatrizen. Dass Unterricht dadurch besser wird, lebensnäher und für Schülern/-innen “nachhaltiger”, darf bezweifelt werden.

In USA ist es viel schlimmer mit der Testeritis, wir sind erst auf dem Weg dahin. Über dem Hype um messbare Kompetenzen und Standards geht verloren, was guter Unterricht und wie gute Lehrer sein sollten. Unterricht besteht in der Folge nur darin, für den Test zu lernen. Das häufige Auftauchen von “Selbstlernzentren” weist in dieselbe Richtung.

Brady setzt den alten pädagogischen Anspruch um, in und an der Realität zu lernen: Hinauszugehen, zu pflanzen, zu bauen, die Stadt zu erkunden, Menschen zu befragen, die Sachen zu untersuchen. “Realbegegnung” sagte man in der vordigitalen Pädagogik dazu. Das Einfache, das schwer zu machen ist.

Oh, Wunder, die Wiesbadener Helene-Lange-Schule, in der auch so gelernt wurde, hat hervorragende, “finnische” PISA-Werte. Die PISA- und Kompetenzforschung ist aber für die einschlägigen Hochschulen, Institute und Firmen arbeitsplatzsichernder und umsatzfördernder als Lehrer/-innen das Handwerk des Unterrichtens in außerschulischen und fächerübergreifenden Projekten beizubringen.

Marion Brady hat die verschiedensten Tätigkeiten im Erziehungsbereich wahrgenommen, Lehrer, Dozent, Lehrbuchautor, Publizist. Er ist Ruhestand und lebt in Florida.
Auch lesenswert: Ein aktueller Artikel von Brady, in dem er eine grundlegende Schulreform fordert.

Neuer OECD-Alarm wird gelassen aufgenommen

Der OECD-Bildungsbericht 2011 zeigt für Deutschland wieder angeblich erschreckende Ergebnisse, wenn man die Maßstäbe der OECD-Bildungsökonomen anlegt, die mit ihren Leistungsvergleichsstudien normieren, wie Qualität von Schule, Universität und Berufsausbildung zu bewerten ist. Man scheint man aber gelassener mit dem OECD-Alarmismus umzugehen als früher.

Es sind die altbekannten Indikatoren: Weiterlesen