Schulprogramm. Gibt es das noch?

Manche Kollegien waren jahrelang damit beschäftigt, ihrer Schule ein Programm zu geben.Die Idee stammt aus der Unternehmensberatung und wurde eingeführt, als es darum ging, Schulen flott zu machen für die von der OECD vorgegebene Bildungspolitik. Man brauchte Instrumente, um Schulen dazu zu bringen, sich selbstständig weiterzuentwickeln, ihre Entwicklungsziele zu formulieren, ihre Maßnahmen, die sie dahin bringen sollten. Das Schulprogramm diente der Evaluation der Ziele, sowohl für die Schule selbst als auch für die Schulaufsicht, die sich gleichzeitig davon entlastete, die Schule bis ins kleinste Detail zu reglementieren.

Die Arbeit am Schulprogramm war zeitintensiv, sie musste neben dem Schulalltag geleistet werden. Was da gemacht werden sollte, war auch nicht überall klar. Manchmal wurde die Pädagogik neu entdeckt und hehre Grundsätze von Hugo Gaudig bis Iwan Illich zum Programm gemacht. Vielfach aber geriet es zu einer kleinen Kulturrevolution: Zum ersten Mal in ihrem Berufsleben waren Lehrer/-innen gezwungen, sich über ihre Arbeit zu verständigen, ihr Selbstverständnis zu diskutieren und Vereinbarungen zu treffen, die ihren eigenen Unterricht und ihren Umgang mit den Schülern betrafen. Da gab es erhebliche Widerstände: “Ich lasse mir doch nicht vorschreiben…”. “Das werde ich so weitermachen, egal. was die Gesamtkonferenz beschließt.” Wer auf einem Elternabend einmal erlebt hat, dass vier Lehrer vier verschiedene Verfahren haben, Hausaufgaben zu kontrollieren, zu bewerten und Eltern über nicht gemachte zu informieren, weiß, dass Schule ein Arbeitsplatz für Individualisten war. In manchen Kollegien gab es jetzt Aufbruchstimmung und ein verändertes pädagogisches Klima.

Ich kam an eine Schule, an der mein Vorgänger in der Schulleitung die Schulprogrammarbeit an die Wand gefahren hatte. Während die anderen Schulen drei Jahre daran gearbeitet hatten, musste ich jetzt binnen eines Jahres ein Programm mit dem Kollegium erarbeiten. Es gab keinen Pardon von der Schulaufsicht. Es gelang! Während viele Schulen das Programm zurück bekamen und Änderungen vornehmen mussten, war man mit unserem zufrieden. Ich denke gerne daran zurück.

Den Schulbibliotheken haben wir in Hessen geraten, sich an dieser Programmdiskussion zu beteiligen. Es war eine einmalige Chance, die Aufgaben und Ziele der Bibliothek zu formulieren, ins Programm einzubringen und verbindlich für das Kollegium zu machen.

Der Wikipedia-Artikel scheint ganz brauchbar zu sein.

Jetzt fragt meine Frau gestern während des Fernsehabends plötzlich und ohne erkennbaren Anlass: “Was ist eigentlich aus den Schulprogrammen geworden?” Das würde mich auch interessieren.

Um Studiengebühren wird erbittert gestritten

Das könnte vorbei sein. Nachdem es wissenschaftliche Studien gibt, die den Nutzen belegen und solche, die nachweisen, dass sie schädlich sind, gibt es jetzt eine Studie, die zu dem Ergebnis kommt, dass sie nicht viel schaden, aber auch nicht viel nützen.

Weder studieren nur noch Student/-innen aus wohlhabenden Familien, noch verbessert sich die Lehre an den Unis wesentlich, wenn es Einnahmen aus Studiengebühren gibt.

Siehe Spiegel Online

Room to Read: Modell für Deutschland?

Ende 2012 las ich erstmals von ihm: Der Microsoft-Manager John Wood verließ 1989  den Konzern und gründete das Projekt”Room to Read”.

Er schrieb das Buch “Leaving Microsoft to Change the World”. Es wurde in 16 Sprachen übersetzt. Oprah Winfrey lud ihn in ihre Talkshow ein und Bill Clintons “Global Initiative” und eine Unternehmensberatungsfirma unterstützten ihn. In mehr als zehn Jahren gelang es ihm, Geld und Unterstützer zu finden, die in ausgewählten Entwicklungsländern Bücher für Kinder einführten, (Schul-)bibliotheken und Schulen bauten, Lehrer und Bibliothekare für das Lesenlernen (literacy) qualifizierten, die Unterstützung lokaler Behörden fand. 15.000 Büchereien wurden bisher eröffnet, 14 Millionen Bücher zur Verfügung gestellt, fast 10 Millionen Kinder wurden erreicht.

Wäre das nicht ein Modell für Deutschland?

UNICEf, OECD, die empirische Bildungsforschung und die Sozialverbände stellen doch, teilweise seit Jahrzehnten, fest, dass es immer mehr in Armut lebende Kinder in Deutschland gebe, dass die Schüler/-innen aus sozial schwachen Familien nicht hinreichend gefördert werden und die soziale Ungleicheit sich auch in den Biuldungschancen manifestiert. (Stärker als in anderen Industriestaaten.) Das Bundeswissenschaftsministerium gibt Millionen € an Forscher/-innen, die diesen Zustand wieder und wieder vermessen.

Die Alternative: Einfach so anfangen, wie John Wood es in Nepal, Laos, Kambodscha und Südafrika gemacht hat. Und nicht länger abstrakte Parolen wie “Mehr Geld für Bildung” oder neue Studien über schwache Schulleistungen.

Wäre es nicht an der Zeit, John Wood und sein brilliantes Team einzuladen?

Berliner SPD erklärt Privatschulen den Krieg

schreibt der Tagesspiegel.

Ähnlich wie schon Brandenburg will der Senat die Zuschüsse an Privatschulen kürzen. Die nicht sehr erfolgreiche Berliner Schulpolitik bringt viele Eltern dazu, weder Kosten noch Fahrweg zu scheuen, um ihren Nachwuchs in Privatschulen anzumelden. Dem soll ein Riegel vorgeschoben werden.

Es ist erstaunlich, wie groß die Staatsgläubigkeit (geworden) ist. Die riesenhafte Verschuldung gerade der staatlichen Landesbanken in der Finanzkrise, jährlich 30 Mrd Fehlleitung öffentlicher Mittel bei Investitionen (laut Bundesrechnungshof), die krachende Pleite eines deutschen Staates, in dem alles verstaatlicht war, nichts von alledem macht misstrauisch gegenüber dem Glauben, dass der Staat es billiger, besser und korruptionsfreier machen könne.   

Kurswechsel bei der OECD: Duales Berufsbildungssystem ist jetzt klasse!

Jahrelang wurde Deutschland von den Bildungsexpert/-innen der OECD wegen des dualen Ausbildungssystems gerügt. Erst wenn auch Krankenschwestern und Zahntechniker ihren BA machen müssen, kann Deutschland wohl Anschluss an das angelsächsische Bildungssystem gewinnen. Unterdessen hatten sich zahlreiche Länder für das duale Ausbildungswesen Deutschlands interessiert. Jetzt gibt die OECD ihren Widerstand auf.

Lehrer zu Lernbegleitern

Baden-Württemberg schneidet bei den OECD-Leistungsvergleichen immer bestens ab. Dennoch wollen die Grünen das Schulsystem umbauen. Dabei geht es nicht nur um die Reaktion auf den demographischen Wandel, d. h. Schulschließungen im ländlichen Raum zu organisieren. Es soll auch eine neue Lernkultur eingeführt werden. Federführend ist ein Schweizer Bildungsunternehmer, Peter Fratton. (Die Ergebnisse seiner 14 teuren Schweizer Privatschulen sind umstritten.) Sein bildungspolitisches Credo besteht in vier “Urbitten” der Kinder:

  • Bringe mir nichts bei, sondern lass mich teilhaben
  • Motiviere mich nicht, aber dich
  • Erkläre mir nicht, gib mir Zeit zu erfahren
  • Erziehe mich nicht, sondern begleite mich

Entsprechend steuern die Schülerinnen und Schüler ihr Lernen selbst, in Lernbüros, mit Checklisten und Kompetenzrastern, mit Lernpäckchen an Lernstationen.

Lehrer bringen nicht mehr bei, sondern werden Lernbegleiter, Schüler sind Lernpartner. Individualisierung entsteht so scheinbar automatisch, da jeder sein Lernpaket für sich abarbeitet, wobei die Besseren die Schwächeren unterstützen sollen, also kooperatives Lernen inszenieren sollen.

Ministerpräsident Kretschmann kann mit diesem konstruktivistischen(?) Konzept 11.000 Lehrerstellen einsparen.

So soll es werden, wenn man Prof. Matthias Burchardt von der PH Ludwigsburg glauben darf, der dies in der FAZ v. 10.5.13 berichtet.
Siehe auch 2010 im Blog!

Update 28.5.13: Der Bildungsfachmann Peter Fratton, der bisher die baden-württembergische Landesregierung bei der Schulreform beraten hatte, hat sich von seinem Auftrag entbinden lassen. Er berät nur noch eine Schule, die nach dem Vorbild seiner Schweizer Privatschulen arbeitet.

Die CDU-Landtagsfraktion fragt nach seiner Rolle bei der Schulreform und nach der seiner Frau, die ein Unternehmen für Schulausstattung leitet.

Nachtrag 10.7.13: MP Kretschmann hat sich skeptisch zu Frattons Thesen und seinem Lernbegleiter-Konzept geäußert.