200 Bibliothekslehrer in Südtirol ausgebildet

In Südtirol werden Lehrkräfte für die Leitung von Schulbibliotheken weitergebildet. Sie müssen in einem Portfolio dokumentieren, dass sie kompetent in Sachen Leseförderung, Unterricht in der Bibliothek und Recherchetraining sind. Bei ersterem und letzterem habe ich mehrmals mitwirken dürfen. Als Mitglied der Prüfungskommission konnte ich lesen, welche hervorragenden Praxisbeispiele entstanden sind. (Die besten tauchen in Broschüren des Bozener Pädagogischen Instituts auf.)

Leider muss man sagen: “…wurden ausgebildet.” Das Land hat inzwischen ausreichend viele  für die 204 Schulbibliotheken und stellt die Lehrgänge erst einmal ein.

Ein Vorschlag: Die Freundinnen und Freunde in Südtirol bauen ihre Position als schulbibliothekarisches Mekka aus und veranstalten einen Schulbibliothekstag der besonderen Art, kleine, feine Tagungen für fortgeschrittene Schulbibliothekare und Schulbibliothekarinnen.

Im Herbst, auf der IASL-Konferenz  in Abano Terme, könnte man doch  darüber reden.  Vor etlichen Jahren fand zur Leseförderung einmal eine hochkarätige Veranstaltung statt, die Maßstäbe setzte.

Zur Pressemitteilung der Südtiroler Landesregierung

Update: Die 200 Lehrer/innen sprechen sich in Deutschland herum. 5 Tage nach obigem Eintrag war dies auch einem führenden bibliothekarischen Weblog, der i.d. R. umfassend und detailliert berichtet, der Erwähnung wert. Es fehlte nur der Hinweis, dass es sich dabei um Lehrer handele.

Um wieder zu Südtirol zurückzukommen:

Dort wollten die Vertreter des öffentlichen Bibliothekswesens ursprünglich die Entstehung des Schulbibliothekswesens verhindern.

Schulbibliothekstage allerorten

Der Knoten ist geplatzt:

Kaum ist der 19. Hessische Schulbibliothekstag vorbei, hört man von einem 1. Bayerischen Schulbibliothekstag. In Brandenburg/Berlin findet 2009 schon der 2. Schulbibliothekstag statt. In Schleswig-Holstein gibt es den 1.  Auch in anderen Bundesländern wird geplant.

In Österreich gab es 2007 in Wels eine Großtagung, zu deren Vorbereitung auch Kontakte zwischen österreichischen und hessischen Kollegen, u. a. auf der Leipziger Buchmesse, beitrugen.

Im Rückblick erscheint es mir als ein kleines Wunder, dass es in Hessen zwei Jahrzehnte gelang, jeweils eine Schule mit (vorzeigbarer) Bibliothek und einer großen Aula zu finden. (Zweimal mussten wir für das Plenum in eine benachbarte Stadthalle ausweichen. Übrigens kostenlos! In Potsdam kosten sogar Schulen! ) Auch für 2011, für den 20. Kongress, wurde wieder eine gastgebende Schule gefunden!

Hat die wachsende Zahl von Schulbibliothekstagen etwas damit zu tun, dass die Strategie der Bildungspartnerschaft “Bibliothek und Schule” ihren Praxistest nicht bestanden hat, weil die Schulbibliotheksidee nicht so einfach zu beerdigen ist?

Schön wäre es, wenn die neuen Schulbibliothekstage nicht zu Verkaufsveranstaltungen der ekz und ihrer Tochterfirmen gerieten.

Nachtrag vom 14.9.09:

Über drei Ecken erreicht mich eine Notiz, dass es auch in NRW einen Schulbibliothekstag geben werde.

Zu NRW gibt es  eine für das deutsche Schulbibliotheken typische Geschichte: Es war vor vielen, vielen Jahren, da wurde die hessische LAG mit Fragen gelöchert. Keine Autostunde von einer der hessischen Modell-Schulbibliotheken entfernt, erkundigte sich ein Lehrer aus NRW telefonisch, wie man eine LAG gründe. Dann hörten wir nie mehr von ihm. Die Sekretärin der Schule, an der er arbeitete, ließ ihn ausrufen, musste aber immer bedauern, dass sie ihn nicht erreiche, obwohl er im Haus war. Ein Rückruf geschah nie.

Dann lasen wir verblüfft, dass es in NRW kein Podium zum Thema gab, auf dem er nicht saß. Auf seiner Website stand bis vor kurzem die Ankündigung eines Schulbibliothekstages für das Jahr 2002 0der 3.

Jetzt ist anscheinend frischer Wind aufgekommen. Den faktischen Ein-Mann-Betrieb scheint ein normaler Vorstand übernommen zu haben, drei Diplom-Dibliothekare und eine Lehrerin als Kassenwartin. Eine neue (leere) Website gibt es und ein Schulbibliothekstag werden angekündigt. Der fünfte, so heißt es, in NRW!

So lebt man nebeneinander her.

Wir wollen nicht nachtragend sein, obwohl auch die Neuen nicht sehr kontaktfreudig zu sein scheinen. Hier sind das Programm und ein Link:

„Von der Medienbox zur Lesenacht – Spiralcurriculum in der Schulbibliothek“, „Neue Ideen für Klassenführungen“, „Leseförderung für Migranten“, „Präsentation aktueller, attraktiver Kinder- und Jugendbücher“, „(Schul-)Bibliothekarisches Grundwissen“, „In der Schule ankommen – Angebote der Schulbibliothek verankern“, “Die Schulbibliothek als unterrichtlicher Lernort im schulischen Alltag“

Kontakt (Die Tagung war am 14.9. nicht auf der Website.)

Bericht vom Kieler Schulbibliothekstag

Nashville, TN: Stadtbibliothek soll die Schulbibliotheken übernehmen

In Nashville hat der Bürgermeister auf einer Pressekonferenz vorgeschlagen, dass die Stadtbibliothek sich um das Schulbibliothekssystem der Stadt kümmert (137 Schulen, 200 Angestellte).

Für den Bürgermeister ist Schule ein wichtiges Thema geworden, da die die Stadt zu wenig Fortschritte im nationalen “No Child Left Behind”-Programm macht. Außerdem könnte ein gemeinsamer Medieneinkauf für die Sekundarstufe Synergieeffekte bewirken. die Stadtbibliotheksdirektorin weist auch darauf hin, dass dadurch ein Zugang zu den OPACs der Stadtbibliothek und der Universitätsbibliotheken möglich wäre.

Erwartet wird außerdem, dass durch die Übernahme der Schulbibliotheken in die Regie der Statbibliothek die Schulbibliotheken nachmittags länger geöffnet bleiben und das außerschulische Angebot der Stadtbibliothek für Teenager auf alle Schulbibliotheken ausgeweitet wird.

Vertreter des städtischen school boards (Ein entsprechende Einrichtung gibt es in Deutschland nicht) begrüßen die Fusion, wenn sie eine Qualitätssteigerung für die Schulbibliotheken bringe und die Schulbibliotheken nachmittags zu soziokulturellen Zentren würden.

Sie hätten sich nur gewünscht, dass der Bürgermeister vor der Pressekonferenz auch einmal mit Ihnen darüber geredet hätte. Der Bericht auf der Internetseite des US-bibliotheksverbandes hier.

Egal, wie die Begleitumstände sind: Das hört sich anders an als die Kooperationsverträge des dbv mit einigen Kultusministern. Darin kommen Schulbibliotheken so gut wie nie vor.

Zur Zusammenarbeit von Schule und Bibliothek

In seinem anregenden Blog „Bildung und gutes Leben” referiert Karsten Schuldt eine Studie über die Zusammenarbeit von Bibliothek und Schule.

Seine einleitenden Bemerkungen zur Bildungspartnerschaft von öffentlicher Bibliothek und Schule enthalten treffende Beobachtungen zur Strategie des dbv:

„…dass für Öffentliche Bibliotheken die Kooperation mit möglichst vielen unterschiedlichen Einrichtungen und gesellschaftlichen Initiativen notwendig ist, um ihre gesellschaftliche Funktion zu erfüllen: in der Realität wird doch meist mit Schulen kooperiert. Das ist kein deutsches Phänomen, obwohl es schon etwas Besonderes ist, dass diese Fixierung auf Schulen als Kooperationspartner nicht, wie in vielen anderen Staaten, auf einem funktionierenden Schulbibliothekssystem basiert…”

Das Referat über die Studie von Patricia Monteil-Overall “Toward a Theory of Collaboration for Teachers and Librarians” trifft aber das erwartete Thema nicht so eindeutig, wie es die Einleitung erwarten lässt.

Monteil-Overall sieht die höchste Form der Zusammenarbeit von Lehrer und Bibliothekar, wenn sie in der Schule/Schulbibliothek durch Kooperation bei Planung und Durchführung von Unterricht stattfindet. (s. auch in diesem Blog die Artikel pädagogische Wende und große Unterrichtsvorbereitung.)

Sie spricht nicht von Lehrer und Bibliothekar, sondern von teacher und school library media specialist (slms), also den Schulbibliothekar/inn/en und den Fachlehrkräften. (Manchmal schreibt sie auch nur library media specialist, aber das wird in USA synonym oder jedenfalls im Zusammenhang mit Bildungsinstitutionen wie Schule und Universität verwendet.)

Wenn dies mit Bildungspartnerschaft Bibliothek und Schule gemeint ist, wäre das ok. Ich bezweifle, dass in Deutschland mit Bildungspartnerschaft Bibliothek und Schule die enge alltägliche Zusammenarbeit von Fachlehrer und Schulbibliothekarin gemeint ist.

Wäre ein Denken in diesem Bezugssystem aber sinnvoll? Trifft in der Rolle des slms wirklich Bibliothek auf Schule oder ist die/der slms nicht viel mehr ein schulpädagogischer Spezialberuf?

Schon das Ausbildungcurriculum der Stuttgarter Bibliothekshochschule sah für die -eingestellte- Ausbildung zur Dipl. Bibl.in mit Schwerpunkt Schulbibliothek mehr als zwei Drittel pädagogische Lehrinhalte vor.

Lesen wir den Artikel so, dass den Strategen bei Bertelsmann und dem dbv durch diese subversive Argumentation klar gemacht werden soll, dass sie mit ihrem Begriff von Bildungspartnerschaft auf dem Holzweg sind.

Auf jeden Fall stimme ich Karsten Schuldt zu, dass das Feld der Zusammenarbeit von Lehrer und Schulbibliothekar, von Schule/Schulbibliothekar und öffentlichem Bibliothekar ein Forschungsfeld für die Bibliotheks- und Informationswissenschaftler sein könnte.

Die Erziehungswissenschaftler lassen die Schulbibliothek ja links liegen, wie wir aus Bildungsberichten und Kompetenzstudien wissen. Oder sie kommen zu Untersuchungsergebnissen, bei denen die Klassenbibliothek wichtiger erscheint als die Schulbibliothek.

NRW Kongress Lesen.Lernen

Das von der Bertelsmann-Stiftung angeregte NRW-Projekt “Bildungspartner NRW Bibliothek und Schule” hat die Dokumentation seines Kongresses vom November 2007 ins Netz gestellt. (Den Hinweis verdanke ich Karsten Schuldt.) Das eine oder andere Lesenswerte für Schulbibliotheksmenschen ist sicher dabei, auch wenn, wie bei der Stiftung inzwischen üblich, das Wort Schulbibliothek so gut wie nicht mehr vorkommt. (Vorsicht: Es kommt vor, aber es handelt sich fast ausschließlich um Links, darunter auch zur LAG Schulbibliotheken!)

Letztlich aber, wie schon beim Vorgängerprojekt “Schule und öffentliche Bibliothek” und den Vorvorgängerprojekten (Ich finde gerade keinen Link, aber es gibt eine Fülle von Publikationen zum Thema Bildungspartnerschaft bei der Stiftung und der NRW-Landesregierung.), ist es verblüffend, unbefriedigend und ärgerlich:

Was da von Professoren, Medienberatern, Staatssekretären in Hochglanzbroschüren vorgestellt wird, sind Sachen, die es schon lange gibt: Bücherkisten, Bibliotheksführungen, Lesenächte. Sie heißen jetzt etwas flotter: Medienkiste, Bibliotheksrallye. Wenn alles über die Schuljahre verteilt gemacht wird, heißt es Spiralcurriculum. Und wissenschaftliches Begleitmaterial (Umfragen zu Nutzerverhalten, Kundenorientierung, Vorher-nachher-Messungen) wird mitgeliefert.

Sehen wir es positiv: Erst wenn die Sache durch diese Vernetzungsprojekte geadelt ist, wird sie in der Öffentlichkeit und bei den “Entscheidungsträgern” wahrgenommen.

Jedenfalls haben wir in Hessen in den letzten 20 Jahren nichts falsch gemacht: Die exzellente Autorin und Leseförderexpertin Gudrun Sulzenbacher wurde zu dem Kongress eingeladen. Bei der LAG in Hessen war sie schon oft.

Man kann von Glück sagen, dass Lesenacht und Medienkiste in Gütersloh nicht zum Patent angemeldet wurden.

Dennoch, nicht “Zusammenarbeit Schule und Bibliothek” sollte es heißen, sondern “Zusammenarbeit Schulbibliothek und öffentliche Bibliothek”. Die Unternehmensberater des Bibliothekswesens, die mit jenem Titel eine Marketing-Strategie erfunden haben, die Kundenzahlen, Ausleihkennziffern und die Finanzierung öffentlicher Bibliotheken verbessern soll, überheben sich und überfordern die Bibliothekarinnen und Bibliothekare. Der Tanker Schulwesen mit 11 Millionen Schülerinnen und Schülern, 800.000 Lehrerinnen und Lehrern, 500.000 Schulklassen und 35.000 Schulen soll über Kooperationsverträge zur Bildungspartnerschaft mit nicht ganz 2000 hauptamtlich geleiteten öffentlichen Bibliotheken gewonnen werden. Lassen wir die Zahlen sprechen… Den Rest besorgen die Bibliotheksdezernenten der Städte und Gemeinden, wenn Ihnen und ihren Juristen verbindliche Kooperationsverträge vorgelegt werden.

Die Schulen dürsten nach Schulbibliotheksinformationen, das erfahren die LAG-Schulbibliotheksberater tagtäglich, die Anfragen kommen aus dem ganzen Bundesgebiet. Wir freuen uns, dass unsere Idee eines regelmäßigen Schulbibliothekskongresses in anderen Bundesländern aufgegriffen wird, dass es mehr Landeslizenzen für Katalogsoftware gibt.

Wir brauchen die Zusammenarbeit mit den öffentlichen Bibliotheken, wir brauchen schulbibliothekarische Arbeitsstellen in Stadtbibliotheken und Kreis-Medienzentren. Wir brauchen dort und in großen Schulbibliotheken Diplom-Bibliothekare und -Bibliothekarinnen mit schulpädagogischen Kompetenzen.

Was wir nicht brauchen, sind Lobbyisten, die von Wildwuchs reden, wenn sie Schulbibliotheken in Deutschland meinen.