Bibliotheken als Kompetenzzentren?

In der taz soll es eine Artikelreihe zu Bibliotheken geben. Heute wurde damit begonnen.

Ich bin im Zwiespalt bei solchen Artikeln. Einerseits sind die öffentlichen Bibliotheken Stiefkinder der Kulturpolitik und ich gönne ihnen Aufmerksamkeit und Zuwendung. Sie haben allerdings auch oft ihre Modernisierung verschlafen. (Man sollte einmal die Loccumer Protokolle 53/91 über den “Kommunikationsort Stadtbibliothek” nachlesen.) Jetzt gerät die Institution durch die digitale Informationsflut ins Wanken.

Andererseits: Die Bibliotheksverbände suchen ihr Heil nicht mehr in der Kulturpolitik, sondern in der Bildungspolitik.

Die meisten Lehrer interessieren sich allerdings nicht dafür, was in bibliothekarischen Fachzeitschriften, Blogs und Pressemitteilungen steht. Sie würden sich wundern, wenn sie läsen, wie man da mit Spiralcurricula und Bibliotheksführungen, Spitzengesprächen zwischen Bibliotheksfunktionären und Bildungsstaatssekretären, Kooperationsverträgen und Bibliotheksgesetzen in den Bildungssektor drängt. Mit dieser Strategie walzen sie die zaghaften Ansätze zu einem pädagogischen Verständnis von Schulbibliothek nieder.

Ich greife zwei längere Zitate aus dem o.a. Artikel heraus (weiter untern, fett gedruckt):

Es ist unbestritten, dass leider immer zuerst bei öffentlichen Bibliotheken gespart wird. Das hat auch bildungsgeschichtliche Gründe. Einen Palast für die Stadtbibliothek haben die New Yorker gebaut. Das deutsche Publikum fährt nach Weimar oder St. Gallen, wenn es eine Palastbibliothek sehen will. Die öffentlichen Bibliotheken erfreuen sich dieser Wertschätzung seltener.

Es ist weiterhin verständlich, wenn Bibliothekare nach einem veränderten Berufsbild in einer digitalen Welt suchen. Nun haben Unternehmensberater und PR-Agenturen den zahlreichen Bibliotheksverbänden in Deutschland geraten: „Rein in die Schule!“ Das ist nicht wörtlich gemeint, sondern die öffentliche Bibliothek bietet sich als „Bildungspartner“ an.

Während die Bildungsforscher noch rätseln, was bei PISA eigentlich gemessen wird und warum, wissen die Bibliotheksfunktionäre schon die Lösung: Gegen schlechtes Abschneiden in Schulleistungsvergleichen hülfe der Bildungspartner Bibliothek. Man muss nicht mehr genauer hinschauen, wie eng Bibliothekssysteme mit Schulunterricht in PISA-Siegerländern korreliert sind. Wenn die Behauptung auf jedem Bibliothekskongress, in Talkshows und jetzt auch in der taz nur oft genug wiederholt wird, glaubt das Publikum am Schluss daran.

Eine weitere Argumentationskette hängt mit Medien- und Informationskompetenz zusammen. Schulen arbeiten an Medienentwicklungsplänen. Ihre Medienausstattung ist, kaum ausgepackt, schon veraltet. Haben die Lehrer gestern noch gelernt, wie man einen 16mm-Film korrekt in den Projektor einlegt, laden sie heute den Videoclip über Schildvulkane auf ihren USB-Stick. Gewiss tun das noch nicht alle, einige hängen noch am Videorecorder und machen einen Bogen um den Beamer.

Das Verständnis für die Nöte öffentlicher Bibliotheken und Bibliothekare schwindet aber angesichts solcher Präpotenz:

“… Dabei stellen Bibliotheken das bereit, was so dringend gebraucht wird: Informations- und Medienkompetenz. Bibliothekare sind längst nicht mehr nur die Wissensverwalter des vordigitalen Zeitalters, sie wissen, wo man welche Information finden kann und wie welche Informationen zu bewerten sind. Ein Wissen, was heute schon früh gefordert wird. So stehen an Deutschlands Schulen schon von der ersten Klasse an Referate und das Gestalten von Themenplakaten auf der Tagesordnung. Dass man heute die nötigen Hintergründe zunächst im Internet sucht, ist eine Selbstverständlichkeit. Aber kaum jemand vermag zu sagen, wie fundiert und sachlich die Informationen sind, die Suchmaschinen wie Google oder Online-Lexika wie Wikipedia auswerfen. Selbst Lehrer geraten bei dieser Frage ins Schleudern. Weil viele Bibliothekare diese Kompetenz besitzen, sind Kooperationen von Bibliotheken und Schulen wichtig.”

Da offenbart sich nicht nur ein Missverständnis darüber, was Schule und Unterricht ausmacht, es ist auch eine maßlose Übertreibung, wenn dem Berufsstand der Bibliothekare Kompetenzen zugesprochen werden, die allenfalls bei einigen wenigen fortgeschrittenen vorhanden sind, und dem Berufsstand der Lehrer auch noch die Eigenschaft des digitalen Deppen der Nation zugesprochen wird. Die Zeiten, in denen Landräte glaubten, populär zu sein, wenn sie Schüler aufforderten, ihren Lehrern den Computer zu erklären, sind vorbei. Man erkannte schnell, dass die so genannte Informationsgesellschaft mehr Kompetenzen erfordert als den Kopierschutz der CD zu knacken oder einen Lehrerwitz auf die Schulhomepage zu stellen. Lassen wir mal die Schule im Dorf: Es gab ein „Offenes Deutsches Schulnetz“, da wusste die Öffentlichkeit noch nicht viel über das Internet. In Hessen hatten Dutzende Schulbibliotheken Jahre vor der Stadtbibliothek Frankfurt/M einen OPAC.

Sollen jetzt Schulklassen etwa in Eberswalde in der Stadtbibliothek Schlange stehen und sich von der Bibliothekarin Filmsprache erklären oder beibringen lassen, wie man einen Fotoroman produziert, wie das mit dem Urheberrecht aussieht und wie man Handys im Englischunterricht sinnvoll einsetzen kann?

Sind die öffentlichen Bibliothekare wirklich die richtige Instanz, allen Schülerinnen und Schülern zu erklären, wie fundiert Google und Wikipedia informieren, wie Internetseiten zu finden sind und wie ihre Qualität zu beurteilen ist?

Da bleiben noch mehr Fragen offen:

  • Haben Bibliothekare überhaupt diese beiden Kompetenzen?
  • Haben Sie darüber hinaus die Kompetenz, diese Kompetenzen zu vermitteln?
  • Gibt es so viele medien-, informations- und unterrichtskompetente Bibliothekare, die Kindern und Jugendlichen dies beibringen können und wollen? Das wäre eine hübsche internetgestützte Rechenaufgabe: Wie viele Schulklassen in Berlin brauchen wie viele kompetente Bibliothekare, um während der Unterrichtszeit wenigstens einmal im Jahr Google erklärt zu bekommen?
  • Da Schulen und Bibliotheken meist zu verschiedenen Gebietskörperschaften gehören: Welcher Bürgermeister oder Stadtkämmerer wäre begeistert, wenn seine Bibliothekarin eine Arbeit verrichtet, die eigentlich vom Kostenträger der Schule bezahlt werden müsste? (Dies ist möglicherweise die Absicht, die hinter diesem Konzept steht: Der Bildungspartner Bibliothek muss aus dem Bildungshaushalt von Landkreis und Land finanziert werden und nicht aus dem Kulturhaushalt der Stadt.)
  • Schaffen sich Bibliothekare nicht allmählich ab, wenn sie Schülerinnen und Schüler zu kleinen Bibliothekaren machen? (Das fragt sich übrigens ein amerikanischer Bibliothekar.)

Bibliothekare und Lehrer müssen anders zusammenfinden.

“Bibliothek und Schule, Schule und Bibliothek gehören zusammen” fasst Frank Simon-Ritz, Direktor der Universitätsbibliothek Weimar und zweiter Vorsitzender des Bibliotheksverbandes zusammen. So wie Universität und Bibliothek. Während niemand auf die Idee käme, diesen Zusammenhang anzuzweifeln, scheint es den lokalen Entscheidungsträgern besonders schwer zu fallen, schulische (Selbst-)Bildung und Bibliotheken zwangsläufig zusammen zu denken.”

Das Problem vieler, oft gut gemeinter Plädoyers für die Zusammenarbeit von Bibliothek und Schule (Bezeichnenderweise immer in dieser Reihenfolge! Die heutige Umkehrung bestätigt die Regel), ist, dass immer nur von der Bibliothek her gedacht wird. Nun sind ja auch „Bildungspartnerschaft“, „Kooperation“ usw. vom Think Tank der Bibliotheken, der Bertelsmann-Stiftung, vorgedacht worden.

Es ist nicht richtig, wenn es heißt, dass es den lokalen Entscheidungsträgern schwer falle, Bibliothek und Schule zusammen zu denken. Im Gegenteil: Kommunalpolitiker hören es gerne, wenn ihnen Bibliotheksfunktionäre raten, statt Schulbibliotheken zu bauen, die Schüler in die öffentliche Bibliothek zu schicken. Ministerpräsidenten schließen reihenweise Kooperationsverträge mit dem Verband der öffentlichen Bibliotheken. Sie verweisen dann auf diese Kooperation, wann sie gefragt werden, wie sie es mit Schulbibliotheken halten.

Das Bild von Universität und Bibliothek, die unzweifelhaft zusammengehören, wird unzulässig verwendet: Die Universitätsbibliothek ist Teil der Universität! Die wissenschaftlichen Bibliothekare arbeiten eng mit den Fakultäten und Fachbereichen zusammen. Sie kennen die Fachliteratur, den neuesten Forschungsstand.

Wie weit ist es verbreitet, dass in schulischen Fachkonferenzen die Bibliothekarin sitzt, dass sie die Lehrer bei der Medienanschaffung berät, dass sie mit dem Geschichtslehrer zusammen das Thema „Mittelalterliche Stadt“ plant und im Team mit ihm im Unterricht interveniert oder selbst unterrichtet? Diese Art der Kooperation haben in der Tat weder die Kommunalpolitiker noch die Funktionäre des Bibliothekswesens im Kopf.

Es ist wieder einmal ein deutscher Sonderweg. Die Schulbibliothek wird nicht als Teil der Schule gesehen. Sie wird nicht als pädagogische Einrichtung gesehen. Sie wird nicht als Lernort für den Fachunterricht gesehen.

Das wird sogar architektonisch augenfällig am Neubau einer Gesamtschule in Hannover. Die Planer reden von pädagogischer Architektur, von Lernlandschaften, Informations- und Begegnungsflächen.

Alle wichtigen Räume und Einrichtungen sind an einer zentralen Verkehrsachse untergebracht, die im Eingangsfoyer beginnt: Aula, Mensa, Caféteria, Computerräume, Freizeitbereich, Schülercafé, Audiovisionszentrum(!). Die Lehrbuchsammlung liegt im Verwaltungstrakt.

Die kombinierte Stadtteil- und Schulbibliothek befindet sich dagegen am Rand der Schule in einem „stadtteilbezogenen“ Komplex mit gemeinsamem separaten Eingang: Theaterpädagogisches Zentrum, Alten- und Jugendzentrum sowie Stadtteilbibliothek. Und auch in diesem Komplex am äußeren Rand.

Preußen hatte in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts einen Rekord zu verzeichnen: In jeder Schule war eine Bücherei. Daran wurde leider nach dem Krieg nicht angeknüpft.

An richtigen Schulbibliotheken interessierte Lehrer und Bibliothekare machen Studienfahrten in Länder mit einem Schulbibliothekswesen, das diesen Namen verdient: Dänemark, Frankreich, Portugal, Südtirol, Österreich und im Großen und Ganzen auch die Schweiz. (Die Aufzählung ist keinesfalls abschließend)

Jedenfalls wäre es toll, wenn die taz eine deutsche New York Times (NYT) werden würde. Meines Wissens gibt es keine Zeitung, die so häufig über Bibliotheken berichtet wie die NYT.

Nachtrag: Meinen Leserbrief hat die taz weder online noch gedruckt veröffentlicht.

Warum Schulbibliotheken kein Thema der Bildungspolitik sind

Auf ihren Wahlplakaten versprechen alle Parteien, mehr für die Bildung zu tun. Das ist verwunderlich, da einige ja an der Regierung sind und schon längst hätten loslegen können.

Allerdings gehören Schulbibliotheken nicht zur versprochenen verbesserten Bildungspolitik. Warum eigentlich nicht?

Mit der Forderung rennt man doch offene Türen ein. Der Bundespräsident ist dafür, auf Podien und in Talkshows erhält das Plädoyer dafür viel Beifall. Die hessische FDP zeigte sogar einmal auf einem Wahlplakat eine Schulbibliothek. Sie war aber nur Hintergrund für den Slogan, dass Bildung ein Bürgerrecht sei.

Die große Zustimmung täuscht. Schulbibliotheken sind kein einfaches Thema. Schlimmer noch, man betritt mit dieser Forderung vermintes Gelände.

Zuerst einmal: Es gibt, das muss auch ein Schulbibliotheksfan zugeben, bedeutendere bildungspolitische Baustellen:

  • Die Verbesserung der frühkindlichen Bildung, wozu auch eine verbesserte Ausbildung und Bezahlung in diesem Berufsfeld gehören.
  • Der tertiäre Bildungssektor bereitet, trotz oder wegen Bologna, große Sorgen.
  • In der Schulpolitik herrscht auch kein Mangel an gravierenden Defiziten: Ganztagsschule, das gegenwärtige Allheilmittel, Lehrer/innenmangel. Manche Schulträger haben anscheinend die Schulgebäude jahrelang verrotten lassen, so dass es jetzt erst einmal um anständige Toiletten gehen muss.

Aber wenn das alles einmal abgehakt sein sollte, fängt es mit dem Kleingedruckten erst richtig an. (Ich habe das  an anderer Stelle ausführlich dargestellt.)

Die Bildungspolitiker und Länderkultusverwaltungen können neue Fächer einführen oder die Lehrer noch länger arbeiten lassen, aber sie können keine Schulbibliotheken beschließen. Weil, um es verkürzt zu sagen, der Staat für Schule verantwortlich ist, die Städte und Landkreise für Bibliotheken, keiner von beiden aber für Schulbibliotheken. Und alle betreffenden Körperschaften sind darüber nicht unglücklich, denn sie sparen Kosten. Dafür gibt es dann und wann eine Urkunde für die Ehrenamtlichen in den Schulbibliotheken, die trotzdem vorhanden sind, weil Eltern und ein paar Lehrer/innen sie für wichtig halten.

Als wäre das nicht schon schlimm genug. Jetzt kommen die Bertelsmann-Stiftung und Bibliotheksverbände ins Spiel, die für „Kooperation von öffentlicher Bibliothek und Schule“ werben. Dabei geht es, was oft übersehen wird, nicht mehr vorrangig um Schulbibliothek, sondern um Bildungsangebote der öffentlichen Bibliothek für Schulen oder was deren Interessenvertreter darunter verstehen.

Für Schulverwaltung und Bildungspolitik ist das eine höchst willkommene Entlastung. Sie haben jetzt eine Adresse, an die sie alle verweisen, die immer noch von ihnen Schulbibliotheken fordern. Exemplarisch hat mir MP Platzeck das so schreiben lassen.

Der Verweis auf das deutschsprachige Südtirol oder neuerdings die deutsche Gemeinschaft in Belgien hilft da wenig. Dort geht es um Minderheiten, die (auch) eine kulturelle Autonomie errungen haben, was erhebliche Mittel zur Pflege kulturellen und sprachlichen Identität beinhaltet.

Nicht zuletzt liegt es auch an der Art, wie Schule in Deutschland immer noch funktioniert: Ein Lehrer, ein Fach, eine Stunde, eine Klasse. Da reicht ein Lehrbuch.

Es bleibt also nichts übrig, als vor und nach den Wahlen in die Hände zu spucken und Schulbibliotheken „von unten“ her aufzubauen.

Bibliotheken und “Risikoschüler” (2)

Ich erinnere mich gerne an die Stadtbibliothek in Sintra (Portugal). Ein schickes Gebäude, lange Abend-Öffnungszeiten, Support für Schulbibliotheken, ein Lesegarten und dort gibt es einen Raum, der auf den ersten Blick wie ein Gruppenraum im Kindergarten aussieht. Kissen, Decken, Kuscheltiere, Spielzeug, Bilderbücher, Malsachen. Im selben Raum ein Regal mit Ratgeberliteratur zur Vorschulerziehung. Ein Kaffeeautomat für Mütter, Tagesmütter oder Nannies ist auch nicht weit weg. (Sicher gibt es das hierzulande auch. Ich habe bisher nur nicht darauf geachtet.)

Die meisten Defizite, die den Schulerfolg beeinträchtigen, entstehen im Vorschulalter. In den fünf, sechs Jahren zwischen Geburt, Krippe und Kindergarten werden die späteren Risikoschüler gemacht. Die Defizite können in der Schulzeit kaum noch abgebaut werden, auch wenn man es versuchte.

Sie liegen vor allem in der  Sprachkompetenz im weitesten Sinn, im Lesen, Sprechen und  Zuhören.

Was für ein Aufgabengebiet für öffentliche Bibliotheken: Aufbau entsprechender Kinder-, Bilder- und Fachbuchbestände, Beratung von Eltern und Erzieher/innen, Vorlesen in der Bibliothek, Schulung im Vorlesen!

Wie man das in USA anpackt, kann man hier lesen.

Leider ist es  hierzulande wieder einmal ganz anders: Bibliotheksführungen für Risikoschüler.



Bibliotheken und “Risikoschüler”

Es gibt ein kjl&m-Sonderheft  Kinder- und Jugendliteratur für Risikoschülerinnen und Risikoschüler?, Aspekte der Leseförderung, hrsg. v. Jörg Knobloch,  kjl&m extra (Kinder-/Jugendliteratur und -medien). München: kopaed 2008.

(Schreckliches Wort: „Risikoschüler”)

Die Zeitschrift, die bemüht ist, Kinder- und Jugendliteratur, Schule und Bibliothek in ihren Spalten zu Wort kommen zu lassen, lese  ich seit einiger Zeit nicht mehr.  Der Grund wird durch das Folgende bestätigt.

In seinem lesenswerten Blog „Bibliotheken als Bildungseinrichtungen” schreibt der Berliner Bibliothekswissenschaftler Karsten Schuldt zu dem Aufsatz der  emeritierten Bibliothekswissenschaftlerin und ehemaligen Vorsitzenden verschiedener Fachverbände des Bibliothekswesens Birgit Dankert in diesem Sonderheft: „Bibliotheken und Schulbibliotheken als Instrument der Förderung von Risikogruppen“.

Frau Dankert mache es sich etwas einfach, ihr Beitrag ginge in keiner Weise auf die anderen Beiträge im Heft ein. Es sei ein routinierter Text, wie er oft zu beliebigen Problemen geschrieben würde, in denen gesagt werde, „dass Bibliotheken an sich die Lösung für ein Problem darstellen, um dann zu fordern, dass es mehr Geld, mehr Bibliotheken und mehr Macht für bibliothekspolitische Vorstellungen geben müsste.”

Als Vorschläge, wie die „schulbibliothekarische Arbeit”  öffentlicher Bibliotheken (Dankert) für Risikoschüler/innen auszusehen hätte, werden aufgezählt: „Klassenführungen, fachbezogene Recherche in der Bibliothek, Medienpräsentationen in der Schule und … Spiralcurricula”.

Worum es Frau Dankert geht, wird auch in Randbemerkungen deutlich: Sie spreche von „seit den siebziger Jahren kontinuierlich geführten bibliothekspolitischen Kampagnen zur Förderung von Schulbibliotheken” Da habe ich etwas übersehen. Auch früher schon las ich von „schulbibliothekarischen Exzellenzen”, die sie in Deutschland zu erkennen glaubte (2. BIB-Bildungsforum Schleswig-Holstein 2006). Nein, Hessen war nicht gemeint!

Das Ärgerliche an kjl&m ist, dass es keinen Dialog zustande bringt, sondern von bibliotheksfachlicher Seite einfach alles unkritisch abdruckt.

Ich kann Frau Dankert nur zur Vorsicht raten: So wie die Kultusminister das Thema Schulbibliothek mit den Kooperationsverträgen entsorgt zu haben glauben, könnte man auch auf die Idee kommen, die Förderschüler und „Risikoschüler” vormittags in die Stadtbibliothek zu schicken. Dann könnten die Leistungsträger unter den Schülerinnen und Schülern ungestört in der Schule den PISA-Testbogen ausfüllen. (PISA-Testsieger Sachsen geht analog vor: Dort gibt es eine fast doppelt so große Zahl an Förderschülern als im Rest der Republik. Die verschlechtern dann nicht mehr die PISA-Bilanz.

Lehrer/innen sind für die Schulbibliothek (und die Nutzung der öffentl. Bibliothek) nur zu gewinnen, wenn sie erleben, dass damit ihr Unterricht besser wird, ihre Unterrichtsvorbereitung erleichtert wird, die Schülerinnen und Schüler besser lernen. Eine alte pädagogische Weisheit besagt, dass man die Schüler da abholen müsse, wo sie sind. Das gilt auch für Lehrkräfte. Statt von den Lehrer/innen zu verlangen, Bibliotheksführungen, -rallyes und Spiralcurricula zu absolvieren, den Bibliotheksbesuch gut vorzubereiten, hinterher zu evaluieren und der Stadtbibliothek zu berichten (So etwas las ich in einem Kooperationsvertrag!), sollten die Funktionäre des Bibliothekswesens ihre Wagenburg „Bibliothek” verlassen und sich in die Niederungen des Lehrer- bzw. Schulalltags und in den „Wildwuchs” (ein  Schulbibliotheksexperte des dbv) des nichtfachlichen Schulbibliothekswesens begeben. Dort kann man herausfinden, was Lehrer/innen brauchen und wie ihnen eine Bibliothek dabei helfen kann. Vor Ort, zwischen Schule/Schulbibliothek und Stadtbibliothek, funktioniert das übrigens schon oft gut.

Die LAG Schulbibliotheken in Hessen kann inhaltlich etwas beisteuern.  Es waren aus der schulischen Problemlage heraus entstandene Lösungsversuche. Eine der Bücherkisten des Projekts „Bibliothek in der Kiste” entstand, weil es ein Problem mit den Seiteneinsteigern der Russlanddeutschen gab. In Zusammenarbeit mit einem Uni-Prof. und Lehrbuchverlagen kam es so zu einem Schränkchen von Büchern mit begrenztem Wortschatz, aber aktuellen jugendgemäßen Themen für die S I. Schreibwerkstätten(!), Lesungen von Autorinnen und Autoren, die sogar in Hauptschulklassen zu faszinieren wissen, Beobachtungen, um herauszufinden, warum Kinder mit dem bekannten „Migrationshintergrund” in die Bibliothek kommen….  Mit Förderschulrektorinnen und -rektoren gibt es immer wieder Beratungsgespräche, wie man in ihren Schulen das Lesen und die Schulbibliothek fördern könnte.

Das Geld für das Abonnement von kjl&m investierte ich in ein neues Kaffeegeschirr für das Bibliotheksteam.

Wie man anderswo mit Riskoschülern umgeht bzw. sie gar nicht erst dazu werden lässt, siehe hier!

Südtiroler Schulbibliotheken: Ein beinahe verhindertes Vorbild

Alle preisen das Südtiroler Schulbibliotheksmodell. Dabei wäre es beinahe schief gegangen. Am Anfang, vor 30 Jahren, standen nämlich Überlegungen, die so ähnlich in Deutschland gerade aktuell sind.

Dass dennoch ein vorbildliches Schulbibliothekssystem entstanden ist, macht Hoffnung.

(Den Hinweis verdanke ich Susanne Drauz. Der Kommentar stammt von mir.)

Siehe auch hier!

NRW Kongress Lesen.Lernen

Das von der Bertelsmann-Stiftung angeregte NRW-Projekt “Bildungspartner NRW Bibliothek und Schule” hat die Dokumentation seines Kongresses vom November 2007 ins Netz gestellt. (Den Hinweis verdanke ich Karsten Schuldt.) Das eine oder andere Lesenswerte für Schulbibliotheksmenschen ist sicher dabei, auch wenn, wie bei der Stiftung inzwischen üblich, das Wort Schulbibliothek so gut wie nicht mehr vorkommt. (Vorsicht: Es kommt vor, aber es handelt sich fast ausschließlich um Links, darunter auch zur LAG Schulbibliotheken!)

Letztlich aber, wie schon beim Vorgängerprojekt “Schule und öffentliche Bibliothek” und den Vorvorgängerprojekten (Ich finde gerade keinen Link, aber es gibt eine Fülle von Publikationen zum Thema Bildungspartnerschaft bei der Stiftung und der NRW-Landesregierung.), ist es verblüffend, unbefriedigend und ärgerlich:

Was da von Professoren, Medienberatern, Staatssekretären in Hochglanzbroschüren vorgestellt wird, sind Sachen, die es schon lange gibt: Bücherkisten, Bibliotheksführungen, Lesenächte. Sie heißen jetzt etwas flotter: Medienkiste, Bibliotheksrallye. Wenn alles über die Schuljahre verteilt gemacht wird, heißt es Spiralcurriculum. Und wissenschaftliches Begleitmaterial (Umfragen zu Nutzerverhalten, Kundenorientierung, Vorher-nachher-Messungen) wird mitgeliefert.

Sehen wir es positiv: Erst wenn die Sache durch diese Vernetzungsprojekte geadelt ist, wird sie in der Öffentlichkeit und bei den “Entscheidungsträgern” wahrgenommen.

Jedenfalls haben wir in Hessen in den letzten 20 Jahren nichts falsch gemacht: Die exzellente Autorin und Leseförderexpertin Gudrun Sulzenbacher wurde zu dem Kongress eingeladen. Bei der LAG in Hessen war sie schon oft.

Man kann von Glück sagen, dass Lesenacht und Medienkiste in Gütersloh nicht zum Patent angemeldet wurden.

Dennoch, nicht “Zusammenarbeit Schule und Bibliothek” sollte es heißen, sondern “Zusammenarbeit Schulbibliothek und öffentliche Bibliothek”. Die Unternehmensberater des Bibliothekswesens, die mit jenem Titel eine Marketing-Strategie erfunden haben, die Kundenzahlen, Ausleihkennziffern und die Finanzierung öffentlicher Bibliotheken verbessern soll, überheben sich und überfordern die Bibliothekarinnen und Bibliothekare. Der Tanker Schulwesen mit 11 Millionen Schülerinnen und Schülern, 800.000 Lehrerinnen und Lehrern, 500.000 Schulklassen und 35.000 Schulen soll über Kooperationsverträge zur Bildungspartnerschaft mit nicht ganz 2000 hauptamtlich geleiteten öffentlichen Bibliotheken gewonnen werden. Lassen wir die Zahlen sprechen… Den Rest besorgen die Bibliotheksdezernenten der Städte und Gemeinden, wenn Ihnen und ihren Juristen verbindliche Kooperationsverträge vorgelegt werden.

Die Schulen dürsten nach Schulbibliotheksinformationen, das erfahren die LAG-Schulbibliotheksberater tagtäglich, die Anfragen kommen aus dem ganzen Bundesgebiet. Wir freuen uns, dass unsere Idee eines regelmäßigen Schulbibliothekskongresses in anderen Bundesländern aufgegriffen wird, dass es mehr Landeslizenzen für Katalogsoftware gibt.

Wir brauchen die Zusammenarbeit mit den öffentlichen Bibliotheken, wir brauchen schulbibliothekarische Arbeitsstellen in Stadtbibliotheken und Kreis-Medienzentren. Wir brauchen dort und in großen Schulbibliotheken Diplom-Bibliothekare und -Bibliothekarinnen mit schulpädagogischen Kompetenzen.

Was wir nicht brauchen, sind Lobbyisten, die von Wildwuchs reden, wenn sie Schulbibliotheken in Deutschland meinen.