Bildung durch Bildungsstandards?

Das Wiener Unterrichtsministerium hat den Nationalen Bildungsbericht 2012 vorgelegt. In Band 2 äußern sich die Forscher zurückhaltend auf die Frage, ob die Umstellung des österreichischen Schulwesens auf die OECD-Vorgaben “Kompetenzorientierung”, “Bildungsstandards” und externe Leistungsüberprüfung  ihre Ziele erreiche. Es gebe keine valide empirische Belege dafür, dass diese Reformen zu mehr Bildungsgerechtigkeit, höheren Abschlüssen und besseren Schülerleistungen führen. Positive Wirkungen von Vergleichsarbeiten, Zentralabitur und Schulinspektion seien durch empirische Untersuchungen nicht belegt.

Lesekompetenz in Brandenburg

Der Bundesbildungsbericht 2008 sagt uns, was wir schon seit Jahren über die Misere wissen. Der Kommentar dazu hier.

Da Schulbibliotheken nicht zum deutschen Bildungswesen gehören, stehen sie natürlich (wieder) nicht drin. Einer der beteiligten Berichterstatter hatte mir 2006 erklärt, dass neben Platzgründen – der Bericht soll nicht zu dick werden – auch fehlende Statistiken über Schulbibliotheken der Grund seien.

(Vielen Dank an das ehem. dbi und dessen Arbeitsstelle Schulbibliotheken. Ihr hattet 20 Jahre Zeit, bevor das BMBF Euch von der Liste der zu fördernden Institute strich.)

Inzwischen haben die Kultusminister der Länder mit dem deutschen Bibliotheksverband dbv Kooperationsvereinbarungen zur Zusammenarbeit von öffentlichen Bibliotheken und Schulen geschlossen. Die Schulen werden von der obersten Schulaufsicht aufgefordert, ihrerseits Verträge mit öffentlichen Bibliotheken zu schließen, in denen die Zusammenarbeit in Sachen Lese- und Recherchekompetenz sowie Leseförderung geregelt wird.

Das Thema Schulbibliothek wird zum Bildungspartner Bibliothek ausgelagert. So ließ mir Brandenburgs MP Platzeck unlängst schreiben, dass seine Regierung die öffentlichen Bibliotheken fördere und das brandenburgische Literaturbüro. Im Grunde sei jede Schule allein verantwortlich.

(Nebenbei: Sind Stadtbibliotheken rechtsfähige Personen, die selbstständig Verträge abschließen dürfen? Schulen in Hessen sind es partiell.)

Der nationale Bericht enthält also nichts Neues. Ich schaue daher in den brandenburgischen Bildungsbericht von 2003.

Brandenburg ist meine neue Heimat seit dem Umzug aus Hessen 2006.

„Natürlich” steht auch da nichts von Schulbibliotheken, höchstens indirekt:

Bildungskommission der Länder Berlin und Brandenburg (Hrsg.), Bildung und Schule in Berlin und Brandenburg – Herausforderungen und gemeinsame Entwicklungsperspektiven (2003)

“7.1 Unzureichende Lesekompetenz als Risikofaktor (pp120-122)

Der Anteil der Schülerinnen und Schüler in Brandenburg unter den 15-Jährigen, deren Leseleistungen ein elementares Niveau nicht überschreiten, ist auch im Vergleich der Länder der Bundesrepublik Deutschland ungewöhnlich hoch – obwohl Brandenburg durch Arbeits­migration nur geringfügig betroffen ist. Rund 28 Prozent der 15-Jährigen muss man nach den PISA-E-Befunden als potenzielle Risikopersonen betrachten, …

In Brandenburg ist auch der Anteil der Jugendlichen, die angeben, niemals zum Vergnügen zu lesen, mit 43 Prozent sehr hoch (zum Vergleich: In Bayern beträgt dieser Anteil 33 %).

Die Kommission hält es für dringend erforderlich, der Schlüsselqualifikation „Lese- und Sprachkompetenz” erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen.

Die Siche­rung von Lesekompetenz auf einem ausreichenden Niveau für die gesamte nach­wachsende Generation sollte eine Aufgabe höchster Priorität sein. Diese Prioritätensetzung sollte sich auch in der Ressourcenallokation widerspiegeln.

Die Kommission sieht Handlungsbedarf vor allem auf der Ebene der einzelnen Schulen.

Die Schulen müssen in die Lage versetzt werden, auf diagnostizierten Förderungsbedarf auch mit zusätzlichem Unterricht an Nachmittagen und sogar an Samstagen reagieren zu können.”

In einem weiteren Kapitel (11.1)

denkt die Kommission über einen verantwortlicheren Umgang mit der Lern- und Lebenszeit der Heranwachsenden nach.

Mir fallen da die Fahrzeiten und der Unterrichtsausfall bei Exkursionen zum Vertragspartner öffentliche Bibliothek ein. Die sind „natürlich” nicht gemeint.

Siehe auch: PISA-Astrologie in diesem weblog!