Das sogenannte gelangweilte Netzwerk

“Es gibt Millionen gelangweilter Büroangestellter, Schüler und Studenten, die den ganzen Tag bloggen, twittern und irgendwas auf Facebook posten.” Zitat von Scott Lamb, Vizepräsident von BuzzFeed, einer erfolgreichen Online-Plattform für diese Zielgruppe. Buzzfeed stellt Videoclips und Contentschnipsel ins Netz. Hier wurden die “Listicles” erfunden – kurze Artikel in Form einer Liste – die auch bei amerikanischen Schulbibliotheksaktivisten beliebt sind: 10 Gründe für…, 14 unverzichtbare…, 5 Tipps für …

Buzzfeed hat jetzt einen Deutschlandableger. Die Plattform ist attraktiv für die Werbeindustrie. Werbung und Content sind kaum zu unterscheiden. Angeblich (US-Wikipedia 2012) will man in den seriösen Journalismus vorstoßen. Buzzfeed wird immer wieder verklagt, weil es sehr locker mit dem Urheberrechtsschutz umgeht. Es steht auf Platz 143 der Alexa-Liste der meistaufgerufenen Webseiten.

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Alles schon mal dagewesen: digitales Scherbengericht

Digitale Petitionen haben derzeit Hochkonjunktur. Internetnerds feiern das als direkte Demokratie. Shitstorms gab es aber schon in der Antike, meint Zeit-Herausgeber Josef Joffe in einer Glosse: Das Scherbengericht.

Auch damals konnte man ganze Scherbenpakete mit dem Namen des zu Steinigenden oder zu Verbannenden kaufen. So wie heute “Shitstorm-Unterschriftspakete” für bis zu 20.000 €. Man muss ja nicht mit seinem richtigen Namen unterschreiben.

Im heutigen Rechtsstaat gebe es Schutzvorschriften für den Angeklagten, im Parlamentarismus gibt es Anhörungen und mehrere Lesungen im Gesetzgebungsverfahren. Leserbriefschreiber des vordigitalen Zeitalters mussten mit der Schreibmaschine tippen und den Brief zur Post bringen. Heute genüge ein Mausklick.

Sogar das antike Scherbengericht wäre besonnener gewesen, als es die Freunde das digitalen Shitstorms sind: eine Abstimmung durfte erst nach zwei Monaten “Abkühlpause” stattfinden.

Nachtrag April 2014: Ein Fundstück, das zu denken gibt: “Im Dritten Reich leisteten Massenaufmärsche und die mediale Inszenierung derselben die Aufgabe, für Gruppenzusammenhalt unter der Herrschaft des richtigen Gefühls zu sorgen… Heute sind Massen-Aufregungen und Massen-Hysterien, wie sie unter Hashtags bei Twitter oder in öffentlich-rechtlichen Medien inszeniert werden, das Surrogat der in Verruf geratenen Massenaufmärsche. Die Funktion ist dieselbe.”

Aus: Die Pseudo-Moralität der Moderne

 

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Wird schreiben wichtiger als lesen?

Im Buch “Die Schulbibliothek im Zentrum” räume ich dem “Kreativen Schreiben” einen Platz in der Schulbibliothek ein. Es habe keinen besseren Ort in der Schule. Meine US-Lieblings-Schulbibliothekarin Buffy Hamilton konstatiert jetzt, dass das Schreiben dabei sei, das Lesen als wichtige Kulturtechnik (literacy) zu überholen. Die öffentlichen, wissenschaftlichen und Schulbibliotheken müssten sich darauf einstellen und ihre Konzepte ändern.

Das wirkt nur auf den ersten Blick übertrieben, denn was sie meint, ist längst im Gange: Schreiben steht für im weitesten Sinn aktiv, kreativ und kommunikativ zu lernen. US-amerikanische Projekte wie das National Writing Project oder Youmedia sind Beispiele. Im digitalen Kontext wird so viel geschrieben wie noch nie – Blogs, Tweets und andere sog. Social Media, Mails, Self-Publishing von E-Books -, in der Schule wird mehr als früher Wert auf (Schreib-)Techniken des Exzerpierens, Zusammenfassens, Berichtens und Präsentierens gelegt als früher. Man sollte die klassischen Aufsatzarten nicht gering schätzen: Inhaltsangabe, Précis, Schilderung, Besinnungsaufsatz, Facharbeit. Die Portfolio-Idee gehört dazu. In der Berufswelt ist die Kommunikation mit anderen wichtig, dazu gehört, sich in verschiedensten, auch schriftlichen Formen mitzuteilen.

So übertrieben wie am Anfang halte ich ihre Darstellung am Ende nicht mehr. Vielleicht kommt heraus, dass wir bald von Lese- und Schreibzentren statt von Schulbibliotheken sprechen werden. Ich hätte nichts dagegen.

Buffy Hamilton, The Rise of Writing Literacies, Implications for Libraries
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Welt-Schulbibliothekskonferenz 2014 in Moskau

IASL, der Welt-Schulbibliotheksverband, ist guter Hoffnung dieses Jahr im August in Moskau tagen zu dürfen. Ein Vorbereitungstreffen der Europäer findet in Rom statt. Schulbibliothekare sind ein reiselustiges Völkchen.

Die russische Schulbibliotheksverbandsvorsitzende regt an, dass aus jedem Land auch der – weibliche oder männliche -  Schulbibliothekar des Jahres oder ein führender Vertreter (bright leader) des nationalen Schulbibliothekswesens teilnimmt.

2015 findet die Konferenz in Maastricht statt.

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Reine Jungen- und Mädchenbücher scheinen sexistisch zu sein

In Groß-Britannien gibt es eine Online-Petition, die Verlage, Buchhandlung und Medien auffordert, gender-orientierte Kinder- und Jugendbücher nicht zu verlegen, nicht zu besprechen und zu verkaufen. Sie bleibt nicht ohne Erfolg, wie der Independant berichtet, ebenso der Guardian. Die erstere Zeitung geht mit gutem Beispiel voran und verzichtet zukünftig auf die Rezension von Kinder- und Jugendbüchern, die als Zielgruppe jeweils nur ein Geschlecht haben. Das erniedrige Kinder und Jugendliche, wie in der Überschrift des Artikels festgestellt wird.

Eine kalifornische Soziologieprofessorin hat 6.000 zwischen 1900 und 2000 veröffentlichte Kinder- und Jugendbücher untersucht und kam zu dem Ergebnis, dass 57% einen männlichen Protagonisten haben, nur 31 % eine Protagonistin, auch bei Tiergeschichten sei die Dominanz männlicher Tiere dreimal so hoch. Diese fortwährende Ungleichheit, so die Professorin,  sei eine subtile symbolische Auslöschung der Frau mit Hilfe von Tiergeschichten.

Erwachsene scheinen von der Petition nicht betroffen. Die Abschaffung von Frauenliteraturpreisen und Frauenbüchern wird nicht gefordert.

Die Gendertheorie besagt, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, abgesehen von der biologischen Beschaffenheit, anerzogen werden. Dass z. B. Jungen mit Baukästen und Autos spielen und Mädchen lieber mit Puppen und am liebsten Pferdebücher lesen, sei keineswegs naturgegeben. Jungen bekämen nur keine Chance, mit Puppen zu spielen oder Pferdebücher zu lesen.

In Frankfurt/M haben die drei männlichen Stadtverordneten der “Römerfraktion” ( wohl als Scherz?) beantragt, dass die Stadtverwaltung zukünftig von Bürger- und Bürgerinnensteig” spreche, statt die vermännlichende Form “Bürgersteig” zu benutzen. Der Magistrat lehnte ab. Aber auch in Frankfurt ist der “Fußgänger” abgeschafft zu Gunsten der “zu Fuß Gehenden”. Das neue gendergerechte Wort für “Fußgängerampel” wurde noch nicht bekannt gegeben.

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Die Saat geht auf!

Schulbibliothekstage gibt es inzwischen zuhauf. Die hessische Initiative von 1987 wirkte motivierend. Nun geht es beim Schulbibliothekspreis los. Hessen ging voran, dann nahm ich die Idee nach Berlin und Brandenburg mit – dort wurde von Victor Wolter und seinen Mitstreitern eine richtig große, bunte Veranstaltung daraus gemacht, was wiederum nach Hessen zurückwirkte. Jetzt gibt es einen thüringischen Schulbibliothekspreis. Der wird, was viel besser ist, vom Bildungsministerium aus Steuermitteln dotiert und nicht aus Vereinsmitgliedsbeiträgen und von Sponsoren. (In Hessen beteiligt sich aber das Kultusministerium bei der Finanzierung des Preises von Anfang an!)

Die erste flächendeckende Ausstattung mit einer Schulbibliothekssoftware gelang uns m. W. zuerst 1992 in Hessen. Auch da gibt es inzwischen mehrere Bundesländer mit ähnlichen Lösungen. Nun will der Bibliotheksverband sogar eine verbandsinterne Schulbibliotheksarbeitsgruppe schaffen.

Allmählich können wir Hessen uns zufrieden zurücklehnen. Wir haben nicht die Welt gerettet, wie es in einem Schlager heißt, aber unser Scherflein zu einer deutschen Schulbibliotheksentwicklung beigetragen. Johann Bernhard Basedow dürfte sich freuen, falls er uns zuschaut. Wenn nach biblischen Maßstäben tausend Jahre wie ein Tag vergehen, sind seit seiner Forderung nach Bibliotheken in Schulen von 1764 erst sechs Stunden vergangen.

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Smartphones sind die beliebtesten E-Reader

sagt eine Studie des Börsenvereins des deutschen Buchhandels.

  • Mehr als jeder siebte Leser (13 Prozent) digitaler Bücher in Deutschland greife täglich zum Smartphone, um darauf zu lesen.
  • Weitere 15 Prozent nutzten es dafür mehrmals in der Woche. Insgesamt läsen 6 von 10 E-Book-Nutzern auf ihrem Smartphone.
  •  Besonders jüngere E-Book-Nutzer setzten auf das Smartphone: Von den 14- bis 29-Jährigen griffen mehr als 21 Prozent täglich zum Lesen zum Mobiltelefon.
(via buchreport)
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Ross Todd in Berlin

Prof. Ross Todd, einer der führenden US-amerikanischen Schulbibliotheksforscher, war auf einer Konferenz in Berlin. Außerdem promovierte er zusammen mit dem Berliner Bibliotheksprofessor Konrad Umlauf eine Doktorandin, die bei ihm an der Rutgers- Universität in New Jersey den Umgang mit der Vermittlung von Informationskompetenz durch Fach- und Bibliothekslehrer an einer US-Schule untersucht hat. (Dazu demnächst mehr.)

Ich hatte das große Glück, an einem Abendessen mit ihm teilnehmen zu können. Prof. Todd sagte da – eher beiläufig – einen Satz, den ich für ganz wesentlich halte. Er legt ihn seinen (Teacher-Librarian-)Studenten ans Herz. (Ich brauche im Deutschen mehr als einen Satz:) Achtet auf die pädagogischen Themen, die gerade eine Rolle spielen! Hört zu, worüber die Lehrer reden! Bringt Euch und Eure Bibliothek in diese Diskussion ein!

Nun fehlt es in Deutschland an dem geschulten Personal, das es in den USA in den Schulbibliotheken gibt. Daher sagt den Lehrern niemand, was eine Schulbibliothek für sie und ihren Unterricht bringt. Sie nehmen sie, wenn überhaupt, als Blume am Wegrand wahr. Die Schüler können dort ein Buch ausleihen, wenn geöffnet ist, man kann sie hinschicken, damit sie sich Bücher für ein Referat besorgen, ganz selten fällt mal der Unterricht aus, weil die Klasse zu einer Dichterlesung in die Schulbibliothek muss.

Auch öffentliche Bibliothekare sehen eher eine Bringschuld der Lehrer. Sie sollen öfter kommen und die schöne, große Bibliothek nutzen, sie sollen Bibliotheksbesuche gut vorbereiten (und der Bibliothekarin darüber Bericht erstatten – habe ich in einem Fall  einmal erfahren). Es geht eher weniger um die Erwartungen der Lehrer. Wenn die Stadtbibliothek vielleicht doch einen “Referate-Coach” anbietet, der Schüler beraten soll, wenn sie sich rechtzeitig angemeldet haben, dann sehe ich darin kein Gegenbeispiel. Eher hätte ich Bauchschmerzen, ob das gut geht.

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Die Potentiale der Schulbibliothek

Die Dipl.-Bibliothekarin Sabine Wolf hat einen großartigen Vortrag über Schulbibliotheken gehalten. Frau Wolf ist Vorstandsmitglied der Berlin-Brandenburger Schulbibliotheks-AG e. V. Zusammen mit ihr hatte ich die ersten Berlin-Brandenburger Schulbibliothekstage ab 2008 organisiert.

Im Wortlaut

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Aus aktuellem Anlass: Killerphrasen

Wir versuchen es unverdrossen immer wieder: Mit Parteien und Regierung über Schulbibliotheken zu reden. Manchmal ist es ein gutes Gespräch, wir stoßen auf Interesse, es ergibt sich eine parlamentarische Anfrage. Es gibt Politiker/-innen, die zuhören können und Fraktionsmitarbeiter/-innen, die mitschreiben. Im Großen und Ganzen aber beißen wir auf Granit. Zu den beiden vorhergehenden Ministerinnen bekamen wir gar keinen Kontakt mehr, der neue Minister bietet uns seinen Staatssekretär als Gesprächspartner an.

Wir wollen Schulbibliotheken als innerschulische Einrichtungen fördern. Das wäre ein fundamentaler Wandel des Ist-Zustandes.

Es gibt in den Gesprächen durchaus Nuancen der Ablehnung und unterschiedliche Grade des Interesses für unser Anliegen. Abgewimmelt werden wir jedoch nahezu immer mit dem Verweis auf die Vereinbarung der Zusammenarbeit des Kultusministeriums mit dem dbv zu Gunsten der öffentlichen Bibliotheken und auf das einzig mögliche Ziel, nämlich mehr kombinierte Stadt- und Schulbüchereien. Das fällt – zur Erleichterung der Gesprächspartner – nicht in die Zuständigkeit des Landes.

Das Sprachrohr dieser Vereinbarung ist das sog. “Forum Schulbibliothek”. Dessen Sprecher, ein Bibliothekar der Landesfachstelle für öffentliche Bibliotheken, versucht, die hessischen Landkreisverwaltungen zu überreden, die eine oder andere Kombibibliothek zu planen.

Wie die Fraktionsgespräche ausgehen, können wir im Schlaf aufsagen. Ein Freund und Mitstreiter hat die Antworten, die wir seit 25 Jahren – wörtlich! – hören, einmal zusammengestellt:

a) Wir sind nicht zuständig

b) Davon steht nichts im Schulgesetz

c) Wir machen doch schon freiwillig so viel

d) Wir haben euch doch schon immer unterstützt

e) Für die Ausstattung sind doch die Schulträger zuständig

f) Der Landkreistag macht uns die Hölle heiß, wenn wir uns einmischen

g) Wir müssen Lehrerstunden für den Unterricht einsetzen, nicht für die Verwaltung

h) Wir sind sehr für die Unterstützung der ehrenamtlichen Arbeit der Eltern in den SBs

i) Wir müssen Rücksicht auf die öBs nehmen

j) Wir unterstützen doch die Kooperation von SBs und öBs

k) Wir haben doch das “Forum”, in dem alles geregelt wird

l) Brauchen wir SBs, wo es doch öffentliche Bibliotheken gibt?

m) Wir haben eine Haushaltssperre bzw. Das Land ist sowieso schon verschuldet.

n) Die bisherige Praxis und Aufgabenverteilung hat sich bewährt

o) Projekte und die Medienausstattung werden doch aus dem Lernmittelbudget als freiwillige Leistung gefördert

p) Zum Zweck der Beratung von Schulen werden doch entsprechende Abordnungsstunden zur Verfügung gestellt

q) Mit dem zuständigen Fachreferat für Lernmittel und Medien im HKM existiert doch der Ansprechpartner

r) Die Schulen können doch ihre Deputatstunden verstärkt für Schulbibliotheken einsetzen

s) Die Lehrerversorgung von 105 % schafft doch ausgezeichnete Rahmenbedingungen

t) Die weitreichende Selbständigkeit und Handlungsfreiheit der Schulen gibt doch einen ausgezeichneten Rahmen

u) Die Schulbibliotheken sind doch im Hessischen Bibliotheksgesetz “verankert”

v) Das ist alles sorgsam austariert

Vor langer, langer Zeit hatte ich ein Gespräch mit dem seinerzeitigen Wissenschaftsstaatssekretär. Dessen Ministerium stellte sich beim Thema Schulbibliotheken immer tot. Der Staatssekretär war für einen Politiker vergleichsweise jung, galt als burschikos und aufgeschlossen. Wir vereinbarten, weiteren Kontakt zu halten. Das hatte er offenbar vergessen, als ich brieflich das Gespräch nachbereitete. Ich kam mir vorgeführt vor, weil er unseren Gesprächsinhalt, den ich zusammengefasst hatte, völlig zu vergessen haben schien. Daraufhin schickte ich ihm ein Blatt mit dreien der obigen Antworten. Er möge eine ankreuzen und mir zusenden. Das empfand er wiederum als Majestätsbeleidigung.
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