Sonntag, 22 Juni , 2008

Der Leseecken-Bausatz

Der Verband der Möbelindustrie hat seine Mitgliedsfirmen zu einem Lesemöbelwettbewerb aufgerufen. Da war doch mal was? Richtig. Die LAG Schulbibliotheken in Hessen hatte einmal ein “Projekt Lesecke”:

LAG-Entwurf Leseecke

Die Idee der Leseecke konnte dank der finanziellen Unterstützung durch das Hessische Kultusministerium in einem Prototyp realisiert werden. Der Bausatz wur­de vom Frankfurter Architekten Zvenko Tur­kali entworfen, der auch das Kultur­mobil des Kultusministeriums geplant hat, ursprünglich ebenfalls ein LAG-Vorschlag.

Der „Leseecken-Bausatz” sollte mit einfachen Mitteln eine einladende Leseumgebung ermöglichen. Ein Bausatz bestand aus 10 Pappe-Elementen (6 St. 80×160 cm und 4 St. 80×80 cm). Sie waren leicht, aber stabil. Sie waren beliebig zusammensteckbar und erlaubten eine Vielzahl räumlicher Varianten. (Für den abgebil­de­ten Prototyp wurden 2 Bau­sätze benötigt.)

Die Platten konnten bemalt oder beklebt werden. Ein­setzbar wäre er vom Kindergarten bis zur Klasse 5 gewesen.

Im Frühjahr 1997 wurde ein Prototyp hergestellt (s. Foto). Er hat es noch auf die didacta geschafft. Die Realisierung scheiterte an fehlenden Finanzen. Der Prototyp versah gute Dienste in der Süd-West-Grundschule in Eschborn, bis die asbestsaniert wurde. In dieser unruhigen Zeit ging er verloren.

Samstag, 21 Juni , 2008

Vom Tagebuch zum Weblog

Im Frankfurter Museum für Kommunikation gibt es eine Ausstellung „Vom Tagebuch zum Weblog” zu sehen. (Die Website des Museums lässt sich nicht laden. Ich habe es an mehreren Tagen versucht.)

Präsentiert wird die ganze Breite von Tagebüchern - auf Holzscheiten, Zigarettenpapier, in Moleskin-Notizbüchern und Werbekalendern - bis zu Weblogs als Nachfahren von Papier-Tagebüchern.

Der Ausstellungsband ist prächtig und kostet nur 17 €.


Freitag, 20 Juni , 2008

Lesekompetenz in Brandenburg

Der Bundesbildungsbericht 2008 sagt uns, was wir schon seit Jahren über die Misere wissen. Der Kommentar dazu hier.

Da Schulbibliotheken nicht zum deutschen Bildungswesen gehören, stehen sie natürlich (wieder) nicht drin. Einer der beteiligten Berichterstatter hatte mir 2006 erklärt, dass neben Platzgründen - der Bericht soll nicht zu dick werden - auch fehlende Statistiken über Schulbibliotheken der Grund seien.

(Vielen Dank an das ehem. dbi und die Arbeitsstelle Schulbibliotheken. Ihr hattet 20 Jahre Zeit, bevor das BMBF Euch von der Liste der zu fördernden Institute strich.)

Inzwischen haben die Kultusminister der Länder mit dem deutschen Bibliotheksverband dbv Kooperationsvereinbarungen zur Zusammenarbeit von öffentlichen Bibliotheken und Schulen geschlossen. Die Schulen werden von der obersten Schulaufsicht aufgefordert, ihrerseits Verträge mit öffentlichen Bibliotheken zu schließen, in denen die Zusammenarbeit in Sachen Lese- und Recherchekompetenz sowie Leseförderung geregelt wird.

Das Thema Schulbibliothek wird zum Bildungspartner Bibliothek ausgelagert. So ließ mir Brandenburgs MP Platzeck unlängst schreiben, dass seine Regierung die öffentlichen Bibliotheken fördere und das brandenburgische Literaturbüro. Im Grunde sei jede Schule allein verantwortlich.

(Nebenbei: Sind Stadtbibliotheken rechtsfähige Personen, die selbstständig Verträge abschließen dürfen? Schulen in Hessen sind es partiell.)

Der nationale Bericht enthält also nichts Neues. Ich schaue daher in den brandenburgischen Bildungsbericht von 2003. Brandenburg ist meine neue Heimat seit dem Umzug aus Hessen 2006.


„Natürlich” steht auch da nichts von Schulbibliotheken, höchstens indirekt:

Bildungskommission der Länder Berlin und Brandenburg (Hrsg.), Bildung und Schule in Berlin und Brandenburg - Herausforderungen und gemeinsame Entwicklungsperspektiven (2003)

7.1 Unzureichende Lesekompetenz als Risikofaktor (pp120-122)

Der Anteil der Schülerinnen und Schüler in Brandenburg unter den 15-Jährigen, deren Leseleistungen ein elementares Niveau nicht überschreiten, ist auch im Vergleich der Länder der Bundesrepublik Deutschland ungewöhnlich hoch - obwohl Brandenburg durch Arbeits­migration nur geringfügig betroffen ist. Rund 28 Prozent der 15-Jährigen muss man nach den PISA-E-Befunden als potenzielle Risikopersonen betrachten, …

In Brandenburg ist auch der Anteil der Jugendlichen, die angeben, niemals zum Vergnügen zu lesen, mit 43 Prozent sehr hoch (zum Vergleich: In Bayern beträgt dieser Anteil 33 %).

Die Kommission hält es für dringend erforderlich, der Schlüsselqualifikation „Lese- und Sprachkompetenz” erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen.

Die Siche­rung von Lesekompetenz auf einem ausreichenden Niveau für die gesamte nach­wachsende Generation sollte eine Aufgabe höchster Priorität sein. Diese Prioritätensetzung sollte sich auch in der Ressourcenallokation widerspiegeln.

Die Kommission sieht Handlungsbedarf vor allem auf der Ebene der einzelnen Schulen.

Die Schulen müssen in die Lage versetzt werden, auf diagnostizierten Förderungsbedarf auch mit zusätzlichem Unterricht an Nachmittagen und sogar an Samstagen reagieren zu können.

In einem weiteren Kapitel (11.1)

denkt die Kommission über einen verantwortlicheren Umgang mit der Lern- und Lebenszeit der Heranwachsenden nach.

Mir fallen da die Fahrzeiten und der Unterrichtsausfall bei Exkursionen zum Vertragspartner öffentliche Bibliothek ein. Die sind „natürlich” nicht gemeint.

Donnerstag, 19 Juni , 2008

Von Wallraff zum bildblog

Vor mehr als 20 Jahren gab es im Steidl-Verlag Günter Wallraffs Bilderbuch, mit einem Nachwort von Heinrich Böll. Ich hatte einen Klassensatz davon. Die Schüler fanden die Anhäufung von Schmuddelsex, Gewalt, Politdemagogie “geil”, aber von dieser grotesken Masse wurden sie dann doch abgeschreckt. Nach und nach fanden die Büchlein ihre Liebhaber. Sowohl in Bibliotheken, im Handel als auch im Antiquariat ist es so häufig zu finden wie eine Perle in der Auster.

Dafür gibt es bildblog. Da war ich gerade wieder einmal drin, weil sich im RSS 30 Meldungen aufgestaut hatten.

Der oberste Chef des Springer-Verlages, Herr Döpfner, gehört übrigens zu den Berliner Leistungsträgern, die sich hier in Potsdam angesiedelt haben, wo er als Mäzen bekannt ist. Aber auch dadurch, dass er eine Villa nicht gekauft hat, weil er nicht durchsetzen konnte, dass ein Uferweg auf dem Grundstück für die Öffentlichkeit gesperrt wurde.

Ob am Eingang zu seinem neuen See-Grundstück eine Bild-Verkaufsbox aufgestellt wird, war nicht in Erfahrung zu bringen.

Zum Abschluss ein Beispiel, wie kreativ Herrn Döpfners Flaggschiff mit Tabellen umgeht. Und ein früherer Eintrag zu BILD.

Freitag, 13 Juni , 2008

SWR2-Literatur als podcast

Der SWR bietet fast zwei Dutzend podcasts an, darunter auch seine Buchvorstellungen und die edle Bücherliste.

Man kann den Literatur-podcast (und natürlich auch die anderen) z. B. über bloglines.com abonnieren oder über podster.de aufrufen.

Und noch etwas: Der WDR erlaubt, alle Sendungen am Computer aufzunehmen. (Gelesen bei podster.de)

Freitag, 13 Juni , 2008

Zur Einrichtung von Schulbibliotheken 8: Grundschulbibliotheken

Es war schon nicht einfach, das Schulbauamt zu überzeugen, dass der Teppichboden in der Bibliothek erneuert und nicht durch den genoppten Gummibelag, den man aus Flughäfen und Schweinemastbetrieben kennt, ersetzt wird. Der Ohrensessel war laut Feuerwehr leicht brennbar. Warum die Bibliothek teurere, weil schönere Stühle benötigte als die Klassenräume, war der Sachbearbeiterin nur schwer einsichtig zu machen.

Dabei sollten gerade die Bibliotheksräume in Schulen Orte sein, an denen man sich wohlfühlt. (Es ist ja auch eine Erkenntnis der neueren Hirnforschung, dass man gutgelaunt besser lernt.)

Ein Blick in die englische Website “Designing Libraries” verleiht Flügel. Die Fotos zeigen fantasievoll eingerichtete Kinderbibliotheken.

Donnerstag, 12 Juni , 2008

Web2.0 - kritisch betrachtet

Im Blog der Library Mistress finde ich den Hinweis auf eine First Monday Ausgabe zu Web2.0.

Da finden sich solche Sätze:

There is also an economic currency floating around within this culture. It is difficult though to get an overview of what kind of revenue these sites make, but we can get an idea of the money they generate or hopefully will generate in the future by looking at their price tags. MySpace was sold for US$580 million in July 2005, Last.fm was acquired by CBS Interactive in June 2007 for US$280 million, and Flickr was bought by Yahoo in March 2005 without revealing the price tag.

What you buy, when acquiring a social networking site, is not content but context data produced by users and communities. In this way the architecture of participation turns into an architecture of exploitation and enclosure, transforming users into commodities that can be sold on the market.

Loser Generated Content: From Participation to Exploitation Abstract HTML von Søren Mørk Petersen.

Andere Autoren schreiben darüber, dass Web2.0 anknüpft an die frühe Internet-Zeit, in der der Traum einer nicht-kommerziellen, herrschaftsfreien Community schon einmal geträumt wurde.

Montag, 9 Juni , 2008

Demonstrieren für die Schulbibliothek

Im US-Bundesstaat Washington haben es Mütter von Schülern geschafft, eine Demonstration zu organisieren, die dazu führte, dass das Parlament in einem Nachtragshaushalt 4 Mio Dollar für ein Notprogramm bereitstellen ließ.

3 Moms sat around a kitchen table this past November, wondering if anything could be done about the fact that school library lights are being turned off, the average date of copyright in Washington school libraries is 1983, and that a two-tiered (zweistufiges) system of services exists - some children are developing 21st Century information literacy while others are relegated to an antiquated system of check-in and check-out…

Hier geht´s weiter im Text.

Von einem hessischen Landtagsabgeordneten wurde ich einmal gefragt, warum man Schulbibliotheken brauche, wo es doch Stadtbibliotheken gäbe.

Amerika, Du hast es besser!

Update 13.6.08

Deutschland muss sich doch nicht verstecken:

Oberhausen: Schulen protestieren gegen Sparpläne bei Bibliotheken

Im Anschluss an eine Vorlesestunde des Bürgermeisters zum „Tag des Lesens“ haben Oberhausens Schulleiter ihm eine Unterschriften-Sammlung gegen die geplanten Einsparungen bei Schulbibliotheken überreicht. „Wenn die Sparvorschläge in der momentan diskutierten Form umgesetzt werden, sind viele Jahrzehnte sinnvoller Aufbauarbeit zum Scheitern verurteilt“, kommentierte Herr Burkart, Leiter der Gesamtschule Alt-Oberhausen die Pläne. „Die hauptberuflichen Kräfte sind nicht zu ersetzen, das bedeutet das Ende.“In einem Trauerzug mit Trommeln und Trauerkranz marschierten Kinder und Lehrer in den Raum. Über 15.000 Unterschriften bekam der Bürgermeister in einem Pappsarg überreicht.

„Ich gehe nicht davon aus, dass Bibliotheken geschlossen werden, aber wir müssen in allen Bereichen sparen“, antwortete er auf die Nachfragen der Kinder zu befürchteten Bibliotheksschließungen. Den Initiatoren warf er vor, die Kinder für diese Aktion instrumentalisiert zu haben. (07.05.0 8)

Ich erinnere mich auch daran, dass vor einigen Jahren in Hanau Berufsschüler (!) gegen die Schließung einer Schulbibliothek demonstrierten.

via oebib, dem Weblog der öffentlichen Bibliotheken in NRW.

Oberhausen: Schulen protestieren gegen Sparpläne bei Bibliotheken
Im Anschluss an eine Vorlesestunde des Bürgermeisters zum „Tag des Lesens“ haben Oberhau-
sens Schulleiter ihm eine Unterschriften-Sammlung gegen die geplanten Einsparungen bei
Schulbibliotheken überreicht. „Wenn die Sparvorschläge in der momentan diskutierten Form
umgesetzt werden, sind viele Jahrzehnte sinnvoller Aufbauarbeit zum Scheitern verurteilt“,
kommentierte Herr Burkart, Leiter der Gesamtschule Alt-Oberhausen die Pläne. „Die hauptberuf-
lichen Kräfte sind nicht zu ersetzen, das bedeutet das Ende.“
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Freitag, 6 Juni , 2008

Der Leseförderpreis für hessische Schulbibliotheken

“Das Hessische Bücherschränkchen”

Die Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Hessen e. V. (LAG) ehrt zweijährlich erfolgreich verwirklichte Ideen der Leseförderung in und mit der Schulbiliothek. Der Preis ist ein Miniatur-Bücherschränkchen, das den Schränkchen des Projekts „Die Bibliothek in der Kiste“ nachempfunden ist.

Die Auszeichnung ist mit einem Bücherscheck in Höhe von 500,00 € für die ausge­wählte Schulbibliothek, Schule oder Klasse verbunden.

Die LAG bittet um Bewerbungen aus hessischen Schulen und Schulbibliotheken, um Hinweise von Eltern, Lehrkräften oder Schulleitungen. Weitere Informationen über lag@schulbibliotheken.de. Einreichungsschluss ist der 31.12.2008.

Der Preis wird seit 1996 verliehen, 2009 zum 10. Mal.

Die Preisträger 1996 - 2007

  • 1996 Lese­teppich
  • 1997 Leselieder
  • 1998 Literarischer Weih­nachts­baum
  • 1999 Schreib- und Kunstprojekt “Fous wunderbare Reise ins Traumland”; Büchermaus-Projekt; Schreib­projekt “Vamperl-Geschichten”; Sonderpreis für die Öffentlichkeits­arbeit
  • 2000 Besonderes Engagement eines Schulleiters
  • 2001 Beispielhafte Unterstützung durch einen Förderverein
  • 2003 Besonders engagiertes Büchereiteam; Besonders engagierte AG Schulbibliothek
  • 2005 Lesepantomime zu Vater-Sohn-Geschichten
  • 2007 Rundkurs von der Klassenbibliothek über die Schulbiblio­thek zur Stadtbibliothek, DVD; Die Schulbibliothek als wichtiger Baustein des Ganztags­ange­bots

Die Liste mit den Namen aller Preisträger.

Donnerstag, 5 Juni , 2008

Lesetipp: Kordon, Krokodil im Nacken

Klaus Kordons dicker Schmöker “Krokodil im Nacken” (800 Seiten) steht schon lange auf meiner Leseliste. Schließlich hat Kordon einmal in Schwalbach a. Ts. im “Schwarzen Riesen” gewohnt und ich hatte ihn für eine Lesung in der Schulbibliothek gewinnen können.

Von meiner Tochter weiß ich, dass, wenn ein Buch gut ist , es egal ist, wie viele Seiten es hat.

Jetzt, bei der Literaturrecherche zur Bücherkiste DDR, fällt er mir wieder in die Hand. In drei Tagen habe ich das Buch gelesen. (In der Altersteilzeit geht das!)

Was für ein Unterschied zu manchen neueren Erinnerungsbüchern an eine DDR-Jugend, in denen die Diktatur verblasst. Kordon gelingt es, das Aufwachsen in einer Diktatur nicht auf den ersten Kuss, die Disco und Besäufnisse im Lehrlingsheim zu reduzieren. Er erzählt in zwei parallelen Strängen von seiner Jugend in Ostberlin in den 50er und 60 Jahren und parallel dazu von seinen Verhören nach einer gescheiterten Republikflucht in Höhenschönhausen, dem Prozess vor einem DDR-Gericht und dem Freikauf durch die Bundesregierung.

“Betroffenenliteratur” nennen das einige Historiker. Das ergäbe kein Gesamtbild der DDR.

In Brandenburg hat die Landesregierung bei der Revision der Lehrpläne die Formulierung “Vergleichen der sozialistischen Diktatur mit der nationalsozialistischen Diktatur” gestrichen. Bei Kordon sagt die überzeugte Kommunistin, die nicht mit ihrem Mann in die USA geflüchtet ist, wie die Stasi ihr Leben ruiniert und ihren neuen Lebensgefährten in den Herzinfarkt treibt, weil ihr Sohn unter einem Pseudonym in West-Berlin - was sie nicht weiß - kritische DDR-Artikel schreibt: “Nein, man darf uns nicht mit den Nazis gleichsetzen. Nur, warum gibt es so viel Ähnlichkeiten?” (S. 644)

Das Buch von Kordon ersetzt eine ganze Bibliothek an DDR-Aufarbeitungsliteratur. Wenn sich jetzt noch jemand fände, der das ähnlich wie Edgar Reitz mit “Heimat”, verfilmte…

Für Oktober 2008 hat der Beltz-Verlag eine Schulausgabe (240 Seiten) für 7,50 € angekündigt.