Moderne multimediale Schulbibliotheken sind in Deutschland weitgehend unbekannt. Während international die Rolle der Schulbibliothek beim Erwerb von Informationskompetenz erkannt wird und die Möglichkeiten des Web2.0 erprobt werden, taucht in Deutschland wieder eine altbekannte Frage auf: Braucht man Schulbibliotheken wirklich?
Es gibt eine ganze Menge Schulbibliotheken, leider aber keine Statistik. Von den 33.000 Schulen in Deutschland haben, so behaupte ich, 20.000 eine Bibliothek. Hier stoßen wir schon auf das nächste Problem. Was ist eine Schulbibliothek? Die Bandbreite ist gewaltig. Es gibt Büchersammlungen im Keller oder unter dem Dach, Büchereien, die nur in den Pausen geöffnet sind, aber auch Bibliotheken und Medienzentren, deren Bestand und Ausstattung einer mittleren Stadtbibliothek entsprechen. (Siehe auch: “Im Keller oder unterm Dach. Kuriose Erfahrungen mit Bibliotheksräumen in Schulen. Ein Reisebericht, in: schul-management 4/97)
Anders ist es in den privaten Schulen, z. B. den International Schools und den Schulen der Europäischen Union, aber auch in staatlichen Vorzeigeschulen wie dem hessischen “Elitegymnasium” Schloss Hansenberg. Die haben ausgezeichnete Bibliotheken mit hauptamtlichen Schulbibliothekaren, IT-Support, multimedialer Ausstattung und einem curricularen Auftrag.
Es fehlt ein nationales Konzept, weil es auf Bundesebene keine Zuständigkeit gibt. In den Bundesländern, die für Schule zuständig sind, fehlen Gesetze und Verordnungen. In fast jedem Bundesland gibt es aber die eine oder andere Form der Unterstützung. Einige wenige haben eine Landeslizenz für eine Bibliothekssoftware (u.a. Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland), einige wenige haben Beratungseinrichtungen oder gar eine staatliche Kommission für Schulbibliotheken. Gibt es eine staatliche Kommission, so empfiehlt diese aber dann, zur Finanzierung von Schulbibliotheken, Sponsoren zu suchen. Es blühen tausend Blumen, aber es fehlt der Gärtner. Der oberste Schulbibliotheksexperte des Deutschen Bibliotheksverbandes dbv e.V. nennt es “Wildwuchs”. (”Bibliotheken als Bildungspartner”, in Buch und Bibliothek, BuB, 04/2006, pp 329-332)
Die Bundesregierung ist weder für Schule noch für Bibliotheken zuständig. Die Erziehungsministerien der Länder sind für den Unterricht, nicht für die Schulbibliotheken zuständig. Für Schulbibliotheken zuständig sind die kommunalen Gebietskörperschaften (Landkreise, kreisfreie Städte), die wiederum nicht für den Unterricht zuständig sind. Landkreise haben zudem i. d. R. (mit Ausnahme Bayerns) keine öffentliche Bibliothek.
Einige Städte haben Abteilungen in ihren Stadtbibliotheken (schulbibliothekarische Arbeitsstellen), die Schulbibliotheken unterstützen oder selbst betreiben. Dort gibt es auch manchmal kombinierte Stadt- und Schulbibliotheken. Nur wenige Großstädte leisten sich eine hervorragende Schulbibliotheksarbeit (Frankfurt, Hamburg, Köln, Leipzig, aber auch einige mittelgroße Städte).
Manchmal werden kombinierte Büchereien wegen Geldmangels vom Bürgermeister geschlossen oder wie in Hessen geschehen, den Schulen übergeben. Viele Gemeinden haben überhaupt keine öffentliche Bibliothek.
Fast immer sind es Eltern und Lehrkräfte, die freiwillig Schulbibliotheken einrichten. Es gibt Bundesländer, in denen Studienräte Oberstudienrat werden können, wenn sie eine Schulbibliothek leiten. Bibliothekarische Kenntnisse müssen sie nicht nachweisen.
In der öffentlichen Diskussion werden fehlende Schulbibliotheken gerne beklagt. In Talk-Shows wird immer geklatscht, wenn jemand sagt, man müsste mehr Schulbibliotheken einrichten. Zuletzt tat dies der Bundespräsident in einer Rede. In nationalen Bildungsberichten kommen sie nicht oder nur am äußersten Rand vor.
Woran liegt es, dass in Deutschland Schulbibliotheken keine große Rolle spielen? Dafür gibt es eine Reihe von Gründen.
Man muss schon bei den öffentlichen Bibliotheken anfangen: Wir bewundern Kloster- und Schlossbibliotheken von St. Gallen bis Weimar, aber in der Geschichte des deutschen Bürgertums hatten öffentliche Bibliotheken nie die Bedeutung, die sie in der skandinavisch-angelsächsischen Welt haben. Bildungsreformer wie Basedow, der 1764 Schulbibliotheken forderte, oder das preußische Schulwesen mit Büchereien in allen Schulen wurden nicht zu Vorbildern.
Öffentliche Bibliotheken haben einige Jahrzehnte kulturpolitischer Entwicklung verschlafen (Kulturzentren, Literaturhäuser, kommunale Kinos, Lesecafés). Das hat sich glücklicherweise geändert.
Um die Existenz und Zukunft der Bibliotheken machen sich fast nur Bibliothekare Gedanken.
Im Schulbereich sind es die folgenden Aspekte:
- Deutschland hat sehr gute Schulbücher. Die Lehrerinnen und Lehrer unterrichten mit dem Schulbuch (oder Arbeitsblättern). Da steht alles drin. Andere Quellen braucht man im Grunde nicht. Eine große Bibliothek, in der die Schüler sich die Informationen suchen? Das wäre zeitraubend und verwirrend.
- Unterricht ist traditionell frontal, immer noch wenig schülerorientiert, offen oder entdeckend. Da braucht man eine Schulbibliothek allenfalls als Ausleihstation für Belletristik oder ein gelegentliches Referat für besonders wissbegierige Schüler/innen.
- Weil Schulbibliotheken im Schulrecht, im Schulhaushalt, im Schulleben nicht verankert sind, werden sie bei der IT-Ausstattung und den IT-Curricula und sogar bei Leseförderungsmaßnahmen nicht oder wenig berücksichtigt. Es gibt Bundesländer, die nach den unbefriedigenden PISA-Befunden Dutzende von Leseberatern und -beraterinnen eingesetzt haben, die u.a. Fortbildung für Lehrer durchführen, ohne dass Schulbibliotheken -mit wenigen Ausnahmen - in diesem Zusammenhang erwähnt werden.
- Es gibt in der bildungs- und kulturpolitischen Debatte keine Konzepte und Initiativen für ein Schulbibliothekswesen in Deutschland. Auch die Erziehungswissenschaft und die Lehrerbildung interessieren sich nicht dafür. Das Thema bleibt den Interessenvertretungen des Bibliothekswesens überlassen. Und es wird anscheinend bei den Funktionären nicht gerne gesehen, wenn sich Nicht-Bibliothekare dafür einsetzen. Das vorrangige Interesse der Bibliotheksverbände, niemand kann es ihnen verdenken, sind dabei die arbeitsmarkt- und standespolitischen Aspekte. Der Einsatz für Schulbibliotheken hat immer dann Konjunktur, wenn man sich davon einen personellen oder finanziellen Zugewinn verspricht. In den Jahren der Pichtschen “Bildungskatastrophe” hoffte man auf Planstellen in mehr als 30.000 Schulen, 40 Jahre später sind es Haushaltsmittel aus den Bildungs- und Schulhaushalten für die öffentlichen Bibliotheken. So entsteht ein Teufelskreis: Je stärker die Repräsentanten des Bibliothekswesens mit ihren Strategiepapieren, Spiralcurricula und Partnerschaftskonzepten die Diskussion beherrschen, desto mehr ziehen sich Bildungspolitik, Kultusadministration und die Lehrer zurück. Die Schulbibliothek als pädagogische Einrichtung, als Teil von Schule und Unterricht ist nicht das Ziel. Genau dies aber ist sie im überwiegenden Teil der Welt. Und wir entfernen uns gerade davon.
- Folgerichtig ist das Konzept des teacher-librarian, des Bibliothekslehrers oder der -lehrerin, in Deutschland unbekannt. Die Schulbibliothek als Medien- und Informationszentrum, in dem Recherchekompetenz vermittelt wird, war es bis vor kurzem ebenfalls.
- Schulbibliotheken werden aus bibliotheksfachlicher Sicht nicht als Teil der Schule verstanden, nicht als pädagogische Einrichtung, sondern als Spezialbibliothek (”Sondernutzung” nennt es ein Schulbibliotheksexperte des Bibliotheksverbandes) unter der Hoheit der Stadtbibliothek. Die Schulbiblio-thekarin, meist Bibliotheksassistentin, gehört nicht zum Kollegium, nimmt nicht an den informellen Gesprächen im Lehrerzimmer und an Konferenzen teil, von Pädagogik und Unterricht muss sie nichts wissen. Der Schulleiter ist nicht ihr Chef, sondern der Leiter der Stadtbücherei. Die wenigen Bibliothekarinnen, die Schulbibliotheken leiten, sind dennoch meist bestens integriert. Aber das hängt von ihrem Engagement ab. Es gibt keine Regeln, Richtlinien oder Programme im Sinne des teacher-librarian-Konzepts.
Aktuelle Nachträge
Nach dem schlechten Abschneiden in den internationalen Leistungsvergleichen gab es Aufwind für Schulbibliotheken. Es werden sogar neue Schulbibliotheken gebaut. (Der Bibliotheksausstatter ekz hat nach Jahren des Desinteresses wieder einen Schulbiblio-theksprospekt aufgelegt.) Aber es gibt weiterhin keine Regelungen für das Personal und die Finanzen in diesen neuen Schulbibliotheken. Auch sie werden überwiegend von Eltern und Lehrern geleitet, die verzweifelt nach Spenden und Sponsoren suchen.
Alles in allem könnte es im Schneckentempo vorangehen. Aber leider kommt es anders: Der think-tank der öffentlichen Bibliotheken, die einflussreiche Bertelsmann-Stiftung, propagiert eine neue, alte Strategie: Die öffentlichen Bibliotheken wären „Bildungs-partner” der Schulen. Die Schulklassen sollten Ausflüge in die öffentliche Bibliothek machen, dort erhielten sie Führungen und erwürben Recherchekompetenz. Neue Schulbibliotheken sollten nicht mehr eingerichtet werden. Die Erziehungsministerien sollten den öffentlichen Bibliotheken Geld für ihre Bildungsaktivitäten geben. Die Landräte brauchten kein Geld mehr für den Bau von Schulbibliotheken auszugeben. Mit dieser Strategie, der auch die Schulbibliotheksexperten des Bibliotheksverbandes folgen (Sie nennen sich nicht mehr „Expertengruppe Schulbibliothek”, sondern „Bibliothek und Schule”) soll den unterfinanzierten öffentlichen Bibliotheken geholfen werden.
Damit setzt die Bertelsmann-Stiftung eine in den 60er Jahren schon erfolglose Idee fort: Ein Gutachten des Deutschen Städtetages aus dem Jahre 1961 hatte den Kommunen nahe gelegt, Schulbibliotheken rationell als Teil der öffentlichen Büchereien zu verwalten. Es heißt darin: „Schulbüchereien sind der breite Unterbau des öffentlichen Büchereiwesens.”
Pädagogische Gesichtspunkte kommen in der Empfehlung nicht vor. Dort, wo es eine günstig gelegene Stadtbücherei gäbe, könne ganz auf eine Schulbibliothek verzichtet werden. Knapp zwei Jahrzehnte später gibt es eine wesentlich zurückhaltendere Empfehlung der Kultusministerkonferenz zur „Zusammenarbeit von Schulbibliotheken und öffentlichen Bibliotheken” (KMK 1979). Sie beharrt darauf, dass Schulbibliotheken Bestandteil der Schule sind und diese über die Anschaffung der Literatur entscheide. Folgerichtig bedauern Vertreter des öffentlichen Büchereiwesens, dass die enge Einbindung in das Netz öffentlicher Büchereien nicht als zwingend dargestellt wurde. Genau dies ist das Problem: eine Integration der Schulbibliothek in schulische Strukturen ist nicht gewollt. Die Schulbibliothek soll nicht Teil der Schule werden, sondern Außenstelle und Sondernutzungsgebiet der Stadtbibliothek bleiben.
Der deutsche Bibliotheksverband dbv e.V., die Lobbyorganisation der öffentlichen Bibliotheken und Bibliothekare, schließt im Rahmen dieser neu-alten Strategie mit Länderkultusministerien Kooperationsverträge. Schulbibliotheken, kommen – außer in der Hessen betreffenden Vereinbarung substantiiert – darin nicht vor. So ist Ministerpräsident Platzeck, Brandenburg, in der Lage, mir zu schreiben, dass er keine Zuständigkeit seiner Regierung für Schulbibliotheken sähe. Jede Schule sei frei, sich im Rahmen des Kooperationsvertrages um Zusammenarbeit mit einer Stadtbücherei zu bemühen. Es gibt allerdings kommunale Rechtsämter, die nicht der Auffassung sind, dass eine Dienststelle der Stadtverwaltung eigenmächtig Verträge schließen darf. Städtische Personalämter sind dagegen, dass Arbeitszeit städtischer Angestellter dem staatlichen Schulwesen zugute kommt.
Nicht die Schule oder die Bildungspolitik definiert, was öffentliche Bibliotheken als “Bildungspartner” für Schulen leisten sollen, sondern Bibliotheksverbände drängen sich dankbaren Kultusministerinnen und -ministern auf und formulieren sogar ihre Erwartungen an die kooperierenden Lehrkräfte oder schreiben ihnen den Lehrplan. Die zum Bibliothekswesen gehörende DGI, Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis e.V. versucht mit derselben Strategie einen Arbeitsmarkt für ihre Klientel zu schaffen. Sie formuliert neuerdings ähnlich Erwartungen an Schule. Ihre Bildungspartnerschaft heißt: Bibliothek, Information und Schulen. Man beachte, dass auch hier zuerst “Bibliothek” steht! Ist das alles letztlich einem Image- und Selbstwertproblem des Berufsstandes geschuldet?
Das Ziel muss ein anderes sein: Die Schulbibliothek als Teil der Schule, als pädagogische Einrichtung, als während der Schulzeit nutzbarer Lernort für Unterricht und als Kulturzentrum im Schulleben, mit didaktisch-medienpädagogisch-bibliothekarisch aus- oder weitergebildetem Personal, das zum Kollegium gehört und in den schulischen Gremien und Planungsgruppen Sitz und Stimme hat.
Es gibt aber Hoffnung: Eine Stadtbücherei wurde von Schulklassen überrannt, die in ihren dafür ungeeigneten Räumen arbeiten wollten. Deswegen hat man begonnen, den Schulen bei der Einrichtung von Schulbibliotheken zu helfen.
Mehrerer Bibliothekarinnen weisen inzwischen darauf hin, dass es den Stadtbibliotheken an Raum, Personal und pädagogischer Kompetenz mangele, den Lehrern und Schülern an Zeit für eine Exkursion in die öffentliche Bibliothek. Besser sei es, in die Schulen zu gehen. So kommt es vielleicht doch noch zu einem Schulbibliothekswesen in Deutschland.
(Redaktionell minimal überarbeitet und Tippfehler beseitigt am 10.02.09
(c) 2006-2009 Günter Schlamp




4 Kommentare
2008/11/18 um 10:13
[...] Gibt es Schulbibliotheken in Deutschland? [...]
2008/06/19 um 9:58
Vielleicht noch ein Nachtrag.
Im Schulalltag ist keine Zeit um Ausflüge zur Stadtbibliothek zu machen. Wer die Schulzeit verkürzen will, hat nicht den “Luxus” sich zwei oder drei Stunden auf den Weg zur nächsten Stadt- oder Landbibliothek zu machen ( sofern überhaupt eine vorhanden ist ). Die Kapazitäten an Zeit und Räumlichkeiten der öffentlichen Bibliotheken reichen ebenso nicht aus, um eine solche Aufgabe zu lösen. Hier scheint die Theorie der Praxis wieder einmal weichen zu müssen.
Clemens Portmann
2008/06/19 um 9:34
Als Einrichter von Bibliotheken in Deutschland kämpfe ich auch für mehr Bibliotheken. Ich bin der Meinung, dass viele Schulbibliotheken, wenn sie existieren kaum Lust zum Lesen geben. Befragt man heute Leser, was sie sich an einer Bibliothek am meisten wünschen, so ist es Gemütlichkeit. Ein Gut, dass es an Schulen fast nicht gibt. Mit dem Hinweis auf Vandalismus, werden alle Schüler über einen Kamm geschoren und somit die wertvolle Chance auf gute Bibliotheken gegen kostengünstige Buchlagerhaltung eingetauscht.( am besten aus altem Regalbestand ) Hauptsache unverwüstlich, oder besser gar keine.
Als Vater von drei Schülern sehe ich das aus verschiedenen Blickwinkeln. Ich kann meine Kunden immer nur ermutigen für eine gute Bibliothek zu kämpfen. Denn: es lohnt sich! Das zeigen alle guten Neueinrichtungen. Eine gut eingerichtet Schulbibliothek funktioniert und bringt neue Lesefreude. Sie fördert Lesekompetenz, ermöglicht Imigrantenkinder den Zugang zur Literatur und somit eine Chancengleichheit, weckt Fantasie und Wissenshunger.
Hoffe mal das auf die Worte unserer Politiker nun Taten folgen und die Bildung zur Chefsache wird.
( gruß an Frau Merkel )
Mit freundlichen Grüßen
Clemens Portmann
2008/04/21 um 11:45
Danke für die guten Beiträge, ich werde demnächst noch mehr bei basedow1764 lesen. Ich denke, solange zentral nichts passiert, bleibt uns nichts anderes übrig, als weiterhin im Sinne der Kinder als Lehrer und Eltern Schulbibliotheken zu gründen.
Herzliche Grüße