Gibt es Schulbibliotheken in Deutschland?


Ja, sogar eine ganze Menge. Leider gibt es aber keine Statistik. Von den 33.000 Schulen in Deutschland haben, so behaupte ich, 20.000 eine Bibliothek. Hier stoßen wir schon auf das nächste Problem. Was ist eine Schulbibliothek? Die Bandbreite ist gewaltig. Da gibt es Büchersammlungen im Keller oder unter dem Dach, Büchereien, die nur in den Pausen geöffnet sind, aber auch Bibliotheken und Medienzentren, deren Bestand und Ausstattung einer mittleren Stadtbibliothek entsprechen.

Anders ist es nur in den privaten Schulen in Deutschland, z. B. den International Schools und den Schulen der Europäischen Union. Die alle haben ausgezeichnete Bibliotheken mit hauptamtlichen Schulbibliothekaren, IT-Support, multimedialer Ausstattung und einem curricularen Auftrag.

Es fehlt ein nationales Konzept. In den 16 Bundesländern, die für Schule zuständig sind, fehlen Gesetze und Verordnungen. In fast jedem Bundesland gibt es immerhin die eine oder andere Form der Unterstützung. Einige wenige haben eine Landeslizenz für eine Bibliothekssoftware, einige wenige haben Beratungsein­rich­tungen oder gar eine staatliche Kommission für Schulbibliothe­ken. Gibt es eine staatliche Kommission, so empfiehlt diese dann, zur Finanzierung von Schulbibliothe­ken, Sponsoren zu suchen. Es blühen tausend Blumen, aber es fehlt der Gärtner. Der oberste Schulbibliotheksexperte des Deutschen Bibliotheksverbandes nennt es “Wildwuchs”. (“Bibliotheken als Bildungspartner”, in Buch und Bibliothek, BuB, 04/2006, pp 329-332)

Die Bundesregierung ist weder für Schule noch für Bibliotheken zuständig. Die Erziehungsministerien der Länder sind für den Unterricht, nicht für die Schulbibliothe­ken zuständig. Für Schulbibliotheken zuständig sind die Stadtbibliotheken, die wiederum nicht für Unterricht zuständig sind.

Einige Städte haben Abteilungen in ihren Stadtbibliotheken (schulbibliothekarische Arbeitsstellen), die Schulbibliotheken unterstützen oder selbst betreiben. Dort gibt es auch manchmal kombinierte Stadt- und Schulbibliotheken. Nur wenige Großstädte leisten sich eine hervorragende Schulbibliotheksarbeit (Frankfurt, Hamburg, Köln und zahlreiche mittlere Städte).

Manchmal werden kombinierte Büchereien wegen Geldmangels vom Bürgermeister geschlossen. Einige Gemeinden haben überhaupt keine öffentliche Bibliothek.

Fast immer sind es Eltern und Lehrkräfte, die freiwillig Schulbibliotheken einrichten. Es gibt Bundesländer, in denen Lehrer mehr Geld erhalten, wenn sie eine Schulbibliothek leiten. Bibliothekarische Kenntnisse müssen sie nicht nachweisen.

In der öffentlichen Diskussion werden fehlende Schulbibliotheken ständig beklagt. In Talk-Shows wird immer geklatscht, wenn jemand sagt, man müsste mehr Schul­biblio­theken einrichten. Zuletzt tat dies der Bundespräsident. In einem der 16 Landtage gibt es alle drei, vier Jahre eine Anfrage zu Schulbibliotheken, die am Zustand leider nichts ändert. In nationalen Bildungs­berichten kommen sie nicht oder nur am äußersten Rand vor.

Woran liegt es, dass in Deutschland Schulbibliotheken keine große Rolle spielen?

Es gibt dafür eine Reihe von Gründen:

  • Deutschland hat sehr gute Schulbücher für alle Fächer (außer Sport natürlich). Viele Lehrer arbeiten nur mit dem Schulbuch. Da steht alles drin. Andere Quellen braucht man im Grunde nicht. Eine große Bibliothek, in der die Schüler sich die Informationen suchen? Das ist zeitraubend und verwirrend.
  • Unterricht ist traditionell frontal, ist immer noch wenig schülerorientiert, offen und entdeckend.
  • Weil Schulbibliotheken im Schulrecht, im Schulhaushalt, im Schulleben nicht verankert sind, werden sie bei der IT-Ausstattung und den IT-Curricula und sogar bei Leseförderungsmaßnahmen nicht berücksichtigt. Es gibt Bundesländer, die nach den nicht so günstigen PISA-Befunden Dutzende von Leseberatern eingesetzt haben, die Fortbildung für Lehrer durchführen, ohne dass Schulbibliotheken in diesem Zusammenhang erwähnt werden.

Das Konzept des teacher-librarian, des Bibliothekslehrers, ist in Deutschland unbekannt, die Schulbibliothek als Medien- und Informationszentrum, in dem Recherchekompetenz vermittelt wird, ebenfalls. Einem Bundesland, Hessen, das einen solchen Modellversuch starten wollte, wurde die Förderung durch das Bundeswissenschaftsministerium versagt.

Die Standesorganisationen und Gewerkschaften der Bibliothekare mochten es nicht, wenn sich Lehrer um Schulbibliotheken kümmerten, Gewerkschaftsvertreter haben schon einmal Gerichte bemüht, um Lehrer als Leiter von Schulbibliotheken zu verhindern. Sie bestehen darauf, dass Diplom-Bibliothekare, die nicht unbedingt Pädagogik studiert haben müssen, Schulbibliotheken leiten. Der Bibliothekar und Pädagoge Reinhold Heckmann hatte schon 1993, von einer IASL-Konferenz kommend, seine Eindrücke so zusammengefasst: International seien einige deutsche Kontroversen längst geklärt. In der Schulbibliothek rangierten pädagogische, nicht bibliotheksfachliche Fragen im Vordergrund. Der Bibliothekar sei daher in erster Linie Lehrer. In Deutschland stünden dagegen bibliotheksfachliche Fragen im Vordergrund. Das sei wenig erfolgreich gewesen. (Ein Blick über die Grenze. Dreams and Dynamics. Schulbibliothekare international, “Arbeitshilfen”, Schriftenreihe für die zentralen Schulbibliotheken, Rheinland-Pfalz, Heft 24, 1994)

Sie haben Jahrzehnte gebraucht, um sich daran zu gewöhnen, dass man mit Lehrern und Eltern, die Schulbibliotheken leiten, zusammenarbeiten kann und muss.

Schulbibliotheken werden aus bibliotheksfachlicher Sicht nicht als Teil der Schule verstanden, nicht als eine pädagogische Einrichtung, sondern als Spezialbibliothek unter der Hoheit der Stadtbibliothek.

Die Bibliothekarin gehört nicht zum Kollegium, nimmt nicht an den Konferenzen teil, von Pädagogik und Unterricht muss sie nichts wissen. Der Schulleiter ist nicht ihr Chef, sondern der Leiter der Stadtbücherei. Die wenigen Bibliothekarinnen, die Schulbibliotheken leiten, sind dennoch meist bestens integriert. Aber das hängt von ihrem Engagement ab, es gibt keine Regeln, Richtlinien oder Programme im Sinne des teacher-librarian-Konzepts.

Nach dem schlechten Abschneiden in den internationalen Leistungsvergleichen gab es Aufwind für Schulbibliotheken. Es wurden sogar neue Schulbibliotheken gebaut. Aber es gibt keine Regelungen für das Personal und die Finanzen in diesen neuen Schulbibliotheken. Auch sie werden von Eltern und Lehrern geleitet, die verzweifelt nach Spenden und Sponsoren suchen.

Alles in allem könnte es doch im Schneckentempo vorangehen. Aber leider kommt es anders:

Der think-tank der öffentlichen Bibliotheken, die einflussreiche Bertelsmann-Stiftung, propagiert eine neue, alte Strategie: Die öffentlichen Bibliotheken wären „Bildungspartner“ der Schulen. Die Schulklassen sollten Ausflüge in die öffentliche Bibliothek machen, dort erhielten sie Führungen und erwürben Recherchekompetenz. Neue Schulbibliothe­ken sollten nicht mehr eingerichtet werden. Die Erziehungsministerien sollten den öffentlichen Bibliotheken Geld für ihre Bildungsaktivitäten geben. Die Landräte brauchten kein Geld mehr für den Bau von Schulbibliotheken auszugeben. Mit dieser Strategie soll den unterfinanzierten öffentlichen Bibliotheken geholfen werden.

Damit setzt die Stiftung nahtlos eine in den 60er Jahren schon erfolglose Idee: Ein Gutachten des Deutschen Städte­tages aus dem Jahre 1961 hatte den Kommunen nahe­gelegt, Schulbibliotheken rationell als Teil der öffentlichen Büchereien zu verwalten. Es heißt darin: „Schulbüchereien sind der breite Unterbau des öffentlichen Büchereiwesens.“

Pädagogische Gesichtspunkte kommen in der Empfehlung nicht vor. Dort, wo es eine günstig gelegene Stadtbücherei gäbe, könne ganz auf eine Schulbibliothek verzichtet werden. Knapp zwei Jahrzehnte später gibt es eine wesentlich zurückhaltendere Empfehlung der Kultus­minister­konferenz zur „Zusammenarbeit von Schulbibliotheken und öffentlichen Bibliothe­ken“ (KMK 1979). Sie beharrt darauf, dass Schulbibliotheken Bestandteil der Schule sind und diese über die Anschaffung der Literatur entscheide. Folgerichtig bedauern Vertreter des öffent­lichen Büchereiwesens, dass die enge Einbindung in das Netz öffentlicher Büchereien nicht als zwingend dargestellt wurde.

Beim Lesen der über Jahrzehnte hinweg ver­öffent­lichten Gutachten, Denkschriften und Empfehlungen drängt sich der Eindruck auf, dass es um Ausbau und Vergrößerung der öffentlichen Büchereien und nicht um Lese­förderung und Lernen mit Büchern ging.

Der deutsche Bibliotheksverband dbv, die Lobbygruppe der öffentlichen Bibliotheken und Bibliothekare, schließt im Rahmen dieser alten Strategie seit neuestem mit allen 16 Länderkultus- ­ministerien Kooperationsverträge. So ist ein Ministerpräsident in der Lage, mir zu schreiben, dass er keine Zuständigkeit seiner Regierung für Schulbibliotheken sähe. Jede Schule sei frei, sich im Rahmen des Kooperationsvertrages um Zusammen­arbeit mit einer Stadtbücherei zu bemühen. Der Vorsitzende des Bibliotheksver- ban­des in einem Bundesland fragte mich, wieso man denn noch Schulbibliotheken brauche, es gäbe doch Stadtbibliotheken. Nicht die Schulen oder die Bildungspolitik definiert, was öffentliche Bibliotheken als “Bildungspartner” für Schulen leisten sollen, sondern Bibliotheksverbände drängen sich dankbaren Kultusministerinnen und -ministern auf.

Hoffnung macht diese Begebenheit: Eine Stadtbücherei wurde von Schulklassen überrannt, die in ihren dafür ungeeigneten Räumen arbeiten wollten. Deswegen hat man begonnen, den Schulen bei der Einrichtung von Schulbibliotheken zu helfen. So kommt es vielleicht doch noch zu einem Schulbibliothekswesen in Deutschland.

(Die englische Übersetzung erscheint im Frühjahr im IFLA-Newsletter. Nachtrag 21.06.08:Leider doch nicht. Es gibt zu viele positive Berichte aus anderen Staaten!! Jetzt hat IASL- Newsletter Interesse gezeigt.)

Nachträge:

Sehr viel Genaueres über das Schulbibliothekswesen erfährt man auch nicht in einer Studie des Bundesbildungsministeriums. Den Schulbibliotheken ist eine ganze Seite gewidmet (Kapitel 3.3., pp 87/88. Die Hälfte dieser Seite handelt i.e.S. von Schulbibliotheken. Für erwähnenswert halten die Verfasser der Studie:

In Sachsen erhielten 850 Grundschulen einmalig ein Bücherpaket, in Hessen gab es Zuschüsse an einzelne Schulbibliotheken zur Bestandserweiterung. Und dann dieser herrliche Satz: “Ein Spezifikum von Schulbibliotheken ist darüber hinaus darin zu sehen, dass die Möglichkeiten der Bibliothek auch im Unterricht genutzt werden können.” (Immerhin nicht als Fußnote, sondern im Text) Das erinnert an den unvergessen Satz aus “Lesen im Umbruch” - Forschungsperspektiven im Zeitalter von Multimedia” der Stiftung Lesen (1998, p. 223) wo eine Expertenrunde allen Ernstes ein Pilotprojekt zum Thema können Schulbibliotheken von Eltern geleitet werden?” vorschlägt.

Förderung von Lesekompetenz Band 17 der Reihe Bildungsreform, 2005, 128 Seiten Bestell-Nr.: 30157, www.bmbf.de/publikationen/

Tröstlich klingt es in einem Vortrag der Bibliotheksprofessorin Birgit Dankert. Sie zählt die deutschen schulbibliothekarischen Aktivitäten aus internationaler Sicht zu “Exzellenzen”. (Was wohl übersetzt heißen soll: Tolle Leistung”. Belege finde ich in dem reich bebilderten Folienvortrag keine. Statt dessen listet sie auf drei Folien “föderative Rahmenbedingungen” auf. So umwerfend exzellent vermag ich die nicht zu finden. Dass Hessen seit 15 Jahren eine Landeslizenz einer Schulbibliothekssoftware hat und dies bis heute zwei, drei Bundesländer nachgemacht haben, finde ich, nun nicht exzellent, aber wegweisend. Die hessischen schulbibliothekarischen Aktivitäten gelten aber unter Experten eher als “Wildwuchs” denn als Exzellenz abzulegen.

21.06.08: Siehe auch im Weblog: Lesekomptenz in Brandenburg !

3 Kommentare

  • Danke für die guten Beiträge, ich werde demnächst noch mehr bei basedow1764 lesen. Ich denke, solange zentral nichts passiert, bleibt uns nichts anderes übrig, als weiterhin im Sinne der Kinder als Lehrer und Eltern Schulbibliotheken zu gründen.
    Herzliche Grüße

  • Als Einrichter von Bibliotheken in Deutschland kämpfe ich auch für mehr Bibliotheken. Ich bin der Meinung, dass viele Schulbibliotheken, wenn sie existieren kaum Lust zum Lesen geben. Befragt man heute Leser, was sie sich an einer Bibliothek am meisten wünschen, so ist es Gemütlichkeit. Ein Gut, dass es an Schulen fast nicht gibt. Mit dem Hinweis auf Vandalismus, werden alle Schüler über einen Kamm geschoren und somit die wertvolle Chance auf gute Bibliotheken gegen kostengünstige Buchlagerhaltung eingetauscht.( am besten aus altem Regalbestand ) Hauptsache unverwüstlich, oder besser gar keine.
    Als Vater von drei Schülern sehe ich das aus verschiedenen Blickwinkeln. Ich kann meine Kunden immer nur ermutigen für eine gute Bibliothek zu kämpfen. Denn: es lohnt sich! Das zeigen alle guten Neueinrichtungen. Eine gut eingerichtet Schulbibliothek funktioniert und bringt neue Lesefreude. Sie fördert Lesekompetenz, ermöglicht Imigrantenkinder den Zugang zur Literatur und somit eine Chancengleichheit, weckt Fantasie und Wissenshunger.
    Hoffe mal das auf die Worte unserer Politiker nun Taten folgen und die Bildung zur Chefsache wird.
    ( gruß an Frau Merkel )

    Mit freundlichen Grüßen

    Clemens Portmann

  • Vielleicht noch ein Nachtrag.
    Im Schulalltag ist keine Zeit um Ausflüge zur Stadtbibliothek zu machen. Wer die Schulzeit verkürzen will, hat nicht den “Luxus” sich zwei oder drei Stunden auf den Weg zur nächsten Stadt- oder Landbibliothek zu machen ( sofern überhaupt eine vorhanden ist ). Die Kapazitäten an Zeit und Räumlichkeiten der öffentlichen Bibliotheken reichen ebenso nicht aus, um eine solche Aufgabe zu lösen. Hier scheint die Theorie der Praxis wieder einmal weichen zu müssen.

    Clemens Portmann

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