Digital oder analog: Wie lesen Schüler lieber?

In der hessischen LAG schieben wir die Idee, einer Schulbibliothek zwei Dutzend E-Reader zu geben, E-Books draufzuladen und zu beobachten, was passiert, schon lange vor uns her. Das liegt ausnahmsweise nicht am fehlenden Geld, sondern an den Copyrightfragen. Dieses Thema ist uns etwas zu unübersichtlich, außerdem hat niemand richtig Zeit, die Sache in die Hand zunehmen.

Für das Buch “Die Schulbibliothek im Zentrum” habe ich versucht, eine Schulbibliothek in Deutschland zu finden, die das schon macht. Einen Austausch zwischen Schulbibliotheken gibt es nicht ernsthaft, erfahren habe ich jedenfalls nichts. Im Buch stelle ich stattdessen “Brain Hive” vor, eine US-Firma, die ein Konzept für unbürokratische E-Book-Ausleihen ohne Warteliste entwickelt hat und in Schulen erfolgreich ist.

So viel als Einleitung. Da ich gerne auf dem Laufenden sein möchte, was E-Reading bei Kindern und Jugendlichen angeht, lese ich, was in den USA berichtet wird. Elisabeth Arbabanel ist leitende Schulbibliothekarin an einer K-12-Privatschule in Los Angeles. Sie schreibt den sehr informativen, sehr anregenden Schulbibliotheksblog “Archipelago”.

Hier der Link zum digitalen Bücherregal der Brentwood-Schulbibliothek. Es ist von Axis 360, neben dem größeren und teureren Overdrive eine Plattform, auf der die Bibliotheken sowohl gedruckte als auch digitale Bücher kaufen können. Das Problem sind auch in USA die gegenüber Bibliotheken überwiegend restriktiven Großverlage. Die ca. 200.000 verfügbaren E-Books bei Axis sind überwiegend verlagsungebundene Publikationen oder  stammen von unabhängigen Verlagen.

Kürzlich berichtete Frau Arbabanel von einem Leseprojekt im 9. Schuljahr. Alle mussten sich eine Jugendbuchlektüre wählen. Sie war sehr gespannt, wie sich die Schüler/-innen entscheiden würden. Das Ergebnis: 57 wählten ein Buch, 3 ein E-Book. Der nächste Test wird eine Lesenacht sein (Sleepover).

Bei der Gelegenheit: Man müsste eine Liste der Projekte machen, mit denen das Bundeswissenschaftsministerium Lesenlernen und Lesen fördern will. Nach meiner Beobachtung läuft das so ab: Eine Professorin (männliche eingeschlossen) entwickelt ein mehrstufiges, mehrjähriges Vorhaben. Damit sind sie und ihr akademischer Unterbau einige Jahre beschäftigt. Es wird eine dicke Broschüre geben, gefüllt mit Tabellen, Umfrageergebnissen, mehrdimensionalen Matrizen und neuen Lernmodellen, mehrere Hefte mit Teilstudien, alles auf den diversen Portalen des Deutschen Bildungsservers und auf der Homepage des BMF nachzulesen: Pressemitteilungen, Vorbericht, Zwischenberichte, Evaluation, zusammenfassender Bericht, ausführlicher Bericht, Dokumentenband.
In den Medien wird es heißen: “Eine neue Studie will das Lesen fördern”, folgt ein Interview mit der Professorin, eine Lehrerschelte, ob deren unzulänglichen Kompetenz/Motivation/Ausbildung.
Welches von dem halben Dutzend Forschungsprojekte hat mehr hinterlassen als Hochglanzbroschüren und mehrjährige Beschäftigung für Universitätsangehörige?  Das gerade anlaufende nennt sich BISS. (Allein der Abkürzungslyrik wegen müsste man die erwähnte Liste einmal aus der ministeriellen Homepage generieren.)
Wenn man nachfragt, warum die Schulbibliotheken in solchen Projekten nicht oder nur als Fußnote vorkommen, erhält man erhellende Antworten: Der Platz in der Broschüre war begrenzt (sic!), es gebe keine verlässlichen Daten zu Schulbibliotheken (was nicht ganz falsch ist) und eben auch, dass Schulforschung sich auf den Raum der Schule bezieht, für den der Staat zuständig sei, und dazu gehört eben die Schulbibliothek rechtlich und faktisch i. d. R. nicht.

Ein Gedanke zu “Digital oder analog: Wie lesen Schüler lieber?

  1. In einer Sitzung habe ich meine AG Bibliothek entscheiden lassen – kaufen wir einen E-Book-Reader oder stocken wir unseren Fachbuchbestand Geschichte auf? Klassische Literatur kann sehr preiswert bzw. sogar kostenlos heruntergeladen werden; Schülern, die ihren Band Brecht/Lessing/Goethe für eine Klausur o.Ä. vergessen haben, kann geholfen werden. So habe ich gedacht. Die Schüler haben sich eindeutig für den Fachbuchbestand entschieden.
    Anlässlich der diesjährigen Projektwoche hatten sich bei mir 16 Schüler zum Thema “Rund um’s Buch” gemeldet. Ein Programmpunkt war das Vorstellen eines Lieblingsbuches, digital oder nicht-digital – das war freigestellt. Ergebnis: 15x Printmedium, 1x Hörbuch. Das ist sicher nicht repräsentativ, aber überrascht war ich schon.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s