Informatik oder Kurse im Twittern?

Wenn man sich rückbesinnt – soweit der digitale Fortschritt einem dazu Zeit lässt – wird man gewahr, dass zu Beginn des Computerzeitalters Informatik im Mittelpunkt des schulischen Einsatzes von Computern stand. Also ein Unterricht, in dem es darum ging, zu verstehen, wie ein Computer funktioniert. Man lernte u. a., Computer selbst so zu programmieren, dass sie Probleme lösen konnten.

Informatik wird immer noch unterrichtet, ist sogar Prüfungsthema. Aber der Anspruch, dass alle Schüler/-innen den Computer verstehen, gar programmieren sollen, ist vergessen worden. Der europäische Computerführerschein ECDL spielt, wenn ich es richtig beobachte, in den allgemein bildenden Schulen eine nicht sehr wichtige Rolle. Die Schulen werden eher bedrängt von Forderungen nach information literacy, dem Erkennen eines “Informationsbedürfnisses”, der Suche in Datenbanken und im WWW, der Kompetenz im Unterscheiden von guten und schlechten Internetseiten. Es dreht sich alles vorwiegend um die Benutzeroberfläche.

Eine Bedeutungsverschiebung ist eingetreten: Wenn man heute von ICT oder computer literacy spricht, ist nur noch die Bedienung der Geräte und Programme gemeint, nicht mehr die Vermittlung von Grundlagen. Die Kurse heißen: “In 8 Minuten die 10 wichtigsten Tipps für Twitter”, “Mit zwei Mausklicks 20 Facebookfreunde gewinnen”. Kollegien lassen sich im Lehrerfortbildungsinstitut drei Wochen lang in der Benutzung von Smartboards instruieren. Jedes neue Gadget wird als pädagogische Revolution begrüßt und in den Fortbildungskatalog aufgenommen.

Im Englischen reichen zwei Worte, um auf den Wandel aufmerksam zu machen: Statt computing heißt es jetzt computer. “Should  the  Computer  Teach  the  Student,
or  Vice-Versa?” fragt der Computerwissenschaftler Arthur Luehrmann schon 1980. Auf diesen Artikel macht jetzt Gary S. Stager in seinem Blog aufmerksam. Luehrmann habe mit computer literacy das Programmieren gemeint und seine Nutzung fürs Problemlösen. Das Wort literacy sei, so wie es heute im Zusammenhang mit Computern verwendet würde, auf den Hund gekommen.
Siehe auch diesen BBC-Beitrag zur Reform des ICT-Curriculums in Groß-Britannien: Statt zu trainieren, wie man Applikationen benutzt, sollten Schüler lernen, selbst Apps zu schreiben.

Auch in der Schweiz gibt es das Verlangen nach Informatik statt der Beschränkung auf Anwenderschulung (via blogthek)

Nachtrag: Sherry Turkle sagt in einem Interview mit der Süddeutschen, dass es die Firma Apple war, die die Computernutzer passiv machte.

3 Gedanken zu “Informatik oder Kurse im Twittern?

  1. Tja – Unwissende nutzen die Begriffe wohl so. Viele Bildungspolitiker zählen dazu.
    Informatik ist aber nach wie vor eine sehr ernst zu nehmende Wissenschaft, das Schulfach ist ein anspruchsvolles – und wichtiger denn je! (Norbert Bolz etwa rief dazu auf, vom Programmierten zum Programmierer zu werden, wenn man denn in unserer Zeit weiter als gebildet gelten wolle. – Auch hier werden Begriffe um der Spitze willen sehr eng benutzt.)
    Schau’ in die Lehrpläne, was Informatik in der Schule eigentlich will. Das ist nicht ohne! Und es ginge weitgehend ganz ohne Computer :-)
    Die Einführung in Anwendungen (word oder wordpress oder twitter oder oder) hat mit Bildung rein gar nichts zu tun und hat im Unterricht eigentlich auch nichts zu suchen – es sei denn im Zusammenhang mit Fragen des Persönlichkeits- und Datenschutzes.
    Wenn manche Schule dennoch die Einführung in genannte Anwendungen nicht ganz lassen will, dann hat das seinen guten Grund: Auch die Nutzung des Füllers wird ja wohl in der Schule vermittelt. Mehr als ein derartiges Werkzeug ist der Computer dann aber eben nicht.
    Herzlich
    Andreas
    (Lehrer u.a. des Deutschen und der Informatik)

    1. Ich bin erst spät dahintergekommen, dass der Schwerpunkt, der im schulischen Bereich (inzwischen) auf Anwendungsorientierung liegt, uns in große Abhängigkeit von allwissenden Programmierern bringt. Wir sind nicht nur den Programmierern von AmazonAppleGoogleMicrosoft ausgeliefert. Auch die Nerds der Piratenpartei sagen uns ja, was technisch geht und was nicht an Verrechtlichung und Urbanisierung der “Wüste Internet” und wir müssen ihnen das glauben, ohne es selbst verifizieren zu können.

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