Marina Weisband und die Contentindustrie. Aktualisiert

Marina Weisband, Shooting Star der Piraten (Nicht die im Indischen Ozean sind gemeint!), hat ein Buch geschrieben. Sie stellt es nicht zum Download für die Crowd in ein social medium. Frau Weisband beschäftigt einen Literaturagenten, der das Manuskript an den Meistbietenden in der Verwertungsindustrie versteigert.

Hab´ich da etwas falsch verstanden? Klärt mich ein Nerd auf?

Nachtrag: Jeff Jarvis, ein hoch angesehener Blogger, der für die Gratiskultur im Internet wirbt, hat ein richtiges, normales Buch geschrieben und verkauft es ganz normal über die Verwertungsindustrie. Julia Schramm, Bundesvorstandspiratin, (“Geistiges Eigentum ist ekelhaft.”) dito.

Update 8.3.13: Jetzt hat Frau Weisband das Buch doch geschrieben. Und die FAZ von heute bringt einen Vorabdruck. Darin beklagt sie sich über den rauen Umgangston bei den Piraten, die persönlichen Angriffe in den sozialen Medien. Dass es in der Piratenpartei noch aggressiver, noch sexistischer zugeht als in den Altparteien, konnte sie wohl nicht ahnen. Stoff für Zeitungsartikel und ein Buch ergibt das allemal.

In der Medienindustrie kommen Bücher des Inhalts “Ich war Piratin und warum ich es nicht mehr bin” besser an als das Langweiler-Bekenntnis “Eine Partei, in der alle vor  Laptops sitzen und über Twitter kommunizieren, kam für mich nie in Frage.” Dass “Parteifreund” die Steigerung von Feind ist, kann man in den bestehenden Parteien zur Genüge erfahren. Dazu bedurfte es der Piraten nicht.

Bei ihren nachfolgenden demokratietheoretischen Gedanken zeigt Frau Weisband allerdings, dass sie sich noch nicht ganz von den Vorstellungen einer liquiden digitalen Demokratie gelöst hat. Sie plaudert naiv daher. Da man “noch”(!) Parlamente brauche, will sie die Parlamentarier mit Liquid-Democracy-Verfahren vernetzen. So ganz habe ich es nicht verstanden. Ähnlich passiert es doch jetzt schon in ihrer Partei: An der Basis kann man seine Stimme an einen Experten abgeben, der dann sein Stimmenpaket bei Abstimmungen einbringt. Es gibt den einen oder anderen einflussreichen Stimmführer, der wichtiger ist als die gewählten Abgeordneten und Vorständler, da die ja keine Eigenständigkeit besitzen, sondern Sprachrohr der Basis sind.

Frau Weisband wird man es auf Grund ihres jugendlichen Alters nachsehen, dass sie sich nicht mit älteren Formen direkter Demokratie, vom antiken Scherbengericht über die Räteexperimente in Kronstadt, in Jugoslawien, Rotchina und Deutschland 1918/19 oder den parlamentarischen Rotationsmodellen der Grünen befasst hat, auch nicht mit dem, was bei Liquid Democracy alles passieren kann und warum dessen Programmierer nicht davon begeistert sind, dass die Piratenpartei mit dieser Software den Parlamentarismus übertreffen will.

Jetzt hat sie erst einmal alle Hände voll zu tun: Talkshows, Interviews, Vorabdrucke. Auch wenn sie es von sich weist, dass alles, was sie tut, eine coole Selfmarketingstrategie ist: Während man die Piraten allmählich vergisst, ist sie in aller Munde. Vorschlag für ihr zweites Buch: “Warum Liquid Democracy für den Kindergeburtstag, aber nicht für die Kanzlerwahl taugt”.

Nachtrag im Nachtrag: Frau Weisband in allen Gassen: jetzt als Sexismusexpertin gegen den “Sexisten” Gauck. Einer Journalistinnenkarriere steht nichts mehr im Wege.

Das erinnert mich an Karin Storch. Sie hielt 1967 eine Aufsehen erregende Rede als Abiturientin. Die ging durch alle Zeitungen der Republik. Einer Karriere als Journalistin stand nichts mehr im Wege (u. a. ZDF-Korrespondentin in den USA). Hinterher konnte man erfahren, dass die Abiturrede genau dafür geplant war.

Über Basedow1764

Die älteste Forderung nach Schulbibliotheken ist bei dem Schulreformer Johann Bernhard Basedow (1724 - 1790) zu finden. Daher der Name dieses Weblogs.
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9 Antworten zu Marina Weisband und die Contentindustrie. Aktualisiert

  1. Pingback: Die digitale Revolution frisst ihre Kinder | Basedow1764's Weblog

  2. Marina schreibt:

    Ich schreibe doch gar kein Buch

    • Basedow1764 schreibt:

      Schade, dass Sie Ihre Meinung vom 26. 4. geändert haben. Jetzt müssen wir mit dem Buch der Reputationsmanagerin Julia Schramm (“Geistiges Eigentum ist ekelhaft.” – Zitat FAZ) vorliebnehmen.
      Das, was Sie beide machen, erinnert mich an die DDR-Nomenklatura: Täglich den Sozialismus predigen. Aber im Privatleben muss es der Farbfernseher aus dem Westen sein und die Kacheln und die Wasserhähne für´s Badezimmer auch.

    • Basedow1764 schreibt:

      Frau Weisband hat jetzt doch das Buch geschrieben. Als Konzession an die irgendwie doch wohl einmal vorhanden gewesene Ideologie ihrer Partei, darf die E-Book-Version straflos kopiert werden.

  3. Inge Löhnig schreibt:

    Liebe Frau Weisbrand,

    bitte schreiben Sie das Buch. Und bitte kriegen Sie das gut hin, so gut, dass Sie einen Agenten dafür begeistern können, der dafür einen oder mehrere Verlage begeistern kann, die sich dann darum reißen und sich überbieten, Ihr Buch veröffentlichen zu dürfen. Und ich wünsche Ihnen von Herzen viel Erfolg mit diesem Buch, denn, wenn Sie so weit gekommen sind, werden Sie endlich wissen, wovon Autoren und Künstler leben und wie wichtig das Urheberrecht ist.

  4. Benito Camelas schreibt:

    Worüber soll das Buch denn handeln ?

  5. Marina schreibt:

    P.S.: Ich versteigere es an niemanden, das ist Blödsinn. Ich werde ganz normal einen Agenten bitten, der einen Vertrag mit einem Verlag für mich aufsetzt. Der Verlag entscheidet sich nicht nur nach Geld, sondern beispielsweise auch, wie das Buch veröffentlicht und zugänglich gemacht wird.

    • Basedow1764 schreibt:

      Ich finde diesen Weg, ob mit oder ohne Versteigerung, völlig in Ordnung.

      Ganz am Rande: Dass Sie auch die vom Duden erlaubte Nebenversion der Blog und nicht das Blog benutzen, gefällt mir.

  6. Marina schreibt:

    Die Antwort ist sehr einfach:
    Ich habe kein Buch geschrieben. :)
    Ich überlege, eins zu schreiben.

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